Die unwahrscheinlichste, verrückteste und faszinierendste Geschichte aller Zeiten

Eigentlich sollten wir diese Kunstfertigkeit feiern, doch alle schweigen verschämt und blicken zu Boden. Eine unfassbar fantastische Geschichte wurde entdeckt, doch keiner möchte darüber Reden.  Die Entdeckung dieser unfassbar unglaublichen Geschichte haben wir übrigens vor allem der liberalen Theologie und in besonderer Weise der liberalen Theologie Deutschlands zu verdanken. Fangen wir einfach mal an:

So berichteten es mir meine evangelischen Religionslehrer immer und immer wieder: Das Alte Testament, und in besonderer Weise der Pentateuch sind Fiktion. Auch wenn diese scharfe Rationalität nicht mehr den neuesten Stand der Forschung darstellen, sammeln wir gerade die Früchte vergangener Saat-Arbeit. Ist doch genau diese Bewertung des AT als Fiktion der “state of the art” des Menschen auf der Straße. Man hat dabei in etwa diese Erzählung im Blick, doch weil man immer nur kleine Schnipsel erzählt, verhindert man die Enttarnung der völligen Unglaubwürdigkeit:

Ca. 550 v.Chr. landet ein eher schlecht gebildetes Volk, ein Nomadenvolk, das meist von Streitigkeiten zerrissen und gespalten war, in babylonischer Gefangenschaft. Obwohl die meisten dieser Volksgruppe, auch Israeliten bzw. Judäer genannt, kaum oder gar nicht lesen können, entwickeln sie plötzlich ungeahnte und unerwartete Integrations-Schwierigkeiten. Während sich die meisten anderen Völker (die übrigens irgendwie auf seltsame Weise, weil es die Forschung des 19.Jahrhunderts so bestimmte, deutlich fortgeschrittener waren) ohne Probleme assimilieren, entwickeln die Juden eine Gegenkultur.

Nun, plötzlich besaßen die Juden auch eine geistliche oder geistige Elite, die alles daran setzte, eine Assimilierung im babylonischen Reich zu verhindern. Vor einigen Jahren noch kaum ein richtiges Volk, entwickeln die Juden plötzlich ungeahnte und unerwartete Fähigkeiten. Ein Redaktor, nein, vielmehr ein redaktionelles Team, erschafft eine Religion. Nicht, dass es nicht ein paar (natürlich mündlich) überlieferte Legenden, z.B. über den Auszug aus Ägypten und über die geradezu mystischen Könige David und Salomo gab, nein es gab wohl auch ein paar schriftliche Schnipsel (die Berühmten Quellen des Pentateuchs: J,E,D,P), aber im Großen und Ganzen, setzen sich diese (wie gesagt, bis dahin eigentlich völlig schlecht ausgebildeten) Redaktoren hin, und kreieren aus ein paar mündlichen und schriftlichen Überlieferungen eine Art kulturelles Gegenkonzept. Was herauskommt ist eben das, was Christen heute als Altes Testament bezeichnen.

Ich meine, das ist die mit Abstand fantastischste und gründlichste literarische Arbeit, die je geleistet wurde. Jedes Literaturwerk sollte daran gemessen werden. Man sollte auf die Verleihung des Literatur-Nobelpreises verzichten, da nur dieses Buch gewinnen kann. Einige auf die schnelle gezeichneten Tiefsinnigkeiten und Details dieser Riesen-Story:

  • Diese babylonischen Juden erfinden eine Story zur Zeit vor einer (natürlich ebenfalls erfundenen) Phase vor der ägyptischen Diaspora: Die Zeit der Patriarchen. Die Zeitgenossen der Patriarchen bekommen nun von den Redaktoren genau die Namen verpasst, die man in jener Zeit getragen hat. Ich meine, stellt euch das mal vor. Man geht über 1000 Jahre zurück und erfindet Namen, die völlig zufällig den Namen entsprechen, die man in dieser Zeit verwendet hat. Gemeint sind Namen wie Kedor-Laomer, Tidal, Amrafel, Arjoch (Vgl. Gen. 14,9) [1]. Selbst wenn man bewusst babylonische Bibliotheken durchsuchte, wäre das eine extrem wissenschaftliche Vorgehensweise für ein fiktives religiöses Werk, dem es ja vornehmlich nur darum geht, eine religiöse anti-babylonische Identität zu kreieren. Es geht ja darum (so weiß heute jeder Theologe), Religiosität und Gottesempfinden greifbar zu machen, nicht historische Fakten zu beschreiben; dennoch entscheiden sich die Redaktoren für diese penible Geschichtsarbeit. Warum bloß?
  • Diese Wundermenschen an Redaktoren achten auf die verrücktesten biologischen Zusammenhänge. So beschreibt man Klima und Wetter in 2. Mose typisch für Ägypten (und nicht einmal typisch für Palästina, man beachte z.B. den Getreidestand während der Hagelplage in 2. Mo, 9,31-32), oder vergleiche das Jordantal mit dem ägyptischen Delta-Gebiet (1. Mo 13,10)[2]. Man achtet auf die Kulturgeschichtliche Entwicklung von z.B. Maultieren. Während Davids Söhne fleißig auf dieser Kreuzung von Pferd und Esel reiten, die die Juden übrigens nicht selber züchten durften, wird dieses Mischtier nicht vor diesen königlich wohlhabenden Zeiten erwähnt (Salomo kaufte sich diese entsprechend ein [1. Kön 10,25], da die Juden selber keine Maultiere kreuzen). Es ist nie Jakob oder Esau oder irgendjemand anderes der Frühzeit, der auf einem Maultier reitet. Irgendwie hatte dieser allzu übermenschliche Redaktor auch die kulturgeschichtliche Entwicklung von Zuchtrassen im Blick gehabt, als er diese Erzählung über religiöse Empfindungen zusammenspinnt.
  • Man achtete selbst penibel darauf, dass der Gottesnahme JHWH von Gott, wie es für die Erzählung passen sollte, erst nach der Offenbarung dieses Namens von Gott selbst verwendet wurde (Ex. 3,14). Sprich, säuberlich reinigten die Redaktoren ihre J-Quelle von fehlerbehafteten Einflüssen.
  • Völlig unmenschlich dürfte ihre Mühe gewesen sein, als sie die Geschichten in unterschiedliche Stil-Mittel aufteilten. So wird zwar Davids Lebensgeschichte als Epos dargestellt, doch gleichzeitig einige seiner Erlebnisse gesondert als Lieder zu Papier (pardon, zu Papyrus) gebracht. David singt teilweise über ganz spezielle Details, wie die Verfolgung durch Saul oder durch Absalom. Passend wurden die Lieder erstellt, um den prosaischen Epos zu ergänzen. Wie oft man diese Werke wohl korrigert hat, wie viel Papier- (pardon, Papyrus-) Müll da produziert wurde, bis die unterschiedlichen Erzähltraditionen aufeinander abgestimmt wurden.
  • Völlig penibel und übertrieben ausführlich werden Opferrituale, Festzeremonien und der Bau eines bereits seit Jahrhunderten nicht mehr vorhandenen Zeltes, der sogenannten Stiftshütte beschrieben. Man erfindet also einfach ein Gebäude, dass es eigentlich nicht gab, J. Wellhausen hat das bereits gewusst.  Gleichzeitig aber wird an sehr vielen Stellen festgehalten, dass die beschriebenen Festigkeiten oder religiösen Verpflichtungen eh (so gut wie) nie eingehalten wurden (vgl. z.B. Num. 9,2ff mit 2 Kön. 23,21ff. oder auch Jos. 5,11). Offensichtlich wollte man sich einerseits als ein besonders soziales Volk bezeichnen, als man sehr umfangreich über das Jubeljahr schrieb, während man dennoch Auszüge Jeremias bestehen ließ, die die Missachtung des Jubeljahres beklagen (vgl. Lev. 25 mit Jer. 34). An einer anderen Stelle achtet man penibel darauf, dass die Götzen der umliegenden Völker gerade auf ihrem Gebiet geschlagen werden, so wird dem Baal des Ahab (Fruchtbarkeits- und Regengott) einfach das Wasser abgedreht.
  • Man beachtet selbst völlig verrückte und eigentlich vollständig nebensächliche Details. Nicht nur, dass man die Bücher Chronika und Könige miteinander entsprechend harmonisiert, nein, die Detailarbeit geht deutlich weiter. So lässt man Josua einen Fluch über Jericho aussprechen, der in einem ganz anderen Werk  einer ganz anderen Überlieferungstradition erfüllt wird (vgl. Jos. 6,26 mit 1. Kön. 16,34). Eine andere Stelle erwähnt ein Eisenmonopol der Philister (z.B. 1. Sam. 13,20). Warum sollte man in Babylon Probleme der Bronzezeit (1000 Jahre davor) im Blick haben? Überlege dir mal den Rechercheaufwand, um so ein Detail zu erfinden.  Ein weiteres Beispiel: Die Gibeoniter erschleichen sich einen Bund mit Israel (Jos. 9), den Saul bricht und den David korrigieren muss (2. Sam. 21,1ff.). Wieder zwei völlig nebensächliche Erzählungen, die zusammengeführt werden.
  • Man darf gleichzeitig nicht vergessen, was oben erwähnt wurde. Diese Migranten-Gruppe war nicht nur schlecht ausgebildet, sie war auch moralisch mehr als zweifelhaft aufgestellt. Völlig Gewaltverherrlichend wird die völlige Zerstörung der Kanaaniter durch Ihren Gott JHWH gepriesen. Es sind also extrem intellektuelle Redaktoren mit Hang zum Genozid, die dahinter standen. Da wird es zwar dem durchschnittlichen Westler etwas bange,  denn intellektuelle Bildung wird immer mit moralischem Fortschritt gleichgestellt, aber hier macht dieses Naturgesetz wohl eine Ausnahme.
  • Ähnlich hassen diese Redaktoren auch andere Randgruppen, wie z.B. Homosexuelle, was die bildhaften Gräuel-Darstellungen von Sodom und Gomorra oder auch in Richter 19 darstellen. Gleichzeitig aber, und dass ist wohl in der Tat extrem faszinierend, ließen diese Redaktoren kleine zweifelhafte Andeutungen bestehen, um doch anzudeuten, dass einige Ihrer Volkshelden homosexuelle Züge besaßen. So preist David die Liebe Jonathans bekanntlich für größer als die der Frauen, trägt Joseph Mädelstracht und Ruth hat offensichtlich eine Affäre mit ihrer Schwiegermutter.  (Die drei verlinkten Seiten führen auf eine jüdische, eine katholische und eine protestantische Mainstream-Seite, es herrscht also bei diesem Thema Eintracht.) Womöglich war einer im Redaktionsteam ebenfalls homosexuell und hinterließ einfach seine Spuren?
  • Die Redaktoren waren also schon radikal drauf. Eine ihrer Absichten scheint festzustehen: Der JHWH-Kult muss um jeden Preis verteidigt werden. Dafür lässt man JHWH sogar die Götter Babylons (also die Sonne) erschaffen, importiert man babylonische Flutlegenden (die aber gleichzeitig auch aus alter babylonischer Vorzeit waren, wieder völlig bizarres Verhalten der Redaktoren). Völlig gaga: Die selben Redaktoren übersehen offensichtliche Wiedersprüche in den ersten beiden Kapiteln ihres Epos. Jeder liberale (und deutsche) Theologe des 19.Jahrhunderts erkannte dies sofort: Da sind zwei Berichte, die sich wiedersprechen. Alle erkannten das, außer die Redaktoren, die doch sonst an so viele Details gedacht haben.
  • Gleichzeitig aber versieht man die eigenen Propheten mit einer klar Israel-kritischen Haltung. Jeremia ist eigentlich die ganze Zeit dabei, Gericht über Israel anzukündigen. Ob nun vom Redaktionsteam zusammengestellt oder nicht, man lässt diese kritischen Texte stehen. Führt hier Selbsthass, den Migranten gerne entwickeln, zu einer Radikalisierung der eigenen Kultur? Wenn einem Ausreden nicht mehr einfallen, darf man wohl zu psychologischen Erklärungen greifen.
  • Diese Aufzählung ist alles andere als Fertig, man könnte noch ausführlich über das orientalische Erbrecht (Gen. 15,2),  ägyptische Vornamen (Mose!), geographische Sauberkeit (erst etwas über Jerusalem, als es so weit ist) ausführen. Doch wir stehen in der Gefahr, den eigentlichen Höhepunkt der Dichtung zu verpassen. Falls dich diese literarische Meisterleistung faszinieren sollte, sei beruhigt! Wir stehen erst am Anfang. Denn diese von egoistischen, sich selbst Hassenden und irgendwie auch widersprüchlichen Redaktoren zusammengestellte Erzählung sollte noch eine Auswirkung haben. Viele hundert Jahre später nämlich findet sich ein Zimmermann aus Nazareth, der sich für die Erfüllung der Messias-Verheißungen hält, die das ganze AT durchziehen. (Nebenbei: Völlig seltsam, dass die Redaktoren diesem Messias-Kult derart frönten.) Sein Leben macht Eindruck, und schon wenige Jahrzehnte nach seiner gewalttätigen Kreuzigung ist das ganze römische Reich bereits von dieser Lehre (tödlich) infiziert. Überall glauben Menschen, dass das AT seinen Höhepunkt in diesem Menschen aus Nazareth fand. Das römische Reich wehrt sich mit aller Macht gegen diesen Kult, geht aber im Vergleich zu dieser Sekte, die wir als Christentum kennen, unter.
  • Doch wahrscheinlich ist selbst das, nicht die eigentliche Überraschung an der Erzählung. Die eigentliche Überraschung ist, dass diese unfassbar begabte Truppe an Redaktoren über Jahrhunderte so viele Menschen an der Nase herumführen konnte. Ob nun ihre Volksgenossen in Babylon, ob nun die Makkabäer, ob nun die Juden unter römischer Leitung oder in der Diaspora, ob die ersten Christen im ganzen römischen Reich, aus den unterschiedlichsten Nationen, sie alle hielten dieses Buch für das Wort Gottes. So ging es dieser Sekte der Christen viele hunderte Jahre lang. Doch plötzlich kamen einige Theologen (vornehmlich aus Deutschland) hinter diesen Trick. Sie waren plötzlich in der Lage zwischen den unterschiedlichen Quellen (ob J,ob E, ob D oder P) zu unterscheiden. Überall enttarnte man den legendären Charakter des Buches. Viele trauten sich sogar an die Rekonstruktion der tatsächlichen Begebenheiten ran. DAS ist wirklich unwahrscheinlich, verrückt und faszinierend. Was man nicht alles erfindet, um ja nicht der Bibel glauben zu müssen.

Fazit: Ich habe einfach zu wenig Glauben, um nicht an die Bibel zu glauben. 


Schon länger habe ich mir überlegt, diese Notizen zu veröffentlichen. Die populäre Darstellung der Entwicklung der Heiligen Schrift ist so kindisch, dass sie völlig lächerlich und absurd wird. Was mich letzten Endes ermutigte, waren die Vorträge von Edward J. Young zur Authority of Scripture, der genau dieses Experiment von mir oben immer und immer wieder in seiner Vorlesung wiederholt: Er versetzt sich in die Haut der babylonischen Redaktoren, und zeigt, wie unmöglich diese populären Darstellungen sind. Niemals würde sich ein Mensch so verhalten. Die Beispiele, die ich von Ihm übernommen habe, habe ich mit [1] versehen. Zudem empfehle ich die Ausführungen von Gleason L. Archer, in seinem Buch: Schwer zu verstehen.  Die Beispiele Archers sind mit [2] versehen.  Die meisten Beispiele entstanden aber beim Bibellesen. Natürlich ist die heutige Neo-Orthodoxie tiefsinniger als zu Zeiten von Wellhausen und Co, die Evidenz der Archäologie des 20.Jahrhunderts war einfach zu erschlagend. Doch diese Erkenntnisse scheinen nicht beim säkularisierten Westler oder beim durchschnittlichen Reli-Lehrer, oder selbst beim üblichen Autor von chrismon oder katholisch.de angekommen sein. Diese drei Gruppen schwelgen weiterhin in diesen veralteten und ehrlich gesagt extrem peinlichen Phantasien. Ich habe erst vor einigen Tagen eine Mail bekommen, in der mir lang und breit versichert wurde,dass Gen. 19 und Jos.19 auf denselben Bericht zurückzuführen seien. Während meiner Schulzeit (die ja nun wirklich nicht lange her ist) wurde z.B. immer wieder betont, dass der Pentateuch gar nicht von Mose stammen konnte, da damals sowieso niemand schreiben konnte. Eine Theorie, die bereits seit dem frühen zwanzigsten Jahrhundert auch von den liberalen Theologen nicht mehr vertreten wird (Vgl. hierführ Youngs Vortrag, Teil 7). Vergleiche auch diesen Artikel in der Jerusalem Post.

Über Sergej Pauli

Hallo, ich bin Sergej Pauli, Jahrgang 1989 und wohne in Königsfeld im Schwarzwald. Ich bin Ingenieur, verheiratet, habe vier Kinder. Diesen Blog möchte ich nutzen, um über das Wort Gottes und seine durchdringende Wirkung bis in unsere Zeit zu schreiben. Hast du bestimmte Fragen oder Anliegen, dann scheue dich nicht, mich zu kontaktieren. Hast du bestimmte Fragen oder Anliegen, dann scheue dich nicht, mich zu kontaktieren.

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