„Die Zukunft der Kirche in einer sich verändernden Gesellschaft“ (Vortrags-Manuskript)

„Die Zukunft der Kirche in einer sich verändernden Gesellschaft“ (Vortrags-Manuskript)

(Der folgende Vortrag wurde beim Algemeinen Pfarrkonvent der SELK gehalten. Der geneigte Leser möge diesen Kontext bedenken.)

36 Jahre, 7 Monate, 22 Tage. So lange habe ich noch bis zu meinem Ruhestand. Falls ich wirklich nur bis 67 arbeiten müsste. Wie auch immer: Es ist in jedem Fall zu lang, als das mir die Zukunft der Kirche egal sein könnte. Allein schon aus diesem Grund ist es mir wichtig, darüber nachzudenken, welchen zukünftigen Weg die Kirche in einer sich verändernden Gesellschaft einschlagen sollte.

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Ja, die lutherische Kirche muss sich auf den Weg machen. Weiter so geht es nicht. Nicht nur die sinkenden Kirchenmitgliedszahlen sind ein Indiz. Mancherorts kann man auch froh über jeden 65-Jährigen sein, der sich in einen Gottesdienst verirrt und so den Altersschnitt nach unten zieht. Diese Prozesse hinsichtlich Entkirchlichung, Säkularisierung mögen nicht überall so extrem auftreten, aber sie sind meines Erachtens dennoch typisch. Sie laufen auch anderen Orts ab, wenn auch vielleicht weit weniger intensiv.

Was die SELK angeht: Ich weiß es nicht. Aber ich befürchte, wir sitzen im Wesentlichen im gleichen Boot.

Ein Luthertum des vierten Weges

Die lutherische Kirche muss sich also auf den Weg machen. Was nun aber zu einem großen Teil zu meiner Frustration beiträgt und mich mitunter nachts nicht schlafen lässt, sind die Wege, die die lutherische Kirche zurzeit beschreitet. So wenig verheißungsvoll, so frustrierend.

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Die folgende Darstellung mag an die Grenze der Fahrlässigkeit vereinfacht sein, aber ich will dennoch den Versuch unternehmen, in aller Kürze meine persönlichen Bauchschmerzen zu benennen.

Der erste Weg: Die Liberalisierung des Luthertums

Der größte Teil der lutherischen Kirche schlägt den Weg ein, den ich den ersten Weg nennen möchte. Es ist der Weg der liberalen Theologie und der liberalen Kirche. Kirche versteht ihre gesellschaftliche Funktion als Kulturträger, als Stimme im oder Raum für den gesellschaftlichen Diskurs, als sozialen player, vielleicht auch noch als Institution für Sinnstiftung, Lebensdeutung oder Begleitung an Lebensschwellen. Man kann gut damit leben, wenn sich Kirchenmitglieder in Distanz zur Gemeinde befinden. Ja, sie besuchen regelmäßig die Kirche, eben nur lebenszyklisch. Sie leben ja nur in physischer Distanz zur Kirche, behalten aber – davon geht man aus – eine inhaltliche Nähe.

Aber funktioniert dieser erste Weg? Ohne hier ins Detail gehen zu wollen: die Ergebnisse der groß angelegten 5. Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung der EKD von 2014 setzen hinter das Theorem einer hohen Kirchenverbundenheit bei gleichzeitiger physischer Distanz erhebliche Fragezeiten. Ein wesentliches Ergebnis der Untersuchung war, dass Kirchenmitglieder zunehmend entweder engagiert sind in der Gemeinde oder mit Kirche auch innerlich kaum noch etwas zu tun haben.

Aber hohe Kirchenverbundenheit bei gleichzeitiger physischer Distanz? Weniger und weniger. Die meisten von ihnen mögen denken: Gut, das wusste ich schon seit vielen Jahren, aber es ist ja auch schön, wenn sich die Einsicht wo anders durchsetzt.

Der zweite Weg: Die Evangelikalisierung des Luthertums

Für den zweiten Weg habe ich durchaus mehr Sympathien, aber auch er überzeugt mich nicht. Es ist der evangelikale Weg. Wenn ich mich bei den jungen Pastoren meiner Generation umschaue und sie nicht „liberal“ sind, sondern „fromm“, dann sind sie in der Regel nicht „fromm“ im Sinne von reformatorisch-konfessionell, sondern im weitesten Sinne evangelikal. Wie ich es beobachtete ist der „fromme Weg“, den viele Lutheraner mutig nach vorne gehen, der einer Evangelikalisierung der Lutherischen Kirche.

Etwas holzschnittartig heißt das unter anderem: Substituierung der Messform durch einen moderneren Lobpreisgottesdienst. Eine tendenzielle Verschiebung der Schwerpunkte weg von Wort und Sakrament hin zu Erlebnis, Gefühl und menschlicher Gemeinschaft. Das Christensein wird lebenspraktischer akzentuiert. Wer sich einmal die Mühe macht, sich durch die deutschen Predigt-Podcast-Charts zu hören, der weiß, wovon ich rede.

Natürlich ist dieser zweite Weg viel mehr dem klassischen Christentum verpflichtet als der erste. Aber warum ich ihn trotzdem nicht gehen kann und will, erahnt jeder, der einmal als Seelsorger unter Evangelikalen aktiv war.

Denn auch wenn diese Form von Christentum auf den ersten Blick leichter zugänglich erscheint, ist vieles an den hier vorgenommenen Verschiebungen langfristig geistlich ungesund. Ich kenne viele, die verzweifelt sind, weil sie Gott nicht mehr fühlen, weil so viel Sünde in ihnen bleibt, weil das Leben mit Gott nicht das hält, was versprochen wurde, weil Gott nicht auf die Art in ihr Herz spricht, die versprochen wurde. Kurz: Ich denke, dass unsere klassisch-lutherische Art, Christensein, Kirche und Gemeinde zu denken, einfach gesünder ist.

Der dritte Weg: Der Rückzug

Wer als Lutheraner heute nicht liberal wird oder evangelikal, der beschreitet in der Regel den dritten Weg. Der Weg des Rückzugs, 180 Grad Kehrtwende und dann Augen zu und durch. Es ist der Weg, der mir selbst am nähsten liegt, darum beschreibe ich ihn gerne selbstkritisch: Der Rückzug in eine immer kleinere konfessionell-lutherische bubble. Ich tue, was richtig ist, egal, wer sonntags noch kommt. Sicherheitshalber singen wir nur Lieder, die nicht jünger sind als das 17. Jahrhundert. Und eines Tages macht der Letzte das Licht aus. Das ist sicherlich etwas karikierend, aber so ist es.

36 Jahre, 7 Monate, 22 Tage. Und ich sehne mich so sehr nach einem vierten Weg. Es muss doch für das Luthertum einen vierten Weg in die Zukunft geben. Das wäre mein Traum. Und ich suche so sehr nach Menschen, die ihn mitträumen. Von einem Luthertum des vierten Weges. Von einem Luthertum, das so fest in Bibel und Bekenntnis verwurzelt ist, dass die Stürme der Zeiten diesen festen Baum nicht ausreißen können.

Und ein Luthertum das gleichzeitig die Menschen unserer Zeit erreicht, erreicht mit dem Evangelium von Jesus Christus, ohne dieses Evangelium –liberal oder evangelikal – subjektiv aufzulösen.

Ausblick

Ich will nun die mir verbliebende Zeit dafür nutzen, die gesellschaftlichen Veränderungen zu skizzieren, denen unser kirchliches Handeln unterliegt und darlegen, wie wir im Sinne eines Luthertum des vierten Weges auf jene Veränderungen reagieren könnten. Dabei beschränke ich mich der Zeit halber auf 3 Aspekte.

1) Säkularisierung

1.1) Problemanalyse: Von fehlenden Möbelstücken

Die erste gesellschaftliche Veränderung, die unsere Arbeit im Pfarramt nachhaltig beeinflusst, ist die Säkularisierung. Und mir geht es nun gar nicht so sehr darum, verschiedene Säkularisierungstheorien zu diskutieren, ob Religion aus unserer Gesellschaft mehr und mehr verschwindet, oder ob sich religiöse Phänomene nur verschieben und pluralisieren, weg von den großen Institutionen hin zu so etwas wie einer privaten Patchwork-Spiritualität. Das Ergebnis ist in jedem Fall dasselbe: Entkirchlichung. Weniger und weniger Menschen sind Christen im klassischen Sinne dieses Wortes.

Und was das bedeutet, müssen wir in der Tiefe verstehen. Denn es bedeutet weit mehr als das weniger Menschen auf ihrer Lohnsteuerabrechnung eine Kirchenzugehörigkeit stehen haben.

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Was das vor allem für unser Predigtamt in der Tiefe bedeutet, veranschaulicht der US-Amerikanische Theologe und Pastor Tim Keller im Anschluss an David Martyn Lloyd-Jones und Lesslie Newbiggin mit einem markanten Bild. Er sagt: Missionarisch predigen, Menschen mit dem Evangelium erreichen, dass war früher vergleichbar mit dem Umstellen von Möbeln im Wohnzimmer. Die mentalen Möbel waren bei den Zuhörern schon da, wir mussten ihnen nur helfen, sie im Kopf anders anzuordnen.

Die Menschen hatten eine Vorstellung von Regeln und Sünde, kannten im Wesentlichen die 10 Gebote als ethische Orientierung und wussten, dass es mit Jesus irgendetwas Göttliches auf sich hat. Ich denke zum Beispiel an die Generation meiner Großeltern. Selbst wenn man hier aus der Kirche ausgetreten war, war einem dennoch klar, dass man sein Leben möglichst nach den 10 Geboten führen soll.

Was hieß unter diesen Bedingungen nun Evangelisation? Umstellen der mentalen Möbel. Das Sofa hierhin, das Bücherregal dorthin. Dass die 10 Gebote nicht nur ethische Orientierung sind, sondern der Spiegel, der uns unsere Sünde und tiefe Verlorenheit aufzeigt. Und dass Sünde eben nicht nur ethische Verfehlung ist, sondern im Kern Feindschaft gegen den Schöpfer. Und das Jesus nicht nur irgendetwas Göttliches an sich hatte, sondern dass er wahrer Gott und wahrer Mensch ist, der lebte, starb und auferstand, um mich verlorenen und verdammten Menschen zu erlösen. Umstellen der Möbel.

Was heißt es nun in einer säkularen Gesellschaft zu predigen? Es heißt: Die Möbel sind nicht mehr da. Kein Sofa, kein Bücherregal. Und darum funktionieren auch bestimmte bewährte Methoden, das Evangelium zu predigen, nicht mehr. Weil die Voraussetzungen dafür nicht mehr da sind.

1.2) Was tun? Kulturnarrative und das Evangelium

Wie geht das nun? Als Pfarrer in einer säkularen Gesellschaft das Evangelium zu predigen, wenn das mentale Wohnzimmer weitgehend leer ist?

Ich glaube, unser wichtigste Aufgabe ist es auf den Punkt gebracht: Die Kulturnarrative unserer Zeit zu lesen und mit dem Evangelium in Verbindung zu setzen. Oder um es mit einem in konservativen Kreisen etwas verbrannten Begriff zu sagen: Es geht um Kontextualisierung.

Die Narrative, Glaubenssätze, Sehnsüchte unserer Zeit zu verstehen, sie vom Christentum her zu hinterfragen, zu konterkarieren, aber auch aufzuzeigen, dass die Sehnsüchte hinter diesen Narrativen im Evangelium von Jesus Christus ihre letzte Erfüllung finden.

1.3) Identität

Nehmen wir als ein erstes Beispiel den Identitätsnarrativ unserer Zeit. Die Frage: „Wer bin ich?“

Viele sagen von sich: „Ich will nicht das sein, was andere Menschen von mir erwarten. Ich will lieber auf das schauen, was in meinem Herzen vorgeht, das dann ausleben, mich verwirklichen und darin mich selber finden.“

Der Soziologe Robert Bellah nennt das „expressiven Individualismus“. Seine Definition lautet:

Dem expressiven Individualismus liegt der Glaube zu Grunde, dass jede Person einen einzigartigen Kern an Gefühlen und Intuitionen hat, die entfaltet und ausgelebt werden müssen, wenn Individualität entstehen soll.

Natürlich funktioniert das so einfach nicht. Denn es gibt keinen stabilen Kern von Gefühlen. Und so schwingt das postmoderne Individuum oftmals im Pendel zwischen hochmütigen Stolz und abgrundtiefer Verzweiflung hin und her.

Die einzig tragfähige Antwort auf die Identitätsfrage ist das Evangelium von Jesus Christus. Dass meine Identität nicht in mir, meinem Handeln und Sein liegt, sondern allein in Christus, in seiner Person, seinem Werk. Dass ich ob seines stellvertretenden Sühneleidens ein gerechtfertigter Sünder bin, Kind des Höchstens. Und dass diese Identität propter Christum aus der teuflischen Pendelbewegung hinausführt. So könnte man in aller Kürze den Kulturnarrativ Identität mit dem Evangelium in Bezug setzten.

1.4) Mockingbird: Gesetz und Evangelium

Ein zweites Beispiel. Es gibt eine hochinteressante, englischsprachige Website: Mockingbird. Eine Website, die mehrheitlich von Anglikanern betrieben wird, die in großer Leidenschaft die lutherische Unterscheidung von Gesetz und Evangelium für sich entdeckt haben. Mockingbird ist im Grunde eine Kulturwebsite.

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Es werden Dinge, in Filmen, Serien, Politik, Kultur beobachtet und analysiert und oftmals mit einer Gesetz- und Evangeliums-Hermeneutik mit dem christlichen Glauben in Beziehung gesetzt.

Einer der Betreiber, David Zahl, macht in seinem kleinem Büchlein „Law and Gospel“ eine wie ich finde hilfreiche Unterscheidung. Zwischen dem, was er „Big L Law“ nennt und dem „Little L Law“. Dem großen Gesetz Gottes, das uns in der Schrift geoffenbart ist, vor allem in den 10 Geboten. Und den kleinen Gesetzen, die ganz unbestreitbar unser menschliches Leben prägen. Dass unser Leben ganz unbestreitbar nach „Wenn-dann-Gesetzmäßigkeiten“ besteht. Wenn ich zu viel esse, werde ich dick. Die Wage ist niemals gnädig. Wenn ich mich nicht benehme, fliege ich raus. Und das macht uns sensibel für das große Gesetz Gottes.

Mockingbird nutzt missionarisch das, was ja tief in unserer lutherischen Tradition verankert ist. Dass das Gesetz immer auch eine natürliche Dimension hat. Röm 2,15. Dass uns Menschen das Wesentliche am Gesetz ins Herz geschrieben ist. Und David Zahl schafft es, dass so zu machen, dass Gesetz und Evangelium eben nicht in existentiale Kategorien aufgelöst werden. Das ist ja bspw. die Gefahr, die früher etwas bei der Unternehmung von Gerhard Ebeling drohte. Dass hier doch das droht, was ich vorhin den ersten, liberalen Weg genannt habe. Theologische Kategorien werden in existentiale aufgelöst. Aber darum geht es ja gerade nicht, sondern zu schauen, wo ist die Brücke von den Kulturnarrativen hin zur christlichen Botschaft. Ja, es geht um Inkulturation, aber säkulare Kultur und Christentum sind dabei keine zwei gleichwichtigen Größen.

Bei dem ersten Aspekt geht es also um Inkulturation. Beim zweiten Aspekt wird es nun – in der fröhlichen lutherischen Tradition des Paradoxes – um Konterkulturation gehen.

2) Ausdifferenzierung

2.1) Luhmann und die Lebenswelten

Der zweite Aspekt, die zweite gesellschaftliche Veränderung, über die ich mit ihnen sprechen möchte, ist das, was Niklas Luhmann die zunehmende Ausdifferenzierung unserer Gesellschaft nennt. Seit dem Mittelalter differenziert sich unsere Gesellschaft mehr und mehr aus. Die Lebenswelt zum Beispiel einer jungen Frau im Mittelalter war noch weitgehend einheitlich. Sie lebte ihr ganzes Leben lang in einem Dorf, musste bei ihrem Mann auf dem Bauernhof mithelfen. Nun setzte aber eine Bewegung ein, die diese Lebenswelt weitgehend abgelöst hat. Funktionen wurden nun zwischen Menschen aufgeteilt. Eine junge Frau von heute heiratet keinen einfachen Bauern mehr, sondern wohlmöglich einen reinen Apfelbauern oder einen solchen, der nur noch Milchkühe besitzt.

Und diese Entwicklung der Spezialisierung betrifft nach Luhmann nicht nur das Wirtschaftssystem, sondern unsere Gesellschaft als Ganze. So haben sich verschiedene Funktionssysteme herausgebildet, die stellvertretend für die Gesellschaft einzelne Funktionen übernehmen. Solche Funktionssysteme sind zum Beispiel Bildung, Wissenschaft, Wirtschaft oder auch Religion.

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Das Besondere ist nun aber, dass diese einzelnen Funktionssysteme zunehmend eine Eigendynamik entwickeln, völlig unabhängig von anderen Systemen. So entwickelt jedes System zunehmend auch seine eigene Binnenlogik, seine eigenen Spielregeln und Glaubenssätze. Die Logiken dieser einzelnen Systeme aber widersprechen sich auch zunehmend.

Ein junges Mädchen von heute lebt nicht nur in einem dieser Systeme, sondern in verschiedensten Systemen gleichzeitig. In jedem dieser Systeme nimmt sie eine andere Rolle ein. Diese verschiedenen Rollen bergen jedoch massive Spannungen. In ihrer WG ist sie der Kumpel mit dem offenen Ohr. Auf ihrer Arbeit im Labor eines großen Pharmakonzerns hat sie gelernt ihr Herz auszuschalten. Hier zählen nur die Ergebnisse. Fährt sie am Wochenende zu ihrem Partner dem Apfelbauern Thomas ist sie die Geliebte. Seit ein paar Wochen besucht sie aber auch mit einer guten Freundin Meditationskurse in der Volkshochschule. Hier hat der Guru das Sagen. Verschiedene Systeme, verschiedene Rollen, verschiedene Logiken und Wahrheiten, aber für unsere junge Frau bedeutet das heute kein Widerspruch. Was im Labor geschieht, bleibt im Labor, was im Mediationskurs geschieht, bleibt im Meditationskurs und was auf dem Apfelbauernhof geschieht, bleibt auf dem Apfelbauernhof.

2.2) Gemeindliche Schizophrenie

Wir leben inzwischen in einer Zeit, wo die Menschen oftmals gar nicht mehr den Versuch unternehmen, die verschiedenen Logiken der verschiedenen Systeme zu harmonisieren. Sie leben mit den Widersprüchen. Irgendwie schizophren.

Und wahrscheinlich hat diese Schizophrenie auch in Ihren Gemeinden Einzug gehalten.

Zwei Beispiele. Was mich als Dozent stets irritiert hat, war, wie viele fromme Theologiestudenten am Vormittag streng historisch-kritisch arbeiten konnten und am Abend in Lobpreisgottesdiensten Glaubensaussagen bejaht haben, die sie am Vormittag gerade weggewischt hatten. Das eine ist halt das System Gemeinde und das andere ist halt das System Uni und beides steht recht unverbunden nebeneinander.

Oder: Gemeinde funktioniert nach den Regeln des Systems Gemeinde, aber Beziehungen zwischen Mann und Frau funktionieren nach den Regeln des Systems: Fernsehserie. Unverbunden. Etwas Schizophren.

Als Johann Hinrich Clausen der EKD Beauftragte für Kultur wurde, gab er ein Interview. Darin sagte er einen Satz, der mir sehr hängen blieb. Er sagte sinngemäß: „Ein einheitliches lutherisches Milieu gibt es nicht mehr.“

Das Problem ist nun, dass in unseren Gemeinden Menschen ganz offiziell konfessionell-lutherische Dogmen bejahen, aber unterschwellig nach Glaubensätzen, Logiken und Spielregeln leben, die sie aus ganz anderen Funktionssystemen erlernt haben. Und das macht unsere Arbeit ungemein schwierig.

2.3) Der Eisberg

Denn ein wesentliches Merkmal dieser Glaubensätze, Logiken und Spielregeln ist, dass sie unsichtbar sind. Die meisten Menschen sind sich dessen nicht einmal bewusst.

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Wie der Teil eines Eisberges, der unterhalb der Wasseroberfläche liegt. Über der Wasseroberfläche glauben, bekennen und lehren sie christliches Dogma, christliche Werte. Unter der Wasseroberfläche liegen unsichtbar die Spielregeln, Glaubenssätze und Werte, die durch andere Funktionssysteme geprägt sind. Und am Ende des Tages läuft es stets nach dem gleichen Muster ab: Was unten ist, verspeist das, was oben ist, zum Frühstück.

Da liegt zum Beispiel verborgen der Glaubenssatz: „Jeder muss seine eigene Wahrheit finden.“ Und dann kann man natürlich hoch offiziell bekennen, dass Jesus der einzige Weg zu Gott ist. Aber natürlich weiß man, dass jenseits der Kirchentür natürlich für einen Muslim der Islam der einzige Weg zu Gott sein kann.

Oder da ist der Glaubenssatz: „Ich folge dem, was funktioniert.“ Wir leben in einer ungemein pragmatischen Zeit mit einem funktionalen Wahrheitsverständnis. Das heißt: Natürlich bin ich gerne Christ. Und unter der Wasseroberfläche blubbert ganz leise der Zusatz dazu: „Solange es funktioniert.“ Stellt sich das Christentum im Alltag als unpraktisch heraus, lass ich es bleiben.

2.4) Unsere Aufgabe: Sichtbar machen

Wir haben deshalb die ungemein wichtige Aufgabe, diese Glaubenssätze sichtbar zu machen. Darüber zu reden. Sie an die Wasseroberfläche zu holen und vom christlichen Dogma her zu hinterfragen, so dass das christliche Dogma langsam aber sicher unter die Wasseroberfläche sickern kann.

Wie können wir das machen, kulturelle Glaubenssätze, erlernt aus anderen Funktionssystemen, zu hinterfragen?

Ich finde in diesem Zusammenhang den Soziologen Charles Taylor mit seinem Buch „a secular age“ ausgesprochen hilfreich. Eine Kurzfassung davon kann man in Tim Kellers kleiner Predigtlehre nachlesen. Grob vereinfacht gesagt beschreibt Taylor unsere säkulare Gesellschaft als eine, die es mit christlichen Überzeugungen übertrieben hat. Die christliche Überzeugungen radikalisiert hat und sie aus der Balance bringt.

Ein Beispiel. Christen glauben, dass alle Menschen Gottes Ebenbilder sind und ihnen darum eine unveräußerliche Würde zukommt. Heutzutage wird dieser Grundsatz aber unchristlich radikalisiert: Die Rechte eines Individuums sind so hoch, jede Form von Diskriminierung ist zu vermeiden. Niemand darf einem anderen mehr sagen, wer er oder sie ist und was er zu tun oder zu lassen hat. So hoch steht das Individuum.

Gleichzeitig gilt etwas anderes. Christen unterscheiden anders als Pantheisten in Gott und Welt. Gott ist nicht die Welt, sondern ihr Schöpfer. In unserer Zeit wird diese Auffassung nach Taylor ebenfalls unchristlich radikalisiert in einen reinen Materialismus. Es gibt nichts außer dem, was wir sehen. Keine geistliche Welt. Nur Materie. Der Mensch ist ein zufälliges Produkt der Evolution, ein Staubkorn am Rande des Universums.

Im Christentum war beides noch in der Balance, das säkulare Zeitalter radikalisiert nun aber dahingehend, dass es zu einem echten Widerspruch kommt. Er lautet vereinfacht gesagt: „Der Mensch ist ein zufälliges Produkt am Rande des Universums, darum hat jeder Mensch einen unveräußerlichen Wert.“

Wenn man beide Glaubensätze an die Wasseroberfläche holt, erkennt man den Widerspruch und kann das gesunde christliche Dogma dagegen ins Spiel bringen.

Diese Aufgabe, Glaubensätze, die aus anderen Funktionssystem erlernt wurden, an die Oberfläche zu bringen und dagegen christliche Auffassungen tief nach unten sinken zu lassen, wird das Pfarramt in einer Zeit zunehmender gesellschaftlicher Ausdifferenzierung prägen.

3) Ein Zeitalter des Wandels

3.1) Problembeschreibung: Disruptive Veränderungen

Ich komme zu meinem dritten Punkt. Wir leben in einer Gesellschaft, in der sich alles wahnsinnig schnell verändert. Der Wandel ist der ständige Begleiter. Und es sind vor allem solche Veränderungsprozesse, die der Wirtschaftswissenschaftler Clayton Christensen disruptive Veränderungen nennt. Disruptiv, weil sie unser Leben in großer Geschwindigkeit auf den Kopf stellen. Manche erinnern sich vielleicht noch, dass es mal eine Firma namens Kodak gab, die Filme für Fotoapparate herstellte oder dass man Bücher und Kleidung in Läden und nicht im Internet kaufte.

Typisch für unsere Zeit sind ebenso die Gegenbewegungen gegen diese hohe Veränderungsgeschwindigkeit. Weniger Europa, ein höherer Grad an Nationalisierung, mitunter in der Wirtschaftspolitik vertiefter Protektionismus. Das Veränderungstempo kann überfordern, die Konsequenzen sehen wir auch in der großen Politik.

Mit Veränderungen gut umzugehen, ist also gar nicht so selbstverständlich. Auch nicht für eine Kirchengemeinde, in der sich vieles verändert.

Deshalb halte ich es für so wichtig, dass wir als Pfarrer unseren Gemeinden helfen, mit Veränderungen gut umzugehen. Dass wir ihnen helfen, selbst veränderungsfähig zu werden und sich adaptiv auf Veränderungen einzustellen.

Während ich bei den ersten beiden Punkten eher beschrieben habe, wie sich die gesellschaftlichen Phänomene Säkularisierung und Ausdifferenzierung auf den Teil unseres Pfarramtes auswirken, den wir nach Bibel und Bekenntnis per ius divinum haben, nämlich auf unser Predigtamt, so wirkt sich dieser Punkt eher auf den Teil unseres Amtes aus, den wir per ius humanum haben, nämlich auf unsere Leitungskompetenz. Von uns wird in dieser Zeit Leitungskompetenz gefordert.

3.2) Verständnis für Veränderungsprozesse gewinnen

Mit Blick auf das Gesamtsystem Gemeinde heißt das für uns: Wir brauchen ein Grundverständnis von komplexen Veränderungsprozessen in sozialen Systemen.

Denn ohne ein solches Verständnis passiert leicht das, was die Amerikaner „rearranging the deck chairs on the titanic“ nennen. Das Schiff läuft mit voller Geschwindigkeit auf den Eisberg zu, aber die Besatzung ist fleißig damit beschäftig, die Stühle an Deck neu anzuordnen. Gemeinden diskutieren monatelang darüber, wer denn nun in diesem Jahr den Schmuck für die Osterfeier bereitstellt, während sie blinden Auges auf die Insolvenz zuläuft.

Man diskutiert, ob der Jugendabend am Dienstagabend besser laufen würde als am Mittwochabend und sieht nicht die massiven Veränderungen, die die Schulkultur für die Jugendarbeit bedeutet.

Das Problem bei komplexen Veränderungsprozessen ist oftmals, dass Ursache und Wirkung nicht gleichzeitig auftreten. Und wenn Ursache und Wirkung versetzt auftreten, dann neigt der Mensch dazu, das Phänomen zu ignorieren. Wenn die negative Wirkung der Erderwärmung erst in 50 Jahren auftreten, bin ich heute weit weniger bereit, etwas an den Ursachen zu tun.

Ähnlich ist es in der Gemeinde. Noch ist der Gottesdienst gut besucht, aber die Haare werden grauer. Wenn ich heute nichts ändere, sind die Reihen in 20 Jahren leer. Aber kaum einer in der Gemeinde wird heute für Veränderungen bereit sein, etwas an den negativen Ursachen tun, die die jungen Leute fernbleiben lässt, denn die Bänke sind noch gut gefüllt. Ursache und Wirkung treten nicht zusammen auf.

Mit dem Organisationssoziologen Ron Heifetz ist es darum die Aufgabe von Leitung, die Gemeinde in die sogenannte „produktive Zone des Disäquilibriums“ zu führen, in die Zone, wo sich die Menschen in einem produktiven Sinne unwohl fühlen, dass sie die notwendigen Veränderungen angehen. Das heißt: Die Gemeinde immer wieder auf die Wirkungen zu stoßen, die ihr heutiges Handeln hat, um organisationale Energie freizusetzen.

Um die organisationale Energie eines Systems – wie einer Kirchengemeinde produktiv zu erhöhen, spricht die Organisationssoziologin Heike Bruch von zwei Strategien, die angewendet werden können. Die „Killing-the-dragon-Strategie“ und die „Wining the princess-Strategie“. Den Drachen töten. Oder die Prinzessin gewinnen.

Beim Drachen töten male ich der Gemeinde vor Augen, welche konkreten Konsequenzen unser aktuelles Verhalten haben könnte. Ein Bild von der Lokalzeitung mit einer abgerissenen Kirche auf der Titelseite zum Beispiel. Zugegeben. Es muss nicht ganz so radikal sein, aber das ist die Richtung. Beim Prinzessin Gewinnen geht es darum, mit der Gemeinde eine attraktive Zukunftsvision für die Gemeinde zu entwickeln, wie eine schöne Prinzessin, die man gewinnen will.

Mit Peter Senge entsteht dann eine „creative tension“, eine kreative Spannung. Jede Spannung will gelöst werden. Entweder wird die Vision blasser oder die Realität kommt der Vision näher. Gemeindeleitung heißt ersterem entgegenzuwirken und zweites zu fördern.

3.3) Adaptivität in der Gemeinde fördern

Es gibt noch weiter Möglichkeiten, die Veränderungsfähigkeit einer Gemeinde zu fördern. Weil Gemeinden in der Regel vor hochkomplexen Herausforderungen stehen, ist es wichtig, dass möglichst alle Informationen auf den Tisch kommen. Das heißt: Das man beispielsweise im Kirchenvorstand eine Kultur schaffen muss, dass möglichst alle Sichtweisen und Informationen hinsichtlich des Problems auf den Tisch kommen.

Viele Gemeinden haben aber nicht eine Kirchenvorstandssitzung im Monat, wo alles auf den Tisch kommt, sondern 4 verschiedene Sitzung. Die Sitzung, die man im Vorfeld mit einigen vorverhandelt, die Sitzung im Nachgang auf dem „Nach-Hause-Weg“. Drittens die Sitzung, die während der Sitzung im eigenen Kopf stattfindet und viertens die eigentliche Sitzung. Wenn sich alle 4 Sitzungen zu sehr unterscheiden, dann hat man als Gemeinde ein Problem. Denn es kommen nicht alle notwendigen Informationen auf den Tisch, um die Herausforderung anzugehen.

Um herauszufinden, ob Sie in ihrer Gemeinde ein Problem haben, mach sie mal ein kleines Experiment. Lassen sie einen Kirchenvorsteher einmal während einer Sitzung einen Zettel mit zwei Spalten ausfüllen. Links steht, was er sagt. Rechts steht, was er wirklich zu dem Thema denkt. Je mehr sich die Spalten unterscheiden, desto größer ist Ihr Problem.

Um eine solche Kultur zu fördern, wo es möglichst nur noch eine Sitzung gibt, ist es ausgesprochen wichtig, dass Sie selbst mit gutem Beispiel vorangehen. Und dass sie bewusst die Troublemaker schützen. Gerade wenn diese anderer Meinung sind. Denn alle anderen gucken in dem Moment und speichern sich ab, wie ehrlich sie hier sein können. Warum nicht einmal einen 25 Euro Büchergutschein an den Kirchenvorsteher vergeben, der in den letzten Monaten die meisten unangenehmen Themen angesprochen hat. Oder: Wenn ihnen der Kirchenvorstand nur nach dem Mund redet und die Informationen nicht auf den Tisch kommen, schaffen Sie doch einmal die einstimmigen Entscheidungen ab.

Eine Entscheidung wird nur dann angenommen, wenn mindestens einer dagegen ist. Klingt paradox, aber sie verhindern eine Abnickkultur und fördern, dass Menschen selbstständig denken.

Wichtig ist: Es geht weniger darum, dass Sie als Pfarrer ein Veränderungsmotor werden, sondern dass Sie ihrer Gemeinde helfen, selbst veränderungsfähig zu werden. Gemeindeleitung ist oftmals weniger Arbeit in der Gemeinde als vielmehr Arbeit an der Gemeinde.

Fazit

Ich komme zum Schluss. Wie kann die lutherische Kirche also in die Zukunft gehen in einer Gesellschaft, die sich mehr und mehr verändert?

Angesichts der zunehmenden Säkularisierungsprozesse, wo das mentale Wohnzimmer leerer und leerer wird, kann der „dritte Weg“ eines Rückzugs keine Option sein. Hier ist Inkulturation angesagt. Wir stehen vor der Aufgabe, die kulturellen Narrative unserer Zeit zu lesen und mit dem Evangelium in Beziehung zu setzen.

Das kann aber nicht im Sinne des „ersten, liberalen Weges“ als im weitesten Sinne so etwas wie Anpassung geschehen. Es braucht den Moment der Konterkulturation. Die unter dem Eisberg schlummernden Glaubenssätze, erlernt aus anderen Funktionssystemen, gilt es an die Oberfläche zu holen und kritisch zu hinterfragen.

Und es geht darum, einer Kirchengemeinde in einer Zeit, in der sich vieles schnell verändert, zu helfen, aktiv mit Veränderungen umzugehen, damit nicht nur die Stühle an Bord des Schiffs, das sich Gemeinde nennt, neu angeordnet werden.

Eine veränderungsfreudige Gemeinde, die gleichzeitig in aller Treue an Bibel und Bekenntnis festhält. Die schlicht und einfach klassisch-lutherisch bleibt, aber mit diesem Profil mutig und kreativ vorangeht, den Menschen das Evangelium vom Gekreuzigten zu predigen. Das wäre der vierte Weg, von dem ich träume. Vielen Dank.

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Dieser Blog-Beitrag von Dr. Malte Detje erschien zuerst auf Malte Detje . Lies hier den Original-Artikel "„Die Zukunft der Kirche in einer sich verändernden Gesellschaft“ (Vortrags-Manuskript)".

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