Tief verinnerlichte säkulare Denk-Bahnungen

Zunächst war ich einen Moment irritiert, als Timothy Keller sein neues Buch „Making Sense of God“ (2016) als inhaltlichen Vorläufer zu „Warum Gott?“ ankündigte. Inhaltlich gebe ich ihm jedoch Recht. In einem zunehmend härteren säkularen Umfeld scheint schon die Frage nach Gott unnötig und deshalb gesucht. Keller unternimmt (erfolgreich) den Versuch, die Aktualität des christlichen Glaubens für die Grundfragen des säkular denkenden und handelnden Menschen aufzuzeigen. Wobei mit „säkular“ gemeint ist, dass unser Dasein immanent erklärt und mittels wissenschaftlicher Methoden bewiesen werden kann. „Die Wissenschaft“ als Abstraktum dient als Hoffnungsträger. Lebenssinn und Richtung findet der Mensch in ökonomischem Wohlstand, materiellem Komfort und emotionaler Erfüllung.

Es geht also darum, Sprachfähigkeit für die christliche Weltanschauung zu gewinnen, welche durch den säkularen Plausibilitätstest von vornherein ausgeschlossen wird. Dies kann deshalb erst dann erfolgen, wenn der christliche Glaube und die säkulare Sicht auf Welt und Leben als zwei Glaubenssysteme nebeneinander gestellt und miteinander verglichen werden können. Ansonsten erhält das Christentum – aus der Brille des Säkularismus – den Stempel „Märchen“, für dessen Übernahme zunächst ein „Glaubenssprung“ (leap of faith) gewagt werden muss. Exklusive Rationalität besteht aus dem Glauben, dass Wissenschaft der einzige Schiedsrichter für alles Existierende darstellt und wir nichts glauben sollten, was nicht empirisch beobachtbar ist. Allerdings kann dieses Argument selbst nicht bewiesen werden. Jede solche Überlegung basiert auf vorangehenden Glaubenssätzen (faith commiments), die nicht diesem Test unterzogen werden können. Die Basis der wissenschaftlichen Methodologie kann demnach nicht beweisen oder wiederlegen, was ausserhalb der materiellen Welt liegt.

Da die säkulare Weltsicht im Westen als dominanter Sichtweise keiner Plausibilitätsprüfung unterliegt, sondern vorausgesetzt wird, unterliegt sie selten einer fundamentalen Prüfung. Eine Vorannahme ist zumindest widerlegt, nämlich dass der Säkularismus sich weltweit durchsetzen werde. Die Erwartungen des ausgehenden 19. Jahrhunderts, dass die Welt friedlicher werde ohne die Religion, haben sich durch das blutigste Jahrhundert zerschlagen. Führende Religionssoziologen sind sich einig, dass die Welt des 21. Jahrhunderts immer religiöser wird – abgesehen von einigen „säkularen Glocken“ in Europa, Amerika und weiteren urbanen Zonen. Der Islam und das Christentum legen weltweit zu. (Und in stark säkularisierten Gebieten haben die Menschen weniger Nachkommen.)

Manche „Bekehrungsgeschichten“ vom Christentum hin zum Säkularismus hören sich so an, als ob irrationaler Aberglaube verabschiedet und der Durchbruch zu einem „vernünftigen“ (rationalen) Leben geschafft sei. Wer jedoch den Säkularismus als eigenes Glaubenssystem wahrnimmt, merkt: Beide gehen von ersten, nicht beweisbaren Denkvoraussetzungen aus. Beide vollbringen Glaubenswagnisse. Christen gehen dieses Wagnis nicht nur ein, weil es sich besser anfühlt, sondern weil es ihrer Erfahrung und der Wahrnehmung der Wirklichkeit entspricht. Es gilt nun, die dahinter liegenden Narrative zu erkunden. Keller präsentiert fünf Beispiele (S. 38-40):

  1. Es gibt moralisch hochstehende, glückliche Atheisten. Dahinter liegende Denkvoraussetzung: Der Zweifel basiert auf dem impliziten Glaubenssatz, dass religiöse Menschen wegen ihrer Güte und Moralität gerettet würden.
  2. Jemand erlebt, dass Christen grosses Leid widerfährt. Dahinter liegende Denkvoraussetzung: Es kann nicht sein, dass ein liebender Gott Leid zulässt. Also kann es keinen Gott geben. (Damit wird die eigene Denkvoraussetzung absolut gesetzt.)
  3. Innerhalb von christlichen Gemeinschaften gibt es Heuchelei und Arroganz. Die dahinter liegende Denkvoraussetzung ist dem christlichen Glauben selbst entliehen! Denn wer wird in einer moralisch relativistischen Welt etwas gegen Heuchelei haben?
  4. Ein liebender Gott kann unmöglich einen Menschen in die Hölle schicken. Die dahinter liegende Denkvoraussetzung ist zwar für einen Westler schlüssig. Für einen Chinesen ist dies nicht nur vorstellbar, sondern höchst plausibel, ebenso für einen Menschen aus dem Mittleren Osten.
  5. Es gibt zahlreiche Widersprüche in der Bibel. Dahinter liegende Denkvoraussetzung: Christen weichen diesen durch einen naiven Glauben aus.

Wer vom religiösen Leben Abschied nimmt, wechselt demnach sein Glaubenssystem. Der Zweifel weist indirekt darauf hin, dass das andere System plausibler erscheint. Jeder Zweifel weist also in der Umkehr auf eine Überzeugung hin, die nicht bezweifelt wird. In der neuen „Glaubensgemeinschaft“ des Säkularismus werden die Linien zwischen Rechtgläubigkeit und Irrglaube einfach neu gezogen. Keller geht der Reihe nach den Erklärungen für verschiedene Grundfragen nach, auf welche beide Glaubenssysteme eine Antwort bieten (müssen).

Er beginnt mit der Frage nach dem Leid, die für den Menschen des 21. Jahrhunderts eine der drängendsten Fragen in der Plausibilitätsprüfung darstellt. Das hängt mit dem Glauben in die eigenen intellektuellen Fähigkeiten zusammen. Früher nahmen die Menschen nicht an, dass sie genügend weise seien, um die Anordnungen eines unendlichen Gottes in Frage zu stellen. Da die säkularen Vorstellungen immanent bleiben (es gibt keine Vorstellungen, die über das Leben selbst hinausgehen), muss das Leid rein innerweltlich verortet werden. Das erklärt die tiefe, von vielen Denkern wahrgenommene Sinnkrise der Gegenwart. Letztlich ist aus einer rein immanenten Perspektive alles, was wir tun, irrelevant. Es muss verhindert werden, dass der Mensch nach der übergeordneten Sichtweise fragt (was er jedoch unaufhörlich tut). Demnach erscheint eine immanente Sicht auf das Leid als weniger rational als eine transzendente! Das dünne Eis wird von einem temporären, brüchigen Frieden, bestehend aus endlosen Ablenkungen, aufrechterhalten. Das macht säkular denkende Menschen in extremem Mass von der Konsumwelt abhängig.

Die nächste Frage: Was schafft wirkliche Befriedigung? Psychologen weisen darauf hin, dass wir sogar und gerade im Erfolg unglücklich sind, weil wir das Glück vom Erfolg abhängig machen. Unsere Ansprüche an die Zufriedenheit sind gestiegen: Sie muss länger anhaltend sein und tiefer gehen. Wenn wir uns jedoch der Lebensillusionen entledigen, schwindet dieses Glück sofort dahin. (Dieses Dämmern sehe ich als Grund für das Phänomen der „Mid-Life-Crisis“.) Augustinus stellte die These auf, dass wir durch das geprägt werden, was wir am meisten lieben. Was wir am meisten begehren, das kontrolliert uns und unsere Erwartungen. Aus christlicher Weltsicht heisst das: Alles, was wir mehr lieben als Gott, wird uns schaden. Es geht jedoch nicht darum, uns von Beziehungen und Material abzukoppeln (was den Lebenssinn sofort kappt), sondern Gott mehr als alles andere zu lieben. Das führt zu wahrer Zufriedenheit.

Drittes Thema ist die Freiheit. Der säkulare Freiheitsbegriff ist von der Befreiung jeglicher Einschränkung geprägt. Nichts und niemand sollen einen Anspruch auf unser Leben haben. Das Individuum allein bestimmt, was er oder sie im Moment als wert erachtet. Deshalb werden Bindungen in der Familie und an der Arbeit plötzlich durchtrennt und neue eingegangen. Der Freiheitsbegriff ist jedoch ebenfalls eine Illusion: Jede Entscheidung für ein Gut ist gleichzeitig die Abkehr von einem anderen. Keller bringt das Beispiel eines älteren Mannes, der sehr gerne isst und seine Enkel besucht. Sein Übergewicht lässt seine Fähigkeit zur Betreuung der Enkel schwinden. Was nur schon für die einzelne Person unmöglich ist, potenziert sich in Beziehungen! Wenn beide die maximale Erwartung an den Freiraum stellen, erweisen sie sich als äusserst brüchig. Freiheit resultiert aus der strategischen Entscheidung der einen gegen andere Güter. Liebe und Autonomie sind Gegensätze. Liebe besteht gerade in Verpflichtung und Hingabe.

Es geht weiter mit dem Selbst. Ein Mensch ist gemäss säkularem Leitsatz verpflichtet an sich selbst Mass zu nehmen und sich an seinem Inneren auszurichten. Der Selbstwert bemisst sich am Gelingen dieses Unternehmens. Das hat zur Folge, dass wir an uns selbst immens hohe Erwartungen stellen, sei es in Beziehungen oder in der Arbeit. Der Erfolg hängt direkt mit unseren eigenen Vorstellungen zusammen. In der Vergangenheit war ein Mensch innerhalb eines grösseren Ganzen (Dorf, Kirche) eingebettet und diente diesem Kollektiv in einer weitgehend vorgegebenen Aufgabe. Die ständige Neuerfindung des Selbst hat enormen Stress zur Folge, da das Innere eine höchst unbeständige Grösse zur Orientierung darstellt. Die Gemeinschaften mutierten zu Lebensstil-Kooperativen und sozialen Netzwerken.

Damit zusammen hängt die Frage der Identität. Die christliche Identität ist keine selbst zu erreichende, die einer ständigen Neu-Definition unterliegt. Sie ist eine von aussen vergebene! Wir werden erlöst von der unendlich schweren Bürde die letzte Quelle unseres Selbst und unserer Identität sein zu müssen. Durch die Unterordnung unter den persönlich-unendlichen Gott, der uns geschaffen hat, wird unser Tun nicht mehr zur letzten Quelle unserer Befriedigung. (Die Bibel nennt letzteres Götzendienst.) Unser wahres Selbst besteht aus dem, was wir vor Gott sind. Es kommt noch krasser: Wir können von uns aus gar nicht vor Ihm bestehen. Wir finden unsere wahre Identität nur in dem, der uns vertritt und stellvertretend die Strafe für unsere Schuld getragen hat: Jesus. Die Aufgabe der Freiheits-Illusion und die demütige Einordnung bringt erst die wahre Befreiung. Der eigene Wert ist nicht mehr an die eigene Leistung gekoppelt.

Worin besteht die Hoffnung des Säkularen? Er kann sich, bedingt durch die Suche im Hier und Jetzt, um die Besserung der Rahmenbedingungen bemühen. Bei vielen Menschen stellt sich nach einer anfänglich hedonistischen Phase eine zweite mit einem Helfer-Reflex ein. Eine Hoffnung über den Tod hinaus gibt es nicht. Die Neudefinition des Todes als eine „natürliche“ Angelegenheit bewirkt einen permanenten Verdrängungseffekt. Ein Jenseits nach dem Tode kann nicht wissenschaftlich bewiesen werden. Das ist ein Hauptglaubenswagnis des säkularen Menschen. Der Tod wird zur Falle, denn wir sind ursprünglich nicht dafür gemacht worden. Die Preisgabe der Hoffnung lässt den Opfergeist schwinden.

Nun zur Moral. Eigentlich gibt es diese gar nicht. Im Kopf hält der säkulare Mensch am Glaubenssatz fest, dass jegliche Moralvorstellung am eigenen Selbst ausgerichtet wird und es darum nur ein Richtig und Falsch für sich selbst gebe. Es gibt keine Quelle für die Moral ausserhalb der eigenen Person. Trotzdem ist unsere Zeit mit hohen Moralvorstellungen bezüglich menschlicher Solidarität und Wohltätigkeit verbunden. Das erhöht die Spannung zwischen Anspruch und Wirklichkeit. Wir sind die Richter der eigenen Moral; gleichzeitig dürfen wir sie von keinem anderen verlangen. Man stelle sich einen Gefangenen vor, der gefoltert wird. Er hätte keine Handhabe gegen den Peiniger, weil es für diesen ja im Moment passt, ihn zu quälen. Einmal mehr löst sich ein Postulat in einem westlichen Ideal auf. Wir fällen am laufenden Band Urteile und zeigen dadurch, dass wir moralische Absolutisten sind. Nach dem säkularen Leitsatz müssten wir die „sollte“-Formulierungen abschaffen.

Noch ein Thema: Gerechtigkeit. Der Postmodernismus hat nicht nur Gleichberechtigung geführt, sondern zu einer neuen internationalen Grabenbildung. Mit welchem Anspruch kann der Westen z. B. die Vorstellungen von Menschenrechten einfordern? Höchstens mit dem Anspruch: „Seht ihr denn nicht, dass dies (für mich) richtig ist?“ In sich trägt das den Überlegenheits-Anspruch. Zudem haben Ungeborene und alte Menschen kaum diesen Schutz durch gleiche Rechte! Eine kleine Elite bildet neue, exklusive Ansprüche und hat damit in der Ablehnung eines Meta-Narrativs eine eigene Erzählung geschaffen. Ein Beispiel aus der Kunst: Wenn kein Anspruch an Ästhetik gestellt werden kann, dann ist Geld das einzige und letzte Kriterium. Damit ist einmal mehr die Anfälligkeit zum Konsum-Lebensstil aufgezeigt.

Dieser Durchgang zeigte mir vor allem eines auf: Wir haben die säkularen „Denk-Bahnungen“ tief verinnerlicht. Wir sind es uns gewohnt, uns an uns selbst zu orientieren. Wir laden uns mit den eigenen Erfolgserwartungen auf. Damit überfrachten wir unsere Beziehungen und zerstören sie. Mit dem Vorwand des Fehlens von moralischen Absoluta drücken wir unseren eigenen Willen durch. Es ist Zeit, für uns selbst die christliche Weltsicht durchzubuchstabieren. Zweifel sind hilfreiche Hinweisschilder auf Zonen, die wir einer engeren Überprüfung unterziehen sollten. Nach dieser Aufgabe steht gleich die nächste an: Anhand dieser sensiblen Themen unsere säkularen Nachbarn zum liebevollen Gespräch und geduldigen Vergleichen einzuladen.

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About Hanniel Strebel (PhD)

Hanniel Strebel, * 1975, Betriebswirt & Theologe, glücklich verheiratet, fünf Söhne, Blogger - Autor - Selbstlerner

2 thoughts on “Tief verinnerlichte säkulare Denk-Bahnungen

  1. Sprachfähigkeit für die christliche Weltanschauung gewinnen, das ist auch meine Meinung, denn die Sinnfindung in der säkularen Weltanschauung wurde lange unterschätzt, weil Christen sich ihres Glaubens so sicher waren, das sie sich mit anderen Sichtweisen gar nicht beschäftigt haben, ( worin schon eine gewisse Aroganz liegt), aber jetzt, wo der ,,säkulare Glaube“ unaufhaltsam zugenommen hat und sprachfähig geworden ist, fehlen vielen Christen die Argumente, ihren glauben an Gott verständlich und sprachfähig zu bezeugen, denn zu lange ist man ,,Zweifeln“ aus dem Weg gegangen, auch das ist ein Grund, warum die Gefahr heute aus den eigenen Reihen kommt.
    Erst wenn jemand auch sein Gegenüber, in seiner Denkweise ernst nimmt, kann ein Blick auf den Christlichen Glauben gewagt werden, wo das nicht geschieht entsteht nur eine Verteidigungsposition beider Seiten.
    Der Bedarf an Antworten ist gross; wie der Mensch ist, nicht wie er sein soll, und was aus ihm geworden ist. Der ganze Mensch wurde neu ausgerichtet, (und wird es immer noch) in seiner Gedanken und Gefühlswelt, und damit ist er einer grossen Verunsicherung preisgegeben, weil er im inneren keinen festen Anker verspürt, darum ist er dem Zeitgeist ausgeliefert, und muss wählen, auch wenn in ihm eine tiefe Irration zu Grunde liegt.
    Denn der Mensch kann sich nicht spalten, er ist der Gesetzmässigkeit des Schöpfers unterlegen. Wen er versucht dem zu entrinnen oder zu überlagern, entsteht eine immer grössere Unstimmigkeit in ihm, wir sind geschaffen um Gott zu lieben, darin findet sich das Lebensglück.

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