Gedenkt an die Reformation, doch warum eigentlich?

Ein Artikel von Carl R. Trueman: Der Oktober ist immer der Monat im Jahr, in dem ich als Spezialist für die Reformation am wenigsten Freiräume finde. Und während wir auf 2017 zuströmen, dem 500. Geburtstag des Protestes Luthers gegen den Ablasshandel, füllt sich mein Kalender. Doch eine Frage kommt auf: Die Evangelikalen können 2017 gerne der Reformation gedenken, doch was genau werden sie feiern?

Wenn du z.B. ein Baptist bist, ist es merkwürdig, dass du Luther überhaupt feiern möchtest. Seine Ansichten zu deiner Haltung gegenüber den Sakramenten dürfen in einer anständigen Gesellschaft kaum wiederholt werden.  Ähnlich über dich dachten auch Zwingli und Calvin, von denen der Erstere einige von euch hinrichten ließ. Wenn du ein Pfingstler oder ein Charismatiker bist, fürchte ich, würde Luther dich als einen Fanatiker bezeichnen, einen Schwärmer, und auch Calvin hätte dich als einen Verrückten abgestempelt. Wenn du am Abendmahl als „Gedenkmahl“ festhältst, hätte Calvin dich tolerieren können, doch Luther – nun, wieder erinnern wir uns an dieses hässliche Wort: Schwärmer.

Und glaube bloß nicht, dass Gleichgültigkeit in diesen Fragen dir einen Ausweg geboten hätte. Wenn du daran zweifelst, ob die Kindertaufe oder die Realpräsenz Themen sind, über die es sich lohnt zu streiten, dann wirst du erst recht keinen Platz am Tisch der Reformation finden. Wie Lyndal Roper’s exzellente neue Biographie über Luther zeigt, war die Realpräsenz zentral im Denken Luthers, und dies nicht anzuerkennen, zähmt ihn bis zur Unkenntlichkeit. Ginge es nach Luther, wären selbst Calvin und Zwingli unter dem „Sch“-Wort kategorisiert worden. Zuletzt ist es vielleicht besser nicht zu erwähnen, welches Los dir eine ernsthafte Abweichung vom Nizänischen Bekenntnis der Dreieinigkeit eingebracht hätte. Michael Servetus kann dies nur zutiefst bezeugen.

Das Problem ist, dass die Reformation dem modernen amerikanischen Evangelikalismus nur dann sympatisch ist, wenn sie auf etwas mehr als die Lehre von der „Rechtfertigung aus Gnaden durch den Glauben“ reduziert wird. Doch die Reformation im sechzehnten Jahrhundert war ein ganzes Stück mehr – und so viel mehr was dem modernen evangelikalen Glauben nicht passen will. Ebenso wie Bonhoeffer und C.S.Lewis,  müssen die Reformatoren und die Reformation bereinigt werden und durch eine seltsame zähmende Metamorphose werden sie zu modernen amerikanischen Evangelikalen. Die Wahrheit ist: Die Prioritäten und Anliegen des amerikanischen Evangelikalismus haben nur eine sehr vage und schwache Beziehung zu den Anliegen der Bekenntnisse und Katechismen der Reformationszeit, oder zu den Einstellungen und Handlungen der Reformatoren.

LutherRose.jpgIm Gegensatz dazu verbrachte ich Anfang dieses Jahres, als das seltsamste aller protestantischen Wesen – die reformierte Person, die Luther mehr liebt als Calvin – einige Tage als einziger reformierter presbyterianischer Sprecher auf einer Konferenz der Lutheraner in Missouri. Vierhundert amerikanische Lutheraner zu einem Beinahe-Schwärmer. Ich mochte diese Quote und ich kam zum Kämpfen. Doch ich war von etwas beeindruckt, das mir noch nie zuvor begegnet war: Es war so erfrischend unter bekennenden Protestanten zu sein, die mir in den Grundlinien der Reformation vehement widersprachen – und sich doch soviel aus mir und der Form des christlichen Glaubens machten, dass sie versuchten, meine Ansichten über das Abendmahl zu ändern. Die Unterschiede wurden nicht einfach relativiert oder sachlich festgehalten. Sie taten dies, weil sie den Protestantismus in Bezug auf seine historische konfessionelle Dimension und Dynamik verstanden.

In einer ähnlichen Weise beende ich gerade ein theologisches Buch mit meinem Freund, dem lutherischen Historiker und Theologen Bob Kolb. Die Bürde des Buches besteht darin, den reformierten und den lutherischen Glauben nebeneinander darzustellen, zu zeigen, wo sie übereinstimmen und wo sie sich unterscheiden, und dies doch in einem Geist christlichen Respekts zu tun. Wahre Ökumene muss hier beginnen – mit einer ehrlichen Aussage über die Differenzen und die Dinge, die wichtig sind. Nächstes Jahr werde ich wieder auf der Synode in Missouri sprechen. Wieder ist es etwas, wo wahre Ökumene beginnen kann – nicht in einer Reduktion des Glaubens an ein blankes Minimum, um unsere gewählten außerkirchlichen Organisationen aufrechtzuerhalten, sondern in einer ehrlichen Konfrontation über Unterschiede in Bezug auf Dinge, die wirklich wichtig sind. Du weißt schon was ich meine – Dinge wie die Taufe und das Abendmahl.

Während die evangelikalen Marschrouten zur Feier der Reformation nächstes Jahr beginnen(und im Vertrauen, ich werde auch auf einigen reden), muss diese Frage gestellt werden (ich wiederhole): Während die Evangelikalen der Reformation gedenken, um was geht es ihnen dabei überhaupt? Ich befürchte diese Antwort: Sie werden die Fähigkeit des amerikanischen Evangelikalismus feiern, die Vergangenheit derart umzuformen, dass sie in unser Bild passt: jede Figur nach eigenem Wunsch wunderbar domestiziert in das eigene Pantheon der Helden. Sicherlich, wird das viel Spaß machen. Und ich glaube auch, dass alles was Christen dazu bewegt, ihre Geschichte zu lieben, eine willkommene Sache ist. Doch wenn alles, was du in der Geschichte siehst, nur die Reflektion deiner selbst ist, kannst du nichts mehr aus ihr lernen. Die 500-Jahr-Feier wird dann zu einer verpassten Gelegenheit für echte theologische und kirchliche Selbstreflexion und verkommt zu einer semi-fiktiven Hagiographie im Dienste der Selbstbestätigung. Hoffen wir, dass die Dinge anders enden, als befürchtet.


Bildergebnis für carl r truemanCarl R. Trueman unterrichtete lange Zeit Kirchengeschichte am Westminster Theological Seminary und unterrichtet seit 2018 am Grove City College. Der hier veröffentlichte Artikel erschien zuerst am 29.09.2016 auf firstthings unter dem Titel: „Remembering the Reformation – But celebrating what?“. Die Hervorhebungen wurden aber von mir vorgenommen.

Übersetzung mit freundlicher Genehmigung des Autors und firstthings.

Dieser Blog-Beitrag von Sergej Pauli erschien zuerst auf Glauben und Denken . Lies hier den Original-Artikel "Gedenkt an die Reformation, doch warum eigentlich?".

Über Sergej Pauli

Hallo ich bin Sergej Pauli und wohne in Villingen-Schwenningen. Zwar habe ich schon erste Erfahrungen zum Bloggen auf dem Literaturblog „Nimm-Lies“ gesammelt, dennoch bin ich relativ unerfahren darin, mich im Web darzustellen, deswegen bitte ich um Verständnis bei möglichen Fehlern. Für eine andere Sache schlägt mein Herz besonders laut, das ist der Glaube. Ich möchte hier die Schönheit dessen vorstellen, was man Gottseligkeit nennt. Ich bin überzeugt davon, dass ein Mensch Frieden mit seinem Schöpfer finden kann und im Nachsinnen über Gott und sein Wort Frieden und Freude bekommen kann. Allein dieser Segen lohnt sich, sich ausführlicher mit dem Glauben, der Religion und der Theologie auseinanderzusetzen. Darum möchte ich auf dieser Webseite einige meiner eigenen Bibelarbeiten vorstellen, einige Biographien vorstellen und schließlich auch einige christliche Bücher vorstellen. In meiner Gemeinde darf ich als Laienprediger mithelfen. Ich plane hier auch meine Predigten zu veröffentlichen. Teilweise soll das in schriftlicher Form, teilweise aber auch in audioform geschehen. Gelegentlich spiele ich auch Gitarre, gute Lieder möchte ich hier ebenfalls vorstellen.

One thought on “Gedenkt an die Reformation, doch warum eigentlich?

  1. Ja, es hatte so jeder seine Gedankenkonstruktionen und man muss aufpassen, dass man mit einer solchen Beschäftigung nicht auch nur in Schriftgelehrsamkeit verharrt, anstatt zum Kern zu kommen.
    Heute sind ja solche Fragen, wie sie die Reformatoren hatten, überhaupt nicht mehr relevant.
    Wir brauchen Antworten auf heutige Fragen, nicht auf die von Gestern.
    Leider ist das reformatorische Erbe nicht nur positiv zu sehen, wie mein Beitrag zum Lutherjahr zeigte:
    https://manfredreichelt.wordpress.com/2016/02/20/martin-luthers-erbe/

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