“Will die Exegese bei ihrem Leisten bleiben, muss sie selbst gott-los sein.”

“Will die Exegese bei ihrem Leisten bleiben, muss sie selbst gott-los sein.”
Anbei einige “Zitate der Woche” für mich aus dem Buch von Ulrich Wilckens, Kritik der Bibelkritik. Wie die Bibel wieder zur Heiligen Schrift werden kann, 2. Aufl., Neukirchen 2014.
Beim Studieren fand ich kürzlich auch Mal wieder die mir schon bei der Erstlektüre aufgefallenen, markanten Worte aus der Feder von Ulrich Wilckens, einem emeritierten Theologieprofessor für Neues Testament. Schon die “Einleitung” (S. 11-14) spricht Bände. 
“In diesem Buch soll der Versuch unternommen werden, die historische Bibelkritik ihrerseits einer Kritik zu unterziehen. Das soll nicht heißen, sie insgesamt abzulehnen.” Wir sehen hier seine Grundentscheidungen.
Und in seinen einleitenden Sätzen fasst dann Wilckens prägnant zusammen, was gegenwärtig den Stand und den Zustand der wissenschaftlichen Bibelexegese (primär an deutschsprachigen theologischen Fakultäten) kennzeichnet. Er “beschreibt” das, was er vorfindet, er fasst zusammen, was allgemein als gültig vertreten wird. Seine eigene Bewertung dazu kommt dann meistens später im Buch oder erscheint in kommentierenden Zwischenbemerkungen. Zuerst also seine Darstellung des mentalen status quo akademisch-exegetischer Bibelwissenschaften, als einem unhinterfragbaren Selbstverständnis der „zünftigen Theologie“ bzw. der biblischen Exegese:
“Historisch-kritische Exegese (…) sieht die Bibel nicht als Heilige Schrift, sondern als Sammlung urchristlicher Schriften und diese als Produkte von Menschen aus der Vergangenheit der Anfänge des Christentums …” (S. 11)
“Für historische Exegese kann es nur darum gehen, das jeweilige Gottesverständnis herauszustellen, das in der Rede von Gott in den verschiedenen biblischen Schriften zu erkennen ist; die Unterschiede und auch Gegensätze zueinander in Beziehung zu bringen und zu zeigen, dass es ihnen allen um Gott zu tun war, jedem freilich in seiner Weise. Aber für sich selbst aus den biblischen Texten Gott zu vernehmen, überschreitet, so urteilt man, die der Exegese gesetzten Grenzen. (…) Will die Exegese bei ihren Leisten bleiben, muss sie selbst gott-los sein. Sobald sie sich mit einer eigenen Theo-logie in den Strudel der nebeneinanderstehenden oder einander befehdenden Theo-logien im Urchristentum selbst einmischt, wird sie ihre ihr vorgeschriebene historische Neutralität verlieren und das Bild der Geschichte der Urchristenheit in aller Regel verzeichnen” (S. 12).
“Da historisch-kritische Exegese ein Unternehmen der Vernunft ist, kann sie selbst nicht ‘theo-logisch’ sein.” (S. 13)
Wilckens skizziert dann die Konsequenzen dieses Denkens und der un-theologischen, gott-losen Exegese als einer “historische Wissenschaft”, dass es für die akademische Bibelexegese dementsprechend keine Wahrheit und keinen Gott ursächlich hinter den Texten geben könne oder diese irgendwie dahinter anzunehmen seien, weil dort eben nur menschliche Lehren, Ideen, Vorstellungen und Vorgänge zu finden seien, und diese rein menschlichen Vorstellungen weitgehend “nach heutiger vernünftiger Auffassung keine Wirklichkeit” (S. 13) beschreiben.
Einigermaßen verstanden, um was es geht? Na dann, rein ins Getümmel, in das Ringen um eine sachgerechte Bibelexegese und Auslegung der Schrift. In Deutschland sind die Debatten oftmals ganz anders zu führen als im Angelsächsischen oder im Nordamerikanischen. Es gibt in diesem Bereich für an der Bibel als Wort Gottes orientierten Christen noch viel zu tun und aufzuarbeiten. 
Wer jedoch diese “Grundlagendebatte” nicht – auch für sich – gründlich klärt und auch die entscheidenden Argumente der Debatte nicht kennt und ggfs. nicht sachgerecht darauf antworten kann, die Wilckens hier zu Recht Mal wieder in Erinnerung ruft, der wird kaum Gehör finden bei denen, die die Auslegungsmehrheitsmeinung in der (akademischen) Bibelexegese vorgeben. Die fromm klingende, aber mich nicht überzeugende Antwort „Macht nichts. Die Theologen sollen machen, was sie wollen. Ich als Christ lese einfach meine Bibel und glaube, was geschrieben steht“, ist ehrenwert, aber auch sehr gefährlich, weil die christliche Gemeinde durch eine solche „Ghetto-Theologie“ keinerlei apologetische Kraft und kein Selbstbewusstsein bewahren kann, weder für die gegenwärtigen, noch für die zukünftigen Herausforderungen.
Auf die (theologischen und methodischen) Schwächen des Buches von Wilckens, seine defizitären Lösungsansätze am Ende des Buches usw., will ich jetzt nicht eingehen. Doch auf die Problemstellung will ich hiermit gerne als Erinnerung hinweisen, damit “wir” Christen nicht immer und immer wieder scheinbar aus allen Wolken fallen, wenn Urteile und Teilergebnisse dieser mehrheitlich praktizierten akademischen Bibelexegese auf populärer Ebene bekannt werden und dann viele “Leserbriefschreiber” sich entrüsten und “Feuer und Schwefel” vom Himmel wünschen als sei nun der Zeitpunkt des Antichristen angekommen, wenn „so“ oder „so“ die “Bibel” in ihren Aussagen nicht mehr gelten gelassen werde usw. Die Reaktionen sind oftmals vermeidbares Zeugnis der Ahnungslosigkeit und der Ignoranz, was in der (weltweiten) Theologie und Bibelexegese gedacht und vorgetragen wird.
Auf der Gemeindeebene ist m.E. viel zu wenig bekannt, WAS inhaltlich die historisch-exegetischen Ergebnisse der gegenwärtigen wissenschaftlichen Bibelexegese (seit ca. 250 Jahren) für jedes einzelne Bibelbuch des Kanon sind. Das bedauere ich sehr. Diese Uninformiertheit mag auch daran liegen, dass das Interesse an echter “theologischer Lehre”, an “Apologetik”, an “rationaler Auseinandersetzung” mit bibelkritischen Meinungen kaum mehr gefördert, kaum mehr gewollt und kaum mehr als “Kunstfertigkeit” unter den den Lehrern der Gemeinde gekonnt wird. 
Summa: Das Buch von Wilckens ist insgesamt geurteilt zu schwach, wenn man die Absicht der Überschrift wirklich ernstnimmt. Auch fehlt die entscheidende (erkenntnistheoretische und theologische) Begründung, wie man von den historisch gewordenen, kanonischen Bibelbüchern wieder zur Heiligen Schrift kommt (was Wilckens tun möchte) und dann aber auch der gedankliche Fortschritt, wie die “Selbstmitteilung und Offenbarung Gottes” und das “Wort Gottes” mit den „kanonisches Schriften“ zusammenkommen kann und muss. Eine entsprechende Publikation neueren Datums, das dem Titel dann in diesem Sinn auch voll gerecht werden würde und das die hier nur angedeuteten Defizite gründlich überwinden helfen würde, das muss noch geschrieben werden.

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Dieser Blog-Beitrag von Dr. Berthold Schwarz erschien zuerst auf Schwarz ad hoc . Lies hier den Original-Artikel "“Will die Exegese bei ihrem Leisten bleiben, muss sie selbst gott-los sein.”".

About Dr. Berthold Schwarz

Dr. Berthold Schwarz arbeitet seit 2003 als Dozent für Systematische Theologie an der Freien Theologischen Hochschule Gießen (FTH) = Giessen School of Theology. Nach seinem Theologiestudium in Marburg, Erlangen und Tübingen und verantwortlicher Mitarbeit in christlichen Gemeinden, ließ er sich in den Gemeindegründungs- und Missionsdienst nach Japan berufen, um dort die frohe Botschaft vom gekreuzigten und auferstandenen Christus zu verbreiten. Nach seiner Rückkehr aus Japan promovierte er an der Universität Erlangen mit einer Untersuchung zu John Nelson Darbys Theologie (Leben im Sieg Christi“, Gießen 2008 – ISBN: 978-3-7655-9550-9). Ein Habilitationsprojekt ist gegenwärtig „im Werden“. Jetzt an der FTH hilft er dabei mit, junge Menschen für einen leitenden Dienst in der Gemeinde, in christlichen Werken und in der Mission auszubilden. Neben seiner Haupttätigkeit als Hochschullehrer für Systematische Theologie ist er Leiter des „Israel-Instituts“, das sich zum Ziel gesetzt hat, das Verhältnis zwischen Juden und Christen, zwischen Israel und Gemeinde Jesu, biblisch-theologisch zu erklären. Außerdem hält er deutschlandweit Vorträge und Workshops in Gemeinden und auf Konferenzen zu unterschiedlichen christlich motivierten Themenstellungen. Durch verschiedene Aufsatz- und Buchveröffentlichungen zu Themen der christlichen Lehre und der Schriftauslegung will Dr. Berthold Schwarz biblisch verantwortetes Gedankengut fördern. Er ist verheiratet und hat vier Kinder.

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