Achtung vor theologischen Gefahren von links und rechts

Übersetzung eines Artikels von Thomas Schreiner: Paulus fordert Timotheus auf, das „anvertraute Gut zu bewahren“ (2 Tim 1.14), welches das Evangelium Jesu Christi ist. Wir müssen beim Beschützen des Evangeliums wachsam bleiben, denn sowohl die Schrift wie auch die Kirchengeschichte erinnern uns, dass viele von der Wahrheit abgewichen sind. Selbst ein oberflächliches Lesen macht deutlich, dass das Aufrechterhalten der Wahrheit und der Reinheit des Evangeliums von Anfang an eine Herausforderung war. Heute erleben wir nichts neues und wir haben das Versprechen, dass die Gemeinde Jesu Christi über die „Pforten der Hölle“ (Matt. 16,18) triumphieren wird.

In diesem Artikel möchte ich in Kürze die Angriffe auf das Evangelium betrachten: von links und von rechts.

Gefahren von links

Pauls Rede an die Ältesten von Ephesus ist die einzige Rede in der Apostelgeschichte die sich an Christen richtet (Apg. 20.17-35), dabei ist es bedeutsam dass es sich an Führer richtet, an Älteste und Aufseher in der Gemeinde (Apg. 20.17,28). Paul warnt sie mit den stärksten Begriffen vor den Gefahren falscher Lehre:

28 So habt nun acht auf euch selbst und auf die ganze Herde, in der euch der Heilige Geist eingesetzt hat zu Bischöfen, zu weiden die Gemeinde Gottes, die er durch sein eigenes Blut erworben hat. 29 Denn das weiß ich, dass nach meinem Abschied reißende Wölfe zu euch kommen, die die Herde nicht verschonen werden. 30 Auch aus eurer Mitte werden Männer aufstehen, die Verkehrtes reden, um die Jünger an sich zu ziehen. 31 Darum seid wachsam und denkt daran, dass ich drei Jahre lang Tag und Nacht nicht abgelassen habe, einen jeden unter Tränen zu ermahnen.  (Apg. 20,28–31 LU)

Als Evangelikale müssen wir uns der Gefahr falscher Lehre bewusst sein. Jeder, der die Geschichte religiöser Universitäten der Vereinigten Staaten kennt, weiß dass die Abkehr von der Rechtgläubigkeit mit Zweifeln über – und dann Ablehnung – der Wahrhaftigkeit der Schrift begann.

Manche mögen geneigt sein, die Sorge um Rechtgläubigkeit und lehrmäßige Treue, welche viele Evangelikale belebt, in Frage zu stellen. Sie könnten sich beschweren, dass solche Sorgen verteidigend und negativ sind und nicht positiv und konstruktiv. Doch das Lesen des Neuen Testamentes zeigt, dass solche verteidigenden Bedenken angemessen und befohlen sind. Wir sehen in den pastoralen Briefen einen leidenschaftlichen Paulus beim Verteidigen der Wahrheit gegen falsche Lehrer. Petrus teil das selbe Anliegen in seinem zweiten Brief und auch 1 Joh. führt eine Polemik gegen falsche Lehrer.

Tatsächlich ist der Fokus auf der Verteidigung des Glaubens in den Briefen des Neuen Testaments nachdrücklich und beinahe erschreckend. Wenn jemand meinte, dass sein Dienst nur positiv und nie negativ, dass er nur ermutigt und nie warnt,  dann ist er von einem wichtigen Schwerpunkt des Neuen Testaments abgewichen. In Titus 1,9, sagt Paulus, dass ein Ältester „sich halte an das Wort, das verlässlich ist und der Lehre entspricht, auf dass er die Kraft habe, zu ermahnen mit der heilsamen Lehre und zurechtzuweisen, die widersprechen.“

Ein treuer Dienst ermutigt und warnt, stärkt und wiederlegt, baut auf und reißt nieder.

Die Gefahr von links ist die Sorge davor, die Rechtgläubigkeit und die Pflicht der Verteidigung und der Korrektur der Wahrheit zu verlieren. Tendenz ist es, diejenigen zu verspotten und zu verhöhnen, welche die Wahrhaftigkeit und Irrtumslosigkeit der Schrift aufrechterhalten.

Dennoch gibt es zur selben Zeit auch eine Gefahr von rechts

Gefahren von rechts

Obwohl Roger Olson und ich in einer Reihe von Fragen nicht einig sind, denke ich, dass er uns zu Recht vor einem „maximalen Konservatismus“ warnt. Der maximale Konservatismus zieht Grenzen an so gut wie allem. Den Glauben zu verteidigen wird als die Aufgabe verstanden, zu jeder Frage die konservativste Position einzunehmen. Die Gefahr ist, dass wir wie die Pharisäer werden, die einen Zaun um das Gesetz herum errichteten.

Viele Beispiele könnten gegeben werden, aber wir können an die Debatte zwischen Reformierten und Arminianern denken. Ich bin unumstößlich soteriologisch reformiert und ich denke, dass die arminianische Lehre mangelhaft ist. Dennoch gibt es einen Unterschied zwischen fehlerhaft und ketzerisch und ich gebe gerne zu, dass die Arminianer im Kreis der Rechtgläubigkeit liegen. Tatsächlich ist das Wort „Arminianisch“ anachronistisch, denn arminianische Theologie hat eine lange Geschichte. Jeder der Johannes Chrysostom (347-407) liest, wird das erkennen, und wenn Chrysostom nicht rechtgläubig ist, dann ist die Zahl derer, die rechtgläubig sind, in der Tat gering!

Es ist verlockend, jemanden mit dem wir nicht übereinstimmen, als unbiblisch oder untreu zu bezeichnen, während aber die Debatte die wir haben im Kreis des Evangelikalismus ist -ob es sich nun um geistliche Gaben, die Lehre der Dreieinigkeit oder um Seelsorge handelt. Alle von uns sind natürlich in gewisser Weise untreu und unbiblisch, außer dass wir behaupten wollten, dass unsere Lehre vollkommen sei. Hüte dich davor, zu behaupten, dass jemand außerhalb der Grenzen der Rechtgläubigkeit liegt, obwohl das einzige Problem darin besteht, dass er mit dir nicht einverstanden ist.

Solcher Eifer von rechts kann in der Tat Leute von der Wahrheit wegbringen, weil wir sie als unorthodox bezeichnen (während sie es nicht sind), so dass sie anfangen Freunde auf der linken Seite zu suchen, die ihre Ansichten nicht verspotten. Oder sie fangen an zu denken: „nun, wenn das Rechtgläubigkeit ist, bin ich offensichtlich nicht rechtgläubig.“  Wenn die Grenzen zu starr gezogen werden, können wir unbeabsichtigt Freunde in die Arme derer treiben, die wirklich unorthodox sind.

Zudem, wenn wir regelmäßig die als nicht rechtgläubig bezeichnen, die es sind, stehen wir in der Gefahr „Wolf!“ zu rufen. Wenn dann die echten Wölfe kommen, wird uns keiner beachten, weil wir so oft andere kritisiert haben. Wenn wir über alles außer unsere eigenen Ansichten negativ eingestellt sind, werden die Leute anfangen zu denken, dass wir launisch sind und werden uns ignorieren, wenn ein echtes Problem auftritt.

Abschließendes Wort

Der Teufel steckt in den Details und in einem kurzen Artikel wie diesem kann ich nicht spezifischer werden. Wir leben in einer Welt, das erkennen wir im politischen Bereich, in der diejenigen, die anderer Meinung sind, schnell verteufelt werden und in der parteipolitische Bedenken hochgefahren werden. Als Christen müssen wir nicht den gleichen Weg gehen. Wir müssen wachsam sein für die Wahrheit und den Glauben verteidigen. Gleichzeitig müssen wir sorgfältig darauf achten, die Grenzen nicht zu eng zu ziehen und die Anklage der Häresie nicht zu früh tätigen. Wir müssen uns fragen, ob der Bruder oder die Schwester einfach mit uns uns unserer Theologie nicht einverstanden ist.

Wie Roger Nicole einmal über einige, die sich stritten, sagte: „Sie denken, sie sind Martin Luther, aber was wir wirklich brauchen, ist Martin Bucer.“ Das Gleichgewicht, das wir brauchen, ergibt sich aus der Zusammenstellung beider Männer. Mit anderen Worten, wir brauchen gleichzeitig die Wachsamkeit für die Wahrheit eines Martin Luther und die Liebe für Frieden und Harmonie eines Martin Bucer.


thomas-r-schreinerDieser Artikel erschien zuerst am 18.08.2018 auf The Gospel Coalition. Autor ist Thomas R. Schreiner. Er ist James Buchanan Harrioson Professor für Neues Testament und biblische Theologie, sowie Dekan für Bibelkunde und Hermeneutik am Southern Baptist Theological Seminary in Louisville, Kentucky. Folge ihm auf Twitter.

thegospelcoalition

Übersetzung mit freundlicher Genehmigung des Autors und The Gospel Coalition.

Bei der Übersetzung einzelner Sätze wurde DeepL Translator verwendet.

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Dieser Blog-Beitrag von Sergej Pauli erschien zuerst auf Glauben und Denken . Lies hier den Original-Artikel "Achtung vor theologischen Gefahren von links und rechts".

About Sergej Pauli

Hallo ich bin Sergej Pauli und wohne in Villingen-Schwenningen. Zwar habe ich schon erste Erfahrungen zum Bloggen auf dem Literaturblog „Nimm-Lies“ gesammelt, dennoch bin ich relativ unerfahren darin, mich im Web darzustellen, deswegen bitte ich um Verständnis bei möglichen Fehlern. Für eine andere Sache schlägt mein Herz besonders laut, das ist der Glaube. Ich möchte hier die Schönheit dessen vorstellen, was man Gottseligkeit nennt. Ich bin überzeugt davon, dass ein Mensch Frieden mit seinem Schöpfer finden kann und im Nachsinnen über Gott und sein Wort Frieden und Freude bekommen kann. Allein dieser Segen lohnt sich, sich ausführlicher mit dem Glauben, der Religion und der Theologie auseinanderzusetzen. Darum möchte ich auf dieser Webseite einige meiner eigenen Bibelarbeiten vorstellen, einige Biographien vorstellen und schließlich auch einige christliche Bücher vorstellen. In meiner Gemeinde darf ich als Laienprediger mithelfen. Ich plane hier auch meine Predigten zu veröffentlichen. Teilweise soll das in schriftlicher Form, teilweise aber auch in audioform geschehen. Gelegentlich spiele ich auch Gitarre, gute Lieder möchte ich hier ebenfalls vorstellen.

11 thoughts on “Achtung vor theologischen Gefahren von links und rechts

  1. Ein sehr guter Artikel! Danke. Ja, man kann rechts und links vom Pferd fallen. Meine eigene Website hat daher den Namen churchinbalance.de bekommen – obwohl ich sicherlich auch der Korrektur bedürftig bin.

    Ich habe leider auch die Erfahrung gemacht, dass die Grenzen für das nicht Hinterfragbare allzu eng gesteckt werden, obwohl die eigene Theologie offensichtliche Schwachpunkte aufweist, z. B. bei der Frage nach Sühnopfertheologie. Hier wir dann geantwortet, dass man bei neuen theologischen Ansätzen immer seeeeeehr vorsichtig sei. Sprich: Es gibt nichts Neues unter der Sonne. Mit der Folge: Erstmal ignorieren.

    Es würde mich freuen, wenn du dich mal mit meinem Ansatz zur Erlösungslehre auseinandersetzen könntest: churchinbalance.de/die-nt-erloesungsperspektive/

    Gruß toblog

  2. Nach meiner Meinung passt das links und rechts Schema weder in der Politik mehr so richtig geschweige denn auf den Glauben bezogen
    Nach dem Evangelium geht es darum dass Jesus im Zentrum bleibt und, wie richtigerweise gesagt wird, wir das anvertraute Gut bewahren.
    Unterschieden werde sollte deshalb aus meiner Sicht zwischen
    – heilsnotwendigen Punkten, die nicht zur Disposition gestellt werden dürfen
    – Fragen, die die Glaubenspraxis betreffen und in denen wir Weite im Volk Gottes haben dürfen.
    – Standpunkte, die mit dem Evangelium absolut nicht zu vereinbaren sind und deshalb auch so eingeordnet und benannt werden müssen
    Dass es um diese Fragen was wo einzuordnen ist unerschiedliche Ansichten gibt war schon vor 2000 Jahren so und wird so bleiben, bis Jesus wiederkommt.
    Das soll uns aber nicht zur Nachlässigkeit verleiten sondern uns weiter um den richtigen Weg ringen lassen. Diese Auseinandersetzungen werden noch stärker werden (siehe z.B. bibelbund.de/2019/01/fuer-die-meinungsfreiheit-in-ethischen-fragen-zur-diskussion-um-die-nashville-erklaerung/), weil die Maßstäbe gesellschaftlich immer weiter auseinanderdriften und deshalb auch in der Gemeinde. Das alles soll in Liebe geschehen. Liebe heisst aber auch, denn anderen davor zu warnen, wenn er kurz davor ist seine Finger an der heissen Herdplatte zu verbrennen…..

  3. Hallo, im Zentrum ist bei mir, was Jesus uns als Programm zur Umsetzung vorgegeben hat.

    Ich glaube an Jesus besonders auch dann, wenn ich eifere, ihm nach eifere.

    Dazu sollte man im NT zuerst nachlesen, wem Jesus damals gepredigt hat:

    Nahezu ausschließlich den Gläubigen, also den Schriftgelehrten, den Bibellehrern, den Gemeindepredigern, den Oberen, den Pharisäern , denen, die damals theokratisch weltliche und religiöse Herrschaft gleichermaßen in Händen hatten.

    Und nur denen hat er die Lefiten gelesen!

    Die Verloenen, die an den Hecken und Zäunen, die Sünder hat er immer kurzerhand begnadigt, geheilt und ermutigtfortan Gutes zu tun.

    Der Verfasser des in dem Link hinterlegten Artikels, Michael Kotsch, hingegen beschäftigt sich seit Jahr und Tag mit Streitereien, was denn nun falsche oder richtige Lehre sei. Dazu hat er 9 Jahre lang Theologie studiert, überwiegend an einer evangelikalen Hochschule. Ihm geht’s eher, so kann man empfinden, um die Verteidigung seiner eigenen Lehren, an die er glaubt.

    Mich interessiert die Gender-Diskussion z.B. nicht. Aber ich kenne selbst Menschen mit „außergewöhnlichem“ Gechlecht oder Indentifikation. Nur sie sind wesentliches Thema staatlicher Gesetze.

    Herr Kotsch ist nun dabei, noch Doktor zu werden…..

    Zum Thema hier noch ein Wort:

    Ich hoffe, daß niemand sich nun Scheuklappen links und rechts vor die Augen bindet.

    Augen auf!

    🙂

    Gute Nacht!

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