Frontscheinwerfer eines Oldtimers aus den 60-er Jahren.

60er-Jahre: Der Sündenfall der Utopie

Jonas Erne

Warum die Hoffnung auf ein weltliches Paradies das biblische Verständnis von Sünde korrodierte

Das Jahrzehnt, an das wir uns falsch erinnern

Es gibt Jahrzehnte, die wir in Mythen verwandeln, weil wir die Wahrheit über sie nicht ertragen. Die 1960er Jahre gehören dazu. Was uns die kollektive Erinnerung zeigt, sind Bilder: Woodstock im Augustregen, Martin Luther King auf den Stufen des Lincoln Memorial, die erste Mondlandung, Twiggy auf einem Schwarzweißfoto, Flower Power, Protest, Aufbruch. Es sind Bilder von Energie und Unschuld zugleich, von Menschen, die glaubten, die Geschichte breche in eine neue Phase ein.

Was diese Bilder verbergen, ist der theologische Unterboden des Jahrzehnts – die tektonische Verschiebung, die sich vollzog, während die Oberfläche leuchtete. Nicht die Bilder sind das Entscheidende. Viel entscheidender ist das Weltbild, das in jenem Jahrzehnt endgültig seine Form annahm: die Überzeugung, dass der Mensch gut genug sei, um sich selbst zu helfen. Dass das Paradies, auf das die Religionen immer vertröstet hatten, hier und jetzt gebaut werden könne: durch die richtige Politik, die richtige Psychologie, die richtige Befreiung.

Dieses Weltbild war nicht neu. Es hatte eine lange Vorgeschichte in der Aufklärung, im Fortschrittsoptimismus des 19. Jahrhunderts, in den sozialistischen und liberalen Utopien der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Aber in den 60er Jahren erlebte es seine bislang breiteste kulturelle Inkarnation. Es sickerte aus den Universitäten in die Straßen, aus den Straßen in die Küchen, aus den Küchen in die Kirchen. Und in dem Moment, wo es die Kirchen erreichte, begann ein stiller Kahlschlag, dessen Ausmaß wir erst heute vollends ermessen können.

Darum geht es heute: nicht um die Kultur der 60er Jahre als solche, nicht ihre Musik oder ihre Mode oder ihre Politik, sondern um den theologischen Riss, der in jenem Jahrzehnt im Fundament des westlichen Christentums entstand. Ein Riss, der seither gewachsen ist. Ein Riss, auf dem wir gebaut haben, als wäre er keiner.

Babel, nicht Babylon: Der Unterschied, der alles ändert

Die Sprache der Bibel kennt zwei Bilder für menschliche Hybris, und es lohnt sich, sie auseinanderzuhalten. Babylon ist das Bild der offenen Gottlosigkeit, der Zerstörung, der bewussten Rebellion. Babel ist etwas anderes. Babel ist das Bild des ehrlichen, enthusiastischen, guten Vorhabens – aber einem, das ohne Gott auskommt.

»Sie sagten, Wohlauf, lasst uns eine Stadt und einen Turm bauen, dessen Spitze bis an den Himmel reicht, damit wir uns einen Namen machen.« (Gen 11,4) Der Text verrät keine bösen Absichten. Die Turmbauer wollten keine Götzen anbeten. Sie wollten Gemeinschaft, Einheit, Aufstieg, Ruhm. Sie wollten etwas Bleibendes schaffen. Was fehlte, war nicht der gute Wille, sondern die Bereitschaft zur Abhängigkeit. Sie wollten die Herrlichkeit, aber sie wollten sie aus eigener Hand.

Die 60er Jahre waren kein babylonisches Projekt. Sie waren ein babylonisches Babel. Die Sprache war oft religiös grundiert, manchmal explizit christlich. Viele der treibenden Kräfte jenes Jahrzehnts kamen aus dem Glauben: Bürgerrechtsprediger, befreiungstheologische Denker, charismatische Erweckungsbewegungen. Die Energie war real. Die Sehnsucht nach dem Reich Gottes war echt. Was sich veränderte, war die anthropologische Prämisse: Man hörte auf zu glauben, dass der Mensch ein gebrochenes Wesen sei, das Erlösung von außen benötigt. Man begann zu glauben, dass er ein unterdrücktes Wesen sei, das Befreiung von innen benötigt.

Das ist der Sündenfall der Utopie. Nicht der Wechsel vom Glauben zum Unglauben. Vielmehr der Wechsel von einer Anthropologie der Erlösungsbedürftigkeit zu einer Anthropologie der Befreiungsfähigkeit. Der Mensch hörte auf, vor Gott ein Bettler zu sein. Er begann, ein Kandidat für seine eigene Verbesserung zu werden.

Die Umdeutung: Wenn Sprache die Wirklichkeit verschiebt

Wenn ein Weltbild sich ändert, ändert sich zuerst die Sprache. Nicht umgekehrt. Die Wörter bleiben oft dieselben, aber ihr semantischer Kern wird ausgehöhlt und mit neuem Inhalt gefüllt, so langsam, dass die meisten es nicht bemerken. Genau das geschah in den 60er Jahren mit den zentralen Autorn des christlichen Glaubens.

Sünde war das erste Opfer. Das biblische Konzept der Sünde ist radikal und unbequem: Es beschreibt eine fundamentale Verkehrung des menschlichen Willens, eine strukturelle Ausrichtung des Ich auf sich selbst statt auf Gott und den Nächsten. Diese Verkehrung sitzt tiefer als Verhalten – sie sitzt in der Wurzel des Wollens selbst. Man kann sie nicht durch bessere Erziehung kurieren, nicht durch günstigere gesellschaftliche Verhältnisse, nicht durch psychologische Reifung.

In den 60ern wurde Sünde als gesellschaftliche Unterdrückung umgedeutet. Das war keine vollständige Lüge, denn die Bibel kennt durchaus die Sünde der Strukturen und Systeme. Aber die Verschiebung war entscheidend: Sünde wurde von innen nach außen verlegt. Der Mensch ist nicht mehr das Problem; die Verhältnisse sind das Problem. Damit entfiel die Notwendigkeit persönlicher Buße. Man musste nicht mehr vor Gott Buße tun. Man musste die Strukturen verändern. Wer die Strukturen veränderte, war gerecht.

Erlösung folgte demselben Muster. Die biblische Erlösung ist ein Akt, der von außen kommt – ein Eingriff Gottes in eine Situation, aus der der Mensch sich nicht selbst befreien kann. Sie hat einen Preis (das Kreuz), eine Bedingung (den Glauben) und eine Konsequenz (die Nachfolge). In den 60ern wurde Erlösung zur politischen Befreiung. Wieder: nicht vollständig falsch. Das Reich Gottes hat politische Dimensionen, und das Evangelium ist nicht unpolitisch. Aber wenn Erlösung nur noch politisch gedacht wird, verliert das Kreuz seine Mitte. Es wird zum Symbol der Solidarität statt zum Ort der Stellvertretung.

Gnade schließlich wurde zur bedingungslosen Bestätigung. Die biblische Gnade ist radikal, sie kommt zu uns, bevor wir sie verdient haben, und sie nimmt uns an, wie wir sind. Aber sie lässt uns nicht, wie wir sind. Gnade ist das Gegenteil von Leistungsgerechtigkeit, aber sie ist nicht das Gegenteil von Anspruch. Die Gnade Christi schafft Jünger, keine Konsumenten. In den 60ern wurde Gnade zur totalen Akzeptanz, zur Bestätigung des Gegebenen – ein Spiegel für unsere Wünsche statt ein Licht, das uns zeigt, was wir nicht sehen wollen.

Diese drei Umdeutungen hängen zusammen und verstärken sich gegenseitig. Eine Theologie, die Sünde nach außen verlagert, braucht keine innere Erlösung. Eine Erlösung, die nur befreit, braucht keine Gnade, die verwandelt. Eine Gnade, die nur bestätigt, produziert keine Buße. Wer dieses System einmal betritt, kann es aus eigener Kraft nicht wieder verlassen – weil es so konstruiert ist, dass es immer recht hat.

Der immanente Rahmen schließt sich

Charles Taylor hat in seinem Werk A Secular Age beschrieben, wie der westliche Mensch in einem langen historischen Prozess das, was er als „immanenten Rahmen“ bezeichnet, um sich herum errichtete: eine Weltdeutung, in der alles, was geschieht, innerhalb eines in sich geschlossenen natürlichen Systems erklärt werden kann, ohne Bezug auf eine Transzendenz.

Dieser Rahmen war nicht von einem Tag auf den anderen fertig. Er wurde über Jahrhunderte gebaut. Aber in den 60er Jahren wurde ein entscheidender Riegel vorgeschoben: Auch in religiösen und kirchlichen Milieus begann man, die Wirklichkeit primär innerhalb dieses Rahmens zu denken. Gott war nicht mehr derjenige, der von außen einbricht, richtet, rettet, beruft. Er wurde zu einer Ressource innerhalb des menschlichen Projekts: ein Unterstützer, ein Begleiter, ein Sinnlieferant, aber kein Souverän.

Das hat Konsequenzen für den Begriff der Umkehr, die nicht zu überschätzen sind. Metanoia – das griechische Wort, das wir mit „Buße“ oder „Umkehr“ übersetzen – bedeutet wörtlich eine Umkehr des gesamten Denkens: eine Neuorientierung nicht nur des Verhaltens, sondern der Wahrnehmungsmitte selbst. Metanoia setzt voraus, dass ich falsch liege. Nicht in Einzelheiten, nicht in Nuancen, sondern in der Grundausrichtung meines Lebens. Dieser Anspruch ist nur möglich, wenn es eine Wahrheit gibt, die von außen an mich herantritt und mein Innen beurteilt. Echte, biblische Buße (Umkehr, metanoia) findet dort statt, wenn ein Mensch von seiner eigenen Sünde so erschreckt und abgestoßen ist, dass er sich umdreht und ob der Abscheulichkeit seiner Schuld vor Gott keinen Ausweg mehr sieht als sich an den Herrn Jesus zu wenden und Ihn um Hilfe und Gnade bittet. Es ist kein “Annehmen” von Jesus, sondern eine Flucht von sich selbst weg und hin zu IHM.

Doch sobald der immanente Rahmen geschlossen ist, wird Metanoia strukturell unmöglich. Es gibt keine Instanz mehr, die außerhalb meiner Selbstdeutung steht. Es gibt nur noch Wachstum, Entwicklung, Reifung – alles Bewegungen, die vom gegenwärtigen Ich ausgehen und auf ein besseres Ich zulaufen. Das ist ein anderes Evangelium. Kein schlechteres im moralischen Sinne – aber ein anderes. Es hat das Kreuz nicht mehr im Zentrum, weil das Kreuz eine Unterbrechung ist, kein Wachstumsschritt.

Die Kirche als Spiegel des Zeitgeists

Man könnte einwenden: Das ist eine Kulturdiagnose, keine Kirchengeschichte. Die Säkularisierung betrifft die Gesellschaft, aber die Kirche ist doch durch den Heiligen Geist bewahrt. Das wäre ein frommer Gedanke, aber er widerspricht der Geschichte.

Die Kirchen der 60er Jahre in ihrer großen Mehrheit, quer durch Konfessionen und theologische Strömungen gingen nicht gegen den Zeitgeist. Sie nahmen ihn auf. Die progressiven Kirchen taten es offen, programmatisch, mit Freude: Sie entdeckten in den Befreiungsbewegungen das Evangelium, in der sexuellen Revolution das Ende prüder Lebensfeindlichkeit, in der Infragestellung von Autorität den prophetischen Geist. Die konservativen Kirchen taten es verdeckter: Sie behielten die Sprache, aber die Substanz begann sich zu verschieben. Sünde wurde milder, Gericht seltener, Kreuz weicher, Nachfolge unverbindlicher.

Es gibt einen Mechanismus in der Geschichte der Kirche, der sich immer wieder beobachten lässt: Was eine Generation als prophetische Anpassung erlebt, wird von der nächsten Generation als selbstverständliche Normalität gelebt und von der übernächsten gar nicht mehr bemerkt. Die Umdeutungen der 60er Jahre sind längst keine Meinungen mehr. Sie sind das unsichtbare Wasser, in dem wir schwimmen. Wer heute einem durchschnittlichen Kirchenmitglied sagt, Gnade ist dasselbe ist wie Bestätigung, dem wird man höflich zustimmen und dann dasselbe wieder tun wie zuvor. Die Begriffe sind so tief infiltriert, dass die Korrektur nicht an der Oberfläche des Verhaltens ansetzen kann, sondern tief in der Sprachstruktur des Glaubens.

Das ist keine Anklage gegen Personen. Die Menschen in den Kirchen der 60er Jahre, die diese Verschiebungen mittrugen, waren oft ernsthaft, fromm, mutig. Viele kämpften gegen reale Ungerechtigkeiten. Das Problem war nicht ihre Gesinnung. Das Problem war ihre Erkenntnistheorie: Sie glaubten, die Wirklichkeit und die Schrift so lesen zu können, dass beides dasselbe sagt. Und wenn beides dasselbe sagt, braucht die Schrift uns nicht mehr zu korrigieren. Sie bestätigt uns nur noch.

Die Saat und ihre Zeit

Eine Saat zeigt sich nicht sofort. Wer im Frühling sät, sieht im Frühling keinen Ertrag. Die Felder sehen gepflügt aus, vielleicht schon leicht grün – aber die Frucht ist noch verborgen. Das gilt für gute Saat und für schlechte gleichermaßen.

Die theologischen Verschiebungen der 60er Jahre trugen in jenem Jahrzehnt noch keine offensichtlichen Früchte des Verfalls. Im Gegenteil: Die Kirchen wuchsen, die Begeisterung war groß, die gesellschaftliche Relevanz schien endlich zurückgewonnen. Man hatte das Gefühl, mit der Geschichte zu schwimmen statt gegen sie. Was sich damals wie Aufbruch anfühlte, begann erst Jahrzehnte später sein wahres Gesicht zu zeigen: in der Auflösung verbindlicher Gemeinschaft, im Verstummen der prophetischen Stimme, in der Erschöpfung von Leitern, die nie Buße gelernt hatten, in Gemeinden, die wuchsen und dabei innerlich verarmten.

Diese Serie möchte versuchen, diese Geschichte nachzuerzählen, nach-zudenken. Sie folgt dieser Saat durch die Jahrzehnte: durch die 70er, in denen das entfesselte Ich zum theologischen Programm wurde. Durch die 80er, in denen High Energy, Erfolg und Performance die Sprache der Erneuerung übernahmen. Durch die 90er und 2000er, in denen Ironie und Konsum das ablösten, was von der Substanz noch geblieben war. Bis in die Gegenwart, in der die Götzen fallen und wir vor den Trümmern stehen, erschöpft, desorientiert, und vielleicht zum ersten Mal seit Langem wieder offen für eine Wahrheit, die von außen kommt.

Aber um dort anzukommen, müssen wir verstehen, wo es begann. Und es begann mit einem Versprechen, das wie das Evangelium klang, aber keines war: das Versprechen, dass der Mensch gut genug sei, um ohne Umkehr glücklich zu werden.

Dieses Versprechen ist gescheitert. Die Frage ist nur: Sind wir bereit, das zu sehen?


Dieser Blog-Beitrag von Jonas Erne erschien zuerst auf Jonas Erne – Der Blog . Lies hier den Original Artikel 60er-Jahre: „Der Sündenfall der Utopie„.

Über Jonas Erne

Ich bin Ehemann, Vater, Theologe, Gemeindereferent, Vielleser. Auf meinem Blog geht es um Gelesenes, aber auch um die Auseinandersetzung mit Fragen des täglichen Lebens, mit der Kultur und der Bibel. Hin und wieder gibt es auch kreative Texte wie Gedichte, kurze Geschichten und mehr.

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