Wenn Christen unterschiedliche Auffassungen in der Lehre vertreten – muss dann alles schön brav harmonisiert werden, um niemanden auf den Schlappen zu treten ?
– Dr. Berthold Schwarz –
Jede Zeit, jede Epoche und jeder Kulturkreis, in denen sich Christen zurechtfinden und ihre Identität als „in Christus“ verwurzelt (Gal. 2,20) und „versiegelt mit dem Heiligen Geist“ ansehen dürfen, als sie an (das Evangelium von Jesus Christus) gläubig wurden (Eph. 1,13), fordern heraus. Auch das Leben als Christ in Mitteleuropa in den kulturellen und gesellschaftlichen Kontexten des beginnenden 21. Jahrhunderts fordert heraus.
Die Herausforderungen führen dementsprechend auch zu (theologischen) Streitgesprächen, zu Kontroversen, die „Ross und Reiter“ benennen und Lehrunterschiede deutlich markieren, und die nicht einfach unter ferner Liefen als lapidare „Meinungsunterschiede“ harmonisiert werden können. Nicht selten geht es um mehr als nur um unterschiedliche, eher harmlos zu nennenden Auffassungen, bei denen jeder und jede nach „seiner/ ihrer Facon selig werden“ könnte. Es geht vielmehr um richtig oder falsch, um Wahrheit oder Irrtum, um „heilsnotwenig“ oder „nebensächlich“, um „affirmatio“ oder „damnatio“ (Confessio Augustana etc.).
Eine Kernfrage für die Neuzeit diesbezüglich stellte beispielsweise der einflussreiche liberale Theologe Ernst Troeltsch, als er auf sein berufliches Schaffen am Ende seines Lebens zurückblickte: Wie kann der christliche Wahrheitsanspruch in seiner für die Reformatoren unhintergehbaren Exklusivität glaubwürdig vertreten werden, wenn aus methodischen Gründen von einem aufklärerischen Rationalismus, Skeptizismus oder Agnostizismus anstelle (!!!) des offenbarungsgewissen Schriftprinzips ausgegangen wird?
Die Antwort, die Troeltsch damals gab, überzeugte mich und viele andere nicht. Vielmehr habe ich seit meinem Theologiestudium die Antwort auf Troeltschs Frage von meinem geschätzten Lehrer Reinhard Slenczka zu reflektieren gelernt, der die gleiche Frage wie Troeltsch an die Gegenwart stellte, der sie aber gänzlich anders und konträr zu Troeltsch beantwortete:
„Allein „das Wort Gottes heiliger Schrift“ bietet die notwendige inhaltliche Bestimmtheit, um zwischen Gotteswort und Menschenwort, Gotteserkenntnis und Gotteserfahrung, Christusbekenntnis und nachaufklärerischer Christologie, Opfer Christi oder Opfer der Christen, Rechtfertigung des Sünders oder Rechtfertigung der Sünde, Gottesvolk oder Volkskirche, Kirche und Politik, zwischen christlichem Glauben und Pluralismus vor Ort der Ökumene der christlichen Konfessionen, wie der Weltreligionen, sowie schließlich zwischen Doppeltem Ausgang der Weltgeschichte und Allversöhnung sorgsam genug „unterscheiden“ zu können, so dass die unauflösliche Differenz von Schöpfer und Geschöpf in allen diesen Themenbereichen gewahrt werden kann.“ (C. Bendrath, ThLZ 11-2002, 1211-1213).
Die Wahrheitsfrage des christlichen Glaubens, so wurde von Slenczka uns Studierenden in den Lehrveranstaltungen immer wieder plausibel vor Augen gestellt, kann und darf nicht durch subjektiven Geschmack, Zeitangepasstheit, Mehrheitsauffassungen der Epoche oder banale Zustimmungspopulismen entschieden werden.
Bereits bei seiner Antrittsvorlesung im Juli 1982 (vor nun fast 40 Jahren) in Erlangen über das Thema „Synode zwischen Wahrheit und Mehrheit“ (in: KuD 29 (1983), 66-81) wurde dieses zentrale Grundanliegen dieses lutherischen Systematikers deutlich. Mit einführenden und beschließenden Argumenten aus Luthers Disputation „De potestate concilii“ (WA 39 I) betonte Slenczka, dass Christus der tragende Grund und daher bleibender Maßstab sei und sein Wort (gemeint ist die Bibel), eben NICHT eine Mehrheits- oder Minderheitsauffassung, auch keine Überzeugung, die „heute“ eben besser in die Zeit passe und daher stattdessen gelte.
Für den Glauben als Christ samt seinem praktischen Gehorsam müsse nach diesen Kriterien unterschieden werden, ob Christus, der HERR, spricht oder ob er nicht spricht. Wenn ER gesprochen hat, so ist darauf zu vertrauen, so ist es anzunehmen und es gilt zu gehorchen. Hat ER nicht gesprochen, dann ist es nicht zu befolgen, gleich wenn Concilia (oder Professores und Kirchenfunktionäre) es fordern würden.
Mit solchen programmatischen Hinweisen auf Luther hat R. Slenczka wegweisend auf die Problemlage hingewiesen, die kirchenleitendes wie auch christlichen Verhalten auf Gemeindeebene herausfordert, die die Frage von Troeltsch zu beantworten sucht und die mit zwei Fragesätzen umschrieben werden kann:
- Aufgrund welcher Kriterien können (kirchenleitende, örtliche und synodale) Verantwortliche entscheiden, was im Blick auf die Lehre des christlichen Glaubens gilt und was nicht, auch dann, wenn die Probleme die evangelische Lehre nur am Rande tangieren?
- In welcher Form wird für solche Entscheidungsfindungsprozesse die Heilige Schrift als Maßstab herangezogen, nach welchen Kriterien wird sie ausgelegt?
Slenczka beruft sich dabei – typisch reformatorisch geprägt – auf die „Selbstevidenz des Schriftprinzips“. Dieses Verhalten wurde ihm u.a. als „monomythische Reduktion“ (Timm) oder als „simplifizierender Biblizismus höherer Ordnung“ kritisch vorgehalten, weil er die innerbiblische Textvielfalt ungerechtfertigt vereinheitliche und behaupte, es gäbe so etwas, wie verbindliche, „gesamtbiblisch-theologische Vorgaben“ (norma normans). Damit wäre wir bereits mitten im theologischen Streitgespräch angekommen rund um die Bibel, die Hermeneutik und die Kriteriologie für das, was christlicher Glaube inhaltlich ist und was nicht.
Auf Slenczka treffen diese oben erwähnten Urteile jedoch in dieser Zuspitzung gar nicht zu. Er unterscheidet sehr wohl zwischen der göttlichen Offenbarungstrinität als Selbsterschließung im exklusiven Medium des Wortes der Heiligen Schrift (theologische Unableitbarkeit der Rede von Gott), sieht aber sehr wohl auf der horizontalen Ebene die Relativität der Geistes-, Menschheits- und Traditionsgeschichte der verfassten Bibel (Menschenwort).
Die sorgsame Vermittlung dessen, was christlichen Glauben normativ inhaltlich und autoritativ umfasst (als Offenbarungswort durch den dreieinen Gott vermittelt) und wie man diesen Inhalt des Glaubens der Moderne gegenüber verantwortet (Kommunikation), will abgewogen und reflektiert sein. Auf einen konsequenterweise theologischen Streit unter den Kontrahenten muss man aus diesen Gründen gefasst sein, und der Streit muss auch geführt werden, weil es nicht lapidar nur um fromme Meinungsunterschiede geht, die schiedlich-friedlich bei Keks und Tee weltoffen erörtert werden könnten, sondern es in vielen Fällen um die Wahrheit geht, die mitunter die Existenz des Menschen zwischen (ewigem) Leben und (ewigem) Tod verortet.
In biblischer Sprache kann man diesen skizzierten Sachverhalt anhand der paulinischen Briefe illustrieren:
Paulus kann einen Philipperbrief schreiben, kann die Christen dort in der Stadt loben und ermahnen und schließlich zur Freude an Christus aufrufen, dabei relativ gleichmütig und irenisch sogar die Freiheit der Verkündigung auf unterschiedlich motivierte Art zugestehen (Phil. 1,15-20).
Er kann aber auch an die Korinther schreiben, die in sehr vielen lehrmäßigen und ethischen Fragestellungen ziemlich verirrt und durcheinandergeraten sind, die er wie ein Vater seine Kinder zurechtweisen und zurückbringen will, weil er sie liebt und sucht (1Kor. 4,14-21; vgl. 2Kor. 12,14-17).
Und er kann dann allerdings auch einen Galaterbrief schreiben, ohne Gruß, ohne Kompromiss, ohne Zugeständnisse an die Empfänger, auch ohne nur den geringsten Zweifel, dass hier bei den Adressaten das gesamte Evangelium, der ganze Christus, Leben und Tod auf dem Spiel stehen (Gal. 1,6-9; vgl. 2Kor. 11,3-4).
Diese Illustration der Paulusbriefe in Verbindung mit dem Davorgesagten sollte uns alle daran erinnern, dass es im „Kampf“ des christlichen Glaubens in der Welt (stoicheia tou kosmou) nicht um „ständige Harmonie“ gehen kann, die wir dann irgendwie fromm tarnen, so dass wir es „Liebe“ nennen. Die Wahrheit verbietet das (1Kor. 13).
Klar, Lieblosigkeit wäre nie eine Alternative. Es muss inhaltlich aufrichtig gestritten werden unter denen, die Christus als HERRN und Gott als ihren Vater bekennen, auch um theologische Positionen muss gestritten werden, die eben nicht einfach nur „nebensächliche Differenzierungen“ sein können, sondern die mitunter solider Irrtum, handfeste Verführung oder ein „anderes Evangelium“ verkörpern.
Wer dies ignoriert, verrät das Evangelium Jesu Christi. Darauf hat Slenczka immer wieder mit Nachdruck hingewiesen, da es nicht um persönlichen Geschmack, um populäre Mehrheitsmeinungen oder um subjektive Attraktivität der Botschaft „heute“ geht, sondern um Wahrheit im Unterschied zum Irrtum.
Wer daher unterstellt, diejenigen, die um die Wahrheit ringen, auch öffentlich, seien letztlich nur von „Angst besetzt“, unfrei, unfähig zum Dialog, starr in ihren liebgewonnen „Traditionen“ angesichts der vielen „tollen Innovationen“ in Lehre und Ethik der modernen Gegenwart, der hat (noch) nicht begriffen, was z.B. der Galaterbrief usw. betonen wollte.
Streit oder Nicht-Streit (als qualifizierte Disputation wohlgemerkt, nicht als Gezänk!), das ist eben nicht die Frage. Beides kommt vor, je nach dem, was gefordert ist.
„Haltet Frieden mit jedermann“, tut Gutes, insbesondere den Glaubensgenossen (Röm. 12,17.18; vgl. Röm. 14,19; Gal. 6,9-10), klar, solche Imperative bleiben für Christen stets gültig, zu jeder Zeit. Doch zugleich gilt auch, dass ein falsches Evangelium, ein falscher Christus, eine falsche Rechtfertigung, eine falsche Ethik nicht harmonisierend einfach als Meinungsverschiedenheiten bagatellisiert werden dürfen, wer auch immer die Person ist, die sie vertritt.
Ob heute unter Christen die aktuelle Reaktion ähnlich wie im Philipperbrief oder wie in den Korintherbriefen oder wie im Galaterbrief in der „heutigen „Situation angesagt ist, das ergibt sich aus der Situation und hinsichtlich der Inhalte, um die es sich jeweils dreht.
Bleiben wir alle fröhlich in IHM, dem Anfänger und Vollender des Glaubens.
Dieser Blog-Beitrag von Dr Berthold Schwarz erschien zuerst auf Schwarz ad hoc . Lies hier den Original-Artikel „Streiten oder Nicht-Streiten, das ist hier die Frage! Wenn Christen unterschiedliche Auffassungen in der Lehre vertreten – muss dann alles schön brav harmonisiert werden, um niemanden auf den Schlappen zutreten ?„.
Über Dr. Berthold Schwarz
Dr. Berthold Schwarz arbeitet seit 2003 als Dozent für Systematische Theologie an der Freien Theologischen Hochschule Gießen (FTH) = Giessen School of Theology. Nach seinem Theologiestudium in Marburg, Erlangen und Tübingen und verantwortlicher Mitarbeit in christlichen Gemeinden, ließ er sich in den Gemeindegründungs- und Missionsdienst nach Japan berufen, um dort die frohe Botschaft vom gekreuzigten und auferstandenen Christus zu verbreiten. Nach seiner Rückkehr aus Japan promovierte er an der Universität Erlangen mit einer Untersuchung zu John Nelson Darbys Theologie (Leben im Sieg Christi“, Gießen 2008 – ISBN: 978-3-7655-9550-9). Ein Habilitationsprojekt ist gegenwärtig „im Werden“. Jetzt an der FTH hilft er dabei mit, junge Menschen für einen leitenden Dienst in der Gemeinde, in christlichen Werken und in der Mission auszubilden. Neben seiner Haupttätigkeit als Hochschullehrer für Systematische Theologie ist er Leiter des „Israel-Instituts“, das sich zum Ziel gesetzt hat, das Verhältnis zwischen Juden und Christen, zwischen Israel und Gemeinde Jesu, biblisch-theologisch zu erklären. Außerdem hält er deutschlandweit Vorträge und Workshops in Gemeinden und auf Konferenzen zu unterschiedlichen christlich motivierten Themenstellungen. Durch verschiedene Aufsatz- und Buchveröffentlichungen zu Themen der christlichen Lehre und der Schriftauslegung will Dr. Berthold Schwarz biblisch verantwortetes Gedankengut fördern. Er ist verheiratet und hat vier Kinder.

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