Dr. Gerrit Hohage – Zur Debatte um Johannes Hartl, Teil 2 –
Frage 1 in meiner Artikelserie lautet: Ist Johannes Hartl ein Irrlehrer oder ein Glaubensbruder? Handelt es sich bei der Begeisterung um ihn und die Gebetshausbewegung um endzeitliche Verführung oder kommt das von Gott?
Für manche Mitchristen aus dem evangelikalen Spektrum, die biblisch leben wollen, ist dies eine wirklich bedrängende Frage, die ich sehr ernst nehme. Denn Irrlehrer soll man meiden (Röm 16,17), Glaubensgeschwister jedoch lieben (1.Joh 4,7-21). Ich möchte da keine kurze Wischi-Waschi-Meinung hinwerfen, sondern biblisch und gründlich arbeiten (darum wird es lang, sorry…). Bevor wir diese Frage nämlich in Bezug auf Johannes Hartl in Prüfung und Scheidung der Geister angehen können, müssen wir anhand der Bibel zwei Begriffe klären:
1) Was ist eigentlich ein „Irrlehrer“? Irrlehre (griech. „hairesis“, Spaltung 2 Petr 2,1) beschreibt im Neuen Testament zum einen „Parteiungen“ (1 Kor 11,19), „Spaltungen“ als „Werke des Fleisches“ (Gal 5,19), zum andern aber „falsche Propheten“ als Verführer der Gemeinde (Mt 24,11par). Das sind zwei ganz verschiedene Dinge:
a) Manche meinen, der Begriff „Irrlehrer“ bezeichne Christen, die nicht „auf Linie“ sind. Aber das erscheint beim Blick in die Bibel problematisch. Die Lehre der ntl. Urchristenheit war „vielschichtig und mit Spannungen verbunden“1. Matthäus und Johannes, Paulus, Petrus und Jakobus bilden aber dennoch gemeinsam den neutestamentlichen Kanon. Die „Linie“, der gegenüber man „linientreu“ sein müsste, ist kein biblisches Bild. Biblisch ist der „Weg“ (Apg 24,14), und der hat zwei Linien. Und dazwischen eine Bandbreite. Wenn es innerhalb dieser zu „Spaltungen“ kommt (1 Kor 1,10-13), bewertet die Bibel das negativ. Spaltungen in diesem Sinne sind „Werke des Fleisches“ – und zwar eingedenk der Tatsache, dass nicht alles gleich wertvoll ist, was innerhalb dieser Bandbreite gelehrt wird (1 Kor 3,5-17). „Wir Lehrer irren alle mannigfaltig“ (Jak 3,2). Was zählt ist der Grund, auf den die Bauwerke der Lehre gebaut werden: „Einen anderen Grund kann niemand legen als den, der gelegt ist, welcher ist Jesus Christus“ (1.Kor 3,11 LU84) und die Einigkeit im Geist: „Ein Herr, ein Glaube, eine Taufe; ein Gott und Vater aller, der da ist über allen und durch alle…“ (Eph 4,5 LU84).
b) Genau hier trennt sich die Gemeinde von den „falschen Propheten“, die „ausgegangen (sind) in die Welt“ (1 Joh 4,1), die „in Schafskleiden kommen“, aber in Wahrheit „räuberische Wölfe“ sind (Mt 7,15), und viele irreführen (Mt 24,5), die Mietlinge, die die Herde schlachten und umbringen (Joh 10). Sie befinden sich jenseits des „Weges, der zum Leben führt“ (Mt 7,13-14). Als Kennzeichen werden gegeben:
• Sie leugnen, dass Jesus im Fleisch gekommen ist (1.Joh 4,2-3), d.h. dass er wahrer Mensch und wahrer Gott ist.
• Sie sagen „Ich bin Christus“, d.h. ziehen den Blick von Christus weg auf sich selbst als Heilsbringer. Sie bauen auf einem anderen Grund als Christus (1 Kor 3,11; Kol 2,6-10 u.ö.).
• Sie bereichern sich am Evangelium (Simonie, 2 Kor 11,13 i.V.m. 2,17; Joh 10,10).
• Die Schafe hören, dass es nicht die Stimme des guten Hirte ist (Joh 10,5).
• An ihren Früchten kann man sie erkennen (Mt 7,16; Gal 5,19-22 u.a.).
• Sie predigen ein anderes Evangelium als das, welches die Apostel gepredigt haben (Gal 1,6) und das sich in den Worten des Neuen Testamentes als Bezugspunkt, als höchste Autorität in Fragen christlicher Lehre findet. 2
c) Die Aufgabe ist nun, zwischen beidem zu unterscheiden. Was sind fleischliche „Spaltungen“ innerhalb des Weges, was sind „Verführungen“ jenseits des Weges, von denen man sich abkehren und warnen soll? Der Reformator Philipp Melanchthon legt dazu in einer der Lutherischen Bekenntnisschriften 1 Kor 3,11-17 aus: 3 „Wir sagen und wissen fürwahr, daß diese Kirche, darin Heilige leben, wahrhaftig auf Erden ist und bleibt, nämlich daß etliche Gotteskinder sind hin und wieder in aller Welt, in allerlei Königreichen, Inseln, Ländern, Städten, vom Aufgang der Sonne bis zum Niedergang, die Christum und das Evangelium recht erkannt haben; Und wir sagen, dieselbe Kirche habe diese äußerlichen Zeichen: das Predigtamt oder Evangelium und die Sakramente. Und dieselbe Kirche ist eigentlich, wie Paulus sagt, „eine Säule der Wahrheit“, denn sie behält das reine Evangelium, den rechten Grund. Und wie Paulus sagt: „Einen andern Grund kann niemand legen außer dem, der gelegt ist, welcher ist Christus.“ Auf den Grund sind nun die Christen gebaut. Und wiewohl nun in dem Haufen, welcher auf den rechten Grund, das ist, Christum und den Glauben, gebaut ist, viel Schwache sind, welche auf solchen Grund Stroh und Heu bauen, das ist, etliche menschliche Gedanken und Opinionen, mit welchen sie doch den Grund, Christum, nicht umstoßen noch verwerfen, derhalben sie dennoch Christen sind und werden ihnen solche Fehle vergeben, werden auch etwa erleuchtet und besser unterrichtet: also sehen wir in Vätern, daß sie auch bisweilen Stroh und Heu auf den Grund gebaut haben, doch haben sie damit den Grund nicht umstoßen wollen. Aber viele Artikel bei unsern Widersachern stoßen den rechten Grund nieder, die Erkenntnis Christi und den Glauben. Denn sie verwerfen und verdammen den hohen, größten Artikel, da wir sagen, daß wir allein durch den Glauben ohne alle Werke, Vergebung der Sünden durch Christum erlangen. Dagegen lehren sie vertrauen auf unsere Werke, damit Vergebung der Sünden zu verdienen, und setzen anstatt Christi ihre Werke, Orden, Messe, wie auch die Juden, Heiden und Türken mit eigenen Werken vorhaben selig zu werden“.

Ich finde diese Unterscheidung wegweisend für die „Prüfung und Scheidung der Geister“. In zwei moderne Begriffe übersetzt bedeutet sie: Weder Relativismus noch Rigorismus entsprechen dem biblischen Bild und der Meinung der Reformatoren. Es ist nicht egal, was ein christlicher Leiter predigt, wenn es „ankommt“ und in guter Absicht vorgetragen wird – es gibt tatsächlich „falsche Lehre“, die schädlich ist. Andererseits ist nicht nur eine (im Zweifelsfall meine) Lehrgestalt „richtig“. Sondern der „schmale Weg“ hat eine Bandbreite an Lehrgestalten, die sich bereits in den neutestamentlichen Schriften abbildet. Auf Christus, den festen Grund, werden sehr verschiedene Lehrgestalten gebaut, manche beständig und wertvoll, manche unbeständig und schwach.
d) Daraus folgt: Irrlehre und schwache Lehre sind zwei verschiedene Autorn!
• Irrlehre ist die, die den Grund des Glaubens umstößt, nämlich „dass wir allein durch den Glauben ohne alle Werke, Vergebung des Sünden durch Christum erlangen“. Ein Irrlehrer in dem Sinne, dass vor ihm zu warnen und sich von ihm zu trennen ist, ist (nur!) jemand, der die Gläubigen von diesem festen Grund herunterzieht und an anderes bindet – oder auch an sich selbst. Der Heilige Geist führt zu Christus (Joh 15,26;16,14). Was von unten ist, zieht weg von Christus oder versperrt den Weg zu ihm. 4
• Schwache Lehre ist, wenn ein Lehrer irrt, ohne deswegen Christus als festen Grund des Glaubens umzustoßen, also ein „Irrlehrer“ zu sein. Der Tag des Gerichtes macht offenbar, ob man Beständiges oder Unbeständiges gelehrt hat. Wer aber auf Christus, dem wahren Fundament baut, der wird gerettet, auch wenn sein Werk verbrennt (1.Kor 3,15).
• Die Aufgabe, die sich hier zunächst stellt, ist also nicht, Johannes Hartls Verkündigung mit einer der (zahlreichen) protestantischen Lehrgestalten zu vergleichen. Denn auch diese sind (hoffentlich) auf den festen Grund, Christus, gebaut und können variieren, stärker oder schwächer sein, sich am Ende als Gold oder als Strohfeuer entpuppen. Sondern die Aufgabe ist, zu prüfen, ob die Lehrgestalt, so wie sie Johannes Hartl vertritt, gemäß der Bibel auf Christus als den Grund, der gelegt ist, gebaut ist oder ob sie diesen Grund im Sinne von Punkt 1b) umstößt.
2) Das führt zur zweiten Begriffsklärung: Was ist ein „Glaubensbruder“ (und eine Glaubensschwester)? Die Kernstelle aus der Heiligen Schrift ist Mt 23,8-10 (NGÜ): „Ihr aber sollt euch nicht ›Rabbi‹ nennen lassen, denn nur einer ist euer Meister, und ihr alle seid Brüder. Auch sollt ihr niemand hier auf der Erde ›Vater‹ nennen, denn nur einer ist euer Vater, der Vater im Himmel. Ihr sollt euch auch nicht ›Lehrer‹ nennen lassen, denn nur einer ist euer Lehrer: Christus.“ Jesus nimmt die bereits im Judentum gebräuchliche Bezeichnung „Bruder“ auf, mit der sich die „Kinder Israels“ untereinander bezeichneten, und definiert sie neu. Die Jünger sind Brüder, weil und sofern sie
• im Hören auf Christus als ihren „Meister“ (griech. „didaskalos“, also eigentl. „Lehrer“) bezogen sind,
• Kinder Gottes, des Vaters sind und
• Christus als „Lehrer“ (griech. „kathägätäs“, also eigentl. „Anführer“ wie engl. „leader“) nachfolgen (Lk 9,23-25.57.62; Joh 8,12 u.ö.).
Der Zusammenhang mit dem Vorherigen ist deutlich: Auch hier ist Jesus Christus der, der uns zu Glaubensgeschwistern verbindet. Maßstab, ob jemand ein Glaubensbruder oder eine Glaubensschwester ist, ist also nicht, ob jemand an dieser oder jener Stelle irrt (Jak 3,2) oder eine andere, unter Umständen schwächere Lehrgestalt vertritt (1.Kor 3,11-17), sondern ob er auf Jesus hört, Ihm nachfolgt und durch ihn Kind Gottes ist (vgl. Röm 3,21-28). Aber wie können wir das bei einem Mitchristen wissen? Jeder kann sich und anderen schließlich etwas vormachen (Mt 7,21-23). Richten (Mt 7,1-5; 1 Kor 4,5) und vor der Zeit urteilen (Mt 13,24-30) dürfen wir deshalb nicht. Wir können jedoch Hinweise wahrnehmen, wie wir jemanden, der öffentlich lehrt, einzuschätzen haben:
• am Bekenntnis zu Jesus Christus als Herrn (1 Kor 12,1; 1 Joh 4,2-3)
• anhand der Früchte des Geistes (Mt 7,16; Gal 5,19-22)
• am geheiligten oder unheiligen Lebenswandel (1 Kor 5,11; 2 Thess 3,6).

Wer mit dieser Kriteriologie nicht einverstanden ist, möge mich anhand der Heiligen Schrift korrigieren.
3) Wenden wir das Gesagte nun an: Wie haben wir Johannes Hartl einzuschätzen? Wir müssen dafür das wahrnehmen, was er (!) lehrt, tut und bewirkt unter den oben angegebenen Grundfragen.
Gegenstand der „Prüfung und Scheidung der Geister“ ist wohlgemerkt nicht, was andere lehren, tun und bewirken, schon gar nicht andere aus anderen Jahrhunderten, auch nicht, wenn es sich um Katholiken handelt und Johannes Hartl bekanntermaßen Katholik ist. Sondern es geht hier erst einmal um ihn selbst. Zur Zeit der Reformation lautete ein Satz in der katholischen Kirche: „Extra ecclesia nulla salus – außerhalb der Kirche kein Heil“. Ich finde eine der bestürzendsten Erscheinungen der Debatte um Johannes Hartl, dass es Protestanten unserer heutigen Zeit sind, die diesen Satz herumdrehen wollen: „Innerhalb dieser (katholischen) Kirche kein Heil“. Ist jemand Katholik, sei die Frage, ob er ein Irrlehrer oder ein Glaubensbruder ist, damit schon beantwortet. Wer so argumentiert, übersieht: Für Protestanten ist „Kirche“ immer die „Gemeinschaft der Glaubenden“, wo auch immer sie sind (siehe Melanchthon oben! Vgl. auch Confessio Augustana 8); von diesem Kirchenverständnis aus ist eine pauschale Exkommunikation der Katholiken nicht möglich. Und: Sogar die Inquisition hat jedes Schäfchen persönlich einer Glaubensprüfung unterzogen und nicht nach dem Motto „mitgefangen-mitgehangen“ geurteilt 5. Wer also so argumentiert, fällt nicht nur hinter die Reformation, sondern sogar noch hinter die Inquisition zurück!
Wie lehrt Johannes Hartl das Evangelium?
4) In Johannes Hartl: Einfach Gebet. Zwölfmal Training für einen veränderten Alltag, Holzgerlingen 32017, S. 22 geht es darum, dass Gott, die Quelle des Schönen und Guten, den Menschen in den Garten Eden setzt. Zitat: „Das Problem ist, dass die Geschichte seit Adam und Eva nicht so toll verlaufen ist. Und im Zustand ohne Jesus ist dieser Garten in uns ziemlich kaputt und tot. Deshalb begegnet auch nicht jeder Mensch Gott, der in sich hineinspürt. Wer wirklich aufrecht in sein Inneres blickt, erkennt, dass bei weitem nicht alles okay ist. Dieses ‚nicht okay‘ nennt die Bibel Sünde. Gott ist ein Gott der Liebe und der Wahrheit. Alles in mir, was nicht Liebe und Wahrheit ist, trennt von Gott. Beim Menschen in seinem natürlichen Zustand ist der Ort, an dem er Gott begegnen könnte, abgestorben. Paulus beschreibt das so: ‚Ihr wart tot in euren Verfehlungen und Sünden‘ (Epheser 2,1). Doch wer Jesus einlädt, in sein Herz zu kommen und alles wegzunehmen, was von Gott trennt, wer aufrichtig bereut, was an Bösem in seinem Herzen ist, und wer an die Kraft des Blutes Jesu glaubt, seine Sünden wegzuwaschen, in dem passiert etwas völlig Neues. Das Wunder der Erlösung. Der innere Garten beginnt zu blühen. Er wird wieder schön. Und hier ist das tiefste Geheimnis: Das, was Jesus am Kreuz für jeden Einzelnen getan hat, bewirkt nicht nur, dass man irgendwann in den Himmel kommt. Sein Blut macht rein und schön vor Gott. Das bedeutet: Gott (!!!) blickt auf dich mit einem Blick der Freude und des Staunens. Er nennt dich schön! Das ist das Geheimnis. (…) Gebet ist der Weg, dieses Geheimnis tiefer zu verstehen, es zu spüren und zu lernen, daraus zu leben. Und das macht alles anders.“
Diese Zeilen S. 22 enthalten kurz zusammengefasst das rettende Evangelium. Hier die Übersetzung in die traditionelle Begriffswelt des Pietismus (vgl. hier: oder hier):
• Gott liebt uns und hat Gutes mit uns vor (Garten Eden).
• Wir Menschen sind durch unsere Sünde (und zwar seit Adam und Eva) von Gott getrennt und können Gott nicht begegnen. Ohne Jesus sind wir verloren.
• Jesus ist für jeden Einzelnen am Kreuz gestorben. Er nimmt durch die Kraft seines Blutes weg, was uns von Gott trennt und schenkt uns das Wunder der Erlösung.
• Dieses Geschenk erhalten wir, indem wir Jesus persönlich einladen, in unser Herz zu kommen, im Glauben an die Kraft des Blutes Jesu (also nicht durch „fromme Werke“).
Etwas anders als gewohnt ist, dass hier die Reue (oder mit einem älteren Wort „Buße“, griechisch metanoia Mk 1,15 u.ö.) an prominenter Stelle erscheint. Auch in den „Vier geistlichen Gesetzen“ kommt sie jedoch vor, und zwar meist als Formulierung im Übergabegebet (z.B. hier). Angesichts der Bedeutung, die der Begriff „Umkehr“ im Neuen Testament hat, kann man durchaus fragen, ob eine Verkündigung, die sie weglässt, nicht in unserer heutigen Zeit eine geschwächte Lehrgestalt darstellt.
Das Gebet ist für Johannes Hartl „der Weg, dieses Geheimnis tiefer zu verstehen“. Es hat also nicht den Charakter eines Werkes, das Gott gnädig stimmt, mit dem Gott genüge getan würde, mit dem Sünde aufgewogen werden könnte. All dies wäre Gebet als „verdienstvolles Werk“ des Gesetzes, und hiergegen wendet sich Mt 6,7. An einer solche Auffassung des Gebetes würde sich, ja müsste sich nach der oben zitierten Stelle in Apologie 7 echte „Irrlehre“ (oben 1b) im Gebetshaus zeigen. Von dem Bild der katholischen Kirche, das viele Hartl-Kritiker haben, wäre dies auch ausgesprochen naheliegend. Jedoch: Eine solche Auffassung des Gebetes im Sinne eines verdienstvollen Werkes, das Genugtuung für Sünden schafft und vor Gott angenehm macht, ist in keiner einzigen Publikation oder einem Vortrag von Johannes Hartl nachweisbar! 6 Laut Hartl ist das Gebet im Kern etwas völlig anderes; es fügt nicht Gott, sondern dem Menschen etwas hinzu, indem es ihm hilft, die in Christus am Kreuz geschehene Versöhnung tiefer zu verstehen und aus ihr zu leben, zu verkosten, dass er in Gottes Augen „schön“ ist! Es steht ganz im Zeichen der gelebten Beziehung zwischen Gott und dem durch Christus erlösten Menschen. Dieser Ansatz des Gebetes zieht sich völlig konsistent durch Hartls gesamtes Werk.

5) In seinem Vortrag „Das entfesselte Evangelium“ (MEHR 2018) stellt Johannes Hartl dar, dass es statt dem wahren Evangelium auch ein „Fake-Evangelium“ gibt (lies: Irrlehre!). Und zwar lautet dieses Fake-Evangelium: „Ich bin ein guter Mensch“ (4:37). Das ist letztlich eine modernsprachliche Form von: „aus Werken (vor Gott) gerecht sein wollen“. Anschließend führt er seine Hörer in das wahre, „entfesselte“ Evangelium, und man muss Römer 1-6 danebenhalten, um zu sehen, dass er in seinem Aufbau exakt diesem biblischen Vorbild folgt. Er stellt Relativismus (Sünde ist mir letztlich egal, Röm 1) und Moralismus (Sünde ist schlimm, aber ich bin ja einer von den Guten, Röm 2) als zwei Handlungsweisen gegenüber, die letztlich zu demselben führen: Dass der Mensch ein Sünder ist. Jedem Guten, das man tut, „haftet ein Geschmäckle an, das nicht nur gut ist“ (14:22f.). Von daher kommt er zu einer umfangreichen Liste tages- und kulturaktueller Sünden, die an Röm 1,28-31.3,9-18 erinnert und eine Mauer bilden, die verbergen soll, dass das Herz des Menschen von Sünde umspannt ist wie zäher Schleim (18:36). Aus eigener Kraft mit den Methoden des Relativismus (Schönreden von Schuld) und des Moralismus (innerer Ankläger) kann der Mensch sich nicht aus diesem Schleim befreien, sondern verstrickt ihn nur noch tiefer. Das entfesselte Evangelium ist (36:56ff.): Gott selbst befreit uns daraus, indem Gott in Jesus Christus Mensch wird und selbst am Kreuz die volle Verantwortung für unsere Sünde übernimmt. Er trägt als das Lamm Gottes die Last der ganzen Welt. Das Kreuz macht die Sünde offenbar und trägt zwei Botschaften: So verloren wärst du – so geliebt bist du. Es sagt: „Seht her auf das, was Gott getan hat“. Die Botschaft des Evangeliums ist es, die alles neu macht. Im zweiten Teil seines Vortrages (erhältlich im Gebetshaus-Shop) zeigt er, dass das Evangelium eine lebensverändernde Kraft ist: Es macht alles neu. Der Anfang ist, dass Jesus in unser Herz kommt, aber zugleich werden wir Bürger einer neuen geistlichen Realität, nämlich der des Reiches Gottes. Zu ihr haben wir Zugang. Aus dieser neuen Realität dürfen wir leben – vom Sein ins Tun (Kol 3). Das ist durchaus ein aktiver Vorgang, zu dem Paulus aufruft: „Ändert euch durch Erneuerung eures Sinnes“ (Röm 12,2). Vollmächtiges Beten, das Hören auf sein Gottes Wort und sich von Jesus leiten zu lassen (vgl. 2 Punkt 1) sind Wege, auf dem die Realität des Reiches Gottes in das Leben kommt. Hartl greift darin dasselbe Anliegen auf, das auch den Pietismus prägte (siehe die Schrift „Pia desideria“ von Philipp Jacob Spener mit ihrem Sechs-Punkte-Programm) und die der Heiligungsbewegung ihre Kraft verlieh.
6) In seinen Vorträgen „Gnade, Werke, Geist und Wahrheit #1“ führt er dieses Anliegen länger aus: Jesus, mit dem alle christliche Lehre beginnt, brachte radikale Gnade, die zu radikaler Umkehr führte. Jesus rettet und vergibt die Sünden. Was muss der Mensch tun, um in diese Gnade reinzukommen? Zwei extreme Antworten gibt es: Der Mensch muss gar nichts tun (führt zur Allversöhnung), oder: Er muss ganz vieles tun mit vielen Werken (Pelagianismus, Werkegerechtigkeit). Diese Extreme seien beide falsch. Das Evangelium, das Jesus predigte, spricht von der Beziehung zwischen Gott und Mensch (17:30): Liebe ist, wenn ich etwas geschenkt bekomme und in Reaktion darauf tue, ohne dass das etwas mit „verdienen“ oder „Gesetzlichkeit“ zu tun hat. Die Rechtfertigung durch Christus allein aus Gnade bewirkt, dass der Mensch in diese liebende Beziehung zu Gott kommen und dann darin wachsen kann (vgl. 2 Punkt 2) 7 . Das ist „Heiligung“, zu der wir in der Bibel aufgefordert werden (Imperative in den Paränesen – den ermahnenden Passagen – der Paulusbriefe) im Sinne eines lebenslangen Veränderungsprozesses, in dem Hartl die aktive Kooperation herausstellt. Dabei betont er stets, dass der Mensch sich die Gnade Gottes durch die Heiligung nicht erwirbt, aber wir in der Bibel trotzdem eindeutig dazu aufgefordert werden, „aggressiv gegen Sünde zu kämpfen“. Rechtfertigung und Heiligung im Sinne der „Früchte des Geistes“ (zu 1b Punkt 5) gehören im Sinne praktischer Nachfolge (vgl. oben 2 Punkt 3) zusammen. Offensichtlich steht Johannes Hartl auch persönlich in der Heiligung. Es gibt keine Berichte über einen schwerwiegend unheiligen Lebenswandel (zu 2 Punkte 5-6).
7) Hartl vertritt kein relativistisches Konzept, sondern für ihn ist klar, dass es auch Irrlehre gibt. Öfters spricht er von der „Häresie der falschen Betonung“ (Mission Manifest, Freiburg 2018, S. 151; „Gnade, Werke, Geist und Wahrheit #1“ ab 29:27). Er kämpft für gesunde Lehre im Sinne der Apostel (zu 1b Punkt 6).
8) „Gnade, Werke, Geist und Wahrheit #1“ 41:13 sagt er: Wahre Lehre nimmt die ganze Bibel in Betracht, hat ihren Schwerpunkt im Neuen Testament, kommt dort in allen Schichten vor, hat den ganzen Jesus zum Zentrum. Die kirchliche Tradition des katholischen Lehramtes ist für ihn eine Auslegungstradition der Schrift. Das kirchliche Lehramt dient der Auslegung der Schrift und muss sich an ihr rechtfertigen. In „Gnade, Werke, Geist und Wahrheit #2“ wird vollends deutlich, dass Hartl die Intention hat, das, was er lehrt, aus der Schrift als Grundlage zu gewinnen. Er wendet das „sola scriptura“ selbst an, und zwar bezogen auf die ganze Heilige Schrift. Teile davon „herauszustreichen“ geht für ihn nicht. In seiner Dissertation „Metaphorische Theologie“ S. 455ff. bestätigt sich, dass er die Bibel in ihrer Letztgestalt als Einheit (tota scriptura, die ganze Schrift) und als Grundlage christlicher Lehre betrachtet (zu 1b Punkt 6). Mir ist keine Äußerung bekannt, in der er Sachkritik an den biblischen Texten übt. In „Metaphorische Theologie“ S. 197-211 hebelt er einen wichtigen, in der Historisch-kritischen Theologie beliebten Anlass zur Sachkritik exemplarisch aus.
9) Weitere Stellen, in denen Hartl sich dazu bekennt, dass Jesus wahrer Mensch und wahrer Gott ist (vgl. 1b Punkt 1), und dass der persönliche Glaube an ihn entscheidend ist für das Heil, finden sich in Mission Manifest, Freiburg 2018, S. 154, „Gnade, Werke, Geist und Wahrheit #1“ ab 30:44. Das persönliche Bekenntnis zu Jesus Christus steht außer Frage (zu 2 Punkt 4).
10) In „Feuer in meinem Herzen schreibt Hartl auf S. 98, dass alle seine Einkünfte durch Lehre, Lieder und Medien „zu 100 Prozent wieder in das Reich Gottes und den Dienst“ fließen, während er und seine Familie von Gott durch Spenden versorgt werden. (Zu 1b Punkt 3).
Zwischenergebnis
Der Durchgang durch diese exemplarischen Beispiele von Hartls Schriften und seiner Verkündigung ergab ein überraschend eindeutiges Ergebnis. Sämtliche biblische Kennzeichen „falscher Propheten“ (1b) wurden an konkreten Textbeispielen falsifiziert, sämtliche Kennzeichen von „Glaubensgeschwistern“ jedoch verifiziert.
Damit ist nicht gesagt, dass alles richtig und wahr und irrtumsfrei ist, was Hartl predigt. Es ist nicht gesagt, dass alles, was er predigt, Gold sei und er selbst keine Fehler habe, und es wäre dringend zu wünschen, dass ihm ein solch kurzsichtiges „in den Himmel loben“ möglichst nicht widerfährt. Es ist auch nicht pauschal etwas über andere Katholiken gesagt. Nur so viel ist gesagt:
Der Verdacht, Johannes Hartl sei ein Irrlehrer und kein Glaubensbruder, bestätigt sich bei sorgfältiger Wahrnehmung und Anwendung der biblischen Maßstäbe nicht. Was er baut, baut er auf dem „Grund, der gelegt ist, welcher ist Jesus Christus“. Wir haben ihn nach biblischen Maßstäben als Glaubensbruder anzusehen.

Das bedeutet nicht, dass es keine Diskussion um Lehrinhalte, also die Qualität der Lehrgestalten geben dürfe. Ich halte die sogar für wünschenswert. Die Methode ist jedoch die „brüderliche Ermahnung“ und Korrektur (mutuum colloquium, Gal 6,1 u.ö,), nicht Trennung und Warnung.
Als das Gebetshaus vor der MEHR 2017 vom Bistum Augsburg geprüft wurde, hieß es: 8 „Als Ergebnis dieser Prüfung wurde festgestellt, dass im Gebetshaus nichts gelehrt und verkündet wird, was im Gegensatz zur Lehre der katholischen Kirche steht“. Diese Mitteilung ist von dem obigen Ergebnis her sehr anders zu lesen als z.B. bei Michael Kotsch. Denn: Sie fügt den Worten von Johannes Hartl weder neue Inhalte noch eine neue Qualität hinzu. Aber sie macht eine Aussage über diese (!) katholische Kirche: Die Predigt des Evangeliums, dass wir allein durch Christus ohne unser Verdienst einen gnädigen Gott haben (vgl. oben 3) steht nicht im Gegensatz zur Lehre der katholischen Kirche! Dies sahen die Katholiken zur Zeit der Reformation noch sehr anders. Manche Protestanten würden sagen: Das Evangelium ist zurück. Manche Katholiken würden sagen: Es war nie fort. Beides mag sein oder nicht, im Hier und Heute zählt: Wer das rettende Evangelium von Jesus Christus predigt, steht deswegen (!) nicht im Gegensatz zur katholischen Kirche! Dieser Befund irritiert. Das ist vielleicht der Grund für manche Abgrenzung. Und er hat Folgen. Um die geht es in den nächsten Teilen dieser Serie.
Vier Gegenfragen am Schluss
Auf vier Rückfragen möchte ich am Schluss noch eingehen:
a) Aber was ist mit den Differenzen und Pointierungen in der Lehre (z.B. rund um das Thema „Heiligung“)? Was ist mit den Stellen, wo er die katholische Lehrgestalt darstellt (z.B. in seinem Buch „Katholisch als Fremdsprache“), ohne sich davon zu distanzieren (z.B. zur Marienverehrung)? Zeigt das nicht, dass er eben doch als Katholik ein Irrlehrer ist? Antwort: Diese Stellen falsifizieren den obigen Befund nicht. Denn sie machen seine Worte nicht ungesprochen. Wenn diese Lehrgestalten den festen Grund des Glaubens, Christus, umstoßen würden, sähe seine Lehre insgesamt völlig anders aus. Die Diskussion um die Qualität von Lehrgestalten, um geschwächte und gesunde Lehre zu führen macht heute viel Sinn, nicht nur mit Johannes Hartl als Gegenüber, sondern mit der katholischen Kirche insgesamt! Insbesondere rund um das Thema Marien- und Heiligenverehrung ist das absolut „dran“. Aber das ist eine andere Fragestellung als die, ob der Mensch Johannes Hartl ein „Irrlehrer“ ist. In den nächsten Teilen dieser Artikelserie werde ich zeigen, dass auch Protestanten dabei lernen können! Wenn gefordert wird, Johannes Hartl müsse „die Irrlehren der katholischen Kirche widerrufen“ bzw. sich davon distanzieren, frage ich zurück: Was ist das anderes als die Umkehr des Widerrufes, den Papst Leo X. in seiner Bannbulle „Exsurge Domine“ von Luther forderte (und auch hier mit anerkanntermaßen aus dem Zusammenhang gerissenen Sätzen)? Stellen wir uns mal für einen Moment lang vor, Hartl würde das tatsächlich tun – wäre er dann vor Gott mehr im Heil als vorher, hätte ihn Gott dann lieber? Die Forderung nach einer förmlichen Distanzierung als Bedingung für eine Anerkenntnis, dass er ein Glaubensbruder im Heil ist, versteht den Widerruf genau in dem Moment als „verdienstvolles Werk, das vor Gott gerecht macht“! Das zeigt: Einige der Evangelikalen, die auf Abgrenzung gegen Johannes Hartl aus sind, argumentieren von genau demjenigen verzerrt-katholischen Paradigma aus, das sie Hartl vorwerfen, und zwar im Widerspruch zu Schrift und Bekenntnis.
b) „Kann es nicht sein, dass Hartl die Begriffe als Katholik anders verwendet, also in Wahrheit etwas ganz anderes sagt als es evangelischen Ohren erscheint?“. Antwort: Es kann mitunter schon sein, dass Menschen verschiedener Konfession Begriffe (v.a. theologisch aufgeladene Schlagworte wie „Gnade“, „Heil“, „Erlösung“) verschieden verwenden. Aber das tritt im Kontext der Begriffe dann irgendwann zu Tage und kann beschrieben und somit geklärt werden (in den „Lehrgesprächen“ zwischen dem Vatikan und der Weltweiten Evangelischen Allianz beispielhaft geschehen beim Begriff der „Heilsgewissheit“). Hartl verwendet solche Schlagworte generell eher selten, sondern arbeitet gern mit leicht zugänglichen Begriffen und Bildern aus der Alltagssprache. Ob und inwiefern Hartl Begriffe bedeutungsverändernd verwendet, kann und muss also an seinen Worten aufgewiesen werden. Wer diesen Vorwurf erhebt, muss ihn verifizieren. Ich glaube aber eher, dass es sich bei diesem Einspruch um eine faule Ausrede handelt, um die Aufgabe der Wahrnehmung und aufmerksamen Beobachtung unterlassen zu können, sondern bequem bei seinem eigenen Bild und seinen Phantasien bleiben zu können, was Hartl als Katholik alles sagt.
c) „Ist Johannes Hartl nicht Bibelkritiker? Schlägt er sich nicht in seiner Dissertation ‚Metaphorische Theologie. Grammatik, Pragmatik und Wahrheitsgehalt religiöser Sprache‘ (Berlin 2008) auf die Seite eines Relativismus, der in der Bibel ‚nur‘ metaphorische Sprache findet, aber keine wahren Aussagen?“ – Mit einer solchen Interpretation hat man Hartls Kernaussage nicht verstanden. Sie ist für den Nichtfachmann auch zugegebenermaßen nicht leicht zu verstehen, denn sie wird vor dem Hintergrund gegenwärtiger sprachwissenschaftlicher, theologischer und philosophischer Systembildungen formuliert. Eine Metapher ist (mit meinen Worten kurz gesagt) ein Sprachereignis, in dem Physisches für Geistiges steht und somit Geistiges wahrhaft zum Ausdruck kommt (Hartl durchkämmt in Kap. 3 die verschiedenen Definitionen aus der Metapherntheorie). Hartl weist in der Tat nach, dass wesentliche Teile der biblischen Sprache durch Metaphern geprägt ist. Sein Metaphernbegriff speist sich jedoch aus der Selbstevidenz von Bildern. Im „linguistic turn“ sagte man: Es gibt nur Sprache, das ganze Denken ist nur Sprache als System von Verweisen, in dem ein Verweis stets auf einen anderen Verweis verweist. Da ist alles relativ. Der „iconic turn“ aber sagte: Das ist falsch beobachtet. Die Basis dieser Verweise besteht nämlich in Bildern, die wahrgenommen werden (Kap. 1). Diese Bilder sind selbstüberzeugend, und zwar dann, wenn man sich auf sie einlässt. Sie drücken Wahrheit aus (und sind darin „realistisch“), und zwar innerhalb des metaphorischen Konzeptes (Kap. 2). Das überträgt Hartl jetzt auf die metaphorische Sprache der Bibel (die linguistisch zweifelsfrei erwiesen werden kann, Kap. 4). „In linguistischer Perspektive handelt es sich bei ‚Jesus ist Gottes Sohn‘ also um eine Metapher. Dennoch würden sich unter Umständen viele gläubige Christen wehren, diesen von ihnen für wahr gehaltenen Satz als ‚nur metaphorisch gemeint‘ zu bezeichnen. Denn Christen halten diesen Satz tatsächlich für wahr. Die gerade durchgeführte Strategie, biblische Aussagen über Gott und Jesus Christus als Metaphern zu bezeichnen, steht also vor der Herausforderung, religiöse Sprache entweder auf eine Art und Weise zu betrachten, in der die meisten Gläubigen ihren Glauben nicht mehr repräsentiert finden würden, oder einen Begriff von der Wahrheit von Metaphern zu entwerfen, der dem tatsächlichen Stellenwert entspricht, der Wendungen wie der eben untersuchten im Christentum zukommt“ (S. 192). Er wendet sich im Folgenden gegen eine Ausweitung des Metaphernbegriffes auf allgemeines Reden über Gott (wie in dem Satz „Man kann von Gott nur in Metaphern reden“, den er kritisiert, da sich dies linguistisch nicht nachweisen lässt). Hartl widerlegt dann minutiös die Argumentationsstrategie der entmythologisierenden Exegese von Wundergeschichten, die sie als Metaphern verstehen und von einer strengen Dichotomie (Trennung) zwischen Metapher und historischem Faktum ausgehen (S. 197-211). Diese Tradition der Entgegensetzung von Metapher und Wirklichkeit haben vermutlich diejenigen vor Augen, die Hartl auf Grund seines Konzeptes einer „metaphorischen Theologie“ als „bibelkritischen Theologen“ einordnen und dabei offensichtlich übersehen, dass Hartl dieses Erklärungsmodell gerade linguistisch ziemlich genial aushebelt und selber ein völlig anderes, nämlich ikonisches Metaphernkonzept vertritt. Wunder sind, so sagt er, keine Metaphern, aber sie haben bildliche Gehalte, die jedoch von den Bedeutungsdimensionen des Textes, die für sich selbst stehen, nicht getrennt sind (S. 210-211). Metaphorisches Reden von Gott ist kein „schwaches“ Reden, sondern wegen der Selbstevidenz von Bildern gerade ein Reden, mit dem Wahres ausgedrückt wird. Diese Wahrheit des Netzes metaphorischen Redens von Gott erschließt sich aber nicht von außen, sondern erweist seine Tragfähigkeit nur von innen, indem man sich einlässt (S. 350-362) – und zwar im Glauben (S. 371), „sola fide“. Dem Glauben kommt bei der Erschließung der biblischen Sprachwelt also die entscheidende Bedeutung zu; der Glaube ist das Verbindungselement. Und er ist mehr als ein „Für-Wahr-Halten“, sondern eine „persönliche, leidenschaftliche Entscheidung“ (S. 423). Damit beschreitet Hartl einen dritten Weg nicht zwischen, sondern neben den Extremen des Relativismus und Realismus (S. 373ff.) Mit einem protestantischen Begriff gesprochen könnte man ihn als Vertreter einer „theologia regenitorum“ verstehen (wie z.B. der Württembergische Landesbischof Prof. Gerhard Maier). Schärfer kann man eine theologische Wissenschaft, die vom „methodischen Zweifel“ ausgeht, innerhalb ihres eigenen Sprachraumes eigentlich kaum kontrastieren. Daraus entwickelt Hartl die „Metaphorische Theologie (…) als eine besondere Form der sprachlichen Reflexion auf den Glauben aus dem Glauben“. Dabei plädiert er für die Anerkennung des einzigartigen Stellenwertes der Heiligen Schrift (S. 454), dafür, die Bibel in ihrer Letztgestalt als Einheit wahrzunehmen (S. 455ff.) und weist darauf hin, dass die Fragestellungen verschiedener Schulen der historisch-kritischen Exegese unzureichend sind. „Wenn Metaphern nicht auf historische Rahmendaten reduzierbar und übersetzbar sind (weil sich in ihnen eben Wahrheit und nicht bloß ein historischer Werdegang einer Sprachbildung ausdrückt, G.H.), dann haben sie auch heute noch erkenntniserweiternde und Weltsicht-strukturierende Kraft“ (S. 461). Am Ende beschreibt er eine „zweite Naivität“ einer Theologie, die mit den Mitteln der Vernunft operiert, den Dialog eingeht und dennoch aus dem Glauben heraus geschieht: Eine Hermeneutik des Vertrauens in die Tragfähigkeit (i.e. Wahrheit) der mannigfaltigen biblischen Bildwelt (S. 485-488). Das ist keine Form der Bibelkritik, sondern ein valider Gegenentwurf.
d) Wie ist das mit seinen charismatischen Elementen? – Diese Debatte klammere ich hier aus, da auch andere Charismatiker nicht allein deswegen pauschal als „Irrlehrer“ verworfen und ihnen der Stand als „Glaubensbrüder“ aberkannt würde, das tat nicht einmal die „Berliner Erklärung“. Diese Frage steht also von Anfang an auf einem anderen Blatt.
- C.-D. Stoll: Art. „Irrlehre“, in: Evangelisches Lexikon für Theologie und Gemeinde (ELThG), Wuppertal, S. 966f. ↩︎
- Jesus Christus als der Grund, der gelegt ist, ist von den neutestamentlichen Schriften nicht zu trennen, denn in ihnen finden wir, wie die Apostel Christus den Gemeinden gelehrt haben (Gal 1,6; 2 Thess 2,13-17) unter der Verheißung Jesu Lk 10,16: „Wer euch hört, der hört mich“. Er, Jesus, beruft durch das Evangelium (2 Thess 2,14)! Nicht also menschliche Spekulationen und Rekonstruktionen nach menschengemachten Kriterien, sondern die Heilige Schrift in ihrer kanonischen Gestalt ist der Bezugspunkt. ↩︎
- „Apologie der Confessio Augustana“, BSLK S. 239 zum VII. Artikel der Confessio Augustana ↩︎
- Vgl. damit die 1954 von Fritz Rienecker veröffentlichten „Sechs Kennzeichen der Irrlehrer und falschen Propheten“: https://bibelbund.de/2014/09/sechs-kennzeichen-der-irrlehrer-und-falschen-propheten/ ↩︎
- Manfred Lütz: Der Skandal der Skandale, Freiburg 2018, S. 99ff. ↩︎
- Er weist sie sogar ausdrücklich als Teil eines „Fake-Evangeliums“ (s.u.) zurück: „Das entfesselte Evangelium 7:45 ↩︎
- Vgl. „Gott ungezähmt“ Freiburg 2016, S. 193 zu Gott als Vater. ↩︎
- vgl. https://www.kath.net/news/58064 ↩︎
Dieser Artikel erschien hier am 03.07.2018, am 21.02.2026 aktualisiert.

Beiträge von Dr. Gerrit Hohage – finden Sie auf „Tief verwurzelt glauben – der Blog zum Buch“ — https://tieferglauben.wordpress.com/

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