Dr. Gerrit Hohage – Zur Debatte um Johannes Hartl, Teil 1 –
Um Johannes Hartl, den Leiter des überkonfessionellen Augsburger Gebetshauses, gibt es seit einigen Monaten eine kontroverse Debatte unter evangelikalen Christen. Auf der einen Seite stehen Evangelikale, die ihn dankbar als Glaubensbruder und vollmächtigen Prediger des Evangeliums wahrnehmen und ihn auch zu evangelikalen Großveranstaltungen einladen. Auf der anderen Seite stehen Kritiker, die große Schwierigkeiten damit haben, dass Johannes Hartl der katholischen Kirche angehört, als deren „verlängerten Arm“ sie ihn sehen. Jüngst hat sich Michael Kotsch in einem Youtube-Video gemeldet: „Johannes Hartl, Wolf im Schafspelz? Katholik lockt mit ‚Einheit‘“. Michael Kotsch würdigt im Gespräch mit Abdul zwar den Erfolg von Johannes Hartl und auch sein Engagement für ethische Positionen, die gesellschaftlich umstritten sind. Aber für ihn ist Johannes Hartl vor allem ein Katholik, der gegenüber Evangelikalen zwar evangelikal tut, seine wahren Absichten jedoch verschleiert: Die Gläubigen in die katholische Kirche zurückzuführen. Ein „Wolf im Schafspelz“ also (Video-Titel!), ein Irrlehrer, wie Abdul sekundiert, der mit zweierlei Zungen redet und von Evangelikalen auf keinen Fall als ihresgleichen angesehen oder unterstützt werden sollte.
Warum kommt es zu dieser Kontroverse?
Ich möchte dieses Video als Einstieg in eine Klärung der Kontroverse um Johannes Hartl verwenden. Denn an dem Video lässt sich zeigen, was das eigentliche Anliegen in der aufgeflammten Diskussion ist, die ja auch quer durch die Biblipedia-Autorenschaft verläuft. Es führt anscheinend kein Weg dran vorbei: Wir müssen diese Diskussion führen, und zwar auf eine konstruktive Weise. Das ist „dran“, denn: Das Video demonstriert auch sehr eindrücklich die tiefe geistliche Gefährdung, in der sich diese Debatte befindet. Beides findet sich in unterschiedlichen Graden in den Hartl-kritischen Publikationen von Michael Kotsch[1] und manchen anderen wieder. Ja, Johannes Hartl wirft mit seinem Gebetshaus gerade für konservative Evangelikale Fragen auf, und wenn ich diese Fragen „schwerwiegend“ nenne, ist das noch weit untertrieben. Wir kommen aus einer jahrhundertealten Evangelisationspraxis, in der wir die Botschaft von der Rettung des Sünders durch das Kreuz Christi gut reformatorisch immer vor dem Hintergrund der „katholischen Werkegerechtigkeit“ gepredigt haben. Das Katholische nahm in dieser Predigttradition den Platz der urchristlichen Judenchristen ein, die die Beschneidung von den Heidenchristen forderte und mit denen sich Paulus im Galaterbrief auseinandersetzt. Luthers Gleichsetzung der katholischen Kirche mit der „Hure Babylon“ (mit allem, was an der Untermalung dieses Bildes dazugehört) ist in dieser Predigttradition immer lebendig gewesen.
Und jetzt? Jetzt predigt plötzlich ein Katholik genau dieses rettende Evangelium, und das auch noch richtig gut. Und nicht nur die Evangelikalen strömen zu ihm hin, sondern auch seine eigene (katholische!) Kirche klatscht Beifall und attestiert ihm, nichts zu lehren, was der katholischen Kirche widerspricht. Da kann doch etwas nicht stimmen?! Natürlich gibt es Mitchristen (auch evangelikale), die sich diese Fragen nicht stellen, weil das alles für sie gar kein Problem ist. Für manche Christen ist es aber eins. Ich möchte einmal hervorheben, wie bedrängend diese Frage gerade für einige der kleinen, nur locker denominationell verbundenen Laiengemeinden wie z.B. die Brüdergemeinden ist, in der auf die Reinheit der Gemeinde ein extrem hoher Wert gelegt wird und die seit Generationen gewohnt sind, mit der Bibel in der Hand die Geister zu unterscheiden: Handelt es sich hier nicht um endzeitliche Verführung? Es kann sich doch nur um Verführung handeln! Was da passiert, sprengt jeden gewohnten Denkrahmen, so etwas hat es seit Jahrhunderten nicht gegeben. Wie kann man diese neuartige Verführung „knacken“?
Die Verführung zur Sünde gegen das 8. Gebot
Hier demonstriert Michael Kotsch (unfreiwillig, aber exemplarisch), wie der Kampf gegen Verführung selbst zur Verführung werden kann. In der oben beschriebenen Predigttradition haben Sünden gegen das 6. Gebot immer eine besondere Aufmerksamkeit erfahren. Nichts dagegen einzuwenden, aber der Einsatz für die Geltung dieses Gebotes wird unglaubwürdig, wenn bei den anderen Geboten gleichzeitig eine laxe Moral zum Einsatz kommt (Röm 2,1). Und hier geht es um das 8. Gebot: „Du sollst kein falsches Zeugnis reden wider deinen Nächsten“. Bei diesem Gebot brechen gerade im konservativen Teil der Christenheit gerade sämtliche Dämme! „Kirche“ bzw. „Gemeinde“ heißt in der Sprache der Bibel „ek-klesia“, d.h. wir sind „Heraus-Gerufene“ aus der Welt. Wir leben dennoch in dieser Welt (Joh 17,9-19), aber die Christenheit wusste von Anfang an um die Aufgabe, hier eine Alter-native (von lat. alter natus, von anderswoher geboren) zu leben. Im Zeitalter der Fake News, in der das vorsätzliche Lügen ein gesellschaftlich anerkannter Politikstil geworden ist, ist die Versuchung groß, sich gerade hierin der „Welt“ anzupassen und es mit der Wahrheit nicht so genau zu nehmen, wenn es darum geht, jemanden, den man als Gegner erkannt hat, auszuhebeln.
Ich finde das generell ein wirklich großes Problem. Es geht überhaupt nicht, wenn Christen über ihren Nächsten (egal ob Christ der Nichtchrist, Leiter oder Gemeindeglied) Falschaussagen in die Welt setzen, um sich dadurch einen Debattenvorteil zu verschaffen. Das ist nicht meine Privatmeinung, sondern das sagt Gottes Wort völlig eindeutig und klar in 2. Mos 20,16. „Fake News“ über andere verbreiten ist für Christen ein absolutes No-Go! Man kann nicht glaubwürdig für bibeltreue Lehre eintreten, wenn man darin selbst dem biblischen Wort untreu wird! Hier haben wir als Christen allen Grund, dem Zeitgeist entschlossen zu widerstehen und, statt die Lüge zu legitimieren, an die christliche Debattenkultur des Mittelalters zu erinnern und die Position eines Gegners zunächst so wiederzugeben, dass er sich verstanden fühlt, bevor es an die Widerlegung geht. Das ist nicht nur hier so, sondern lässt sich auch auf andere Debatten sowie eine Reihe politischer Auseinandersetzungen anwenden, in denen wir Christen heute stehen.
Berechtigte Fragen
Ich möchte darum am Anfang hervorheben, dass ich es grundsätzlich ein wichtiges Anliegen finde, Verführungen der Zeit entgegenzutreten. Ich teile auch das Anliegen, die Scheu zu überwinden und kritische Fragen miteinander zu diskutieren statt sie totzuschweigen oder durch Empörung abzuweisen (beides Taktiken, die auch manche evangelikale Leiter inzwischen anzuwenden scheinen). Mit Michael Kotsch teile ich glaube ich ziemlich weitgehend dasselbe Bibelverständnis. Ich höre aus der Debatte eine ganze Reihe sinnvoller Fragen heraus, die ganz offensichtlich bei manchen Mitchristen gären, die einer Klärung bedürfen und über die darum auf eine sinnvolle Weise gesprochen werden muss, zum Beispiel diese:
1) Ist Johannes Hartl ein Irrlehrer oder ein Glaubensbruder? Handelt es sich bei der Begeisterung um ihn und die Gebetshausbewegung um endzeitliche Verführung oder kommt das von Gott?
2) Können Katholiken im Vollsinn wiedergeborene Christen nach Joh 3,3-9 sein? Kann katholische Frömmigkeit Ausdruck „wiedergeborenen Christseins“ sein, wie man es vom Pietismus bis zu den Evangelikalen über Jahrhunderte verstanden hat?
3) Ist eigentlich alles, was die katholische Kirche lehrt, falsch und unbiblisch und alles, was „wir“ sagen, richtig und biblisch?
4) Kann bzw. darf es für evangelikale Christen geistliche Gemeinschaft mit Katholiken geben, auch wenn wir über manche Lehrfragen uneins sind? Hierzu gehört eine ganze Reihe an konfessionellen Lehrfragen, über die es auch unter Protestanten und auch unter Evangelikalen höchst unterschiedliche Auffassungen gibt, so z.B. die Frage nach der Bedeutung der Taufe (im Video 9:35 wird neben der katholischen auch die konservativ-lutherische Auffassung der Taufe verworfen, wie sie beispielsweise die Missouri-Synode vertritt), des Abendmahls / der Eucharistie, dem Himmel, der Bedeutung Marias, den Sinn langer Gebetszeiten und anderem mehr.
5) Kann man als evangelikaler Christ zu Johannes Hartls Veranstaltungen gehen oder andere einladen, ohne Angst haben zu müssen, dabei auf ein falsches Gleis zu kommen?
6) Ist es ein Armutszeugnis oder ein Beweis geistlicher Weite, wenn evangelikale Werke Johannes Hartl zu Veranstaltungen einladen?
7) Ist das Streben nach konfessionsüberschreitender Einheit des Glaubens biblisch oder unbiblisch?

Ich nehme alle diese Fragen sehr ernst. Sie haben ihre Berechtigung, und ich möchte ihnen in den nächsten Wochen nachgehen (dafür wird mehr als nur ein Artikel gebraucht, darum ist dies „Teil 1“ einer mehrteiligen Serie…)
Falschaussagen in Michael Kotschs Video
Auf der anderen Seite lautet mein zentraler Vorwurf an Michael Kotsch: Er hat eine ganze Reihe von Falschaussagen – falsches Zeugnis wider seinen Nächsten Johannes Hartl – in die Welt gesetzt. Ich bin mir der Schwere dieses Vorwurfs bewusst und sehe mich in der Pflicht, ihn zu beweisen.

Anschaulich zeigen, wie Kotsch mit Hartls Texten umgeht, möchte ich exemplarisch an der Stelle des Videos bei 15:45. Da unterstellt er Hartl: „Er wirft in seinem Buch (…) vor, die Einheit [der Kirche] ist zerstört worden durch Martin Luther, durch die Reformation: Die sind schuld an der Zerstörung der Einheit der Kirche“. Hier ist die Seite aus dem Buch „Katholisch als Fremdsprache“ von Johannes Hartl und Leo Tanner (dessen Titel Kotsch nicht einmal richtig benennt), gescannt und mit Bearbeitungskommentaren. Da ist genau nachzulesen, was Hartl wirklich sagt. Seine Frage ist: Reformationsjubläum – Grund zum Feiern? Jetzt referiert er zwei Argumente dazu, die es tatsächlich in der katholischen Kirche gibt: Ja und Nein. Zuerst das „Nein“ – das ist das „Argument 1“: Die Spaltung war objektiv eine Sünde. (Diese Position wurde im Vorfeld des Reformationsjubiläums in Teilen der katholischen Kirche tatsächlich vertreten, wobei selbst in diesem Argument, das später als „negativ“ klassifiziert wird, nicht gesagt wird, welche Seite daran schuld war). Als zweites das „Ja“ – das ist „Argument 2“: Wir feiern, dass Gott uns durch alle menschliche Sünde hindurch große Gnaden geschenkt hat. Die beiden Argumente vertieft er dann mit einem Zitat von Johannes Paul II. Dieser stellt der „negativen Sicht“ (=Argument 1) die positive Sicht entgegen, dass vielleicht nur so die Reichtümer des Evangeliums Christi ans Licht gelangen konnten (=Argument 2). Wenn das so ist, dann folgt daraus, dass die Reformation notwendig war! Bis hierher stellt Johannes Hartl die beiden Argumente lediglich dar. Jetzt erst bezieht er selber Stellung. „Was will der Heilige Geist heute? Vielleicht, dass wir diese neuentdeckten Reichtümer (=Argument 2) miteinander teilen und die Kirche dadurch als Braut Christi in neuer Schönheit erstrahle? Diesem Anliegen will diese Schrift dienen“. Er stellt sich und sein Buch damit eindeutig auf die Seite von „Argument 2“, dem „Ja“ zum Feiern! Er weist die „negative Sicht“, „Reformation = Spaltung = Sünde“ also gerade ab und stellt ihr die positive Sicht entgegen: „Wir sollen die Reichtümer des Evangeliums Christi miteinander teilen“, d.h. über die Konfessionsgrenzen hinweg. Michael Kotsch will Hartl also an einem Argument aufhängen, das er lediglich referiert, um es als „negativ“ zurückzuweisen! Ergo: Was Kotsch Hartl vorwirft hat Hartl niemals vertreten![2]
In ähnlicher Weise trifft er in seinem Video folgende Falschaussagen:
6:52 nimmt er Bezug auf einen Facebook-Post von Johannes Hartl, in dem er Protestanten den Sinn des für sie völlig unverständlichen Sinnes des Feiertages „Maria Empfängnis“ erklärt. Kotsch stellt das so dar, als würde er dies selbst verkündigen – tatsächlich war erkennbar seine Intention, die Position der katholischen Kirche für Nichtkatholiken so weit zu erläutern, dass gedanklich nachvollziehbar wird, worum es sich überhaupt handelt. Er schrieb jedoch ausdrücklich: „Man muss dieser Theologie nicht zustimmen“. Für Hartl ist man also nicht weniger Christ, wenn man dieser Lehre nicht folgt. Und: „In der Mitte aller Theologie steht Jesus Christus“. Das ist das, worauf es Hartl ankommt, auch wenn es in der katholischen Kirche um Maria geht (vgl. „Katholisch als Fremdsprache““ S. 125f.)
7:26 behauptet Michael Kotsch, Hartl schreibe, „dass die Bibel, auch das Neue Testament erst seine Autorität hat durch die Anerkennung des Lehramts der katholischen Kirche“. Ich habe das gesamte Buch durchgesucht: Ein solcher Satz findet sich darin nicht. Anstoß genommen hat Kotsch an einer Formulierung S. 58 zum Verhältnis von Bibel und Tradition, in dem Hartl darauf hinweist, dass die Festlegung des Kanons der Bibel (also welche Schriften zum Neuen Testament gehören) durch die Kirche bzw. ihren Bischöfen als Leiter der Kirche erfolgte – das jedoch ist ein historisches Faktum. Über dem zugehörigen Abschnitt in dem Buch steht „Zur Reflexion“, und ob man der provozierenden Schlussfolgerung, dass die „Tradition“ zuerst da war, wirklich zustimmen will, darüber kann (und soll) man sinnvoll und auch kontrovers diskutieren. Mit der „Autorität“ der Schrift, von der alle Kirchenväter mit Ausnahme des Ketzers Marcion nachweislich überzeugt waren, hat dies jedoch rein gar nichts zu tun.[3]
7:52 sagt Michael Kotsch pointiert, dass die Kirche sich nach der Offenbarung der Bibel richten muss und nicht die Bibel nach der Offenbarung der Kirche, wobei der Sinnzusammenhang zeigt, dass er Hartl unterstellt, das letztere zu vertreten. Tatsächlich stellt Hartl in „Katholisch als Fremdsprache“ S. 62f. als Lehre des 2. Vaticanums dar, dass „jede kirchliche Verkündigung sich von der Heiligen Schrift nähren und sich an ihr orientieren“ muss. S. 54 hebt er heraus, dass keine Lehre der Kirche der Schrift widersprechen kann. In dem Video ist also sowohl das, was Kotsch Hartl unterstellt, als auch seine Auffassung der katholischen Lehre sachlich falsch. Tatsächlich gibt es bei diesem Punkt zwischen Kotsch und der katholischen Kirche keinen Dissens; der Dissens liegt bei dem Punkt, ob es Lehren geben darf, die über die Bibel hinausgehen, so lange sie ihr nicht widersprechen (und das ist in der Tat ein sinnvoller und kontroverser Debattenpunkt).[4]
9:08 behauptet Kotsch, Hartl gehe davon aus: „Wenn du Katholik bist, bist du gerettet“. In „Gott ungezähmt“ S. 161-172 sagt Johannes Hartl jedoch, dass alle Menschen verloren sind und angewiesen auf Christus, der stellvertretend am Kreuz auf der Anklagebank Platz nahm und denjenigen, die an ihn glauben, den Weg zur Versöhnung mit Gott eröffnet. Ähnlich sagt er das im Buch „Mission Manifest“ S.151.
9:20 erklärt Kotsch, Hartls „Leiden an der katholischen Kirche“ bestehe lediglich darin, dass sich Katholiken zu wenig engagierten: „dass sie sich zu wenig für den Papst aussprechen, zu wenig zur Eucharistie gehen, zu wenig Beichte ablegen“. Das alles hat Johannes Hartl niemals gesagt, eine fakten- und belegfreie Unterstellung.
11:25 behauptet Kotsch, Hartl habe gesagt, die intensivste Gebetserfahrung sei für ihn gewesen, als er eine Nacht am Grab einer Heiligen gebetet habe – er meine, der Geist dieser Heiligen oder der Geist Gottes sei an diesem Grab ganz besonders präsent gewesen. Tatsächlich war es, wie er selbst in „Werbung…“ belegt, das Grab des Johannes vom Kreuz, und Hartl hatte hier nach eigener Aussage eine besonders intensive Begegnung mit Gott (!). Dass es etwas mit dem „Geist dieser Heiligen“ zu tun haben würde, der präsent gewesen sei, sagt Hartl nirgendwo: Ein solcher Gedanke ist in keinem seiner Vorträge und Publikationen nachweisbar – eine glatte Falschaussage.[5]
16:25 behauptet Kotsch, in seinem Buch „Katholisch für Evangelische“ (wobei er nicht einmal den Titel dieses Buches korrekt wiedergibt) vertrete Hartl, die Einheit, die er wolle, sei „die Einheit unter dem Papst, die Einheit unter der katholischen Kirche“. Tatsächlich entwirft Hartl in dem Buch S. 130-131 ein völlig gegenteiliges Bild von geschwisterlicher Einheit im gemeinsamen Vorwärtsgehen in gegenseitigem Respekt und einem vertieften Verständnis füreinander. Die Unterstellung von Kotsch ist darum völlig unverständlich, weil er genau diese Seite in seinem Aufsatz „Werbung… “ selber zitiert hat[6]. Wie kommt er zu einer derart krassen Falschaussage?
Vielleicht sieht er gar nicht die Notwendigkeit, genauer hinzusehen? 6:30 zitiert er die Bestätigung des Bistums Augsburg, dass nichts, was im Gebetshaus gelehrt wird, der Lehre der katholischen Kirche widerspricht. Wenn man die Bibel lese, dann könne das ja nicht passen. Er scheint aus dem Satz also zu schlussfolgern, dass Johannes Hartl ergo alles vertritt, von dem er, Kotsch, denkt (!), dass es in der katholischen Kirche gelehrt wird. Aber heißt es das? Eindeutig nicht. Hartl hat dazu ein bekanntermaßen differenziertes Verhältnis. In Luthers Ketzerprozess vor dem Kaiser (!) auf dem Reichstag zu Worms wollten seine Ankläger hören: „Revoko – ich widerrufe!“ Wenn überzeugte Protestanten diesen Spieß heute gern herumdrehen wollen und dieses „Revoko“ zur Bedingung für eine Akzeptanz eines Katholiken als Glaubensbruder machen, in wessen Rolle schlüpfen sie da? Ich finde das unangemessen. In der katholischen Kirche führt der Weg der Erneuerung gerne über Fokussierungen und Umbetonungen. Manch problematische Lehre erledigt sich für Katholiken dadurch, dass man über sie schweigt. Was Johannes Hartl in seinen Büchern und Vorträgen nicht sagt, ist deshalb für die Frage, ob er biblisch lehrt, von ganz eigener Bedeutung…
Wie kommt diese beachtliche Summe von Falschaussagen zustande? Michael Kotsch hat, so meine Vermutung, ganz einfach nach anstößigen Sätzen gefahndet, die ihm helfen können, die Verführung, die er sieht, für die Gemeinde zu „knacken“. Das Buch „Katholisch als Fremdsprache“ schien sich dafür besonders zu eignen, da hier explizit katholische und freikirchliche Lehre dargestellt und in ein Verhältnis gesetzt wird. Michael Kotsch hat, wie ich vermute, nach beanstandbaren Formulierungen gesucht und was er zu finden glaubte, einfach notiert, ohne wahrzunehmen, dass einige Sätze dabei aus dem Zusammenhang gerissen wurden, so dass ihr Wortsinn ins genaue Gegenteil verkehrt wurde. Andere Fundstücke hat er mit Sätzen und Gedanken aufgefüllt, die er für „katholische Lehre“ hält, ohne allerdings zu überprüfen, ob und inwiefern dies tatsächlich katholische Lehre ist. In manchem hat er allgemeine Vorbehalte, die er gegen die katholische Kirche hegt, einfach auf Hartl übertragen.
Alles in allem finden wir hier ein sehr eindrucksvolles Beispiel, wie der Kampf gegen Verführungen der Gemeinde Jesu nicht aussehen darf, wenn er wirklich mit der Bibel in der Hand und dem Herz an der Bibel im Rahmen von Gottes Willen geführt wird.
Was dahintersteht
Ich möchte dabei aber nicht stehenbleiben, dass das hier gründlich schiefgegangen ist, sondern ich möchte die Not sehen, die dahintersteht, die viele vielleicht nicht nachvollziehen können, die aber nach meiner Überzeugung eine wirklich vorhandene geistliche Not ist: Hier ändern sich fundamentale Dinge, und die Aufgabe ist, zu unterscheiden, ob sie sich von Gott her ändern oder ob sie sich ändern, weil Menschen sich von Gott abkehren. An vielen Stellen der Heiligen Schrift werden die Christen aufgefordert, die Geister zu unterscheiden. „Prüft die Geister, ob sie aus Gott sind, denn viele falsche Propheten sind in die Welt ausgegangen“ (1. Joh 4,1 ELB 1927; vgl. Mt 24,11; 1 Tess 5,21). In verschiedenen evangelischen Denominationen wie z.B. den Brüdergemeinden hat diese „Prüfung und Scheidung der Geister“ ihren bleibenden Ort (und ist hier natürlich ein echtes Gegenprogramm zum postmodernen Relativismus). Martin Luther trägt mit Verweis auf Joh. 10, 27 ELB (Jesus spricht: „Meine Schafe hören meine Stimme…“ / „sie kennen die Stimme der Fremden nicht. – Joh. 10, 5 LUT“), Mt 7,15f. u.a. der Gemeinde diese Prüfung und Scheidung der Geister auf[7]: „Hier siehst du je klar, wes das Recht ist zu urteilen die Lehre. Bischöfe, Papst, die Gelehrten und jedermann hat Macht zu lehren, aber die Schafe sollen urteilen, ob sie Christus‘ Stimme lehren oder der Fremden Stimme“.
Da stellt sich natürlich die Frage: Wie beurteilt man das denn, wie prüft man die Geister? Das sind bei näherem Hinsehen zwei Fragen: Erstens, was prüft man, und zweitens, an welchen Kritierien?
Zur Prüfung und Scheidung der Geister
Darauf erst mal drei grundlegende bewährte Antworten, die ich im Lauf der Artikelserie weiter präzisieren werde:
- Geprüft wird im Gebet um den Heiligen Geist. – Also nicht:
a) …im eigenen menschlichen Nachdenken, Bewerten und Rechthabenwollen. Denn „die Unterscheidung der Geister ist nach 1 Kor 12,10 selbst eine Gabe des [Heiligen] Geistes“[8]. Darum ist die Prüfung und Scheidung der Geister, die der Geist Gottes wirkt, zu unterscheiden vom menschlichen Richten, vor dem gewarnt wird (1 Kor 4,5; Mt 7,1-5) - Geprüft wird das, was der andere lehrt und tut. – Also nicht:
a) …das, von dem ich denke oder nur vermute, dass er es lehrt und tut – ich kann falsch über ihn denken oder Falsches über ihn vermuten. Voraussetzung ist also: Präzise wahrnehmen, recherchieren und prüfen, ob man den anderen wirklich verstanden hat, um das 8. Gebot zu wahren (vgl. Mt 5,11). Eine bewährte Methode: Die Position des anderen, wie man sie verstanden hat, zunächst wiedergeben.
b) …das, was ich will, dass der andere es lehrt und tut. Ich muss mein Wunschbild oder mein Zerrbild über anderen von der Lehre und dem Handeln des wirklichen Menschen unterscheiden, d.h. mit Jak 3,1-2 und Röm 2,1 selbstkritisch zu Werke gehen.
c) …die Person des anderen. Person und Sache sind zu unterscheiden. Über die Person darf ich nicht urteilen, das steht allein Gott zu (1 Kor 4,4) – über seine Lehre und sein öffentliches Handeln schon (Joh 10; Mt 7,15-20). - Geprüft wird an der Bibel als „Lehre, die Ihr gelernt habt“ (Röm 16,17 ELB), als „erstem Ausgangspunkt“ (Luther)[9], als Regel und Richtschnur für Lehre und Leben (2 Tim 3,14-17).[10] – Also nicht:
a) …am eigenen individuellen und darum subjektiven Gefühl. Wir müssen die Stimme Christi hören können, um andere davon zu unterscheiden, und wir hören sie in und aus der Bibel als der Heiligen Schrift, durch die Er mit uns redet.
b) …an unserer je eigenen Interpretation der Bibel oder unseren jeweiligen Theorien über die Bibel und ihre Entstehung. Vorgeschaltete Theorien zum Bibelverständnis sind oft durch philosophische Axiome und Theoreme belastet, die den Wortsinn (sensus literalis) ins Gegenteil verkehren können. Die eigene Interpretation kann gerade unter dem Vorzeichen des modernen Individualismus nie vollständig und frei von Irrtümern und Engführungen sein. Nur wenn wir selbst unter dem Wort stehen und nicht darüber stehen wollen (Adolf Schlatter), können wir sachgemäß prüfen und unterscheiden, ob ein Gedanke dem biblischen Wort widerspricht oder nur unserem eigenen Verständnis.
c) …an der Lehre oder der Tradition, der wir selbst angehören. Gerade bei Johannes Hartl kommt es oft vor, dass das, was er sagt, an Formen evangelischer Lehre geprüft wird und dabei im Grunde nichts anderes herauskommt, als dass katholisch nicht evangelisch ist. Das sagt für sich genommen überhaupt nichts aus, weil es quasi eine Tautologie ist, sowas wie ein „nicht schwarzer Schimmel“. Die Frage ist, ob das, was er lehrt und tut, biblisch ist! Das impliziert eine extrem spannende Frage: Kann es Punkte geben, an denen katholische Lehre auch da, wo sie sich von der evangelischen unterscheidet, dennoch biblisch sein kann? Damit werden wir uns in Frage 3 ausführlich befassen.
Damit sind die Weichen gestellt, um in den nächsten Teilen dieser Artikelserie die oben gestellten sieben Fragen (und vielleicht noch weitere) anzugehen.
[Anm. d. Red: Johannes Hartl antwortete darauf hier: Freundliche Antwort an Michael Kotsch und Abdul Memra].
Anmerkungen
[1] Zum Beispiel Michael Kotsch: „Werbung für Charismatik und die katholische Kirche“, https://bibelbund.de/2017/06/werbung-fuer-charismatik-und-roemisch-katholische-kirche/, im Folgenden kurz „Werbung…“
[2] Ähnliches findet sich in Kotschs Aufsatz „Werbung für Charismatik und die katholische Kirche“ im Absatz „Einseitige Kirchengeschichte“. Dass Kotsch in diesem ganzen Absatz zahlreichen antikirchlichen Narrativen aufsitzt, die zwar populär, aber allesamt falsch sind, zeigte gerade kürzlich Manfred Lütz: Der Skandal der Skandale. Die geheime Geschichte des Christentums, Freiburg 2018. Dieses Buch einmal danebenzuhalten empfehle ich wärmstens.
[3] In seinem Aufsatz „Werbung…“ unterstellt Kotsch in ähnlicher Weise: „Johannes Hartls Treue gilt in erster Linie der katholischen Dogmatik und der römischen Kirche, erst danach der Bibel.“ Dort scheint es sich um dieselbe Fehlinterpretation zu handeln.
[4] Ähnlich der Vorwurf in „Werbung…“: „Gut katholisch stehen für Johannes Hartl Dogmen des kirchlichen Lehramtes (von Bischöfen und Päpsten) über den unmittelbaren Aussagen der Bibel“. Das sagt Hartl in der angegebenen Belegstelle jedoch nicht. Worum es ihm geht wird ein paar Zeilen später klar: „Und auch der Glaube der Kirche ist wichtig, weil er uns davor bewahren kann, die Bibel dem Zeitgeist der Welt entsprechend auszulegen. (…) Jede Generation steht in der Gefahr, Dinge in die Bibel hineinzulesen, die den Zeitgeist bestätigen. Doch ich glaube, es geht nicht, dass die Heilige Schrift 2000 Jahre lang gemäss dem Glauben der Kirche verstanden wurde und nun plötzlich Johannes Hartl kommt und sagt: «Nein, nein, die Sache müssen wir ganz anders verstehen!»“ Auf so eine Formulierung würde ein evangelischer Christ sicher nicht kommen. Bei Frage 3 werde ich auf die Hintergründe eingehen. Trotzdem ist Kotschs Wiedergabe falsch: Der „Glaube der Kirche“ (von dem das „Lehramt“ nur ein Teil ist) ist für Hartl ein Korrektiv nicht zur Bibel, sondern zum Individualismus heutiger Bibelleser.
[5] Eine weitere Falschaussage in ähnlicher Richtung findet wieder im Aufsatz „Werbung…“: „Hartl will, dass wir Gebetszeiten durch Zungenreden und Rosenkranzgebete verlängern“. In dem angegebenen Video von Hartls Vortrag „Wie überlebe ich eine zweistündige Gebetszeit?“ kommt das Rosenkranzgebet jedoch gar nicht vor. Kotsch hat hier eine Passage aus „Katholisch als Fremdsprache“ S. 127f. eingetragen, in der es erklärend um die Person Marias und dann auch das Rosenkranzgebet geht, aber die überhaupt keine thematischen Bezüge zur „Gebetszeit“ im Gebetshaus aufweist. Zur Frage, ob lange Gebetszeiten grundsätzlich unbiblisch sind, vgl. vorerst 1 Thess 5,17 und Mt 14,23 par.
[6] Weitere Behauptungen aus Kotschs Aufsatz „Werbung…“, kann ich hier nur noch streifen. Er schreibt zum Beispiel: „Evangelikale Christen sollen von der katholischen Tradition und Dogmatik lernen.“ – Hartl schreibt S. 73 aber: „Können wir nicht als Geschwister im Herrn die Schätze miteinander teilen, voneinander lernen und empfangen“? Hier ist von einem gegenseitigen Lernen die Rede. So könnte ich beliebig fortfahren. Es ist kein Satz, keine Aussage und kein Beleg in diesem Text, den man ohne kritische Prüfung übernehmen kann. Auf manche Behauptungen werde ich unter den Sachpunkten nochmals eingehen.
[7] Martin Luther: Dass eine christliche Versammlung oder Gemeine Recht und Macht habe, alle Lehre zu beurteilen und Lehrer zu berufen, ein- und abzusetzen, Grund und Ursach aus der Schrift, 1523, in: WA 11, S. 408ff.
[8] R. Slenczka: Scheidung der Geister als Aufgabe der Kirche, in: Einträchtig lehren. FS für Bischof Dr. Jost Schöne, Groß-Oesingen 1997, S. 418-431.
[9] Martin Luther: Assertio omnio articulorum. WA 7, S. 94-151
[10] R. Slenczka: Die Heilige Schrift – das Wort des Dreieinigen Gottes, Website des Gemeindenetzwerkes, 2007
Dieser Artikel erschien hier am 14.06.2018, am 20.02.2026 aktualisiert.


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