Sergej Pauli –
Oxford, Ende der 1920er Jahre. Die alten Mauern der Colleges stehen für Ordnung, Disziplin und geistige Tradition. In ihnen bewegt sich Clive Staples Lewis – Dozent für englische Literatur, hochbegabt, scharf argumentierend, geprägt von klassischer Bildung und skeptischem Denken. Lewis ist kein oberflächlicher Atheist. Er ist begründet ungläubig und stolz darauf.
Der frühe Tod seiner Mutter, als er noch ein Kind war, hat ihn erschüttert. Die Gebete seiner Kindheit blieben unbeantwortet. Später kamen die Schrecken des Ersten Weltkriegs hinzu: Verwundung, Tod, Sinnlosigkeit. Für Lewis war klar geworden: Wenn es einen Gott gibt, dann ist er entweder grausam oder gleichgültig – und beides erschien ihm unvereinbar mit Anbetung. Der Glaube war für ihn eine emotionale Krücke, verständlich vielleicht, aber intellektuell unredlich.
Lewis verstand sich als Rationalist. Er liebte Logik, Klarheit, Argumente. Mythen faszinierten ihn – nordische Sagen, antike Erzählungen, große Geschichten von Opfer, Tod und Wiederkehr. Aber gerade deshalb hielt er sie für das, was sie seiner Meinung nach waren: bedeutungsvoll, aber unwahr. Geschichten, die das menschliche Sehnen ausdrücken, nicht die Realität beschreiben.
Doch genau hier begann der innere Riss.
Lewis bemerkte, dass seine eigene Weltsicht nicht so geschlossen war, wie er dachte. Er begann sich zu fragen, warum Menschen überhaupt nach Wahrheit, Schönheit und Gerechtigkeit verlangen. Warum empfinden wir Dinge als „gut“ oder „böse“, nicht nur als nützlich oder schädlich? Warum verletzt Ungerechtigkeit uns, selbst dann, wenn sie uns persönlich nicht betrifft?
Diese Fragen ließen sich nicht mit einem Verweis auf evolutionistische Entwicklung beantworten. Sie wiesen über das rein Materielle hinaus. Lewis erkannte widerwillig, dass sein Atheismus selbst Annahmen voraussetzte, die er nicht begründen konnte.
In dieser Zeit begegnete er Menschen, die ihm intellektuell ebenbürtig waren – und dennoch glaubten. Besonders prägend wurden Gespräche mit J. R. R. Tolkien und Hugo Dyson. Sie trafen sich abends, spazierten durch die Parks von Oxford, diskutierten stundenlang. Einmal gingen Sie zu dritt auf dem Addison’s Walk spazieren:
Tolkien stellte Lewis eine entscheidende Frage: Was, wenn das Christentum nicht einfach ein weiterer Mythos ist – sondern der Mythos, der wahr geworden ist? Was, wenn all die großen Geschichten von Opfer und Erlösung auf etwas Reales hinweisen – auf ein Ereignis in der Geschichte?
Diese Idee traf Lewis tief. Sie erklärte, warum ihn Mythen immer berührt hatten – und warum das Evangelium zugleich anders war. Nicht erfunden, sondern geschehen. Nicht Symbol allein, sondern Wirklichkeit.
Lewis begann sich innerlich zu wehren. Er beschreibt diese Zeit später erstaunlich ehrlich in seiner Autobiographie „Überrascht von Freude“. Er wollte Gott nicht. Nicht, weil er ihn für unwahr hielt, sondern weil er fürchtete, was es bedeuten würde, ihm zu begegnen. Glaube erschien ihm nicht als Trost, sondern als Verlust der Autonomie. Er schrieb sinngemäß: Er habe versucht, „alle Türen zu verriegeln“, um Gott fernzuhalten.
1929 kam es zum ersten Durchbruch – den Lewis selbst nicht als Bekehrung zu Christus, sondern zunächst nur als Hinwendung zu Gott beschreibt. Er kniete in seinem Zimmer und erkannte, dass Gott existiert. Nicht mit Freude, sondern mit Resignation. Später schrieb er: „Ich gab auf und ließ mich überwältigen.“
Doch Christus blieb weiterhin der Stein des Anstoßes. Erst zwei Jahre später, 1931, fiel auch dieser letzte Widerstand. Der Moment selbst war unspektakulär. Keine Vision, kein Gebet, keine emotionale Erhebung. Auf einer Fahrt im Beiwagen eines Motorrads – von Oxford nach Whipsnade – geschah es. Lewis stieg ein als jemand, der noch nicht glaubte, dass Jesus der Sohn Gottes sei. Und kam an mit der Gewissheit, dass er es tat.
Seine berühmten Worte fassen es nüchtern zusammen:
„Ich war an jenem Abend wohl der widerwilligste Bekehrte in ganz England.“
Lewis’ Glaube begann nicht im Gefühl, sondern im Erkennen. Doch gerade deshalb wurde er tragfähig. Er verstand, dass Christus nicht der Feind der Vernunft ist, sondern ihre Vollendung. Dass Wahrheit nicht konstruiert wird, sondern entdeckt. Dass Gott nicht die Freiheit zerstört, sondern sie erst möglich macht.
Ein Vers aus Johannes 1,5 wurde für ihn programmatisch:
„Das Licht scheint in der Finsternis, und die Finsternis hat´s nicht ergriffen.“
Johannes 1,5 LUT
Lewis erkannte: Das Licht war die ganze Zeit und schien, doch er war blind und konnte es nicht sehen. Er benötigte noch die übernatürliche Erleuchtung.
In den folgenden Jahren wurde er zu einem der bedeutendsten christlichen Denker des 20. Jahrhunderts. Seine apologetischen Werke (Pardon, ich bin Christ, Dienstanweisung für einen Unterteufel), seine Essays und seine literarischen Erzählungen (Die Chroniken von Narnia) tragen alle dieselbe Handschrift: Glaube als vernünftige, zugleich zutiefst menschliche Antwort auf die Wirklichkeit.
Dieser Blog-Beitrag von Sergej Pauli erschien zuerst auf glaubend.de, lies hier den Original-Artikel „Die widerwillige Bekehrung“.
Über Sergej Pauli

Hallo, ich bin Sergej Pauli, Jahrgang 1989 und wohne in Königsfeld im Schwarzwald. Ich bin Ingenieur, verheiratet, habe vier Kinder. Diesen Blog möchte ich nutzen, um über das Wort Gottes und seine durchdringende Wirkung bis in unsere Zeit zu schreiben. Hast du bestimmte Fragen oder Anliegen, dann scheue dich nicht, mich zu kontaktieren. Hast du bestimmte Fragen oder Anliegen, dann scheue dich nicht, mich zu kontaktieren auf glaubend.de .

Schreibe einen Kommentar