Jemand hat ein Kreuz auf seine Stirn gemaltt

Eine christliche Nation

Wir Evangelikalen und die Politik Teil 5

Am Ende unseres letzten Artikels (Wir Evangelikalen heute – und “unsere Demokratie”) kamen wir auf die Frage:

Gibt es eine christliche Nation? Genauer gefragt:

  • Gibt es eine biblische Grundlage, von der aus sich eine Nation als von Gott auserwählte Nation begreifen könnte? (Bekannt ist dieser Gedanke aus dem England des 19. Jahrhundert, den USA und Putins Russland).
  • Gibt es eine biblische Verheißung für eine “christliche Nation” vor der sichtbaren Wiederkunft Jesu?
  • Wie ist das Verhältnis von “Nation” und dem Reich Gottes (griech. basileia tou theou, engl. Kingdom of God)?

Um das zu klären, schauen wir uns jetzt an, in welchen Zusammenhängen und in welcher Bedeutung “Nation” in der Bibel vorkommt. Das sind zusammen weit über 1000 Stellen! Also: Die Bibel hat uns heute etwas dazu zu sagen. Um es zu hören, graben wir uns tief hinein. Dran bleiben; es lohnt sich! Die Überschriften und die schwarzen Merksätze helfen beim Lesen.

Ich gehe wie in dem zweiten Artikel dieser Reihe ausdrücklich mit einem evangelikalen Bibelverständnis an die Texte heran. Heißt: Die Bibel in ihrer Letztgestalt ist für mich Wort des lebendigen Gottes und für Lehre und Leben verbindlich. Wenn jemand mit dem Folgenden nicht einverstanden ist, möge er mich gerne anhand der Bibel korrigieren.

Die “Nationen” im Alten Testament

Zwei Begriffe für „Nation“: Am und goj

Die erste Überraschung ist, dass es im Alten Testament zwei hebräische Begriffe gibt, die beide sowohl mit „Volk“ als auch mit “Nation” wiedergegeben werden können. Und tatsächlich geht das in vielen deutschen Übersetzungen munter durcheinander. Vor allem die Elberfelder Bibel lässt erahnen, wo was steht:

  1. Hebr. “Am”  (עָם) bedeutet eigentlich “Sippe”, “Verwandtschaft” – also “Nation” im Sinne von “Stammesverwandtschaft” – in der Elberfelder Bibel darum konsequent mit “Volk” wiedergegeben (z.B. 2. Mos 19, 5-15)
  2. Hebr. “goj” (גּוֺי) assoziiert “Nation” dagegen mit dem Territorium, auf dem sie wohnt, oder mit dem Staatswesen, in dem sie sich organisiert – da schreibt die Elberfelder Bibel grundsätzlich “Nation” (z.B. Jer 5,15) 1 .

Nun haben die Begriffe im Verlauf der biblischen Offenbarungsgeschichte ihre Bedeutung dahingehend verändert, dass “Am” für das Volk Israel steht und “gojim” (Plural) für die nichtisraelischen, d.h. heidnischen Nationen. Besonders in den Propheten und den Psalmen macht die Bibel also einen begrifflichen Unterschied. Warum?

Israel, das von Gott erwählte Volk

Weil Gott ausschließlich Israel aus allen Völkern (gojim) erwählt hat, beginnend mit dem Stammvater Abraham (1. Mos 12,1-9), dem Gott verheißen hat, dass er seine Nachkommen so zahlreich machen wird wie die Sterne am Himmel, die man nicht zählen kann (1. Mos 15,1-6 ). Aber Abraham hatte mit seiner Frau Sara noch kein Kind bekommen und beide waren schon über das Alter hinaus, in dem das menschlich gesehen noch möglich war. Dass Isaak geboren wurde, war ein Wunder Gottes (1. Mos 18,1-1521,1-7). Sein Sohn Jakob, der von Gott in “Israel” umbenannt wurde, bekam 12 Söhne, die Stammväter der 12 Stämme Israels. Diese sind allesamt Kinder der Verheißung Gottes an Abraham, an deren Zustandekommen Gott direkt beteiligt war. Darum nennt Gott die Kinder Israels auch wörtlich “meine Sippe”, und Israel bezeichnet sich selbst im Gebet zu Gott als “deine Sippe” (5. Mos 21,8Jes 11,11.16Ps 53,5.7 – alles mit “am”), ja als “Kinder Gottes” (5. Mos 14,1). 

Israel, das zur Heiligkeit berufene Volk

Der zweite Unterschied zu den heidnischen Nationen (gojim) liegt darin, dass Gott seinem erwählten “Eigentumsvolk” (am segullah) im Sinai-Bund sein Gesetz gegeben hat. Der Erwählung entspricht, dass Israel nun nach diesem Gesetz Gottes lebt (5. Mos 7,6-12): “Seid heilig, denn ich bin heilig” (3. Mose 11,44). Die Lebensweise Israels nach dem Gesetz ist im Vergleich zu den übrigen Völkern einzigartig. 

Ich habe mal von einer alten jüdischen Großmutter gehört, die bei manchen Verhaltensweisen zu ihren Enkeln sagte: “Das sind gojische Sachen”. “Gojische Sachen” sind nichtjüdische, heidnische Sachen, die Juden nicht tun. Denn sie sind als das Volk, das sich Gott der Herr aus den Nationen erwählt hat (5. Mos. 7,6) unterschieden von allen anderen Völkern. Darauf legen fromme Juden heute noch Wert.

Die Nationen als von Gott getrennte Heiden 

Denn die Heidenvölker (gojim) wissen nichts vom Gesetz Gottes (5. Mos 4,6-8) und rufen statt dem lebendigen Gott die nichtigen Götzen an (Jer 10,2-10.25), die sie unrein machen (Hes 23,30). Sie stehen für die Gottlosigkeit der Menschheit (5. Mos 9,4-5Ps 9) und folgen der Verstocktheit ihres bösen Herzens (Jer 3,17). Da kann die Wortwahl schon recht deutlich werden.

Das bedeutet jedoch keineswegs, dass die heidnischen “Nationen” als Menschen von den Israeliten unterschieden wären. Alle werden nämlich ausdrücklich per Genealogie auf Adam zurückgeführt (1. Mos 5,1-329,18-1911,10-32). So sind auch ausnahmslos alle von Gott zu seinem Ebenbild geschaffen worden (1. Mos 1,27). Alle haben darum auch Anteil an der Herrlichkeit Gottes (Ps 8,5-10). Aber genauso haben alle – Israel eingeschlossen – Anteil am Sündenfall, der die Beziehung zwischen Mensch und Gott zerstört hat (1. Mos 3; vgl. dazu “Tief verwurzelt glauben” S. 80-82). Den Unterschied zwischen Israel und den Nationen macht also nicht das Menschsein an sich. Wo Unterschiede zwischen Israel und den Nationen oder den Nationen untereinander gemacht werden, da werden diese an keiner einzigen Stelle der Bibel mit körperlichen Merkmalen wie z.B. der Hautfarbe begründet 2 . Relative Unterschiede bestehen ggf. im Grad ihrer Gottlosigkeit 3 , aber eben darin unterscheidet sich Israel nicht grundsätzlich von ihnen (5. Mos 9,4-6). Der einzig relevante Unterschied ist, dass Gott die Kinder Israel in Abraham erwählt und durch ein Wunder ins Leben gerufen hat, und dass er ihnen das Gesetz gegeben hat, das ihnen den Weg zu einem Leben in Bundestreue zu Gott zeigt. Das körperliche Merkmal dieser Bundeszugehörigkeit wird erst durch die Beschneidung erzeugt (1. Mos 17,10-14) – niemand wird damit geboren. Die Eigenschaft, die Israel als Stammesverwandtschaft von einer Generation zur anderen weitergibt, ist also nicht genetischer, sondern geschichtlicher Art, nämlich dass Israels bloße Existenz auf dieses Wunder Gottes zurückgeht. Anders gesagt: 

Der Unterschied zwischen Israel und den Völkern ist nicht durch Rasse bedingt. Diese spielt an keiner Stelle im Wort Gottes irgend eine Rolle.

Hoffnung für die Nationen durch den verheißenen Messias

Außerdem gibt es nach dem Alten Testament gerade durch Israel Hoffnung für sämtliche anderen Nationen. Denn in Abraham sollen ja ausdrücklich “alle Nationen (gojim) auf Erden” gesegnet werden (1. Mos 18,18). Israel ist zusammen mit seiner Erwählung dazu berufen, Gott vor den Nationen zu bezeugen (z.B. Ps 105,1Jes 12,456,7 – hier mit “am”, also die Nationen als Stammesverwandtschaften betrachtet). Darum ruft Israel die Völker und Nationen auf, Gott zu loben (Ps 45,1867,4-6117,1) statt gegen Gott und seinen Gesalbten zu toben (Ps 2,1-2). Gott wird sie mit Gerechtigkeit richten (Ps 67,5Jes 2,4 par Mi 4,3), aber am Ende werden die Nationen zum Berg Zion (d.i. Jerusalem) wallfahren (Sach 8,22-23Jes 2,1-4 par Mi. 4,1-3Jes 60,3.5), weil von dort Weisung auch für sie ausgehen wird (Jes 2,3 par Mi 4,2). In diesem Zuge wird der Reichtum der Nationen nach Jerusalem kommen (Jes 66,18-20), wie es schon bei der Königin von Saba gewesen war (1 Kön 10,1-13). 

Eine besondere Rolle kommt hierbei dem Messias zu, dem “Sproß aus dem Stamm Isais”: Auf ihn werden die Nationen hoffen (Jes 11,10). Wenn man Psalm 22,28-29 (den Leidenspsalm, den Jesus am Kreuz gebetet hat) christologisch deutet, dann werden durch ihn alle Nationen vor Gott niederfallen und er wird über sie herrschen. 

Die Unterscheidung Israels von den Nationen führt also nicht etwa zum Hochmut, sondern zur Verantwortung, Zeugen Gottes in der Welt zu sein. Und sie führt auch zur Demut, denn Israel hat sich darin mehr als einmal vor den Augen der Nationen kräftig blamiert (darauf weist besonders Hesekiel hin, vgl. z.B. Hes Kap. 20 und 36).

Der entscheidende Unterschied zwischen Israel und den Heiden

Ich fasse zusammen, dass Israel sich durch drei Umstände von den Nationen unterscheidet:

  1. Durch die Stammesverwandtschaft mit Abraham, dessen Sohn Isaak durch ein Wunder Gottes geboren wurde,
  2. durch die damit verbundene Erwählung des Volkes Israel durch Gott, 
  3. durch den Sinaibund und das Gesetz Gottes (Zeichen: Beschneidung).

Keine andere Nation, selbst wenn sie noch so fromm wäre, kann als Nation (!) die ersten beiden Kriterien erfüllen. Denn das ist keine Frage der Entscheidung, sondern der Abstammung. Wenn wir von “Nation” reden, dann gilt:

Nur Israel ist “Israel”!

Der Messias und die Nationen im Neuen Testament

Im Messias Jesus Christus erfüllt Gott alle Verheißungen des Alten Testaments für die Nationen – allerdings in einer Weise, die die Bedeutung der alttestamentlichen Worte “am” und “gojim” nochmals tiefgreifend verändert. 

Fünf griechische für zwei hebräische Begriffe

im Neuen Testament gibt es fünf Begriffe für die hebräischen Worte “am” und “gojim” 4 :

  • phylai und genos bedeuten die Nationen als Stammesverwandte bzw. Familiensippe 
  • glossai versteht die Nationen als Sprachgemeinschaft – wobei man sich an den Turmbau zu Babel erinnern darf (1 Mos 11,1-9): Die Sprach- und damit Völkerverschiedenheit entstand durch die Sünde der Hybris (Jes 66,18Dan 3,4.7).
  • ethnē aber ist der weit überwiegende griechische Begriff für “Nationen” im Verständnis von “Heiden”.
  • laos dagegen bedeutet das Volk Israel bzw. das jüdische Volk, so wie hebr. “am” im späteren Verständnis. 

Nur: Dieser Gegensatz von laos und ethnē entpuppt sich in der Begegnung mit Jesus rasch als Scheinalternative. Schon Johannes der Täufer sagt den Juden, dass sie sich auf die Stammvaterschaft Abrahams nur nichts einbilden sollen, weil Gott sich auch aus Steinen Kinder erwecken kann (Mt 3,9). 

Jesus versöhnt am Kreuz die ganze Menschheit mit Gott

Und so geschieht es auch. Viele aus Jesu eigenem Volk (laoslehnen ihn ab. Stattdessen gibt es Menschen aus den Heiden (ethnē), die an ihn glauben (z.B. Mt 8,5-13). Dadurch, dass Jesus Christus am Kreuz die “Sünde der Welt trägt” (Johannes der Täufer: Joh 1,29), wird er zur Versöhnung für die Sünde der ganzen Menschheit (1 Joh 2,2). Unter dem Kreuz des Sohnes Gottes stehen Juden und Heiden Hand in Hand als grenzenlos Erlösungsbedürftige da: “Denn es ist hier kein Unterschied: Sie sind allesamt Sünder und ermangeln des Ruhmes, den sie vor Gott haben sollen, und werden ohne Verdienst gerecht aus seiner Gnade durch die Erlösung, die durch Christus Jesus geschehen ist”. “Es ist der eine Gott, der gerecht macht die Juden aus dem Glauben und die Heiden durch den Glauben” (Röm 3,22b-24,30 LU2017). 

Jesus macht aus laos und ethnē das neue “Israel aus dem Geist”

Der Gegensatz zwischen Juden und Heiden verändert sich dadurch erheblich. Paulus klärt das neue Innenverhältnis vollständig in einer Passage des Epheserbriefes, die so wichtig ist, dass ich sie hier im vollen Wortlaut zitieren möchte. Angesichts dessen, was wir oben erarbeitet haben, verstehen wir jetzt den Sinn jedes einzelnen Wortes: 

“Denkt daran, dass ihr einst als ‚Heiden im Fleisch‘ galtet, ‚Unbeschnittene‘ genannt wurdet von den sogenannt Beschnittenen, deren Beschneidung am Fleisch mit Händen gemacht wird, dass ihr damals fern von Christus wart, ausgeschlossen vom Bürgerrecht Israels und Fremdlinge, nicht einbezogen in die Bundesschlüsse der Verheissung, ohne Hoffnung und ohne Gott in der Welt. Jetzt aber, in Christus Jesus, seid ihr, die ihr einst weit weg wart, ganz nahe durch das Blut Christi. Denn er ist unser Friede, er hat aus den beiden eins gemacht und die Wand der Feindschaft, die uns trennte, niedergerissen durch sein Leben und Sterben. Das Gesetz mit seinen Geboten und Bestimmungen hat er aufgehoben, um die beiden in seiner Person zu einem einzigen, neuen Menschen zu erschaffen, Frieden zu stiften und die beiden durch das Kreuz in einem Leib mit Gott zu versöhnen; zerstört hat er die Feindschaft durch seine eigene Person. Und er kam und verkündigte Frieden euch, den Fernen – und Frieden den Nahen. Denn durch ihn haben wir beide in einem Geist Zugang zum Vater. Ihr seid also nicht mehr Fremde ohne Bürgerrecht, ihr seid vielmehr Mitbürger der Heiligen und Hausgenossen Gottes, aufgebaut auf dem Fundament der Apostel und Propheten – der Schlussstein ist Christus Jesus selbst. Durch ihn wird der ganze Bau zusammengehalten und wächst zu einem heiligen Tempel im Herrn, durch ihn werdet auch ihr mit eingebaut in die Wohnung Gottes im Geist” (Eph 2,11-22, zitiert nach der Zürcher Bibel, Theologischer Verlag Zürich 2006). 

Die Gemeinde Jesu Christi aus Juden und Heiden ist also das neue “ausgewählte Geschlecht” und “königliche Priestertum”, das neue “heilige Volk”, das neue “Volk des Eigentums” (1. Petr 2,9-105 . Im Unterschied zu “Israel nach dem Fleisch” (Röm 9,3) nennt man sie auch “Israel nach dem Geist” 6 . Dieses entsteht weder durch Abstammung noch durch das Halten des Gesetzes, sondern durch den Glauben an Jesus Christus (Phil 3,3-11). 

Die häufigste neutestamentliche Bezeichnung für “Israel nach dem Geist” lautet auf Griechisch “Ek-klesia”, d.i. die aus Israel und den Nationen “Herausgerufene” (Röm 16,4). Sie besteht nach Paulus aus dem “Israel Gottes” (das sind diejenigen aus “Israel nach dem Fleisch”, die an Jesus Christus glauben, Gal 6,16) und den gläubiggewordenen Heidenchristen. Diese sind quasi in den Ölbaum Israels “eingepfropft” worden (Röm 11,17-21).  7 Beide haben gemeinsam Anteil an der Verheißung Gottes an Abraham, wie “Israel nach dem Fleisch”. Aber anders als dieses stehen sie nicht (mehr) unter dem Gesetz, denn dieses wurde durch Christus erfüllt. Durch ihn stehen sie als Gottes Kinder in Gottes Gnade. Dies ist das Hauptthema von Paulus, das er in seinen Briefen ausführlich behandelt, z.B. im Römerbrief Kap. 4 oder im Galaterbrief Kap. 34 und 5

Wir sehen: Das Thema “Nationen” ist keineswegs ein Randthema, sondern es führt uns mitten hinein ins Herz der paulinischen Theologie! Und wir nehmen als Merksatz mit:

Israel nach dem Geist ≠ Israel nach dem Fleisch!

Die “Nationen” als Teilhaber des Reiches Gottes

Im “Israel nach dem Geist”, d.h. der christlichen Gemeinde, beginnen sich sämtliche oben genannten Prophetenworte, in denen von der Hoffnung für die Nationen die Rede war, zu erfüllen. Es ist nämlich interessant, in welcher Weise “ethnē” jetzt im Neuen Testament in Bezug auf Heidenchristen gebraucht wird: Christen aus anderen Nationen werden als Repräsentanten ihrer jeweiligen Nationen verstanden. 

So kann Paulus Röm 9,30 (ELB) wörtlich übersetzt sagen: “Die Nationen haben Glaubensgerechtigkeit erlangt”. Er meint damit natürlich nicht die Nationen als ganze, sondern die Christen aus den Nationen (ebenso Gal 3,8Röm 15,27Eph 3,6 u.ö.). Petrus sagt: “Auf die Nationen ist der Heilige Geist ausgegossen” (Apg 10,45 wörtlich; ebenso Apg 11,1.1814,27); d.h. für ihn repräsentieren die einzelnen Individuen, bei denen er das gerade erlebt hat, ihre jeweiligen Nationen. Darum heißt es Offb. 21,24, dass die Nationen im Licht der Herrlichkeit Gottes und des Lammes wandeln werden (vgl. auch [11]).

In dieser Weise sollen “alle Nationen zu Jüngern” Jesu gemacht werden (Mt 28,18-20par). Aber von Mt 24,7-9 her ist bereits klar, dass nicht alle Individuen aller Nationen zu Jesu Jüngern werden. Es wird Menschen geben, die die ausgestreckte Hand Jesu nicht ergreifen oder – vor allem in der Endzeit – sie zurückweisen. Aber diejenigen aus allen Nationen, die Jesu Jünger werden, repräsentieren ihre Nationen und somit die Menschheit im Reich Gottes. Sie haben gleichermaßen ohne jede Unterschiede (Gal 3,26-29) das himmlische Bürgerrecht und sind Erben des Neuen Jerusalem. 

Christen, die Herrschaft Gottes und die Heiden

Aber bis Jesus wiederkommt, leben wir Christen in der Welt wie Israel im “babylonischen Exil”. Und dort ist “Israel nach dem Geist” konfrontiert mit den “Nationen nach dem Fleisch”. Das bringt die Christen aus den “ethnē”, den “Heiden”, in eine merkwürdige Lage. Sie stammen aus den Nationen, aber geistlich gehören sie nicht mehr zu ihnen, sondern sie repräsentieren die Herrschaft Gottes, die “basileia tou theou”, vor ihren Nationen in der alten Welt (1. Petr 2,6-10). Diese Herrschaft Gottes beginnt inwendig in ihren Herzen (Lk 17,21Mt 13,1-98 und manifestiert sich in ihrem Leben in besonderer Weise dort,

  1. wo Heilung geschieht (Lk 9,2.1111,20)
  2. wo ihr Leben sich auf Gottes Willen ausrichtet und entsprechend positiv verändert, d.h. in der Heiligung, in einem auch nach außen wahrnehmbaren Leben im Geist statt im Fleisch (Mt 6,10: “Dein Wille geschehe” als Explikation von “Dein Reich komme”; Röm 14,17).

Letzteres kann den Christen aus den “ethnē” auch Missgunst einbringen, wenn sie dem schändlichen Treiben ihrer Umgebung nicht mehr folgen, sondern im Glauben und in der Heiligung leben (1. Petr 4,3-4). Aber genauso sind sie damit ein lebendiges Zeugnis der Herrlichkeit Gottes (1. Petr 2,12).

Die “ethnē” als die “Nationen, die Gott nicht kennen” (1. Thess 4,5) stehen jetzt der gläubigen Gemeinde aus Juden und (früheren) Heiden gegenüber (Eph 4,17-19). Sie bilden gemeinsam mit den nicht an Christus glaubenden Juden die “Welt” (Joh 14,1617,26), in die Jesus seine Jünger sendet (Mt 28,18-20): Alle “ethnē” sollen die Chance haben, seine Jünger zu werden, weil Gott auch der Gott der Nationen ist (Röm 3,29). Immerhin hat er “aus einem (nämlich Adam) jede Nation der Menschen gemacht (…), indem er festgesetzte Zeiten und die Grenzen ihrer Wohnung bestimmt hat, dass sie Gott suchen” 9 , und er ist “keinem von uns fern” (Apg 17,26). Gott ruft sie durch den Mund der Gemeinde: “Wir bitten an Christi Statt: Lasst euch versöhnen mit Gott” (2 Kor 5,17). Und dies wird so lange geschehen, bis die “Vollzahl der Nationen (ethnē) eingegangen ist” (Röm 11,25). Aber Christen werden dabei auch auf Hass und Ablehnung stoßen (Joh 15,18-19 von der “Welt”), besonders am Schluss kurz vor der Wiederkunft Jesu (Mt 24,9, ausdrücklich “ethnē”). 

Dennoch werden die ethnē nicht einfach mit der Hure Babylon gleichgesetzt. Sie werden vielmehr von dieser zur Abgötterei verführt (Offb 14,8), lassen dies aber offenbar auch zu. Darum wird Gott die Nationen am Ende richten (Mt 25,31-46). Dabei werden diejenigen Gnade finden, die auch nur einem der Geringsten, die zu Jesus gehören (Jesus nennt sie hier “meine Brüder”), etwas Gutes getan haben. Denn das ist, als hätten sie es Jesus selbst getan.

Das Ende der Nationen dieser Welt

Mit dem Beginn des Reiches Gottes auf einer neuen Erde unter einem neuen Himmel (Offb 21,1) endet die “alte Welt” und mit ihr auch die “Nationen” im staatlichen und territorialen Sinn 10 . Das neue Gottesvolk aus Juden- und Heidenchristen bildet nun die neue, mit Gott versöhnte Menschheit: “Sie werden seine Völker (gr. laoi im Plural) sein”, heißt es Offb 21,3. Von den Nationen, wie sie in der alten Welt gewesen waren, d.h. mit dem, was ihnen ihre nationale Identität gab (Sprache, Abstammung/Rasse, Lebensweise), ist in Offb. 21 nicht mehr die Rede 11 . “Nation” in diesem Sinne gehört also zur vergänglichen Welt. Sie ist zeitlich begrenzt, nicht ewig wie “Israel nach dem Geist”. Sie gehört nicht zu den letzten Dingen, ja nicht einmal zu den Dingen, die für das Reich Gottes und für die Errettung des Menschen wichtig sind – weder Grenzen und Territorien, noch Staatsformen, noch Sprachen. Als Christen müssen wir uns fragen: Warum und in welcher Hinsicht sind diese Dinge wichtig? 

Zweifellos gehören sie zum Menschsein in dieser Welt dazu; dieses ist ohne diese Dinge nicht denkbar. Sie sorgen für individuelle Lebensgestalt, prägen unsere Wünsche und Sehnsüchte, sicher auch unsere inneren Bilder vom Reich Gottes. Aber sie sind immer auch fleischlich (Gal 5,6-26) und ihre Lebensweise für Christen immer auch eine Versuchung (1. Petr 4,1-11). Um der Menschen aus den Nationen willen, zu denen wir gesandt sind, behandeln wir sie mit Liebe und Wertschätzung (1. Kor 9,19-22). Eine christliche Kultur aber wird sich in jeder Nation der Welt immer von ihrer Umgebung unterscheiden und darum immer wieder in ihr anecken. 

Also: Inwiefern erfordert der Einsatz für das Reich Gottes, sich für nationale Identität stark zu machen? Ich habe bisher in der gesamten Bibel keine Begründung dafür finden können, warum gojische Sprachen oder gojische Kultur etwas ist, wofür es sich lohnt, als Christ zu kämpfen oder im Krieg zu sterben. Sind das nicht “gojische Sachen”, vorletzte Dinge? Das Evangelium kann in jeder Sprache verkündigt werden (Apg 2,1-13), und dass es das kann, dafür lohnt es sich, sich einzusetzen und sogar zu sterben wie derzeit unsere Glaubensgeschwister in Nigeria. Ich kann in der Bibel nicht finden, dass “Nation” an sich etwas Werthaltiges für die Ewigkeit wäre. Wenn Christen daraus einen solchen Wert machen, setzen sie dann biblisch betrachtet nicht die falschen Prioritäten? Dem “Durcheinanderwerfer” (gr. diabolos) gefällt es sicher, wenn die Kräfte von Christen auf ein totes Gleis geführt werden. 

Nationen gehören zur vergänglichen Welt. Sie sind für das Reich Gottes ohne Bedeutung.

— Anmerkung: Auf Grund der Rückmeldungen von Lesern dieses Artikels wird in der kommenden Woche an dieser Stelle ein klärender Zusatz eingefügt.

Christliche Herrschaft über die Welt?

Das griechische Wort für “herrschen”, “basileuein”, lateinisch u.a. dominari (vgl. engl. “Dominion”) kommt in Bezug auf Christen fünf mal im Neuen Testament vor, davon dreimal im Zusammenhang mit dem Millennium, d.h. dem Tausendjährigen Reich nach der sichtbaren Wiederkunft Christi. Offb 20,4 heißt es: “⟨ich sah⟩ die Seelen derer, die um des Zeugnisses Jesu und um des Wortes Gottes willen enthauptet worden waren, und die, welche das Tier und sein Bild nicht angebetet und das Malzeichen nicht an ihre Stirn und an ihre Hand angenommen hatten, und sie wurden lebendig und herrschten mit dem Christus tausend Jahre.” (ELB; ähnlich Offb. 20,65,10). Das sind nicht allgemein “die Christen”, die hier regieren: Es sind die Märtyrer, die um des Zeugnisses von Jesus Christus ihr Leben gelassen haben. Offb. 22,5 bezieht sich auf die Erlösten im Reich Gottes, über die der Tod nicht mehr herrschen wird (vgl. Röm 5,17 im Textzusammenhang).  

Ansonsten kommt “basileuein” noch 12 mal im Neuen Testament vor und bezieht sich an keiner einzigen Stelle (!) auf Christen, die über Nationen herrschen. Ganz im Gegenteil: In 1. Kor 4,8 beschreibt Paulus die Überzeugung der Korinther, zu “herrschen”, als Ausdruck von Überheblichkeit. In Mk 10,35-45 kritisiert Jesus die, die als “Regenten der Nationen gelten”, sie beherrschen und ihnen Gewalt antun. So sollen seine Jünger das gerade nicht machen. Sondern: “Wer unter euch groß werden will, soll euer Diener sein; und wer von euch der Erste sein will, soll aller Sklave sein. Denn auch der Sohn des Menschen ist nicht gekommen, um bedient zu werden, sondern um zu dienen und sein Leben zu geben als Lösegeld für viele” (ELB). Die Jünger sollen sich also daran orientieren, wie ihr Herr Jesus Christus sein Königtum in dieser Welt interpretiert hat (vgl. dazu hier im 2. Artikel der Reihe), nicht an den Herrschern der “Welt”. Nur in der Nachfolge und Nachahmung Jesu Christi sind sie ein “königliches Priestertum” (1. Petr 2,9). Vor diesem Hintergrund ist der Verweis Jesu an Petrus zu verstehen: “Stecke dein Schwert wieder an seinen Ort! Denn alle, die das Schwert nehmen, werden durchs Schwert umkommen” (Mt 26,52 ELB). Sie erstreckt sich nicht nur auf den Einsatz von körperlicher Gewalt, sondern überhaupt auf den Einsatz weltlicher Machtmittel, die Jesus nie verwendet hat. Er regiert “sind vi sed verbo”, ohne Gewalt, nur durch das Wort (vgl. Augsburger Bekenntnis Nr. 28; vgl. Luthers Zwei-Reiche-Lehre). Und wie sagt Jesus Christus? “Nicht jeder, der zu mir sagt: Herr, Herr!, wird in das Reich der Himmel hineinkommen, sondern wer den Willen meines Vaters tut, der in den Himmeln ist. Viele werden an jenem Tage zu mir sagen: Herr, Herr! Haben wir nicht durch deinen Namen geweissagt und durch deinen Namen Dämonen ausgetrieben und durch deinen Namen viele Wunderwerke getan? Und dann werde ich ihnen bekennen: Ich habe euch niemals gekannt. Weicht von mir, ihr Übeltäter!” (Mt 7,21-23 ELB).

Christen soll man an ihrer Nachfolge Christi erkennen! 

Dominionism?

Wir haben gesehen: Die “Herrschaft Gottes” drückt sich paradoxerweise gerade nicht durch “Herrschen” aus, sondern durch Dienen und Hingabe in der Nachfolge Christi. Wenn das so ist, dann kann die Herrschaft Gottes ganz grundsätzlich nicht durch “Herrschen” hergestellt werden (vgl. zum sog. „7 Mountains Mandate“ von Wallnau/Johnson hier im vorhergehenden Artikel). Das, was durch “Herrschen” (“Dominion” mittels “invading”) hergestellt wird, kann demnach niemals dem Reich Gottes entsprechen, selbst dann nicht, wenn es in dem Versuch geschieht, christliche Werte zu installieren. Was hergestellt werden kann, ist lediglich eine Herrschaft nach der Weise des “Alten Jerusalem” – und das ist die, die Christus ans Kreuz gebracht hat und die sich damit selber ad absurdum geführt hat.

Es gibt in der Bibel keinen Auftrag an Christen, in der Welt der Nationen unter Einsatz der Herrschaftsmethoden dieser Welt zu herrschen.

Es gibt überhaupt (auch in anderen ntl. Formulierungen) keinen einzigen Hinweis darauf, dass zwischen dem Pfingstwunder und der Wiederkunft Christi irgend eine Nation im staatlichen oder territorialen Sinn (d.h. ethnos) im Ganzen christlich werden, also mit “Israel nach dem Geist” (der christlichen Gemeinde) zur Deckung gebracht werden könnte. Das ist schon deshalb völlig unmöglich, weil “Israel nach dem Geist” aus Individuen besteht, die zu Jüngern Jesu werden, wohingegen sich ethnē kollektiv durch Territorien und Staatsformen definieren. Diese beiden Definitionen sind also ganz grundsätzlich nicht miteinander kompatibel. Nirgendwo in der Bibel werden sie in einen sprachlichen Zusammenhang gebracht. Man kann sich dafür auch nicht auf Verheißungen an “Israel nach dem Fleisch” beziehen, denn für dieses gilt: Nur Israel ist Israel! 

Eine “christliche Nation” oder eine von Gott ausgewählte Nation neben Israel existiert biblisch nicht.

Konsequenzen

Was bedeutet das obige nun für uns als Evangelikale, gerade in unserer dargestellten Gemengelage? Die Bibel führt uns hier zur Prüfung und Scheidung der Geister. Denn der Heilige Geist, der die Bibel als Wort Gottes inspiriert hat, widerspricht sich nicht. Die Tiefbohrung hinein in die Welt der biblischen Begriffe zu “Nation” und “herrschen” führt uns zu folgendem Ergebnis:

“Eine christliche Nation” vor der sichtbaren Wiederkunft Jesu, die durch “Herrschen” hergestellt würde, wird Christen nirgendwo in der Bibel verheißen. 

Ich glaube, dass darin das tiefe geistliche Geheimnis liegt, warum der Versuch einer solchen Herrschaft unter Donald Trump solche merkwürdigen Auswüchse annimmt, die ganz einfach ungeistlich sind und die von den “Werken des Fleisches” statt des Geistes geprägt sind (vgl. Gal 5,19-211. Tim 1,9-101. Petr 3,8-171. Joh 1,8-10 u.v.a.): Unfrieden, Vergeltungssucht, böse Worte, Lüge, (Selbst-)Betrug, Gewalt, Ungerechtigkeiten, Messen mit zweierlei Maß, Verschleiern von Sünden, Zorn, Zank, Zwietracht, Spaltungen, Völlerei der einen (Korruption, Selbstbereicherung), vermehrte Armut der anderen. Diese Dinge geschehen nicht aus Zufall! Sie sind keine bedauerlichen Entgleisungen eines an sich richtigen Vorhabens! Sondern sie sind unvermeidliche Begleiterscheinungen, wenn man sich auf eine falsche Theologie einlässt, die sich für unser Leben als Christen in der Welt von dem Vorbild Jesu Christi gelöst hat. 

Aber Frage: Ein ganzes Netzwerk hervorragender Christen und einflussreicher Prediger hat doch vom Heiligen Geist durch Visionen und andere göttliche Eingebungsformen den Auftrag erhalten, die Gemeinde auf die so verstandenen “Prinzipien des Reiches Gottes” (Wallnau, a.a.O.) einzustimmen?

Antwort: Und selbst wenn tausend Prophetien selbsternannter Propheten und Apostel (“New Apostolic reformation”) etwas Derartiges prophezeien, gilt trotzdem: 

Eine Theologie, die den Auftrag einer Herrschaft von Christen über die Welt vor der sichtbaren Wiederkunft Christi behauptet, ist unbiblisch! Denn der Heilige Geist widerspricht sich nicht. Prophetien, die zu “dominionism” über die “von Gott erwählte Nation” aufrufen, können nicht vom Heiligen Geist sein. Die Überprüfung an der Bibel schließt das mit 100%-iger Sicherheit aus.

Aber: Ist denn dann alles falsch, was die so erfolgreichen US-amerikanischen Evangelisten wie Lance Wallnau, Bill Johnson, C.P.Wagner udgl. sagen?

Nein, es ist sicher nicht alles falsch. Alle Charismatiker wissen, dass Visionen udgl. vom Heiligen Geist das eine sind, aber wie wir sie interpretieren und was wir daraus machen, das ist das andere. Und das ist der Punkt, wo menschliche – auch sehr fleischliche – Fehler passieren.

Die Prüfung und Scheidung der Geister läuft selten auf eine vollständige Ablehnung einer theologischen Lehre hinaus. Wenn wir das Kind mit dem Bade ausschütten, kommen wir in der Sache meistens nicht weiter. Denn es hat gute Gründe, warum es die Irrlehre der Dominion Theology gibt. Es steckt eine bedrängende Frage dahinter. Und Fragen sind nie das Problem. Falsche Antworten sind das Problem. Die Frage hinter der Dominion Theology hat zwei Teile. Sie lautet:

(1) “Müssen wir wirklich tatenlos zusehen, wie politische Pressure Groups unsere Gesellschaft  entgegen dem Willen Gottes umgestalten? Oder können / dürfen / sollen wir uns gestaltend in die Gesellschaft einbringen?”

(2) “Wie genau wirken wir im Sinne Jesu und in seiner Nachfolge auf die Gesellschaft ein, in der wir leben?”

Wenn wir die Antwort der “Dominion Theology” ablehnen, müssen wir die Fragen als Evangelikale, ja insgesamt als Konservative anders beantworten. Und ja: Es gibt Antworten darauf, die der Bibel entsprechen!

Im nächsten Artikel machen wir uns dahin auf den Weg:

Wenn Christen Macht haben…” – demnächst hier im Blog!


Danksagung

Herzlich bedanken möchte ich mich bei allen, die durch konstruktive Beiträge und wertvolle Korrigenda auf Facebook und per Email diesen Artikel begleitet haben.


Fußnoten

  1. Zu עָם als (Stammes-)Verwandtschaft der Sippe (vgl. 1. Mos 25,8 letztes Wort; ebenso 25,17; 35,29; 49, 29.33 u.ö. Weitere Belege bei Hulst 296ff.). Weil sich das Volk Israel als Stammesverwandtschaft versteht, sind die ausgiebigen Genealogien wie 1. Chron 1-10 für das Selbstverständnis so wichtig. – Zu גּוֺי, (Einzahl): Es assoziiert nach Hulst eher die Staatlichkeit bzw. die Territorialität. Daher kann das auch Volk Israel als “goj qadosch” (גּוֺי קָדוֺשׁ), “heiliges Volk” bezeichnet werden (2. Mose 19,6). Hingegen werden nichtisraelische Stämme nur selten als “‘am” oder “‘amijm” bezeichnet, und zwar dann, wenn ausdrücklich ihre Stammesverwandtschaft herausgestellt werden soll; z.B. 1. Mos 33,15 für das (Krieges-)Volk Esaus; 4. Mos 21,29 für die Moabiter als “Volk Kemoschs”; 5. Mos 7,7 im Vergleich. Die staatlich verfassten, nichtisraelischen  Nationen sind spätestens seit dem Exil meistens die “gojim” (Vgl. dazu Hulst, a.a.O.) ↩︎
  2. Die Ägypter z.B. waren nach zahlreichen Darstellungen ägyptischer Kunst dunkelhäutig. Das wird in der Bibel aber Jeremia 13,23 („Kann etwa ein Kuschiter seine Haut verwandeln?“, d.i. eine rhetorische Frage) ganz einfach als bekanntes Merkmal der Kuschiter (=Ägypter) vorausgesetzt, ohne aus diesem Merkmal Folgerungen für die Höher- oder Niederwertigkeit dieser Nation im Vergleich zu anderen Nationen zu ziehen.  ↩︎
  3. Hier werden in der Bibel vor allem die 7 Nationen genannt, die vor Israel im Land Kanaan wohnten und die sich durch besonders gräuliche religiöse Praktiken wie Kinderopfer oder Okkultismus hervortaten (5. Mos 18,9-12).  ↩︎
  4. Alle fünf kommen bereits in der Septuaginta vor (das ist die antike griechische Übersetzung des Alten Testamentes). Und in dieser wurde die Unterscheidung zwischen Israel und den Nationen auch da vorgenommen, wo sie im Hebräischen noch nicht so strikt getrennt waren. D.h. עָם = λαός oder γένος für Israel; גּוֺיִם = ἔθνοι, φὐλαι, γλῶσσαι für die Heiden.  ↩︎
  5. Nach der Reihe: γένος, βασίλειον, ἔθνος ἅγιον (= גּוֺי קָדוֺשׁ, nach 2. Mose 19,6), λαός – alles Bezeichnungen des auserwählten Volkes Israel im AT.  ↩︎
  6. Paulus verwendet diese Bezeichnung zwar nicht genau so, aber sie ist mit Gal 3,2-3 die logische Folgerung aus Röm 9,3: Die Präzisierung eines Israels “nach dem Fleisch” (gemeint ist die Abstammung) macht nur dann Sinn, wenn es auch noch ein anderes Israel gibt, und da “Geist” bei Paulus der typische Gegensatz zu “Fleisch” ist (Mauerhofer, a.a.O.), muss es ein “Israel nach dem Geist” sein.  ↩︎
  7. Das bedeutet nicht, dass Gott seine Verheißung an “Israel nach dem Fleisch” zurückziehen würde: Nach Röm 11,25-32 wird ganz Israel am Ende errettet werden. Da das Thema dieses Artikels die “Nationen” sind, verfolge ich diese Verheißung an “Israel nach dem Fleisch” an dieser Stelle nicht weiter.  ↩︎
  8. Die griechische Formulierung lautet in Lk 17,21: “ἡ βασιλεία τοῦ θεοῦ ἐντός ὑμῶν ἐστίν”. “ἐντός” bedeutet “inmitten von etwas”. Aber “ὑμῶν” (euch) kann die Gesprächspartner Jesu sowohl als je Einzelne als auch als Gruppe bedeuten; das lässt sich grammatisch nicht unterscheiden. Für die erstere Variante “inwendig in euch” spricht das Gleichnis vom vierfachen Ackerfeld (Mt 13,1-9.18-23), das genau diesen Gedanken näher ausführt. Für die zweite Variante “in eurer Mitte” (Jesus redet zu den Pharisäern!) spricht das Gleichnis vom Unkraut unter dem Weizen (Mt 13,24-30.36-43). Da es für beide Bedeutungsvarianten weitere Belege in den Reich-Gottes-Gleichnissen Jesu gibt, hat die Stelle wahrscheinlich eine intendierte Doppelbedeutung und gehört damit zur Textgattung der Rätselworte. Keinen Anhaltspunkt im Text hat es, wenn Bauer/Aland zu der Stelle schreibt: “Lk 17,21 bedeutet ἐντός ὑμῶν wohl nicht inwendig in euch, d.h. in euren Herzen (…), sondern in eurer Mitte” (Bauer/Aland 544, ausgeschrieben, Hervorhebung von mir). Diese Entscheidung hat rein theologische Gründe – so einseitig interpretiert wird die Stelle nämlich zum locus classicus für eine präsentische Eschatologie bzw. ein Diesseitsevangelium theologisch liberaler Provenienz – ein wunderbares Beispiel, wie Denkvoraussetzungen (Axiome) die Auslegungsmethode bis hin zur Übersetzung determinieren können (vgl. dazu Hohage: Welcher Christus, a.a.O.; Tief verwurzelt glauben  S. 205-212).  ↩︎
  9. Wohlgemerkt: Hier werden die Nationen durch die “festgesetzten Zeiten” (also die Geschichte) und die “Grenzen ihrer Wohnung” (also das Territorium”) bestimmt. Aber sie stammen alle von einem ab, d.h. sie sind abstammungsmäßig gleichwertig. Nochmals bestätigt sich das Bild: Genetische Unterschiede spielen in der Bibel keine Rolle und sind für nichts ein Kriterium. ↩︎
  10. In der Offenbarung werden die Nationen oft mit vier der griechischen Begriffe in einer Reihe bezeichnet: “Stämme (phylē) und Sprachen (glōssa) und Völker (laos) und Nationen (ethnē)” – alles im Kollektivsingular: Offb.5,9; 7,9; 11,9; 13,7; 14,6. Aus ihnen hat Jesus Christus mit seinem Blut die große Volksmenge der Erlösten erkauft (5,9). Im Bild des “Meeres” kommt die aufbrausende, tobende Völkerwelt vor in Offb. 12,18-13,1 (mit Ps 2,1; vgl. Frey 138). In Offb. 14,6 werden sie vor dem Gericht gewarnt. Zuletzt kommen die Nationen (hier nur noch ethnē) in Offb. 20,8 vor, wo sie noch ein letztes Mal verführt werden, sich gegen Gott zu erheben. Offb 21,1 heißt es dann: ”Das Meer ist nicht mehr”. An die Stelle der brausenden, von Gott beständig abfallenden Völkerwelt tritt die erlöste Gemeinde aus Juden- und Heidenchristen (also Israel nach dem Geist) als die neue Menschheit, von der es wörtlich heißt: “Sie werden Gottes Völker sein” (gr. laoi, d.h. plural).  ↩︎
  11. Die “Nationen”, die im Licht des Neuen Jerusalem wandeln (Offb. 21,24.26), können nur die Geretteten aus den früheren Nationen sein (siehe oben), denn die Ungläubigen kommen nicht auf die “neue Erde” (Offb. 21,7-8). Genauso können die “Herrlichkeit und Ehre der Nationen”, die in das neue Jerusalem gebracht werden (Offb. 21,24.26), nicht diejenigen aus der alten Welt sein – erstens, weil der erste Himmel und die erste Erde vergangen sind (Offb 21,1) und mit ihm alles Materielle, was es dort gab, und zweitens, weil die irdischen Herrlichkeiten der Nationen in aller Regel mit fleischlichen Motiven wie Machtwille, Protzwille, Neid, Ehrsucht und Hochmut zusammenhängen, also mit Sünde. Aber “nichts Unreines wird hineinkommen” (Offb. 21,27; gr. koinos, vgl. Röm 14,14; Apg 10,14 mit demselben Wort). Denkbar wäre (1), dass die Könige und die von ihr dargebrachten Herrlichkeiten der Nationen sich auf das Tausendjährige Friedensreich beziehen (Offb. 20,4); dann hätte das, was dort unter der irdischen Regentschaft Christi entsteht, bereits Ewigkeitswert. Denkbar wäre (2), dass die “Herrlichkeit und Ehre”, die von den Nationen dargebracht wird, der Lobpreis Gottes ist (dieselbe Wortwahl Offb. 4,9.11; 5,12 beim Lob des Lammes); in dem Fall wären die Nationen die Geretteten, die das Lamm aus allen Nationen erkauft hat (Offb 5,9-10), die ja eine “königliche Priesterschaft” sind (1 Petr. 2,9). Denkbar wäre (3), dass der Stelle ein Hinweis auf eine zukünftige Strukturierung der himmlischen Gemeinschaft zu entnehmen ist; dann entstehen die Herrlichkeiten erst fortwährend auf der “neuen Erde”, eine gemeinschaftliche Tätigkeit zu Gottes beständigem Lob. Eine Kontinuität mit den “Nationen” und ihren Königen aus der Zeit vor der Wiederkunft Jesu ist aber in allen drei Fällen nicht gegeben; diese wurden Offb. 19,11-21 nämlich vernichtet. ↩︎

Quellen und Hilfsmittel

  • Bauer, Walter / Aland, Kurt und Barbara: Wörterbuch zum Neuen Testament, Berlin 1988
  • Biblia Hebraica Stuttgartensia, Stuttgart 1984
  • Elberfelder Bibel, Wuppertal 1986 und Witten/Holzgerlingen 2006
  • Septuaginta, ed. Alfred Rahlfs, Stuttgart 1979
  • Neues Testament griechisch, Stuttgart 26. Aufl. 1979
  • Lisowsky: Konkordanz zum Hebräischen Alten Testament, Stuttgart 1981
  • Schmoller: Handkonkordanz zum griechischen Neuen Testament, Stuttgart 1989
  • Zürcher Bibel, Theologischer Verlag Zürich 2006

Literatur

  • Bayer, Hans: Art. “Reich Gottes a) biblisch”, in: ELThG 3, Wuppertal 2. Aufl 1998, S. 1676f. 
  • Frey, Hellmuth: Das Ziel aller Dinge. Seelsorgerliche Auslegung der Offenbarung des Johannes, Bad Liebenzell 4. Aufl. 1977
  • Hohage, Gerrit: Welcher Christus als Mitte der Schrift? Eine Problemanzeige. In: Grünholz, Martin / Hinkelmann, Frank: Der unveränderte Stellenwert der Heiligen Schrift, Petzenkirchen 2025, S. 167-194
  • Hulst, A.R.: Art. “am / gojim” in: ThWAT, hrsg. v. Ernst Jenni und Claus Westermann, Gütersloh 4. Aufl. 1993, Sp. 290-325
  • Mauerhofer, Erich: Der Kampf zwischen Fleisch und Geist bei Paulus, Frutigen 2. Aufl. 1981
  • Riesner, Rainer: Messias Jesus. Seine Geschichte, seine Botschaft und ihre Überlieferung, Gießen 2019
  • Schmidt, Kar Ludwig: Art. “Ethnos” im NT, in: ThWNT 2, Stuttgart 1957, S. 366-370
  • Wallnau, Lance / Johnson, Bill: Invading Babylon. The 7 Mountains Mandate, Shippensburg (USA) 2013

Dieser Blog-Beitrag von Dr. Gerrit Hohage erschien zuerst in „Tief verwurzelt glauben – der Blog zum Buch“. Lesen Sie hier den Original-Beitrag „Eine christliche Nation“.

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