Wie bleiben wir Menschen mit Mission 8: Fremdeln die Evangelikalen mit ihrem sozialen Auftrag?

Worin liegt eigentlich der Auftrag der Kirche Jesu? Der „Missionsbefehl“ in Matthäus 28 stand schon immer im Zentrum, wenn es um diese Frage ging. Es gibt jedoch auch Texte im Neuen Testament, die einen anderen Schwerpunkt legen. In Matthäus 25, 31-46 lehrt Jesus, dass das entscheidende Kriterium im letzten Gericht die Frage sein wird, wer sich Menschen in Not zugewandt und ihnen praktisch geholfen hat. Seitdem hat immer wieder die Frage für Spannungen gesorgt, wie die Themen Evangelisation, Gemeindebau und praktische Hilfe zu gewichten sind? Thorsten Dietz berichtet von Konflikten schon im 19. Jahrhundert:

Nun wurden die Gräben tiefer, aus vielfältigen Gründen. Das vom baptistischen Theologen Walter Rauschenbusch (1861-1918) entwickelte Konzept des Social Gospel, dem zufolge sich die Kirchen ausdrücklich um Gesellschaftsreformen zugunsten der Armen bemühen sollten, stieß unter den Evangelikalen auf starke Ablehnung. Noch stärker gilt das für eine moderne Theologie, die die Anerkennung der Naturwissenschaften einschließlich der Evolutionslehre und die Anwendung der Methodologie der modernen Geschichtswissenschaften auch für die Bibelauslegung verbindlich machen wollte. Die zunehmenden Gräben zwischen den Frömmigkeitsprägungen führen nun zu vielen Trennungen und Spaltungen in Gemeinden, Kirchen, Ausbildungsstäten und Missionswerken. (S. 31)

Im 20. Jahrhundert berichtet Thorsten Dietz von einer Öffnung und Selbstsäkularisierung der Kirchen: In der Ökumene setzte sich nach dem Zweiten Weltkrieg ein erweiterter Missionsbegriff durch. Zunehmend gilt auch der Einsatz für Frieden und Gerechtigkeit als Teil der Mission. Sozialpolitische Schwerpunkte treten zunehmend ins Zentrum Kirchlicher Kommunikation. … Gewichtige Stimmen fordern ein Ende jeder auf Bekehrungen ausgerichteten Mission. (S. 72)

Der Lausanner Kongress unter der Leitung von Billy Graham und John Stott wollte diese Fehlentwicklungen korrigieren und klarstellen: Evangelisation und Mission ist der Auftrag, dem die Kirche zuallererst verpflichtet ist. Jedoch darf die Wortverkündigung nicht gegen praktische Hilfe für Menschen in Not ausgespielt werden. Beides ist unaufgebbar wichtig. Wort und Tat gehören zusammen.

Was können wir von Thorsten Dietz lernen?

Dietz arbeitet gut heraus, was ich selbst auch aus der Geschichte des württembergischen Pietismus kenne: Viele Evangelikale waren auch Sozialreformer. (S. 106) Es waren oftmals pietistisch geprägte Unternehmer, die sich besonders um die sozialen Belange ihrer Mitarbeiter gekümmert und dadurch neue Standards für eine soziale Marktwirtschaft gesetzt haben. In aller Welt haben Missionare Waisenhäuser, Schulen und Krankenhäuser gegründet, Brunnen gebaut und auf vielfältige Weise für bessere Lebensverhältnisse gesorgt. Markus Spieker berichtet im Buch „Übermorgenland“ von deutschen Missionaren, die bis heute in fernen Ländern für ihr Lebenswerk in höchstem Ansehen stehen: „Es waren … christliche Missionare, die in Indien und anderen asiatischen Ländern die ersten Mädchenschulen eröffneten. Gleichberechtigung ist deshalb eine christlich-abendländische Errungenschaft.“ (S. 136) In seinem Buch „Jesus. Eine Weltgeschichte“ schildert er in beeindruckender Weise, wie die frühen Christen die teils menschenverachtende antike Kultur grundlegend transformiert haben. Werte wie Nächstenliebe oder der Einsatz für den Schutz der Schwächeren, die auf uns heute wie selbstverständlich wirken, waren eine christliche Innovation!

Thorsten Dietz berichtet zudem, dass Billy Graham höchstpersönlich bereits in den 1950er-Jahren Rassentrennung bei seinen Veranstaltungen unterbunden hat. Und1974 übte der konservative Evangelikale Francis Schaeffer massive Kritik an jeder Form von Rassismus. Diese Linie zieht sich durch die Lausanner Geschichte. (S. 290) Auch die Pfingstbewegungen waren in vielen Ländern, vor allem in Südamerika, offensichtlich Teil eines positiven gesellschaftlichen Wandels. (S. 152) Die Abschaffung der Sklaverei, die durch den tiefgläubigen William Wilberforce vorangetrieben wurde, ist ein weiteres leuchtendes Beispiel für gesellschaftstransformatorisches Wirken von Christen.

Äußerst beeindruckend waren für mich auch die Schilderungen des indischen Philosophen Vishal Mangalwadi, der in seinem „Buch der Mitte“ berichtet, wie die Verbreitung eines von der Bibel geprägten Glaubens auch zu weitreichenden gesellschaftlichen Transformationen geführt und letztlich den heutigen Westen sehr wesentlich geprägt hat. Diese wunderbare Segensspur darf die Kirche Jesu niemals aus dem Blick verlieren.

Gibt es Anfragen oder Gegenperspektiven zu den Thesen von Thorsten Dietz?

Thorsten Dietz berichtet, dass es auch nach Lausanne bis in die Gegenwart hinein immer wieder Konflikte zur Frage nach der richtigen Gewichtung von „Wort und Tat“ gab: Auf einer Jahrestagung des Arbeitskreises für evangelikale Mission (AeM) prallten die Positionen aufeinander. Der Evangelist Ulrich Parzany bekannte sich grundsätzlich zum Lausanner Konsens, dass »Wort und Tat gleichermaßen zur Sendung Gottes« gehören. In den Landeskirchen aber sei eine klare Tendenz zu beobachten: Im Namen eines umfassenden Missionsverständnisses wird die Diakonie immer weiter professionalisiert und ausgebaut, während missionarische und evangelistische Stellen abgebaut werden. Im Blick auf die neue evangelikale Betonung ganzheitlicher Mission habe er ein Déjà-vu-Erlebnis angesichts der kirchlichen Ersetzung der Mission durch Diakonie und den Wunsch, »dass die evangelikale Bewegung nicht 50 Jahre später das Gleiche macht.« Tobias Faix hingegen stellte klar, dass es gar nicht um eine solche Konkurrenz gehe. Da gehöre »beides rein, sowohl die Evangelisation, die Wortverkündigung, als auch die soziale Tat.« (S. 121)

Parzany und Faix sind sich also völlig einig darin, dass Wort und Tat zusammengehören. Man fragt sich deshalb beim Lesen: Warum wird die Äußerung von Faix eigentlich mit dem Wort „hingegen“ eingeleitet? Insgesamt scheint mir die Darstellung der Debatte um das Miteinander von Wort und Tat einen falschen Drall zu haben. Die zentrale Auseinandersetzung, die schon seit dem 19. Jahrhundert immer wieder zu ähnlichen Konflikten geführt hat, drehte sich ja kaum um die Frage, ob zum Missionsauftrag auch praktische Hilfe, Diakonie und Engagement für Mensch und Umwelt gehört. Ich kenne persönlich niemand, der das bestreitet. Die zentrale Auseinandersetzung dreht sich immer wieder um die Frage: Verlieren wir die Balance, weil wir die auf Bekehrung ausgerichtete Mission und Evangelisation aus dem Fokus verlieren?

Thorsten Dietz stellt die moderne „Transformationstheologie“ indirekt in die Tradition der Lausanner Bewegung. Aber wird von dieser theologischen Denkschule wirklich die Lausanner Ausgewogenheit zwischen auf Bekehrung ausgerichtete Mission und Engagement für praktische Hilfe weitergeführt? Es liegt nicht an mir, das abschließend zu bewerten. Die Lektüre des „Handbuchs Transformation“ (herausgegeben von Tobias Faix und Tobias Künkler von der CVJM Hochschule Kassel) lässt bei mir jedochFragen aufkommen:

  • Ist die dort vorzufindende apokalyptische Ausgangsbasis nicht genau das, was Thorsten Dietz an den angeblich so pessimistischen Evangelikalen kritisiert, wenn z.B. Jürgen Harder schreibt: „So ist »Das Ende der Welt, wie wir sie kannten« keine ferne Dystopie, sondern bereits jetzt im Gange.“ (S. 33/34)
  • Wird hier nicht genau die Zusammenarbeit mit politischen und gesellschaftlichen Kräften zur Umformung der Gesellschaft gesucht, die Thorsten Dietz bei den Evangelikalen als so gefährlich ansieht? Gerhard Wegner formuliert in diesem Buch Sätze wie die folgenden: „Transformation … setzt wichtige gesellschaftliche Kräfte voraus, die nicht nur entschieden etwas Neues schaffen, sondern ebenso entschieden Altes zerstören. … Zudem gilt, dass die beharrenden Kräfte, wie schon die leninistische Revolutionstheorie behauptete, nicht mehr die Schalthebel der Macht bedienen können.“ Reformen reichen nicht für das „Ziel der Überwindung der kapitalistischen Gesellschaftsstruktur.“ (S. 277 ff.) Mir läuft bei solchen Sätzen ein kalter Schauer über den Rücken. Ich bin immer noch ein wenig fassungslos, dass so etwas Eingang gefunden hat in ein Buch, das von Dozenten einer CVJM-Hochschule herausgegeben wurde.

Am wichtigsten ist mir aber die Frage: Kann man die im Handbuch Transformation favorisierte „Öffentliche Theologie“ im Stile des früheren EKD-Ratsvorsitzenden Heinrich Bedford-Strohm wirklich in die Tradition der Lausanner Bewegung stellen? Im Buch „Mission Zukunft“ schrieb Bedford-Strohm: „Mission, wie ich sie verstehe, ist nicht der strategische Versuch, Menschen zu einem bestimmten Bekenntnis zu veranlassen.“ (S.72) Damit ist aber Mission im Sinne der Lausanner Bewegung tot. Denn evangelikale (und christliche!) Mission muss immer das Ziel haben, dass mit dem Herzen geglaubt und mit dem Mund bekannt wird, dass Jesus der auferstandene Herr ist (Römer 10,9-10). Es verwundert deshalb nicht, dass Alexander Garth im gleichen Buch berichtet: „Es fällt auf, dass die wenigsten innovativen missionarischen Projekte aus dem Bereich der Großkirchen kommen … obgleich sie über immense Ressourcen an Finanzen und Manpower verfügt.“ (S.292) Es ist genau dieses Absterben der missionarischen Dynamik, vor der Evangelikale immer wieder warnen. Sie werden diesen Weg niemals mitgehen können, weil es dabei um ihr innerstes Kernanliegen geht. Dabei ist ihnen bewusst: Mit politischen Apellen und Moralismus allein ist aus neutestamentlicher Sicht ohnehin keine echte Transformation zu erreichen. In vielen Erweckungsbewegungen war Gesellschafts­transformation nur eine sekundäre Folge davon, dass immer mehr Menschen Erneuerung in Christus erfahren haben. Diese Herzenstransformation hat sich dann ausgewirkt auf das diakonische Engagement und auf die Ethik des Miteinanders in Familien, Unternehmen, Organisationen und Administrationen.

Evangelikale haben immer im Blick: Das Herz des Problems ist das Problem des Herzens, das in Sünde verstrickt ist und Erlösung braucht. Zur Lösung dieses Problems hatte die Kirche noch nie politische Agitation im Fokus, sondern immer die Herzenstransformation von Menschen in Christus mithilfe all der Dinge, die mir im „Handbuch Transformation“ leider viel zu kurz kommen: Evangelisation, Gebet, Verkündigung von Gottes Wort, persönliche Christusnachfolge und Aufbau christuszentrierter Gemeinschaften.

Worüber sollten wir uns dringend gemeinsam klar werden?

Wollen wir auch zukünftig Mission und Evangelisation als zentralen Auftrag der Kirche im Fokus behalten und dabei die enge Verbindung zwischen Wortverkündigung und praktischer Hilfe bewahren?

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Weiterführend:

⇒ Weiter geht’s mit Frage 9: Stehen „Bekenntnis-Evangelikale“ für eine Profilierung durch Abgrenzung? (folgt in Kürze)

⇒ Hier geht’s zur Übersicht über die gesamte Artikelserie.

Dieser Blog-Beitrag von Markus Till erschien zuerst auf aufatmen in Gottes Gegenwart . Lies hier den Original-Artikel "Wie bleiben wir Menschen mit Mission 8: Fremdeln die Evangelikalen mit ihrem sozialen Auftrag?".

Über Dr. Markus Till

Evangelisch landeskirchlicher Autor, Blogger und Lobpreismusiker mit pietistischen Wurzeln und charismatischer Prägung

5 thoughts on “Wie bleiben wir Menschen mit Mission 8: Fremdeln die Evangelikalen mit ihrem sozialen Auftrag?

  1. Matth 25 stellt das Völkergericht dar, nicht das Weltgericht. Wenn man in Matth 25 das Weltgericht von Offb 20 erkennen will, dann kann man daraus 1:1 eine Predigt zur Gültigkeit von Werksgerechtigkeit ableiten.

      1. Das Gericht über die Nationen zu Beginn des Milleniums ist das Völkergericht, das jüngste Gericht von Offb 20 das Gericht am Ende des Milleniums vor Beginn der neuen Erde. Die zu beurteilenden Akteure unterscheiden sich deutlich. Beim Völkergericht sind es die Nationen, beim Weltgericht die Einzelpersonen. Total unterschiedlich ist auch die Qualifikation, um einer Verurteilung zu entgehen. Beim Völkergericht ist es das Verhalten der Nationen gegenüber denen, die Jesus als seine eigenen angesehen hat und mit denen er sich identifiziert. Beim Weltgericht muss man im Lebensbuch des Lammes stehen. Diese Differenzierung setzt natürlich ein bestimmte heilgeschichtliche Sicht voraus.

        Die Rede von Matth 25 scheint mir im progressiven Spektrum sehr en vogue zu sein, um gegen einen nur in sich gekehrten Pietusmus anzukämpfen. Das Schlimme dabei ist, dass man nicht erkennt, dass man dadurch Werksgerechtigkeit lehrt. Denn es geht auch im Völkergericht klar um ein drinnen und draußen.

  2. Die Leute haben Probleme: Mission und soziales Helfen ist noch nie ein Widerspruch gewesen. Gehört zusammen.
    Nur: Die Kirchen legen heute kaum mehr Wert auf Mission. Dabei kann die Mission direkt auch eine Lebenshilfe sein. Wer sich bekehrt, der lebt anders und dabei kann z.B. manche Ehe gerettet werden, was nicht nur der Familie nützt, sondern u.U. auch dem Staat, indem er Sozialhilfe spart. Mal an die positiven Folgen einer Bekehrung denken! So schwer ist das ja nicht zu begreifen. Insoweit müsste der Staat auch daran interessiert sein, dass sich viele bekehren, aber die Kirchen sind ja heute auch nicht mehr sonderlich daran interessiert. Man denke nur an den doppelnamigen früheren EKD-Chef. Das sind alles keine Christen, sondern Unchristen.

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