Buchtipp: Die Rivalin

Robotham, Michael, Die Rivalin, Goldmann Verlag München, 1. Aufl. 2017, 510 S., Verlagslink, Amazon-Link

Ich habe vom Verlag ein Rezensionsexemplar dieses Buches bekommen. Herzlichen Dank dafür!

Michael Robotham ist ein bekannter Journalist und Schriftsteller aus Australien. Er hat schon mehrere Bestseller geschrieben, weshalb ich auf dieses neue Buch gespannt war. Es ist ein insgesamt gut geschriebenes Buch, das mich aber in einigen Punkten enttäuscht hat. Wer wissen möchte weshalb, darf gerne weiter lesen.

Die Rivalin ist ein Buch, welches von zwei Frauen handelt. Zwei schwangeren Frauen, die davon abgesehen wenig gemein haben. Meghan ist eine typische Vorzeigefrau, die den „American Dream“ widerspiegelt: Gut aussehend, fit, bekannte Mamabloggerin, Frau eines bekannten TV-Sportreporters, scheinbar perfektes Leben. Agatha ist eine alleinstehende, geschiedene, in prekären Verhältnissen lebende Frau, die Meghan kennt und vom Neid zerfressen wird.

Die ersten 150 Seiten passiert sehr wenig. Da habe ich mir mehrmals überlegt, das Buch vor dem Ende zu beenden und den Rest ungelesen zu lassen. Diese Erzählungen der beiden Protagonistinnen sind echt langatmig und ziehen sich wie Kaugummi. Ich habe etwa doppelt so lange für diese 150 Seiten gebraucht wie für den Rest des Buches. Um S. 150 herum wird es endlich mal spannend, Agatha raubt Meghan das neugeborene Kind. Und nun wird es vollends unrealistisch, wenngleich auch echt spannend. Agatha schafft es, sich aus so vielen heiklen Situationen herauszumanövrieren, dass dem Leser Hören und Sehen vergeht. Irgendwie ist man an eine Mischung aus Mr. Bean und James Bond erinnert. Was immer kommt, läuft schief, und doch hat Agatha so viel mehr Glück als Verstand, um irgendwie dann doch noch die Kurve zu kriegen. Schließlich will Robotham ihr die Chance zugestehen, mal über einen längeren Zeitraum ein Kind versorgen zu dürfen.

Die Charaktere der beiden Frauen sind klischeehaft und sehr zugespitzt gezeichnet. Meg, die erfolgreiche Supermama mit ihren „Leichen“ im Keller, ihrem Ehebruch mit dem besten Freund ihres Mannes, und Agatha, die arme, hilflose, von allen herumgeschubste Maus, die sich nur nehmen wollte, wovon sie meinte, es würde ihr zustehen. Ein bisschen vom Glück der Glücklichen. Ein wenig Hoffnung der Hoffnungsvollen. Ein Stückchen Familie. Und genau hier wird das Verbrechen relativiert. Die Kindesentführerin wird als eine arme, bemitleidenswerte Maus geschildert, die Sympathie wecken soll und die man verstehen müsse. Das ist moralischer Bankrott unserer Zeit, wenn das Verbrechen nicht mehr als solches gesehen wird, sondern als Verzweiflungstat entschuldigt wird.

Insgesamt ist der Roman aber angenehm zu lesen, der Schreibstil ist schön, und auch die Wechsel zwischen den beiden Protagonistinnen, welche beide aus ihrer Sichtweise und Person aus erzählen, haben mir gut gefallen. Insofern ist mir das Buch eigentlich sehr sympathisch. Wenn da bloß nicht dieser Inhalt wäre, auf den es eigentlich ankommen sollte. Was mir am Inhalt hingegen wieder gut gefallen hat, war der „Werdegang“ von Agatha mit ihrem sie auffressenden Neid. Hier finden wir eine wundervolle psychologische Studie über die „Wurzel der Bitterkeit“, die immerzu wächst und alles um sie herum vergiftet.

Vieles wirkt „aus den Fingern gesogen“, unecht, unrealistisch, eher gestellt und konstruiert oder verkürzt. Für Freunde der feinen, psychologischen Machtspielchen dürfte der Roman eine Freude sein, da es nicht um brachiale Gewalt oder Gänsehaut-Thriller geht. Auch das darf sein, und es ist schön, mal in eine so feinsinnige Geschichte hineingezogen zu werden. Ob der Roman damit jedoch wirklich zu überzeugen vermag, möchte ich einmal dahingestellt lassen.

Fazit: Ein schöner, feinsinniger Roman mit einem sehr zähen Anfang und einigen Inkonsistenzen und Widersprüche im Laufe der Geschichte. Der Inhalt ist ein moralischer Bankrott, weil das Verbrechen schöngeredet wird. Ich gebe dem Buch drei von möglichen fünf Sternen.

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Dieser Blog-Beitrag von Jonas Erne erschien zuerst auf Jonas Erne - Der Blog . Lies hier den Original-Artikel "Buchtipp: Die Rivalin".

About Jonas Erne

Ich bin Ehemann, Vater, Theologe, Gemeindereferent, Vielleser. Auf meinem Blog geht es um Gelesenes, aber auch um die Auseinandersetzung mit Fragen des täglichen Lebens, mit der Kultur und der Bibel. Hin und wieder gibt es auch kreative Texte wie Gedichte, kurze Geschichten und mehr.

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