Josua Hunziker –
Was wäre eine Botschaft, die sich von den Werten und der Verfassung des Heimatlandes lossagt? Ein Botschafter, der für ein günstiges Entgelt wertlose, gefälschte Pässe seiner Heimat vergibt, nur um dem Vorwurf der Ausgrenzung und Exklusivität zu entgehen? Der die eigene Landesflagge nicht mehr hisst, aus angeblichem Respekt vor lokalen Befindlichkeiten? Als Christen sind wir Botschafter an Christi statt. Dazu muss auch gehören, Flagge zu zeigen und für die Werte und Verfassung unserer himmlischen Heimat einzustehen. Auch wenn diese mal unpopulär sind.
Teheran, 13. Dezember 2020. Im Iranischen Außenministerium brodelt es gewaltig, die Luft ist dick. Grund für die Verstimmung ist eine offizielle Mitteilung des Deutschen Auswärtigen Amtes, welche die tags zuvor vollzogene Hinrichtung des regierungskritischen Bloggers und Journalisten Ruhollah Sam scharf kritisiert und die iranische Regierung explizit dazu auffordert, “alle politischen Gefangenen freizulassen und weitere Todesstrafen weder zu verhängen noch zu vollstrecken”. Keine Botschaft, die beim Iran besonders gut ankommt. Unverzüglich wird der deutsche Botschafter Hans-Udo Muzel im iranischen Aussenministerium wegen “inakzeptabler Einmischung” in Irans “Innere Angelegenheiten” einbestellt — es ist nicht zu erwarten, dass bei diesem Treffen in Kaffeekränzchen-Atmosphäre Nettigkeiten ausgetauscht wurden. Eine unangenehme Situation für den offiziellen Vertreter der deutschen Bundesregierung. Doch das gehört für einen Botschafter nun mal zum Berufsrisiko.
Zugegeben, ich stelle mir den Job eines offiziellen Botschafters als durchaus spannend vor. Man wird in ein fremdes Land und eine unter Umständen unbekannte Kultur entsandt mit dem Auftrag, die Interessen und Werte des Heimatlandes zu vertreten und zu repräsentieren. Man baut Brücken, wirbt für Verständnis und fädelt im Optimalfall fruchtbare internationale Kooperationen ein. Unzählige Empfänge, Apéros und offizielle Veranstaltungen inklusive. Doch wenn grundsätzlich unterschiedliche Wertvorstellungen aufeinanderprallen, kann die Position des Botschafters auch eine unangenehme sein — es ist mit zügigem Gegenwind zu rechnen. In solchen Situationen gilt: Ruhe bewahren, Rückgrat zeigen und für die Werte und Haltungen des Vaterlandes einstehen. Denn diesem ist der Botschafter schliesslich verpflichtet, ja, er leiht seiner Heimat buchstäblich sein Gesicht und lässt auch einmal eine Schimpftirade über sich ergehen.

Wer ist Jesus?
In einem kürzlich veröffentlichen Interview greift der bekannte Theologe und Evangelist Ulrich Parzany einige “heiße Eisen” auf — Fragen, die uns bei Daniel Option schon seit Beginn beschäftigen und umtreiben:
Wer ist Jesus? Das ist eine der heißesten Fragen überhaupt. Viele sagen, die Schriftfrage sei ja nicht so wichtig, Hauptsache, wir glauben alle an Jesus. Doch genau das ist die Frage: Wer ist Jesus? Ist es der, der in den Evangelien bezeugt wird? Hat er das gesagt, was dort geschrieben steht? Hat er getan, was dort geschrieben steht? Was bedeutet seine Kreuzigung? Seine Auferstehung? Oder ist das alles, wie in Teilen der historisch-kritischen Bibelauslegung gesagt wird, „Gemeindebildung“, die man selektiv betrachten muss? Jesus Christus verkommt dadurch zu einer Leerformel, die jeder beliebig füllen kann. Damit ist das Fundament der Kirchen und Gemeinschaften berührt. (Ulrich Parzany im “Pro Medienmagazin”, 22.12.2020)
Diese Worte erzeugten bei mir eine unheimliche Resonanz: “Genau das ist es!”, fuhr es mir durch den Kopf: “Die Frage nach der Person von Jesus und der Verlässlichkeit der Überlieferung seiner Taten und Worte steht über und hinter allen Folgefragen, mit welchen wir uns als Christen heute konfrontiert sehen.”
Wir haben uns auf Daniel Option in den letzten 15 Monaten über eine Bandbreite an Themen geäussert: Ehe für Alle, Abtreibung, Sexualethik, ethnische und kulturelle Vielfalt, Ökologie und Umweltschutz, Toleranz, das biblische Frauenbild, Pandemie-Ängste und Vertrauen, das Verhältnis von Wahrheit und Macht und viele mehr. Mit der umfassenden “DNA”-Serie haben wir zu Beginn des Jahres 2020 einen Versuch gewagt, die einzigartigen Merkmale des Christentums über alle Zeiten herauszuarbeiten. Ein grosses Sammelsurium an Ansichten und Einsichten verschiedenster Autoren, könnte man meinen. Doch hinter der Bearbeitung all dieser Fragen und Themen steht das uns einigende, grundlegende Glaubensbekenntnis: Wir glauben an Jesus Christus, wie er sich durch die Bibel offenbart. Der Jesus der Bibel ist der Jesus, den wir verkündigen wollen. Der Jesus der Bibel ist der Jesus, den wir im heutigen Kontext unserer Kultur greifbar machen möchten. Wir zählen uns zu den “People of the Book”.

Abschreckende Debatten?
Nebst vielen positiven Reaktionen auf unsere teilweise durchaus streitbaren Artikel, kam uns auch immer wieder kritischer Gegenwind entgegen: “Ihr wirbelt unnötig Staub auf”, hieß es dann. Und: “Dem Großteil der Gesellschaft um uns herum sind unsere innerchristlichen, theologischen Debatten völlig egal. Warum konzentrieren wir uns nicht besser alle gemeinsam darauf, die Leute mit Jesus bekannt zu machen?”
Nun — genau hier liegt der springende Punkt: Mit welchem Jesus denn? Mit welchem Jesus machen wir die Menschen bekannt, wenn wir gleichzeitig die Verlässlichkeit der Schrift in Frage stellen? Zu welchem Jesus wenden sich die Menschen hin, wenn sie ein Evangelium präsentiert erhalten, welches von allen Ecken und Kanten “befreit”, fein säuberlich geschliffen und poliert daher kommt? Noch einmal Ulrich Parzany dazu:
“Ihr glaubt an die Bibel, wir glauben an Jesus.” Was für ein Satz! Die Frage ist natürlich: An welchen Jesus glaubst du, wenn du der Heiligen Schrift nicht vertraust? Das ist die Kernfrage. Mich macht es inzwischen zornig, wenn dieser Satz bei frommen Leuten zitiert wird und natürlich Eindruck schindet. Alle nicken reflexartig, denn natürlich glauben wir an Jesus, wir beten zu Jesus, nicht zur Bibel. Das Vertrauen zur Heiligen Schrift aber ermöglicht uns den Zugang zu Jesus Christus. Die Bibel ist das Dokument der Offenbarung. Und wenn das, was in den Evangelien über Jesus steht, nicht stimmt, ja dann ist der Glaube an Jesus eine Leerformel, wie Paulus in 1. Korinther 15 gesagt hat, dann ist der Glaube leer. Und wir sind Lügner, „die elendesten unter allen Menschen“. (Ulrich Parzany im “Pro Medienmagazin”, 22.12.2020)
Man könnte auch fragen: Was für ein Botschafter wäre Hans-Udo Muzel gewesen, hätte er sich bei der Einbestellung ins iranische Aussenministerium um die Worte seiner Regierung geschert? Wie hätte er seine Heimat repräsentiert und vertreten, wenn er im Gespräch mit den iranischen Diplomaten die Verlässlichkeit der offiziellen Mitteilung der deutschen Bundesregierung in Frage gestellt oder gar als Fälschung dargestellt hätte? Ihr vielleicht einen metaphorischen Wert zugesprochen hätte, jedoch die Sicht der deutschen Regierung als längst nicht so scharf und schon gar nicht konfrontierend wiedergegeben hätte? Wahrscheinlich wäre das Gespräch für ihn etwas angenehmer verlaufen. Doch wäre eine solche Aussage des Botschafters an die Öffentlichkeit gelangt, wäre Herr Muzel ganz sicher umgehend seines Amtes enthoben worden. Es ist nicht die Aufgabe eines Botschafters, die Haltung seiner Regierung gegenüber dem Gastland in Frage zu stellen oder zu relativieren.
Ich möchte damit keinesfalls das Wirken Jesu und seine persönliche Offenbarung auch in unserer Zeit in Frage stellen: Als Leitungsmitglied einer Pfingstgemeinde bin ich vom Wirken des Heiligen Geistes und seinem persönlichen Reden zu uns überzeugt. Ich erachte diese sogar als ganz wichtigen, grundlegenden Bestandteil des Glaubenslebens jedes Christen. Doch misst sich diese persönliche Offenbarung immer auch an der Schrift, genauso wie sich die Äusserung eines Regierungsmitglieds immer an den schriftlichen Dekreten einer Regierung wird messen müssen.

Vorwärts oder rückwärts?
Hinter vielen Fragen, was denn die Kirche tun oder lassen sollte, wozu sie Stellung beziehen sollte, wo sie konstant bleiben sollte und wo gesellschaftlichen Entwicklungen Rechnung getragen werden muss — hinter all diesen Fragen stellt sich die Frage nach dem Selbstverständnis der Kirche. Wozu sind wir gerufen? Wozu sind wir gesandt? (Und mit „Kirche“ denke ich hier nicht primär an eine oder mehrere Institutionen, sondern an die Gemeinschaft der Gläubigen und somit letztlich an jeden Christen ganz persönlich.)
Besteht unser Auftrag primär darin, möglichst viele Menschen mit einem möglichst attraktiv „verpackten“ Jesus in Berührung zu bringen und sie „zum Glauben zu locken“? Oder ringen wir um eine möglichst treue Repräsentation und Verkündigung des historischen, menschgewordenen, gekreuzigten, auferstandenen, allmächtigen, im Himmel regierenden Gottessohns mit all seinen unbequemen Aspekten? Sind wir Botschafter des Evangeliums, oder sind wir dessen Verkäufer?
Ein Verkäufer hat genau ein Ziel: Verkaufen. So viel wie möglich. Potenziellen Kunden wird das Produkt so schmackhaft wie möglich gemacht. Sie werden umworben und bearbeitet. Und wenn sich die Marktbedürfnisse verändern, dann speist ein guter Verkäufer das in die Organisation zurück und die Produktpalette wird entsprechend angepasst. Vanille-Joghurt läuft nicht mehr so gut? Dann machen wir Avocado-Shakes, das liegt voll im Trend. Die Kundschaft goutiert einen hohen Zuckergehalt nicht mehr wie früher? Dann lass uns doch die Zuckermenge reduzieren (und die Reduktion ausführlich als grossen Schritt für die Menschheit bewerben). Ach, Milchprodukte an sich stehen in der Kritik? Dann satteln wir halt eben auf Soja- und Haferprodukte um. Der Kunde ist König.
Einer der weltgrößten Konzerne, Amazon, hat alle Produkt-Entwicklungsprozesse nach dem “Working Backwards”-Prinzip designed: Starte mit dem Problem des Kunden und arbeite dich “rückwärts” einer Lösung des Problems und Befriedigung des Kundenbedürfnisses entgegen. Durch persönlichen Kontakt mit Mitarbeitern aus den Amazon Produktabteilungen weiß ich, dass das in der Firma sehr konsequent so gelebt wird. Der kometenhafte Aufstieg des Konzerns in den vergangenen 20 Jahren gibt dem Ansatz wohl recht — die sprichwörtliche “Customer Obsession” verbunden mit einem Kundenbedürfnis-orientierten Ansatz im Produktdesign hat Amazon ein gigantisches Wachstum beschert.
Ein Botschafter hingegen arbeitet immer “vorwärts”. Er ist in erster Linie den Prinzipien, Haltungen und Werten seines Heimatlandes verpflichtet. Natürlich: Man schlägt kulturelle Brücken und ordnet sich, so gut es geht, in die kulturellen Gegebenheiten des Gastlandes ein. Um Verständnis für die Haltungen des Heimatlandes wirbt es sich besser, wenn dies mit den lokalen Gepflogenheiten verknüpft wird. Doch die Assimilation geht immer nur so weit, wie keine Kernwerte der Heimat verletzt werden: So scheint es mir z.B. selbstverständlich, dass auch lokale Hausangestellte in Schweizer Botschaften nicht ausgebeutet und fair bezahlt werden — selbst wenn das in der lokalen Wirtschaftskultur keinesfalls der Normalfall ist.
Wie arbeiten wir als Kirchen? Vorwärts oder rückwärts?

Was die Kirche attraktiv macht
Meines Erachtens gibt es nur eine Antwort auf obige Frage: Selbstverständlich arbeiten wir vorwärts. Wir starten beim Schöpfer, beim Ursprung, bei Christus selbst. Durch die Offenbarung der Schrift und die Hilfe des Heiligen Geistes sind wir befähigt, ihn, den Sendenden, bestmöglich zu repräsentieren. Wir werben um Verständnis für die Interessen seines Reiches, ja, wir laden sogar alle Menschen dazu ein, Bürger dieses Reiches zu werden. Und natürlich nehmen wir die Bedürfnisse unserer Mitmenschen wahr und reagieren darauf, haben wir doch eine gute Botschaft, welche die Bedürfnisse des Menschen im Innersten trifft und stillt. Wir bleiben dabei dem Gott der Bibel, seiner Haltung und seinem Wort verpflichtet — selbst wenn uns selbst vielleicht der eine oder andere Aspekt daraus nicht schmeckt. Selbst wenn wir dafür vielleicht auch mal öffentlich “einbestellt” werden und den einen oder anderen medialen Shitstorm über uns ergehen lassen müssen. (Zugegeben: Im Gegensatz zu einem echten Shitstorm ist der Tonfall bei einer offiziellen Einbestellung dann vielleicht doch wieder näher bei der Kaffeekränzchen-Atmosphäre.)
Ich bin überzeugt, dass wir uns Wachstum durch unsere diversen Strategien zur Steigerung der Attraktivität der Kirche gut durchdenken müssen. Es ist und bleibt ein schmaler Grat, gute kulturelle Kontextualisierung zu betreiben, ohne die Grundwerte der Heimat über Bord zu werfen. Dafür brauchen wir Fingerspitzengefühl. Und die Leitung des Heiligen Geistes. Kirche darf ruhig auch anstößig sein, kantig und quer in der Landschaft der Politischen Korrektheit. Kurzfristige Sympathiepunkte und Wachstum erkaufen wir uns sonst schnell auf Kosten von langfristiger Profillosigkeit sowie kultureller und geistlicher Irrelevanz.
Dazu gefällt mir ein schon etwas älterer Tweet von Johannes Hartl:
Ich kann die Frage nicht mehr hören, was Kirche tun müsse, um attraktiv zu werden. Es gibt genau eins, das attraktiv an Kirche ist: die Gegenwart Jesu. Wo tatsächlich sein Wort geglaubt, gebetet, gefastet und seiner Kraft konkret vertraut wird, ist auch Kraft da. Wo das Evangelium durch politisch nette Gemeinplätze ersetzt wird, die niemandem wehtun, wo nicht gebetet wird, wo nicht mehr an Wunder geglaubt wird, wo für keine klare biblische Botschaft mehr eingestanden wird, muss man sich nicht wundern, wenn keine Kraft mehr spürbar ist. (Johannes Hartl auf Twitter, 20. Juni 2019)
Und Hartl meint hier bestimmt nicht einfach irgend einen beliebigen Jesus, der dich in erster Linie total annimmt und liebt, dich auf deiner spirituellen Reise coacht und gute Tips für ein gelungenes Leben parat hat. Vielmehr ist er davon überzeugt, dass eine gesunde, bibeltreue Lehre über Jesus, eine gesunde Christologie, die Grundlage aller weiteren ethischen und kulturellen Standpunkte der Kirche sein wird:
Alle frühkirchlichen Konzilien handelten von der Christologie. Denn mit der Lehre über Jesus Christus entscheidet sich alles weitere. Und nein, darum zu ringen, ist nicht Arroganz oder Besserwisserei, sondern wir werden im NT explizit dazu aufgefordert (vgl. 2 Joh 4–7; Kol 2:8f; 2 Tim 4:2 etc.) […] Christliche Theologie muss dem Gesamtzeugnis der Heiligen Schrift gerecht werden. […] Ist die Christologie erst einmal schräg, wird alles andere auch schräg. (Johannes Hartl in “Abschied von einem Lehrer” am 27.04.2020)
Eine Christologie, welche sich nicht auf die verlässliche Autorität der Heiligen Schrift stützt, hat keine Kraft. Sie macht auf den ersten Blick attraktiver und einladender. Doch zerstört sie die Essenz dessen, wofür sie eigentlich steht: Die Botschaft des menschgewordenen Gottessohns. Aus einer fehlgeleiteten Christologie erwächst eine Kirche, welche die Sünde nicht mehr als Problem und die Erlösung nicht mehr als notwendig erachtet. Eine Kirche, welche die Scham der Menschen nicht ernst nimmt, weil sie diese durch ein saloppes “Aber du hast doch gar keinen Grund, dich zu schämen” wegzuwischen versucht. Eine Kirche, welche in den Ruf der Gesellschaft nach grenzenloser Selbstbestimmung um des Friedens willen akzeptiert und es nahezu aufgegeben hat, sich für die Rechte von tausenden von ungeborenen Kindern einzusetzen. Eine Kirche, welche die hohe biblische Sicht der Körperlichkeit nicht mehr hervorhebt und sich lieber dem Druck der gesellschaftlichen Entwicklungen beugt. Eine solche Kirche mag vielleicht attraktiv erscheinen, mag gesellschaftliche Akzeptanz erleben und wachsen. Doch wird sie ihres Amtes als Botschafter an Christi statt nicht mehr gerecht. Sie wird an Kraft verlieren, so wie kraftlos gewordenes Salz. Oder, wie der Publizist Bernhard Meuser es treffend auf den Punkt gebracht hat:
Die Gesellschaft schreit gerade nach dem prophetischen Dienst der Kirche. Was aber macht die? Sie macht es wie Jona. Schifft sich ein nach Tarschisch. Sie hat aber einen Job in Ninive. Eine Kirche, die aus Populismus ihren prophetischen Dienst verweigert und dem Gott des Lebens entkommen möchte, wird wie Jona über Bord geworfen. Sie wird schwerer als die sie umgebenden Wasser hinabsinken in das Meer des Vergessens, wird verschluckt werden von der öffentlichen Meinung. Weil sie aber unverdaulich ist, wird sie am nächsten Strand wieder ausgespuckt werden. Sie wird so lange mit Irrelevanz bestraft sein, bis sie um des Wohles der großen Stadt willen ausgerichtet hat, was zu sagen ihr auferlegt ist. (Bernhard Meuser im Interview mit der Tagespost, 14.10.2020)

Welchen Jesus verkündigen wir?
Man möge mich nicht missverstehen: Ich bin absolut dafür, dass wir unsere Kräfte nicht mit “internen” Debatten und Reibereien verschwenden sollten. Dass wir uns mit vereinten Kräften dafür einsetzen, dass möglichst viele Menschen zu Jesus Christus finden. Doch die Frage bleibt: Zu welchem Jesus? Zu einem all-liebenden, all-umfassenden, unanstößigen und grenzenlos akzeptablen Jesus? Oder zum Jesus, der trotz (oder gerade wegen) seiner umfassenden Annahme auch mal zornig wird, seine treuesten Freunde vor den Kopf stösst und zu einer guten Güterabwägung zum Preis der Nachfolge aufruft? Zum Jesus, der die von ihm über alles geliebte Menschheit als so hoffnungslos verloren einschätzt, dass er sich freiwillig dem Tod unterwirft um sie zu erretten? Zum Gott, der es für sich in Anspruch nimmt, uns und unsere Bedürfnisse besser zu kennen als wir selbst? Und uns darum die eine oder andere väterliche Weisung mit auf den Lebensweg gibt?
Auch ich habe meine Mühe mit manchen Aspekten des Evangeliums. Auch ich werde immer wieder von der Bibel in meinem Selbst- und Weltverständnis konfrontiert. Manche Kröten sind schwer zu schlucken. Doch das ändert nichts an meiner Berufung zum Botschafter und Gesandter von Christus:
So sind wir nun Botschafter an Christi statt, denn Gott ermahnt durch uns; so bitten wir nun an Christi statt: Lasst euch versöhnen mit Gott! Denn er hat den, der von keiner Sünde wusste, für uns zur Sünde gemacht, auf dass wir in ihm die Gerechtigkeit würden, die vor Gott gilt.
(Die Bibel, 2. Korinther 5,20-21 LUT2017)
Wir sind gerufen und gesandt, die Menschen zur Umkehr und Versöhnung zu rufen. Mit dem Gott, der Himmel und Erde erschaffen hat. Mit dem Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs. Mit dem Gott, der Mensch wurde, durch eine Jungfrau geboren. Dem Christus, der gekreuzigt wurde und am dritten Tag auferstand. Der durch seinen Tod und seine Auferstehung unsere Sünden vergab und uns mit dem Vater versöhnt hat. Der in den Himmel aufgefahren ist und zur Rechten des Vaters sitzt und regiert. Kurz: Mit dem Gott, der von Christen seit Jahrtausenden im Apostolischen Glaubensbekenntnis bekannt wird. Und mit dem Jesus, der selbst immer und immer wieder die Autorität der Heiligen Schrift betont und gelehrt hat.
Was wäre eine Botschaft, die sich von den Werten und der Verfassung des Heimatlandes lossagt? Ein Botschafter, der für ein günstiges Entgelt und ohne Einbürgerungsverfahren wertlose Pässe seiner Heimat vergibt, nur um dem Vorwurf der Ausgrenzung und Exklusivität zu entgehen? Der die eigene Landesflagge nicht mehr hisst, aus angeblichem Respekt vor lokalen Befindlichkeiten? Er wäre es nicht mehr wert, „Botschafter“ genannt zu werden. Und die Botschaft als Institution ginge als gesichtsloses amtliches Dienstleistungszentrum auf im System der Gastnation. Beliebt vielleicht. Aber auf kuriose Art und Weise komplett irrelevant.
Wie gute Botschafter wollen wir Wege finden, unsere Heimat treu und für unser Umfeld verständlich zu repräsentieren. Wir wollen eingehen auf die Kultur, in der wir leben und ihr Wege eröffnen, die Botschaft von Jesus zu hören und mit ihrer Lebenswelt zu verknüpfen. Wir wollen Menschen den Weg aufzeigen, im Innersten frei und Bürger einer neuen Nation zu werden. Dazu brauchen wir Demut, Geduld und Toleranz. Dazu brauchen wir alle Ergänzung und Korrektur, ein Ringen um ein möglichst treues Verständnis unserer Heimat und ihrer Werte. Und dann und wann auch mal ein dickes Fell, wenn wir wegen unserer Haltungen und den daraus folgenden “inakzeptablen Einmischungen in die inneren Angelegenheiten” unserer Gesellschaft auch mal zum Shitstorm einbestellt werden. Das gehört für einen Botschafter nun mal zum Berufsrisiko.
Dieser Artikel von Josua Hunziker erschien zuerst bei Daniel Option. Lies hier den Original Artikel Botschafter oder Verkäufer?

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