Lieber nicht glauben als irgendwas glauben

“Ich kann halt nur so glauben, sonst würde ich kein Christ sein wollen” schrieb sinngemäß ein Diskussionsteilnehmer als Antwort auf eine biblische Auslegungsfrage auf deren Details es hier nicht ankommt. “Was ich von Ihnen lese erzeugt in mir das Bedürfnis Atheist zu werden, weil ich keinen Anschluss daran finde” schrieb ein anderer in einer anderen Diskussion über die Anwendung der Regeln der Logik bei der Auslegung der Bibel – hier der Schöpfungsberichte. Dieses Argument scheint zur Zeit sehr in Mode zu sein, wenn man den Versuch wagt, mit theologisch Progressiven über den Wahrheitsgehalt ihrer Lehre auf der Basis der Bibel zu diskutieren. In die gleiche Kerbe schlägt Jürgen Mette indem er warnt: “Die Scharfrichter der reinen Lehre suchen das schwarze Schaf und brandmarken ihm eins ins Fell, dass es sich nicht mehr unter die Menschen traut.” und “Das vehemente Urteil dieser lieblosen und gnadenlosen Frömmigkeit, produziert für jeden Komplizen, den es für sich gewinnt, mindestens einen Geschädigten, der für den Rest seines Lebens gegenüber dieser Art zu glauben geradezu immunisiert ist. ” Starke Worte. Um sein Argument zu bekräftigen bemüht er die alte – und falsche – Figur der Pharisäer und Schriftgelehrten “Wortwächter” die ja schon immer die Menschen vor den Kopf gestoßen hätten, weil sie das Wort Gottes zu ernst nahmen . (Falsch, weil sie die Heiligen Schriften nicht kannten und auch nicht die Kraft Gottes [Mk 12,24], weil sie den Schriften nicht folgten [Mt 23,3], weil ihre Rechtschaffenheit zu gering war [Mt 5,20], weil Jesus sie stets mit Argumenten der Schrift widerlegte [Mt 12,3.5; Mt 19,4; Mt 22,31; Mk 12,10; Mk 12,26; Lk 6,3] – gerne auch mit einem spöttisch tadelnden “Habt Ihr nicht gelesen…?” eingeleitet).

Würde es stimmen, was dieses zur Zeit populäre Argument fordert, dann wäre der sich daraus ergebende Umkehrschluss : Wir müssen aufhören biblische Wahrheit und vernünftiges Denken ins Spiel zu bringen, zu verkündigen oder in einer Debatte zu verwenden, damit wir kein Schäfchen vertreiben.

Passend dazu erklärte in der letzten Woche der progressive Vordenker Jay auf der Hossa facebook Seite, dass er nicht an die Jungfrauengeburt glaubt und dass es ihm leichter fällt sich in den christlichen Glauben als Ganzes fallen zu lassen, seitdem er nicht mehr denkt, dass er an sie glauben müsste. Auch hier fällt wieder die Begründung, dass die Jungfrauengeburt vielen Menschen der Moderne zum besonderen Zweifelstein wird und ihnen Mühe macht, sich dem Glauben zu nähern.

Würden wir das oben gebrachte Argument ernst nehmen wäre in diesem Fall darauf zu verzichten darüber zu diskutieren, ob die Jungfrauengeburt nun wirklich wichtig für den christlichen Glauben ist. Außerdem wäre natürlich darauf zu verzichten über die Jungfrauengeburt selbst zu diskutieren. Stattdessen sollten wir die frohe Botschaft, dass Jesus Gottes Sohn ist oder aber ein Mensch wie Du und Ich ist (und bestenfalls in einer allegorischen Form Gottes Sohn) oder aber irgendwas Gutes ist, das wir so richtig auch nicht verstanden haben, und froh sein, dass dadurch zahlreiche Schafe, die sich einfach nicht vorstellen können wie so eine Jungfrauengeburt funktionieren kann, in der Gemeinschaft des “christlichen” Glaubens begrüßen. Es ist nicht ganz klar, ob man sich bewusst ist welches Fass man mit dieser Argumentation aufgemacht hat. Ob man das wirklich wollte?

Oder was verstehen wir falsch?

Viele von uns theologisch Konservativen haben schon sehr viele Diskussionen mit Atheisten geführt oder waren Missionar. Man kann doch folgendes sagen: Atheisten wissen, warum sie nicht glauben. Sie haben ein Weltbild, das sie gut begründen können. Sie gehen von Grundannahmen aus, dass man nur wissen kann was man beobachten kann und selbst rational herleiten kann. Ihr Weltbild ist geschlossen und auch wenn wir uns ihm nicht anschließen, ist es doch vernünftig. Das fordert einen gewissen Respekt ab.

Man muss mal über den Vers nachdenken, den Jesus in der Offenbarung zu der Gemeinde in Laodizäa spricht:
“Ich kenne deine Werke, dass du weder kalt noch heiß bist. Ach, dass du kalt oder heiß wärest!” (Offb 1,4 ELB)

Ja gut, wenn die Laodizäer im Glauben heiß wären, wäre alles Bestens. Aber genau genommen sagt Jesus hier, dass es sogar besser wäre, sie wären kalt anstatt lauwarm. Warum zieht Jesus es vor, dass der Mensch im Glauben kalt sein sollte, statt lauwarm? Wäre es nicht besser wenigstens ein bisschen “christlich” zu glauben anstatt gar nicht? Wäre es nicht besser wenigstens “den äußeren Schein von Gottesfurcht,” zu haben – auch um den Preis der Leugnung ihrer Kraft? (2. Tim 3,5 Schlachter).

Nein – es ist besser gar nicht zu glauben als irgendwas. Dem lauwarm Glaubenden hilft es nichts, und alle andere verwirrt es nur. Ein ordentlicher Atheist macht keinen Hehl aus seiner Feindschaft gegen Gott. Bei ihm besteht wenigstens noch die Hoffnung auf eine Umkehr, Bekehrung eine Metanoia auf ein gründliches Umdenken – auf eine Versöhnung mit Gott. Der Lauwarme hat sich verlaufen in einem Niemandsland in dem er weder von Gottes Segnungen ganz loslassen will, aber auch nicht die Implikationen einer vollständigen Neuausrichtung seiner ganzen Denkweise auf Gottes Willen hin tragen will.

Jesus ging mit seiner Verkündigung in die Vollen. Manchmal enthielt er den Menschen das was zu sagen notwendig war nicht vor. Wenn es sein musste nahm er in Kauf, dass viele seiner bisherigen Nachfolger sich von ihm abwendeten, weil seine Rede sie vor den Kopf stieß (Joh 6,66). Es ist ganz natürlich, dass sich die menschliche Natur auf Kollisionskurs mit Gottes Willen befindet. Das kann nicht überraschen. Sollen wir jetzt Jesus dafür die Schuld geben, dass er den verlorenen Schafen nicht nachgelaufen ist? Wird Jesus seinem eigenen Anspruch nicht gerecht? Stattdessen fragt er seine 12 engsten Vertrauten, ob sie nicht auch gehen wollen (v67). Die Nerven muss man erst mal haben. Ähnlich erging es Paulus zum Beispiel auf dem Areopag wo einige seine Lehre verspotteten, als er begann von der Auferstehung Jesu zu sprechen. (Apg. 17,32) Jesus und Paulus ließen sich nicht emotional erpressen durch Androhung von Zustimmungsentzug. Gott sei Dank! Denn so fand Paulus auch in Athen einige Jünger, die sich glaubend anschlossen (v32b.34). Und so entstand das Bekenntnis von Petrus: “Herr, zu wem sollten wir gehen? Du hast Worte ewigen Lebens; und wir haben geglaubt und erkannt, dass du der Heilige Gottes bist. ” (Johannes 6,68b-69 ELB)

Das klingt doch gleich viel besser als etwa: “Naja – so recht kann ich das nicht glauben – aber so schlimm ist das doch nicht – oder?”

Share and Enjoy:
Print Friendly, PDF & Email

Dieser Blog-Beitrag von Michael Stark erschien zuerst auf Logos Blog . Lies hier den Original-Artikel "Lieber nicht glauben als irgendwas glauben".

About Michael Stark

Jahrgang 1968, verheiratet und erwachsene 3 Söhne. Beruflich bin ich Unternehmer, Systemanalytiker und Berater im Bereich der Digitalisierung von Firmen. Evangelisch freikirchlich geprägt ist es schon seit ca. 33 Jahren meine Passion zu erklären, warum ich begründet an Jesus Christus glaube und ihm nachfolge. In zahllosen Gesprächen, Diskussionen und Debatten mit Menschen vielfältiger Weltanschauungen bezeuge, begründe und verteidige ich meinen Glauben an Jesus Christus und seinen Anspruch der Weg, die Wahrheit und das Leben zu sein.

One thought on “Lieber nicht glauben als irgendwas glauben

  1. Vielleicht ist es gut, dass wir uns im realen Leben noch nicht begegnet sind. Vermutlich wären wir im Bezug auf Glauben und Theologie in einen heftigen Streit geraten. Früher hätte ich mich von Ihrer Einschüchterungs- und Säuberungsrhetorik vielleicht abschrecken oder beeindrucken lassen. Aber das ist vorbei. Ich habe über viele Jahre und mit vielen kritischen Fragen um meinen Glauben gekämpft. Und ich bin erst vorangekommen, als ich diese Fragen wirklich ernst genommen habe. Zum Glück hat es Menschen gegeben, die mir dabei geholfen haben. Theologen, die zum Teil durchaus konservativer waren als ich, die aber im Umgang mit kritisch fragenden Christen mehr im Repertoire hatten als das Gegenüber entweder mundtot zu machen oder zu vertreiben.

    Vielleicht mögen Sie ja einmal darüber nachdenken, wie Jesus mit Thomas umgegangen ist, der eben auch nicht auf Zuruf geglaubt, sondern skeptisch nachgefragt hat. Thomas wurde zwar (milde) kritisiert, aber nicht aus dem Kreis der Jünger verstoßen. Später ist er wohl sogar zum Märtyrer geworden.

    Wie gehen Sie mit Ihren Thomassen um?

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.