Jubilate! Endlich…

Endlich… diskutieren wir wieder mit offener Bibel!

Es ist immer wieder das Gleiche: Jeder geistliche Aufbruch wird begleitet von großen Diskussionen um die Heilige Schrift. Das sehen wir schon in der Bibel selbst: Die Erneuerungsbewegung unter König Josia begann damit, dass die Schrift wiederentdeckt und intensiv gelesen wurde (2. Könige 22). Jesus liebte es von Jugend auf, mit den Schriftgelehrten über die Schrift zu diskutieren (Lukas 12, 46-47). In seinen Auseinandersetzungen sagte er immer wieder: „Habt ihr nicht gelesen?“ Selbst dem Teufel trat er entgegen mit den Worten: „Es steht geschrieben…“ Und auch bei seinem heißen Konflikt im Tempel stellte er ein Schriftwort in den Mittelpunkt: „Es steht geschrieben (Jesaja 56,7): »Mein Haus soll ein Bethaus heißen«.“

Die Bekämpfung und Widerlegung von Fehlentwicklungen auf Basis der Schrift war in den apostolischen Briefen des Neuen Testaments ein wichtiges und immer wiederkehrendes Thema. Nicht anders war es in den großen geistlichen Aufbrüchen der Kirchengeschichte. Unsere kostbaren kirchlichen Bekenntnisse waren Ergebnisse von intensivem Ringen um die biblische Wahrheit. Am deutlichsten sehen wir das wohl in der Reformation, in der das Prinzip „Allein die Schrift“ im Mittelpunkt stand. Luther wollte, dass die Schrift regiert! Nur auf ihrer Basis konnte verbindlich theologisch argumentiert werden. Das entthronte all diejenigen, die ihre theologische Autorität primär aus ihrem Amt oder ihrem Herrschaftswissen bezogen. Vollends zur Revolution wurde die Reformation deshalb, als sie die Bibel dem einfachen Volk in die Hand gab, dem Bauer im Schwarzwald und dem Handwerker auf der schwäbischen Alb.

Ohne Frage: Die Menschen haben auch viel Unsinn mit der Bibel angestellt. Und doch ist unter dem Strich ungeheuer viel Frucht daraus entstanden. Ein wunderbares Beispiel dafür ist die pietistische Erweckungsbewegung. Die Pietisten setzten durch, dass Laien die Bibel nicht nur lesen sondern auch öffentlich auslegen dürfen. Vielen Mächtigen hat das gar nicht gepasst. Aber bis heute profitiert mein Schwabenland vom Wirken der mutigen pietistischen Prediger und ihrer Liebe zur Heiligen Schrift. Vor einigen Jahren durfte ich in meiner evangelischen Gemeinde selbst eine kleine Erweckung miterleben. Noch heute sehe ich vor mir, wie wir die Bibel offen vor uns liegen und uns darüber die Köpfe heiß geredet hatten. Es war eine wundervolle, fruchtbare Zeit.

Deshalb bin ich begeistert, wenn ich sehe, dass es wieder losgeht: Diskussionen und Auseinandersetzungen, die mit geöffneter Bibel geführt werden! Gespräche, in denen nicht primär gefragt wird: Welches Konzept, welche Strategie und welche theologische Mode kann uns retten? Sondern vielmehr: Was sagt die Schrift? Was haben die Apostel und Propheten wirklich ins Stammbuch der Kirche geschrieben? Welche Auslegung erweist sich als schriftgemäß und fruchtbar für das Leben der Christen und für das Gedeihen der Kirche?

Machen wir uns nichts vor: Dieses Ringen um die biblische Botschaft ist nicht immer angenehm. Ich lese viel lieber, wie Jesus die Kinder segnet statt wie er die Händler im Tempel auspeitscht. Ich lese bei Paulus lieber sein Hohelied der Liebe statt seinen „Fluch“ über die Verbreiter eines falschen Evangeliums (Galater 1, 8). Es schmerzt mich, welch hohen Preis viele Menschen in der Kirchengeschichte dafür bezahlt haben, öffentlich für ihre Schrifterkenntnis einzustehen. Für Martin Luther war es lebensgefährlich. Zahllose andere haben mit tatsächlich mit Unterdrückung, Vertreibung und ihrem Leben dafür bezahlt.

Dröhnendes Schweigen

Traurig ist, dass wir diese Schriftdiskussionen deshalb so oft meiden. Bei zentralen theologischen Fragen vernehme ich weit überwiegend dröhnendes Schweigen in meiner Kirche. Schon klar: Wir Christen sollen Friedensstifter sein. Dazu scheint das theologische Diskutieren und Kritisieren nicht zu passen. Aber dürfen wir unser Schweigen wirklich so geistlich verklären? In der Bibel war das Friedenstiften und das unruhestiftende Einstehen für die Wahrheit nie ein Gegensatz. Ich fürchte deshalb, dass es oft gar nicht an unserer Friedensliebe liegt, dass es so wenig Dispute und Diskussionen in der Kirche gibt. An mir selbst beobachte ich, dass das auch ganz viel mit Menschenfurcht zu tun hat. Und nur so kann ich mir erklären, warum in meiner Kirche Kritik an der Bibel zwar kräftig betrieben, Kritik an Auslegern der Bibel aber weitestgehend vermieden wird.

Eine überraschende Wendung

Im letzten Jahr ist etwas völlig überraschendes in meinem Leben passiert. Ich dachte immer, mein Fokus würde dauerhaft auf Lobpreis, Lehre, dem AiGG-Glaubenskurs und Gebet liegen. Doch plötzlich finde ich mich inmitten von heißen Debatten über die Bibel wieder. Zuerst diese Einladung zum christlichen Podcast Hossa-Talk, dann die Diskussion mit Prof. Dietz in idea. Zuletzt haben die 3 Frontleute von Hossa-Talk zusammen mit dem emeritierten Theologieprofessor Siegfried Zimmer geschlagene 2 Stunden speziell über mich und meine Thesen gesprochen. Unglaublich!

Klar, das ist nicht nur angenehm. In den Nächten nach der Veröffentlichung dieses Zimmer-Hossa-Talks war mein Schlaf nicht ganz so gut wie sonst. Aber je länger ich darüber bete und nachdenke glaube ich, dass diese Diskussionen wirklich ein Grund sind zu sagen: Jubilate! Jauchzt und jubelt! Denn Debatten dieser Art haben jeden geistlichen Aufbruch begleitet. Und so wird es auch beim kommenden geistlichen Aufbruch sein. Und was braucht unser Land dringender als einen neuen, tiefgreifenden geistlichen Aufbruch?

Endlich… reden wir über die Dinge, die wirklich wichtig sind: Bibelverständnis, Christus, Kreuz und Auferstehung!

Kultur, Soziologie, Politik, Umwelt, Säkularisierung, interreligiöser Dialog: So viele Themen, die meine Kirche beschäftigt, finde ich auffallend selten in der Bibel. Selbst die ethischen Fragen, an denen sich der Streit unter Christen oft entzündet, sind der Bibel zwar durchaus wichtig – aber sie stehen nicht im Mittelpunkt. Im Zentrum der Bibel steht vielmehr: Christus, das Kreuz und die Auferstehung. Und die einzige Informationsquelle über diese Themen ist die Bibel selbst. Die Frage nach dem Bibelverständnis ist deshalb ebenso grundlegend.

Ich bin ehrlich überzeugt: So wichtig Fragen nach Strukturen, Gottesdienstkultur oder Ethik sind, so sehr ich für Fortschritte bei Digitalisierung und christlichem Engagement in der Politik bin – die Zukunft der Kirche wird sich daran nicht entscheiden. Aber bei Bibelverständnis, Christologie, Kreuzesverständnis und Auferstehung geht es um das Innerste vom Inneren der Kirche. HIER liegt das Herz des Evangeliums. Gute Theologie allein macht die Kirche zwar noch nicht gesund – aber ohne gute Lehre bei den zentralen Themen des Glaubens kann keine Kirche von innen heraus gesunden. Jede Modernisierung der Kirche bleibt ohne gute und gesunde Lehre nur Fassade und vergebliche Liebesmüh.

Warum die Debatte oft anstrengend ist

Deshalb ist es eine großartige Nachricht, dass wir uns endlich Zeit nehmen, über genau diese Punkte miteinander zu sprechen! Allerdings müssen wir uns bewusst machen: Diese Diskussion kann anstrengend sein. Das hat verschiedene Ursachen:

  • Es sind jede Menge Vorurteile und Klischees im Spiel.
  • Es sind jede Menge Emotionen und Verletzungen im Spiel.
  • Es sind jede Menge Ängste im Spiel.

Dazu kommt: Es ist nicht die Ausnahme sondern eher die Regel, dass identische Begriffe von verschiedenen Leuten völlig unterschiedlich gefüllt werden: „Sühneopfer“, „Gottes Wort“, „Auferstehung“, „Verlässlichkeit der Bibel“, „Christus allein“, „christliche Freiheit“, „Weltgericht“, „Messias“, „Bibelkritik“, “Geistesfülle”: Die Liste der komplett verschieden gefüllten Begriffshülsen ließe sich noch lange fortsetzen. Gerade die kirchliche Theologie ist oft ein Meister darin, an den alten Begriffen festzuhalten, obwohl der Inhalt inzwischen ein völlig anderer ist. Besonders wild wird es bei den „Schubladenbegriffen“: „Liberale“, „Progressive“, „Konservative“, „Evangelikale“, „Fundamentalisten“: Bei keinem dieser Begriffe, ohne die wir für die Verständigung nun einmal leider nicht auskommen, gibt es gängige Definitionen, an die sich alle halten.  So kommt es, dass unterschiedliche Personen mit annähernd gleichlautenden Sätzen völlig unterschiedliche Dinge meinen können. Missverständnisse sind da natürlich vorprogrammiert.

In dieser hochsensiblen Gemengelage ist es nicht verwunderlich, dass die seltenen Stellungnahmen von Funktionsträgern zu zentralen theologischen Themen oft so vorsichtig abwägend oder gar verschwurbelt klingen, dass sich zwar kaum jemand daran stört – aber es interessiert sich auch kaum jemand dafür. Dabei zeigen Untersuchungen zum Kirchenaustrittsverhalten: Die großen Kirchen leiden nicht daran, dass die Menschen ihre Positionen falsch finden sondern dass sie ihre Position für irrelevant halten. In dieser Situation wäre es so wichtig, dass Klartext geredet wird! Solange alles gleich gültig ist, ist alles gleichgültig. Die Kirche Jesu braucht klare Standpunkte, die sie verständlich kommunizieren kann.

Deshalb MÜSSEN wir Fragen wie diese gründlich miteinander besprechen:

  • Ist Jesus leiblich auferstanden? War das Grab leer oder nicht?
  • Hatte der Tod Jesu eine Heilsbedeutung? Wenn ja: Hatte er nur für uns Menschen eine Bedeutung oder auch für Gott?
  • War Jesus der, den die Evangelien beschreiben? Hielt er sich selbst für den Messias oder nicht? Stammen die biblischen Jesuszitate von Jesus oder wurden ihm einige nachträglich in den Mund gelegt?
  • Enthält die Bibel primär Theologie oder Berichte vom heilsgeschichtlichen Handeln Gottes mit den Menschen? Sind die historisch gemeinten Erzählungen der Bibel tatsächlich passiert oder nicht?
  • Enthält die Bibel nur Wort Gottes, so dass wir zwischen Gottes- und Menschenwort unterscheiden müssen? Oder ist sie insgesamt verlässliches Gotteswort, so dass wir „nur“ um die rechte Auslegung ringen müssen?
  • Ist die Bibel eine Einheit mit sich gegenseitig ergänzenden Polen oder ist sie theologisch widersprüchlich?
  • Ist die Bibel in ihren wesentlichen Aussagen klar oder ist sie uns durch die zeitliche und kulturelle Distanz so fremd, dass sie nur mit bibelwissenschaftlichen Methoden verständlich wird?

Manche dieser Fragen mögen sich auf den ersten Blick zweitrangig oder gar nach Wortklauberei anhören. Aber gerade in den letzten Monaten wurde mir überdeutlich: In der Praxis hat jede dieser Fragen gewaltige Konsequenzen. Die Antworten entscheiden grundlegend über die Ausrichtung unserer Gemeindearbeit. Im Artikel „Das Kreuz – Stolperstein der Theologie“ habe ich das am Beispiel der Bedeutung des Sühneopfers beispielhaft nachgezeichnet.

Deshalb sage ich: Jubilate! Wie gut, dass wir diese allerzentralsten Fragen miteinander anpacken, auch wenn es anstrengend und herausfordernd ist! Der AiGG-Blog wird sich dieser Aufgabe weiterhin intensiv widmen. Je tiefer man in den Dialog einsteigt, umso mehr lernt man dazu – sowohl inhaltlich als auch in Bezug auf die Art des Diskutierens:

Endlich… lernen wir, wie man streiten und sich dennoch lieben kann!

Debatten kosten Zeit, Kraft und oft auch Nerven. Wenn es schlecht läuft können sie an unserer Ausstrahlung als Kirche und Gemeinde zehren. Ich bin froh und dankbar, dass Martin Luther sein Schriftverständnis durchgefochten hat, auch wenn das harte Konflikte zur Folge hatte. Manchmal lässt sich das nicht vermeiden. Manchmal werden solche Diskussionen aber auch völlig unnötig destruktiv.

In den letzten Monaten habe ich Beispiele erlebt, wie Dialog richtig gut funktionieren kann. Bei meinem „Hossa-Talk“ war große Sympathie im Raum – obwohl wir uns bei vielen Streitpunkten überhaupt nicht einigen konnten. Auch das Gespräch mit Prof. Dietz empfand ich trotz der unterschiedlichen Meinungen als sehr positiv. In beiden Fällen galt: Wir sind beim Diskutieren konsequent bei der Sache geblieben und nicht auf den anderen Menschen losgegangen. Es ging niemals um den Charakter oder die Herzenshaltung des Anderen. Es wurde kein dunkles Motiv, böse Strategie oder Hidden Agenda unterstellt. Wir haben einander nicht benotet, keine „Ideologie“ vermutet, uns nicht in Klischees eingesperrt und keine Strohmannargumente vorgeschoben. Großartig! So muss das sein.

Bereit sein zum persönlichen Gespräch

Ich glaube, dieser Erfolg hatte einen wichtigen Hintergrund: Wir waren alle bereit zum persönlichen Gespräch. Ich hatte im Vorfeld dieser öffentlichen Diskussionen sowohl mit Jay von Hossa Talk als auch mit Thorsten Dietz ausführlichen persönlichen Mailverkehr. Da konnten wir vieles ansprechen. Auch das, was uns nervt oder ärgert am Anderen. Ich musste mich auch mal entschuldigen und mein Diskussionsverhalten korrigieren. Verletzende Missverständnisse konnten wir im Vorfeld ausräumen. Deshalb bin ich mit großem Frieden in diese öffentlichen Gespräche gegangen, denn ich war mir sicher: Es wird um die Sache gehen, nicht um Persönliches. Ich finde: Diesen Frieden merkt man den Gesprächen an.

Vor dem Hossa-Talk mit Prof. Zimmer wurde ich angefragt, mit dabei zu sein und mitzudiskutieren. Das hat bei mir zwiespältige Gefühle ausgelöst. Ich hatte noch nie persönlichen Kontakt mit Herrn Zimmer. Da konnte noch kein Vertrauen wachsen zwischen uns. Ich habe deshalb geantwortet, dass ich zuerst um ein persönliches Gespräch bitte, bevor wir öffentlich diskutieren, weil ich die Gefahr sehe, dass die Gesprächsatmosphäre sonst weniger friedvoll, respektvoll und sachlich werden könnte als in den vorherigen Gesprächen. Das wäre dann für alle schädlich. Schade, dass ich zu dieser Bitte keine Antwort bekommen habe. Einige Passagen in dem Hossa-Talk mit Siegfried Zimmer bestärken mich in meinem Eindruck, dass ein vorheriges persönliches Gespräch besser gewesen wäre.

Die Motivation prüfen

Noch etwas wurde mir wichtig im letzten Jahr: Bevor ich mich öffentlich äußere muss ich zuerst in einen persönlichen Frieden finden. Zuerst den Menschen vergeben, von denen man sich verletzt fühlt. Zuerst sich füllen lassen mit der Gnade Gottes, aus der ich selber lebe, damit ich auch Gnade für andere habe. Zuerst Zuversicht und damit auch Gelassenheit tanken, weil Gott am Ende doch alles unter Kontrolle hat. Zuerst klären: Warum will ich das jetzt sagen? Will ich mich rechtfertigen? Oder lasse ich Gott mein Anwalt sein? Geht es um mein Ansehen und mein Rechthaben? Oder geht es um Gottes Ehre, um sein Reich und um das Wohl der Menschen, die Gott liebt? Das gelingt mir leider nicht immer – aber ich versuche, daran zu arbeiten.

Namen nennen – im geeigneten Rahmen!

In meiner Gemeinde habe ich erlebt, wie sehr die Atmosphäre vergiftet wird, wenn Leute sagen: „Vielen Leuten missfällt, dass Du…“ Solche unspezifischen Aussagen erzeugen Verunsicherung. Wer ist da alles unzufrieden mit mir? Wem kann ich jetzt überhaupt noch unbelastet begegnen? Viel besser erscheint es mir deshalb, konkret zu werden: Wer genau denkt schlecht über mich? Nur dann gibt es die Chance, die Dinge gezielt anzusprechen und auszuräumen.

Dialog und Gespräch funktioniert nun einmal grundsätzlich nur mit konkreten Personen. Das gilt ganz besonders für theologische Debatten. Wer ist gemeint, wenn sich jemand über „Fundamentalismus“ beklagt? Wem wird genau unterstellt, dass die Bibel vergöttlicht wird oder dass ein islamisches Schriftverständnis vorherrscht? Bei welchen Leuten empfindet man Verstandes- und Wissenschaftsfeindlichkeit oder eine Angst- und Abschottungsmentalität? Betrifft das nur ein paar wenige Sondergruppen? Oder die ganze evangelikale Bewegung?

Ich bin deshalb mehr denn je dafür, im geeigneten Rahmen konkret zu werden und in Debatten auch Namen zu nennen. In jeder theologischen Arbeit ist das ja vollkommen normal. Wenn ich mich abgrenze von der Theologie Bultmanns ist das viel konkreter als wenn ich mich allgemein von liberaler Theologie abgrenze – zumal nach bestimmten Definitionen Bultmann gar nicht als liberaler Theologe gilt! Natürlich muss es bei solch einer Abgrenzung um die Sachpositionen Bultmanns gehen, nicht um den Menschen Bultmann. Nur so kommen wir in der Debatte voran.

Einander loslassen!

Und noch ein Prinzip ist mir wichtig geworden: Wir müssen einander freigeben. Nicht jeder muss so denken und so unterwegs sein wie ich. Manchmal war auch bei den biblischen Protagonisten eine Trennung der beste Weg (Apg. 15, 36ff.). Das hat auch mit Respekt zu tun vor der anderen Meinung und dem Weg, den Gott den Anderen führen kann. Das Ziel unserer Debatten sollte deshalb immer sein: Einheit, wo immer möglich. Aber wo das nicht geht, sollten wir das nicht übertünchen. Erst recht sollten wir andere nicht bedrängen oder unter Druck setzen. Viel besser ist eine geklärte, wenn möglich versöhnte Verschiedenheit, in der wir uns einander die Freiheit zugestehen, unterschiedliche Wege zu gehen. Es darf doch verschieden geprägte Denominationen geben. In den großen Kirchen darf es doch auch verschiedene Richtungsgemeinden mit unterschiedlicher Ausrichtung. Wenn es an den Universitäten so gut wie keine evangelikalen Theologen gibt (wie Siegfried Zimmer im Hossa-Talk berichtet), dann freue ich mich sehr darüber, dass es Ausbildungsstätten gibt, die einen konsequent evangelikalen Weg gehen. Mich macht es traurig, wenn man ihnen unterstellt, dass sie von Abgrenzung und der Kritik an anderen leben.

Wie gut, dass wir trotz aller notwendigen sachlichen Auseinandersetzung das persönliche Urteil über andere Menschen, Gruppen, Gemeinden und Bewegung getrost Gott überlassen können. Wie gut, dass wir lernen können, wie man streiten und sich dennoch lieben kann (wie es Manfred Siebald so schön formuliert hat). Wie gut, dass wir uns manchmal auch freigeben können für unterschiedliche Wege. Jubilate! Jauchzt und Jubelt!

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Dieser Blog-Beitrag von Markus Till erschien zuerst auf aufatmen in Gottes Gegenwart . Lies hier den Original-Artikel "Jubilate! Endlich…".

About Dr. Markus Till

Evangelisch landeskirchlicher Autor, Blogger und Lobpreismusiker mit pietistischen Wurzeln und charismatischer Prägung

16 thoughts on “Jubilate! Endlich…

  1. Tja, Markus alles schön und gut, man ist geneigt dir zuzustimmen, dass man schön sachlich, fachlich miteinander umgeht, nicht über die Person, sondern Inhalte spricht.
    Wäre da nicht…
    Und jetzt kommt der Hetzer….:)
    Ja, erstmal war da kürzlich der Leserkommentar von einem, der eiskalt meinte, „Gott bestraft ja letztendlich nicht die Sünde, sondern den Sünder.“ Irgendwie hat er recht…
    Tja und dann kommen mir eben noch Paulus in den Sinn (der Leute dem Satan übergeben und über die „falschen Apostel“ hergezogen hat) – und er war immer noch „in der Liebe“ in seinem Eifer für die Dinge Gottes.
    Tja und dann ist da noch Jesus, der gewisse Leute blinde Blindenleiter nennt.
    Auch irgendwie uncool, wie er sich manchmal auch ganz direkt ereifert hat.
    Also, ich weiß schon, es soll die Sonne nicht untergehen bevor wir unseren Zorn weggetan haben, aber viel zu viele hier im Land sind viel zu cool und lassen die Wahrheiten Gottes ohne mit der Wimper zu zucken über Bord gehen.
    Andere wiederum überereifern sich und schütten das Kind mitsamt dem Bad aus.
    Grundsätzlich fehlt mir hier im Land — Leidenschaft — für die Dinge Gottes im Alltag, nenne es Eifer + Liebe + Leidenschaft + Hingabe, dazu noch ein Schuss Gelehrtheit, aber nicht allzuviel davon, damit es das andere nicht schlußendlich erstickt.
    Man kann falschen Lehren nur mittels Lehre / mittels dem Wort begegnen, aber sie werden auch erkannt durch ihre innere Entfernung gegenüber den Dingen Gottes. Ihr Leben eben.

    1. Lieber Rolf,
      Eifer, Liebe, Leidenschaft, Hingabe und ein Schuss Gelehrtheit: Großartige Zusammenstellung. Genau das wünsche ich mir auch! Dazu denke ich aber: Ich bin halt nicht Paulus und erst recht nicht Jesus. Paulus war der unfehlbare Apostel, ich bin nur ein fehlbarer Jesusnachfolger. Und erst recht bin ich nicht der Richter. Über die Herzen richten wird Gott allein. Daher finde ich es angemessen, deutlich demütiger aufzutreten als Jesus oder Paulus. Es mag prophetisch begabte Brüder geben, die noch deutlich klarer sprechen dürfen und sollen, dann freue ich mich. Und natürlich ist es notwendig, in einer Evangelisation oder einer Predigt Menschen auf ihre Sünde aufmerksam zu machen. Das müssen wir in der Tat, das mache ich auch – zum Beispiel in unserem Glaubenskurs. Schauen wir doch, was an welcher Stelle die meiste Frucht bringt. Ich bete jedenfalls täglich um Weisheit und versuche mich führen zu lassen. Ich hoffe, ich wachse immer mehr darin, die richtigen Worte und Wege zu finden, damit möglichst viel Frucht für die Ewigkeit entsteht.

  2. Hallo Rolf, ich finde deine Worte sehr ausdrucksstark, so klar gesprochen und so wahr. Beim lesen des Textes von Jubliate, dachte ich mir, irgendwie fühlt sich alles gleich an, …die falsche Lehre wird eingefügt in Freundschaft, Gemeinschaft und nur keinem auf die Füße treten und ,,reden geht immer“. Doch ich denke so wie du, und bin deshalb dankbar, das du diese nüchternen Worte in den Raum gestellt hast.
    Es bleibt die Sorge, ob wir wieder ein neues Wohlfühl-Evangelium zustandebringen ( Hauptsache die Harmonie geht nicht verloren) allerdings wird das ein Evangelium für alle, und für jeden, denn falsche Lehre zieht an , sie lässt Raum zur Selbstverwirklichung.

  3. Der Artikel hat mich sehr berührt, weil er mir zumindest in dem ersten Teil sehr aus der Seele gesprochen hat. Mir geht es ähnlich und ich empfinde das auch ganz ähnlich! Mir ist kaum einen Satz aufgefallen, mit dem ich mich nicht identifizieren könnte.
    Doch dann im zweiten Teil kamen mir ähnliche Bedenken wie Rolf Oetinger das formuliert hat. Ich will es mal so vorsichtig versuchen auf den Punkt zu bringen:
    Es geht nicht um letztlich gleichwertige „Meinungen“. Eigentlich geht es überhaupt nicht um „Meinungen“! Es geht darum, ob wir uns – gemeinsam – unter den Herrn und sein Wort beugen. Ob sein Wort ÜBER uns steht und wir uns demütig darunter beugen oder wir uns anmaßen es zu kritisieren. Ob wir davon ausgehen, dass der Heilige Geist der letztliche Autor der Heiligen Schrift ist, oder ob es doch vorrangig Menschenworte sind, die „nur“ Gottes Wort enthalten. Und ob es uns ein Anliegen ist, Gottes Wort in Allem anzunehmen, wo es uns anspricht, weil der ewige Gott, unser Herr Jesus Christus, sich selbst damit identifiziert. Natürlich nachdem wir mit der Hilfe des Heiligen Geistes verstanden haben, was es uns sagt.
    Auch das ist eine Voraussetzung: Unterstellen wir uns bewusst dem Heiligen Geist, wenn wir Sein Wort lesen und studieren, bitten wir den Herrn, es uns zu „öffnen“ (vgl. Lk 24,45), oder ist es vorrangig unser mehr oder weniger intelligenter Verstand, der versucht, es zu ergründen? Letzteres wird vielfach scheitern, weil viele entscheidende Punkte, die gerade echtes Christsein und Gemeindeleben ausmachen, NUR durch den Heiligen Geist verstanden werden können – siehe 1Kor 2!
    D.h.: Stimmt diese Richtung bei uns? DAS wird der Herr segnen, und nur dann sind wir auf einem guten Weg. Das beinhaltet auch, dass alle, die auf einem anderen Weg sind, auf einem FALSCHEN Weg sind, der von Christus und seinem Wort weg führt. Und das muss man auch gelegentlich und mit Weisheit sagen dürfen. Wenn wir durch den Heiligen Geist sicher sind, dass wir richtig liegen – doch, das dürfen wir durchaus feststellen, und das muss nicht notwendigerweise Überheblichkeit oder Rechthaberei sein, auch wenn es meist bei vielen so ankommt, weil sie uns nicht verstehen, so wie sie den Herrn, die Apostel und auch andere Knechte Gottes nicht verstanden haben – dann dürfen wir auch im Namen des Herrn fest sagen: SO ist das! Achtung: Es geht um den Herrn und um sein Wort, das muss klar sein. Sobald es um mich und meine „Meinung“ geht, um meinen Stolz, geht es schief. Wenn das so ist, dass wir uns von dem Heiligen Geist leiten lassen und in seiner Kraft und Weisheit reden, dann besteht kein prinzipieller Unterschied zu dem Wirken und Reden des Herrn und der Apostel. Und dann wird auch das Ergebnis oft sein, dass der Gegenüber sich entscheiden muss: Gottes Wort annehmen oder doch bei der eigenen falschen Sichtweise und Linie bleiben, was sich dann meist in Ausflüchten zeigt.
    „Siehe, ich stehe an der Tür und klopfe an. Wenn jemand meine Stimme hört und die Tür öffnet, zu dem werde ich hineingehen und mit ihm essen und er mit mir.“ Off 3,20. Es geht um IHN! Er und sein Wort sind nicht voneinander zu trennen, deshalb geht es auch um SEIN Wort. Es muss möglich sein, auch heute noch SEIN Wort durch den Heiligen Geist zu verstehen und festzuhalten. Andernfalls würden wir letztlich alle im Dunkeln tappen. Das dürfen wir dann auch in der Vollmacht des Heiligen Geistes verteidigen.

  4. Lieber Markus,
    vielen Dank für Dein Engagement und Deine Art der Herangehensweise. Das nötigt mir wirklich viel Respekt ab.
    Nur: Ich sehe es wie @Uwe Stölzel „Das beinhaltet auch, dass alle, die auf einem anderen Weg sind, auf einem FALSCHEN Weg sind, der von Christus und seinem Wort weg führt. Und das muss man auch gelegentlich und mit Weisheit sagen dürfen.“ Das es einen FALSCHEN Weg überhaupt gibt verneinen eben viele Personen aus dem Umfeld der Emerging Church (ob das bei Siegfried Zimmer so ist weiss ich nicht, da kenne ich seine genauen Aussagen zu wenig)
    Nun steht eben Aussage gegen Aussage, Ansicht gegen Ansicht, die eben NICHT miteinander zu vereinen sind.
    Und dann greift Deine Aussage: „Wir müssen einander freigeben. Nicht jeder muss so denken und so unterwegs sein wie ich. Manchmal war auch bei den biblischen Protagonisten eine Trennung der beste Weg (Apg. 15, 36ff.). Das hat auch mit Respekt zu tun vor der anderen Meinung und dem Weg, den Gott den Anderen führen kann.“
    Das dies so ist müssen wir aus meiner Sicht leider anerkennen. Einen respektvollen Umgang untereinander schliesst dies ja trotzdem nicht aus

    1. Lieber Matze, lieber Uwe, vielen Dank für die wertvollen Rückmeldungen, denen ich im Grunde vollkommen zustimme. Genau dafür setze ich mich ein: Dass man sagen darf (und muss!), was man für falsch hält auf Basis der Schrift. Das ist in der Tat absolut notwendig. Das ist sogar unsere Pflicht. Und ich wundere mich vor allem in meiner evangelischen Kirche, dass es so wenig geschieht. Und ja: Es ist entscheidend, dass wir uns der Schrift als dem unfehlbaren Wort Gottes unterordnen. Und ja: Es gibt eine Klarheit der Schrift und somit auch Lehren, die eindeutig nicht zu einer gesunden Lehre passen. Und ja: Es geht bei klaren Lehren der Schrift um mehr als Meinungen sondern um Gottes Wort und Gottes Gebot, auch das dürfen wir deutlich machen. Deshalb werde ich trotz der scharfen Vorwürfe von Siegfried Zimmer nicht abrücken von meiner immer wieder getätigten Aussage: Wenn wir auf die von mir genannten Fragen zum Bibelverständnis, zum Kreuz und zur Auferstehung (und noch einigen anderen Punkten) die falschen (weil nicht schriftgemäßen) Antworten geben geraten wir in den Abwärtsstrudel der liberalen Kirchen. Dann werden wir Spaltung und Zerfall erleben. Ich werde deshalb weiter argumentieren gegen theologische Irrwege, die meine Kirche leider geht und die hoffentlich in der evangelikalen Bewegung auf immer breiterer Front als Irrwege erkannt und benannt werden. Es geht mir also im dritten Punkt nicht um die Frage, ob man sagen darf, dass etwas falsch ist sondern um Frage, wie und in welcher Haltung man das sagt. Mit „Freigeben“ meine ich nicht, dass man in unseren evangelikalen Gemeinschaften jeden so wurschteln lässt wie er will. Es gibt ein Wächteramt, und das ist dringend notwendig. Mit meinem Plädoyer für das „Freigeben“ werbe ich dafür, dass man sich lieber auch mal trennt, statt sich endlos zu zerfleischen. Das kann heißen, dass Konservative irgendwann Gemeinden verlassen, wenn die Leitung zu liberal geworden ist. Und umgekehrt kann es sinnvoller sein, dass Postevangelikale anerkennen, dass die Leitung einer evangelikalen Gemeinde darauf achten muss, die als biblisch erkannte Lehre zu wahren und dass sie deshalb keinen Raum geben kann für Lehren, die ihrer Schrifterkenntnis widersprechen. Statt sich endlos über „Enge“ zu beschweren wäre es doch viel respektvoller zu sagen: Dann ist das nicht mehr mein Platz hier – ich suche mir eine liberale Gemeinde.

  5. Lieber Markus,
    danke, volle Zustimmung mit einer kleinen Ergänzung und Erfahrung, was Du sicher auch so siehst und erlebst: Meine Frau und ich erleben gerade eine evangelische Kirchengemeinde mit einem gläubigen Pfarrer als einen echten Segen, in die wir ab und zu gehen wegen der klaren Wortverkündigung. In unserer Freikirche sind wir geistlich schlechter versorgt. Innerhalb 50 Min. Wochenspruch, 2 Schriftlesungen und die gemeinsame Psalmlesung, Lieder mit inhaltsreichen Texten und eine bibeltreue Predigt, wirklich ein Geschenk!

  6. Lieber Markus, darf ich noch ein paar Gedanken ergänzen?
    Ich finde, wir sind, was die Richtung betrifft, sehr nahe beieinander. Das ermutigt mich, und ich freue mich darüber sehr! Und es ermutigt mich auch, noch mehr zu schreiben.
    Auch was Du geschrieben hast über Menschenfurcht, schlecht schlafen nach einem Disput, usw. kann ich sehr gut nachempfinden. Das geht mir genau so, und wenn es nur ein Hauskreis war, der mich gefordert hat. Inzwischen bin ich aber trotzdem etwas mutiger geworden, auch weil die Gewissensnot hinterher heftig war und ist, wenn ich geschwiegen habe (auch schriftlich), obwohl ich eigentlich innerlich wusste, dass ich reden sollte. Oft kommt die Gelegenheit ja nicht wieder, jedenfalls nicht so schnell.
    Möchte gerne etwas zu dem Punkt „stehen lassen“ sagen. Das Beispiel von Paulus und Barnabas aus Apg 15 scheint dafür zu sprechen, aber m.E. muss man gut darauf achten, um was es ging. Es ging NICHT um inhaltliche Fragen des Glaubens! Es ging um eine Frage der persönlichen Wegführung und um personelle Aspekte. Der „Hirte“ Barnabas wollte Markus nochmal eine Chance geben, während Paulus härter dachte, er wäre untreu geworden und deshalb nicht mehr brauchbar. Man muss m.E. sehr aufpassen, auf welche Situationen man solche Texte anwendet. M.E. kann man das auf Punkte, die die Schrift klar lehrt, nicht beziehen. Allenfalls geht es dann dabei um Erkenntnisgrade in dem Sinn, dass man jemandem mehr Zeit gibt. Und ja: diese Person grundsätzlich dem Herrn „überlässt“ und nicht meint, sie unbedingt überzeugen zu müssen.
    Jemandem, der jedoch klar Irrlehre verbreitet, mit Respekt zu begegnen, fällt mir ehrlich gesagt schwer. Ich wüsste jetzt auch kein Beispiel, wo etwa unser Herr oder einer der Apostel das getan hätten. Es geht ja nicht nur darum, dass jemand persönlich irrt, sondern er verführt auch viele – ja, zum Bösen! Das ist die nüchterne Wahrheit …
    Mir persönlich liegt das überhaupt nicht. Ich möchte am liebsten mit allen freundschaftlich verbunden sein. Es fällt mir sehr schwer, jemandem die Wahrheit direkt ins Gesicht zu sagen. Und wenn schon, dann aber dick verpackt … Aber das hilft nicht weiter im Sinne des Herrn, „in dessen Mund keinerlei Trug / Falsch gefunden wurde“.
    Ich erinnere mich an die Jahreslosung vor 2 oder 3 Jahren, Rö 15,7: „Nehmt einander an, wie Christus euch angenommen hat, zu Gottes Lob.“ Ich war beinahe krank. Es ging mir überhaupt nicht gut, weil mir schlagartig klar wurde, wie das landauf, landab ausgelegt werden würde im Kontext mit Rö 14, wo es ja auch heißt: „Jeder sei in seinem eigenen Sinn völlig überzeugt“ oder sinngemäß. Das scheint ja zu bedeuten, was auch durch weitere Bemerkungen in diesem Text gestützt wird, dass es letztlich nicht so wichtig ist, was jeder glaubt, hauptsache er ist in seinem Gewissen sicher. Kann man diesen Text so anwenden? Kann es sein, dass der Heilige Geist als Autor der Schrift sich sozusagen selbst relativiert??? Doch ganz sicher nicht! (Du merkst, dass ich sogar jetzt beim Schreiben innerlich nicht ruhig dabei bin, weil es mir wirklich Not macht!) Aber landauf, landab herrscht genau dieser Geist vor. Anscheind kann man sogar mit der Bibel in der Hand die Bibel selbst „aushebeln“ … Das ist den meisten wohl so nicht bewusst, sonst wäre auch klar, dass das so nicht gemeint sein kann. Wie kommt es dann, dass das so viele offenbar nicht (mehr) klar sehen?
    Die Frage kann ich nicht beantworten. Mir geht es darum zu zeigen, wie wichtig es ist, die Schrift im Kontext zu lesen und auch so stehen zu lassen. Klarerweise geht es in diesem Text nur um Dinge, die im „neuen Bund“, in der „neuen Schöpfung“, eben in der Situation der Gemeinde nicht so fest geregelt sind, wie es etwa in Israel galt. Damals war ja das Problem, dass viele jüdische „Lehrer“ die Gläubigen auf die Ebene des „Alten Bundes“ zurückführen wollten. Dagegen ging v.A. Paulus sehr deutlich vor (siehe der Brief an die Galater, aber nicht nur dort). Aber es ist umgekehrt klar, dass sich das nicht auf Dinge beziehen kann, die (auch) im NT und gerade bzgl. der neuen Situation der Gemeinde deutlich gelehrt werden, was auch wieder vieles im AT einschließt, aber eben nicht alles, insbesondere Speisevorschriften, usw.
    M.E. ist es sehr wichtig, dass wir solche falschen Anwendungen von Schrifttexten erkennen und klarlegen. Andernfalls würden wir uns sozusagen durch die Hintertür sogar selbst ad absurdum führen.
    Das musste ich jetzt einfach noch los werden. Ich hoffe, es war nicht zu heftig.
    Und ja: Es geht sehr um unsere Haltung in den Diskussionen, auch schriftlich natürlich. Ich hoffe, das war jetzt diesbezüglich soweit OK.

    1. Lieber Uwe, danke für die Anmerkungen. Deiner Auslegung zu Apg. 15 stimme ich voll zu. An genau solche Situationen habe ich beim Schreiben auch gedacht. Mir ist natürlich klar, dass Gott niemand führt, Lehren zu verbreiten, die der klaren Lehre der Schrift entgegenstehen. Trotzdem fällt mir auf, dass solche Situationen wie in Apg. 15 manchmal auch geistlich überhöht werden, was dazu führen kann, dass Geschwister sich völlig unnötig streiten, obwohl sie eigentlich einfach eine unterschiedliche Führung haben. Es gibt z.B. Leute, die der Meinung sind, dass man als bibeltreuer Christ grundsätzlich nicht in der Landeskirche sein kann. Ich habe Respekt vor dieser Meinung, man kann für sie auch einige Bibelstellen ins Feld führen. Trotzdem sehe ich mich in der Summe so geführt, dass mein Platz zumindest zur Zeit in der Landeskirche ist. Dafür wünsche ich mir den Respekt meiner Brüder und Schwestern, auch wenn sie das anders sehen. Verstehst Du?

      1. Lieber Markus, ja, das verstehe ich gut. Früher hätte ich auch so gedacht wie Deine Kritiker. Aber heute habe ich durchaus vollen Respekt für eine PERSÖNLICHE Wegführung. Ich selbst habe auch Schritte getan, die bei Anderen Stirnrunzeln verursacht haben. Ich will auch nicht sagen, dass alles immer OK war. Trotzdem sah ich mich persönlich so geführt. Von daher: Alles klar von meiner Seite!

  7. Eigentlich wäre es wünschenswert, wenn in einer Gemeindesatzung schriftlich verbindlich niedergelegt ist, was man glaubt und was man daher nie in Frage stellen wird. Dazu gehören z.B. auch die im Artikel angebenen Fragen bzgl. der Bibel, aber auch Themen wie Frauen im Leitungsamt, leibliche Auferstehung, Jungfrauengeburt, Scheidung, …
    Ich habe jetzt mehrfach im räumlichen Umfeld erlebt, wie liberale, zeitgeistgesteuerte Menschen vormals bibeltreue Gemeinden umgekrempelt haben bis dahingehend, dass in der Folge immer wieder Mitglieder ausgetreten sind (tw. sogar aus Leitungsämtern heraus), weil das, was dort an Lehre und Lebensführung Einzug gehalten hat, nicht mehr mit der Bibel vereinbar war.
    Das klingt jetzt fürchterlich autoritär, aber es geht wohl heutzutage nicht mehr anders. Wer gerne die Bibel anders bewerten will (oder darin enthaltene Aussagen Gottes), der soll sich eine andere Gemeinde suchen.

    1. Lieber Stephan,

      Dich kann ich sehr gut verstehen, aber ich will kurz etwas einwerfen. Wie Du oben gesehen hast gehen meine Frau und ich als Christen, die z.B. die Glaubenstaufe als den biblischen Weg ansehen seit einiger Zeit immer wieder zum „Auftanken“ in eine evangelische Kirchengemeinde. Warum? Weil es bei uns in der näheren Umgebung keine Gemeinde gibt, die wenigstens zu 90 % unserer Erkenntnis entspricht. Wir hätten gerne eine solche Gemeinde auch mit all den Eigenschaften, die Du beschreibst, aber was sollen wir tun? Jeden Sonntag 100 km fahren? Wir haben uns entschieden immer wieder einen Gottesdienst zu erleben, in dem der Geist Gottes zu uns spricht, wo wir Trost erhalten und wir eine bibeltreue Predigt hören dürfen.
      Unsere theologische Sicht wollen wir nicht aufgeben und auch weiter suchen, aber wir freuen uns dass wir dort und auch im weiteren Umfeld dieser Kirchengemeinde tiefgläubige Geschwister haben bis hin zu einem gläubigen Kollegen bei mir im Unternehmen.
      Ich denke, wir müssen glasklar an der Schrift dranbleiben und den biblischen Glauben immer wieder verteidigen, aber in diesen Zeiten müssen wir, um überhaupt Geschwisterlichkeit erleben zu können bereit sein, dass wir nicht mit jedem gleicher Meinung sein müssen, der unserer wertgeschätzter Bruder ist.
      Die Aussage von Markus: “ Wir müssen einander freigeben. Nicht jeder muss so denken und so unterwegs sein wie ich. Manchmal war auch bei den biblischen Protagonisten eine Trennung der beste Weg (Apg. 15, 36ff.). Das hat auch mit Respekt zu tun vor der anderen Meinung und dem Weg, den Gott den Anderen führen kann.“ möchte ich ergänzen mit “ Da nicht jeder so denken muß wie ich muß es Übereinstimmung in den grundlegenden theologischen Fragen geben. Bei Unterschieden in nicht heilsnotwendigen Fragen dürfen mit Freude auch mit Geschwistern, die Dinge anders sehen wie man selbst, brüderliche Gemeinschaft pflegen“

      1. Matze, ich bin da bei Dir. Es ergeht mir ja ähnlich, derzeit besuche ich auch überwiegend eine evangelische Landeskirche in 20km Entfernung, weil ich dort gute und bibeltreue Predigten höre.
        Nun ist es leider so, dass man in der Landeskirche aus offensichtlichen Gründen keine Gemeindesatzung mit theologischen Festschreibungen festlegen kann oder will – aber jede Freikirche könnte und sollte dies machen. Ich würde nicht darüber streiten wollen, ob die Entrückung vor, während oder erst nach der Trübsal stattfindet, aber andere Themen sind schon wichtig. Beispiel z.B. Abendmahlsverständnis, oder die Ehe als Abbild der Beziehung von Jesus zum Menschen und die sich daraus ergebenden Konsequenzen für die Lebensführung.
        Das Problem bei Landeskirchen ist jedoch, dass der Gemeindekirchenrat zumeist nicht mit Leuten besetzt ist, an denen die biblischen Kriterien für einen Ältesten angelegt werden, und daher viel vom Pfarrer abhängt.
        Nach einem Personalwechsel kann es also leider kippen. Als Ortsfremder kann ich nur begrenzt Einfluss nehmen.
        Insofern gehe ich (noch) gerne hin, fühle mich auch der christlichen Gemeinde (also die tatsächlich Gläubigen egal welcher Konfession) zugehörig, es fehlt aber doch gelegentlich mal das Gefühl „das hier ist Deine Gemeinde“.

  8. Lieber Stephan,

    ich kann Dir nur zustimmen, vielen Dank, weil Du mir in vielem aus dem Herzen sprichst. Nur die theologischen Festschreibungen, die Du Dir für die Freikirchen wünschst sind in meinem Umfeld entweder nicht vorhanden, sehr vage oder werden nicht gelebt. In vielen Darstellungen von Gemeinden und auch Gemeindeverbänden steht sehr viel Gutes drin, was sich aber dann oft von der gelebeten Praxis sehr unterscheidet

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