Das Bild zeigt eine total weiße fast durchscheinende Tür - das Thema ist "das Staunen der Engel ", also ist klar, dass es um die Sichtweise aus einer anderen Welt geht. Aus der Welt der Engel.

Das Staunen der Engel

Es war einige Stunden nach jener Morgendämmerung, in der die Erde das Unmögliche hörte: den Schritt des Auferstandenen auf kaltem Stein. Die Jünger wussten es noch nicht. Jerusalem wachte langsam auf, als sei alles wie immer. Aber im Unsichtbaren war nichts mehr wie zuvor.

In einer stillen Halle des Himmels, fern von jedem Triumphgeschrei, standen drei Engel beisammen. Sie waren nicht in Feierlaune, eher in einer Art nachdenklicher Spannung. Denn obwohl sie diesen Tag seit Jahrhunderten erwarteten, lag etwas vor ihnen, das sie nicht vollständig verstanden.

„Also“, begann der erste, ein älterer von ruhigem Ausdruck, „die Macht haben wir gesehen. Der Tod hat ihn nicht halten können. Das entspricht unserer Erwartung. Das ist seine Natur.“

Der zweite, ein deutlich jüngerer Engel, fast ungeduldig, schüttelte den Kopf. „Ja, aber das ist nicht das, worüber ich staune. Das ist nicht das Rätsel. Das Rätsel ist… Bethlehem.“

Der dritte Engel, der bisher geschwiegen hatte, hob leicht die Braue. „Bethlehem? Du denkst in die falsche Richtung. Die Auferstehung, das ist doch das Zentrum. Der Sieg, die Vollendung.“

„Die Vollendung, ja“, antwortete der junge Engel, „aber nicht der Anfang.“ Er trat ein paar Schritte an das goldverzierte Geländer der Halle, als könnte er von dort auf die Jahrhunderte der Menschheitsgeschichte hinabschauen. „Ich habe oft darüber nachgedacht, aber heute, nach diesem Morgen, drängt sich die Frage wieder auf: Warum hat er so begonnen? Warum dieser Weg?“

Der ältere lächelte mit sanfter Geduld. „Weil er so gewählt hat. Das genügt doch.“

„Für euch vielleicht“, sagte der Jüngere, „aber nicht für mich. Ich war in jener Nacht dort. Ich erinnere mich an den Geruch des Stalls, an die nervösen Atemzüge der Tiere, an die Kälte, die durch die Ritzen zog. Ich erinnere mich an Maria, die kaum begreifen konnte, was sie in den Armen hielt. Ich erinnere mich an Josef, der es versuchte, aber doch nicht begriff. Ich erinnere mich an das Kind, an das Licht, das zu schwach schien, weil es sich selbst begrenzte. Ich erinnere mich an all das. Und doch: die Frage bleibt.“

Der dritte Engel, der bisher sachlich war, trat nun näher. „Und was ist denn deine Frage?“

Der Jüngere antwortete nicht sofort. Er suchte nach Worten, die groß genug waren. „Warum hat der ewige Gott sich so weit herabgelassen? Wir kennen seine Macht. Wir kennen seine Majestät. Aber diese Verwundbarkeit… Dieser Atem in einem Menschenkörper… Dieses Weinen… Diese vollen Windeln… Diese Bedürftigkeit… Ich verstehe es nicht.“

Der ältere Engel legte sanft eine Hand auf seine Schulter. „Weil er sie liebt.“

„Das ist mir zu einfach.“, meinte der Jüngere.

„Nein“, sagte der Ältere, „es ist nur zu groß.“

Der dritte Engel blickte hinaus in die Weiten des Himmels. „Ich erinnere mich an Golgatha“, sagte er leise. „Ich stand am Rand der Finsternis, und ich wusste: Wir dürfen nicht eingreifen. Er hätte uns jeden Moment mit einem Fingerschnipsen rufen können. Doch er blieb in diesem Körper, bis der Körper starb. Er, der die Sterne trägt, ließ sich von Nägeln halten.“

Er schwieg einen Moment, als müsse er die Gedanken neu sortieren. Dann sprach er weiter: „Aber selbst dort habe ich nicht so sehr über die Macht gestaunt als über die Entschlossenheit. Er hätte alles in einem Atemzug beenden können; und tat es nicht. Er blieb. Er trug. Er starb. Und heute… heute steht er auf. Das ist das Wunder der Macht. Aber das eigentliche Geheimnis liegt davor.“

„Du meinst die Menschwerdung“, sagte der Jüngere.

„Ja.“

Der Ältere nickte. „Die Auferstehung bestätigt, wer er ist. Aber die Geburt zeigt, wie er ist.“

Der junge Engel ließ diesen Satz auf sich wirken. „Es ist nicht der Sieg, der mich verwirrt“, murmelte er nachdenklich. „Es ist die Sanftheit.“ {Hervorh. fett d. Red..}

Ein leises Lächeln ging über das Gesicht des älteren Engels. „Das ist das Geheimnis.“

„Und das Kreuz?“, fragte der Jüngere. „Ich verstehe, dass die Auferstehung Macht offenbart. Ich verstehe jetzt auch, dass die Geburt Nähe offenbart. Aber warum das Kreuz? Warum die äußerste Tiefe? Warum musste der Schöpfer sterben?“

Der dritte Engel antwortete: „Damit die Nähe nicht nur äußerlich bleibt, sondern hineingeht in die Not der Welt. Nicht nur in die Freude, sondern auch in die tiefste Finsternis des Menschseins. Wer Mensch wird, muss auch sterben können. Wer retten will, muss auch tragen wollen.“

Der Jüngere schloss für einen Moment die Augen. „Wir sahen alles. Wir begleiteten die Jahrhunderte. Wir wussten, dass er kommen würde. Aber wir wussten nicht, wie weit.“

„Und genau das“, sagte der Ältere, „ist dieses Evangelium, das uns anzieht. Wir sehen es, aber wir erleben es nicht. Wir verstehen es, aber nicht von innen. Deshalb begehren wir hineinzuschauen. Denn nur Menschen leben in diesem Wunder, wir leben daneben.“

Der junge Engel öffnete die Augen wieder und sah seine Gefährten an. „Heute ist er auferstanden. Die Welt weiß es noch nicht. Aber ich frage mich: Werden sie verstehen, was ihnen geschenkt wurde?“

Der dritte Engel lächelte sanft. „Manche. Und für die anderen wird es erzählt werden – durch Propheten, durch Prediger, durch Worte, die viel schwächer sind als das, was wir heute gesehen haben. Aber diese Worte tragen dasselbe Feuer.“

Der ältere Engel trat zurück in die Halle. „Lasst uns gehen. Denn was heute geschehen ist, gehört nicht uns. Es gehört ihnen.“

Der Jüngere senkte ehrfürchtig den Blick. „Den Menschen.“

„Ja“, sagte der Ältere. „Das Geheimnis gehört ihnen. Und wir dürfen staunen.“


Dieser Blog-Beitrag von Jonas Erne  erschien zuerst auf Jonas Erne – Der Blog . Lies hier den Original-Artikel „Das Staunen der Engel.“

Über Jonas Erne

Ich bin Ehemann, Vater, Theologe, Gemeindereferent, Vielleser. Auf meinem Blog geht es um Gelesenes, aber auch um die Auseinandersetzung mit Fragen des täglichen Lebens, mit der Kultur und der Bibel. Hin und wieder gibt es auch kreative Texte wie Gedichte, kurze Geschichten und mehr.


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