Die Schönheit der Heiligkeit Gottes

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Reflexionen über Jonathan Edwards und Religious Affections sowie Ableitungen hinsichtlich einer kranken Kirche.

Ich bin ein Christ auf der Suche nach Antworten. Zwischen meiner Bekehrung und meiner Erweckung liegen Welten. Was ich vor vielen Jahren als vernünftig erachtet habe (ein Leben aus der Vergebung Gottes durch Jesus Christus), hat erst vor wenigen Jahren mein Herz erreicht. Seitdem (er)lebe ich mein Christsein ganz anders. Und ich frage mich: Was genau macht den Unterschied aus? Was ist anders geworden auf dem Weg vom „normalen“ Christen zum „erweckten“ Christen, dessen Kennzeichen eine leidenschaftliche Liebe zu Jesus und zur verlorenen Welt ist und das fortwährende Staunen über die Gnade Gottes, die Sehnsucht nach Bibel und Gebet und das unerschütterliche Vertrauen in göttliche Wahrheiten- kurz: die Freude an heiligen Dingen?

Und wie kommt es, dass ich zunehmend unsere Kirchen und Gemeinden als Gruppen wahrnehme, in welchen die meisten diese Freude nicht teilen? Zu oft habe ich den Eindruck, unsere Gemeinden bestehen aus Menschen, denen der Glaube an Gott ebenfalls nur als vernünftig erscheint, christian correctness sozusagen, und deren Engagement ebenfalls vernünftig ist, weil sozial verträglich oder nächstenliebend, deren Herz aber seltsam unbeteiligt wirkt, wenn es um das Verkosten heiliger Dinge geht. Dies sieht man an ihrer Ratlosigkeit bzgl. geistlicher Themen, ihrer Priorisierung in Familie und Alltag (Zeit und Geld) und der Erfahrungslosigkeit in geistlichen Übungen, ihrer Menschenfurcht und der Kraftlosigkeit des Glaubens in Krisenzeiten oder auch an einem enormen (weltlichen) Sicherheitsbedürfnis. Gleichzeitig nehme ich bei anderen Christen eine starke Frontenbildung wahr, Lieblosigkeit und Stolz gegenüber Gläubigen anderer Denominationen.

Mich treibt die Frage um: Warum ist Kirche so kraftlos geworden? Warum erstarrt sie entweder in Traditionalismus oder sozialem Gutmenschentum oder wetteifert im Popmainstream christlicher Anpassung um die Gunst der Best Ager nach Konzepten aus Übersee? Warum stehen Formen und Konzepte bei Freikirchen hoch im Kurs und sind Landeskirchen theologisch unscharf? Warum erwachen jedoch in allen Glaubensrichtungen gleichzeitig Legionen hungriger Manchen, fangen an zu beten und zu fasten, zu lehren und zu evangelisieren? Warum erstarkt ein neuer ökumenischer Gedanke– und zwar „von unten“ und nicht von den Politgremien der Kirchen verordnet?

Ich werde das Gefühl nicht los, dass es etwas mit dem Frühling des inneren Lebens dieser Menschen zu tun hat, der wiederum Anderen noch fehlt. Hierfür suche ich nach Antworten und ich meine sie in Jonathan Edwards (1703-1758, Pastor in Neuengland und zentrale Figur der amerikanischen Erweckungsbewegung) gefunden zu haben. In seinem Buch Religious Affections (dt. „Sind religiöse Gefühle zuverlässige Anzeichen für wahren Glauben?“) von 1746 reflektiert er die Erweckungserlebnisse der 1730er Jahre und bewertet sie hinsichtlich ihrer Beweisgültigkeit für eine Echtheit des Glaubens (1). Vieles von dem, was ich Edwards Buch gelesen habe, habe ich so oder ähnlich bei mir selbst und bei Anderen beobachtet und selten so viel in einem Buch markiert, angestrichen und notiert. In anderen Worten: It´s my story! Deswegen möchte ich im Folgenden eine Zusammenfassung der wichtigen Leitideen aus Edwards Schrift geben um anschließend auf mögliche Folgen für unsere Gemeinden zu schließen.      

In einer früheren Schrift The Distinguish Marks of a Work of the Spirit of God (1741) konstatiert Edwards fünf Eigenschaften einer authentischen Erweckung (S. 17):
(a) Christus wird verkündigt
(b) das Reich des Bösen wird angegriffen
(c) die Schrift wird geehrt
(d) gute Lehre wird gefördert
(e) die Liebe zu Gott und den Menschen nimmt zu.

Erweckte Menschen sind demnach welche, die bleibend ein neues Prinzip in ihrer Person und ihrem Charakter verinnerlicht haben. Dieses Prinzip hat Auswirkungen auf ihr Leben und ihre Frömmigkeit. Edwards Kernthema ist die These, wahre Religiosität (=Glaube) bestehe zu einem großen Teil aus heiligen Empfindungen (=Gefühlen) und hier v.a. aus den Gefühlen Liebe, Verlangen, Hoffnung, Freude, Dankbarkeit und Zufriedenheit aber auch die Furcht vor Gott und der Hass gegen das Böse. Er bekräftigt. „Wer nur lehrmäßige Kenntnis und theoretisches Wissen hat, ohne Empfindungen, hat sich niemals auf die Tugend des Glaubens eingelassen. […] Viele hören oft das Wort Gottes und kennen es. Doch es wird völlig unwirksam bleiben und ihr Verhalten oder ihren Charakter nicht verändern, wenn sie nicht durch das innerlich berührt werden, was sie hören. […] Niemals wurde das Leben von jemandem in bedeutender Weise verändert, wenn das Herz nicht zutiefst berührt wurde.“ (S. 47f) Hervorstechender Ausdruck dieser Gefühle sind beständiger Hunger und Durst nach Gott sowie eine fortschreitende Sehnsucht nach göttlichen Dingen. Kritikern eines „Zuviels“ religiöser Gefühle begegnet Edwards, indem er davon ausgeht, dass Christen ohne diese Empfindungen geistlich tot seien, da die Wirkungen des Heiligen Geistes immer „mächtig und belebend“ (S. 65) seien sowie das Herz anrühren. Wer religiöse Gefühle abwertet, verhärte in Wahrheit die Herzen der Menschen, „ermutige sie zur Torheit“ und habe sie in Wahrheit vermutlich nie gehabt. (ebd.) Stattdessen schlägt Edwards vor, geistliche Bücher, Predigten und Liturgien zu fördern, welche die Anbetung Gottes stärken, weil davon (!) der Gläubige zur vollkommenen Freude geführt wird und seinen Lebenssinn erfüllt. Hier orientiert sich Edwards am Westminster Katechismus (1647), der das höchste Ziel des Menschen so definiert: „Gott [zu] verherrlichen und sich für immer an ihm zu freuen.“ (2)

Im weiteren Verlauf stellt Edwards Kennzeichen „unechter“ Gefühle denen „echter“ Gefühle entgegen und betont, dass wahrhaftige Gefühle stets aus einer Tiefenerfahrung mit Gott erwachsen, sei es durch Leid oder auch durch zeitintensives Studium, Beten, Singen und Hören von Predigten sowie der öffentlichen und gemeinsamen Anbetung (S. 95f). Kernpunkt von Edwards Aussagen über Erweckung sind jedoch die Ausführungen über die Freude der Gläubigen an Heiligkeit, die er als eine persönliche Auffassung bzw. Konstitution beschreibt, die den „Sinn heiligt“. Es ist eine neue Art des Denkens und des Bewusstseins (S. 120). Der Gläubige erkennt die Lieblichkeit Gottes und hat seine ungetrübte Freude an ihm. Insofern ist der wesentliche Gegenstand der Gefühle des Gläubigen stets die Herrlichkeit Gottes um seiner selbst willen und der Gläubige fokussiert sein gesamtes Verhalten auf die „süße Betrachtung der Schönheit der göttlichen Dinge“ (S. 136), von denen er „nie sein Auge abwenden möchte“ (S. 138). Dabei entwickelt der Gläubige einen regelrechten geistlichen Appetit und Geschmack- fehlt dieser, so darf die Echtheit des Glaubens grundsätzlich angezweifelt werden. Als Schlüssel für diese „Geschmacksveränderung“ gilt für Edwards die immer zunehmender Erkenntnis Gottes, welche die Herzen öffnet und Empfindungen vergrößert. An dieser Erkenntnis Gottes, die übrigens nicht zu verwechseln ist mit einer lehrmäßigen Erkenntnis, lassen sich wiederum alle Empfindungen prüfen. Er spricht in diesem Zusammenhang von einer „Disposition des Herzens“ (S. 156), die zu gewohnheitsmäßigen Handlungen führt und die in den Gläubigen eine starke Überzeugung wach hält, dass es noch viel mehr von Gott zu erkennen gibt.
Am deutlichsten werden die Gefühle jedoch aufgrund der Charakterveränderung, welche im Gläubigen gemäß dieser Disposition vonstatten geht. Fehlt diese, kann ebenso die Echtheit des Glaubens in Frage gestellt werden (s.o.), hinterlassen sie doch einen „blühenden Duft“ und ein starkes Verlangen nach einem heiligem Leben. Sie fördern einen Geist der Liebe, Sanftmut, Ruhe, Vergebung und Barmherzigkeit wie er in Christus ist. 

Ein besonderes Augenmerk legt Edwards auf das Verlangen eines Gläubigen, die Abgeschiedenheit und das stille Gebet zu suchen, mit deren Hilfe er sein Herz fest zu machen und seine Gefühle auf Christus auszurichten sucht. Ohne die Gemeinschaft der Gläubigen in Abrede zu stellen (z.B. S. 210): für Edwards steht und fällt geistliches Wachstum mit dem Willen zur Einsamkeit mit Gott. Ich finde das bemerkenswert, als da viele Christen genau damit heute ein ernstes Problem haben. In seinen Augen erkennt man einen Christen an seinem Verlangen nach geistlicher Befriedigung, die in dem Maße wächst, in welchem der Gläubige den Genuss in Christus erfährt- ähnlich der Beschreibung eines Christian Hedonists in den Darlegungen John Pipers (3). Dieses heilige Leben füllt den Gläubigen so sehr aus, dass er ihm gerne die höchste Priorität in seinem Alltag einräumt. Hierbei werden wie von selbst Sünden überwunden, Lüste und Verlangen bezwungen und Schwierigkeiten und Widerstände gemeistert. „Es gibt eine Liebe zur Heiligkeit um ihrer selbst willen, die Menschen dazu bringt, Heiligkeit zu leben.“ (S. 218)

Abschließend bekräftigt Edwards, dass sich jeder wahre Glaube in Taten und Leben beweisen muss., ohne dass jedoch Taten und Leben an sich Belege eines wahren Glaubens wären. Hier wendet er sich entschieden gegen ein „easy believism“ auf der einen Seite und gegen reinen Aktivismus auf der anderen Seite. 

Fazit:
Religious Affections  ist m.E. ein Buch, das Antworten gibt auf die Fragen nach einer kraftlosen Kirche, so unbequem sie auch sein mögen. Diese lauten für mich:

  1. Christen sind zu sehr mit sich selbst beschäftigt. Dies äußert sich z.B. in der nie enden wollenden Debatte um ein Zuviel oder Zuwenig an Gefühlen oder erschöpft sich ein theologischen Grabenkämpfen zur Gewinnung von Deutungshoheiten der Rechtgläubigen.
  2. Es gibt (leider) noch viel zu wenig erweckte Christen in den Gemeinden, die einen geistlichen Geschmack und Appetit entwickelt haben. Ich zitiere das vielfach angeführte Wort von Karl Rahner: „Der Gläubige von morgen wird ein Mystiker sein oder er wird überhaupt nicht mehr sein.“ (4)  Grund hierfür ist
  3. zu wenig Lehre über die unerschöpfliche und faszinierende Heiligkeit Gottes. Denn nur wer fasziniert ist, wird sein Leben nachhaltig verändern. Und
  4. zu wenig Motivation und Anleitung zu einem Lebensstil des Gebets. Nur wer einmal geschmeckt hat, bekommt wieder Hunger. Hier fehlt es jedoch an Kompetenzen.

Zu sehr sind unsere wohl organisierten Gemeinden mit ihren vollen Programmkalendern und den angesagten Gemeindewachstumskonzepten eine Wohlfühloase für postmoderne Kunden geworden, die für sich lehren, beten und glauben lassen.Wozu denn selbst lehren, beten und glauben, wenn man dies fein an bezahlte Profis delegieren kann? Und so herrscht in unseren Gemeinden kein Reizklima mehrt- ein Klima, das zu persönlichem Wachstum anreizen würde. Predigtappelle im monatlichen Turnus genügen hier nicht mehr und Kleingruppen werden gern allzu häufig als sozialer Treffpunkt fehlinterpretiert. Auch hier fehlen Kompetenzen. Hier muss dringend nachgebessert werden und zwar in Form eines „learning by doings“. Gläubige Menschen müssen an die Hand genommen werden, um die Erfahrungen des Glaubens im Alltag zu machen. Und das setzt voraus, dass sie beten können und Bibellesen. Und das wiederum setzt voraus, dass unsere Leiter Beter und Bibelleser sind, Menschen, die selbst die Gegenwart Gottes kennen und Gefallen an seiner Heiligkeit gefunden haben. Menschen mit einem reichen inneren Leben. Nur solche Menschen können andere dorthin führen wo sie selbst gewesen sind. 

Hohe Anforderungen oder einfache Basics? Darüber wird an anderer Stelle zu reden sein. Einstweilen halte ich fest: Ich bin fasziniert davon, wie Gemeindeanalyse geht mit einer 250 Jahre alten Schrift. Weit gefehlt zu denken, heute sei alles anders oder besser oder schlechter. Jonathan Edwards Worte treffen mich mitten ins Herz und viele Gemeinden ins Mark. Glücklich ist, wer diese Worte nicht als gestrig verwirft, sondern seine Lehre daraus ziehen kann. Ich für meinen Teil möchte jemand sein, der den „Mund weit genug geöffnet hat“ um geistliche Gaben zu empfangen. Denn es geht um nichts Geringeres als die Empfindungen.

(1) im Folgenden nur noch Affections genannt. Die Zitate und Angaben beziehen sich auf die deutsche Ausgabe des 3L Verlags, Waldems 2012

(2) zitiert nach: MBS Texte 61: Der kürzere Westminster Katechismus von 1647, Martin Bucer Seminar, 2005, https://www.bucer.org/fileadmin/_migrated/tx_org/mbstexte061.pdf

(3) https://www.desiringgod.org/articles/christian-hedonism

(4) zitiert nach Jürgen Werbick: Zukunftsgestalten  des Christseins, Münster (https://www.uni-muenster.de/imperia/md/content/fb2/c-systematischetheologie/fundamentaltheologie/materialien/studientag_oppeln_werbick-zukunftsgestalten.pdf)

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Dieser Blog-Beitrag von Frank Laffin erschien zuerst auf Glaubensschritte . Lies hier den Original-Artikel "Die Schönheit der Heiligkeit Gottes".

One thought on “Die Schönheit der Heiligkeit Gottes

  1. Erfahrungslosigkeit und Kraftlosigkeit des Glaubens sowie weltliches Sicherheitsbedürfnis, ist ein Leben ohne Zerbruch; ein auf sich selbst vertrauen, und das unmögliche, Gott nicht zuzutrauen. Der Mensch steht noch immer unter seiner eigenen Regie.
    Zerbruch ist schmerzhaft, aber danach heilsame Erneuerung des denkens, und neues Vertrauen auf Gott, nicht mehr meine eigene Kraft rettet mich, sondern das ausgeliefert sein, schafft Vertrauen zum Vater. Loslassen in Kriesenzeiten, um Gott zu ehren, ich darf lernen zu sein, wie ich bin, muß mich nicht verstellen, Gott selbst wird mich schützen vor dem Leben, ich muß endlich einwilligen.
    Die Kirche ist so kraftlos geworden weil sie die Stimme Gottes nicht mehr hören, ihre eigenen Stimmen sind zu laut geworden.
    ,Sehnsucht nach göttlichen Dingen,“ werden von vornherein unterdrückt durch andere Christen, denn Gefühle lassen sich nicht kontrollieren, das macht anderen angst.
    Gott hat jeden Menschen in seiner Einzigartigkeit erschaffen, laßt uns das auch bitte leben.

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