Dominospieler

Aus gutem Grund (1): Theist

Sergej Pauli – Hier auch der Vortrag als YouTube-Video –

Lieber Leser, dir wird es gehen wie mir. Was du tust, möchtest du begründet tun. Aus gutem Grund. Nun könnte man durchaus Perfektionist werden, wenn man bei jeder Entscheidung die perfekte Entscheidung treffen möchte. Neulich konnte ich jemanden beobachten, der wochenlang das ideale Urlaubsziel gesucht hat. Das erschien mir eine gewisse Zeitverschwendung zu sein. Manchmal vergeuden wir aber Tage für Dinge, die kaum einen Zehner wert sind.

Dennoch wird keiner leugnen wollen, dass es sich lohnt, viele Dinge „aus gutem Grund“ zu tun: den Beruf, den man wählt, den Wohnort. Und schließlich möchte man einen Ehepartner haben, mit dem man es bis ans Ende der eigenen Tage aushalten kann.

Je wertvoller etwas ist, je höher der Preis ist, der hier zu zahlen gilt, desto wichtiger ist es, die Sache wohlüberlegt und gut begründet anzugehen.

Neben den genannten Dingen ist es vor allem das Ziel des Lebens selbst. Und je mehr ich darüber nachdenke, desto klarer wird mir, dass grundlegende Fragen eher solche sind: Warum gibt es etwas und nicht vielmehr nichts? Gibt es Gott? Offenbart sich Gott – und wie? Wie kann ich wissen, dass das stimmt, was ich weiß? Kann man überhaupt konkretes Wissen haben?

Gleichzeitig beobachte ich, dass wir zwar für alle möglichen kleinen und mittelwichtigen Dinge sehr viel Zeit und Aufwand darauf verwenden, sie „gut begründet“ zu tun, die wenigsten sich aber Mühe geben, gute Antworten auf diese fundamentalen Fragen zu finden. Während wir es niemals ertragen würden, aufs Geratewohl zum Flughafen zu gehen, um von dort zu unserem nächsten Urlaubsziel zu gelangen – ja, uns erschiene das sogar grotesk –, stehen wir mit genau dieser Orientierungslosigkeit im Flughafen des Lebens.

Warum glaubst du das, was du glaubst? Warum glaube ich das, was ich glaube? Als ich darüber nachdachte, ist mir klar geworden, dass ich zwar sehr viel Zeit mit diesen Fragen verbringe, mir aber niemals die Zeit genommen habe, das strukturiert und nachvollziehbar nachzuzeichnen.

Warum rechne ich mit Gott? Warum bete ich zu Jesus und verwerfe Allah? Warum bin ich nicht katholisch? Und warum lebe ich in dieser Art von Denomination unter den vielen evangelischen, die es gibt?

In der Tat gibt es bei diesen Fragen viele Abzweigungen. Allein die Frage nach Gott eröffnet zahlreiche Varianten. Ich bat ChatGPT, mir eine Illustration zu erstellen, und das kam heraus:

Theismus Baum
Quelle: ChatGPT -K-I

Wie gesagt: Wenn wir geklärt haben, warum ich den Theismus für wahr und tragfähig halte, bleiben immer noch weitere Abzweigungen. Dieser Artikel kann daher nur der erste einer Reihe sein. Ich möchte nicht nur aus gutem Grund ein Theist sein, sondern begründet Christ, schriftbegründet evangelisch und wohlüberlegt Baptist.

An dieser Stelle ist es mir wichtig festzuhalten, dass ich in einer Familie überzeugter Atheisten geboren wurde. Ich bin nicht in eine christliche oder anders religiös geprägte Kultur hineingeboren worden. Eine verbindliche Offenbarung wurde geleugnet, obwohl die Möglichkeit spiritueller Wesen niemals ausgeschlossen wurde. Vor allem meine Mutter sah gerne überall Gespenster und Geister. Ich habe also aus erster Hand erlebt, wie man überlieferte Ansichten einfach übernimmt, ohne sie zu reflektieren.

Ich habe selten Atheisten gesehen, „die das wohlüberlegt machen“; meist lässt man sich einfach im Strom der Zeit treiben. Das ist mir bei derart wichtigen Fragen nicht genug. Außerdem ist es allzu offensichtlich, dass der Strom der Zeit ganze Völker und Gesellschaften in die schrecklichsten Abgründe getrieben hat. Damit soll nicht gesagt sein, dass es nicht auch Scharen von Menschen gibt, die sich einfach aufgrund ihrer Geburt oder Fügung als Christen bekennen, ohne sich jemals Gedanken darüber gemacht zu haben. Ich will damit vor allem sagen, dass es in meinem konkreten Fall eine konkrete und bewusste Entscheidung gegen den Atheismus und für das Christentum gab – und diese Entscheidung schließt die Entscheidung für den Theismus ein.

Manche sehen die zahlreichen ideologischen Varianten – wie oben in dem Baum skizziert – und wagen es nicht mehr, über die Grundlagen ihres Lebens nachzudenken. Es erscheint ihnen wie ein weitverzweigter Irrgarten, in dem man sich eigentlich nur verlieren kann. Dabei vergisst man eine Sache: Mit der Entscheidung, sich nicht zu entscheiden, hat man bereits eine Entscheidung getroffen. Man ist mit dieser Gleichgültigkeit bereits auf seinem Lebensweg – oder Lebensbaum – unterwegs. Im Grunde wählt man damit den Weg des Skeptizismus oder Relativismus. Das ist mir nicht überzeugend genug. Ich glaube schon, dass wir ein klein wenig Mut haben sollten, uns unseres Verstandes zu bedienen.

Niemand kann Christ sein, ohne anzuerkennen, dass es Gott gibt. Und hier ist es mir wichtig zu sehen, dass es sehr naheliegend ist, an die Existenz Gottes zu glauben. Nehmen wir eines der stärksten und ältesten Argumente, das gegen die Existenz Gottes vorgebracht wird: das Problem des Bösen.

Es kann Gott nicht geben, wendet man ein, denn blickt man um sich, sieht man so viel Böses. Aber gerade in diesem Argument verwendet man bereits „Gottes-Sprech“. Denn woher habe ich die Empfindung für Böses und Ungerechtes? Es ist also so, dass wir bereits Gottes Vokabular verwenden, wenn wir über die Ungerechtigkeit des Bösen nachdenken.

Ich finde es immer ein starkes Argument für eine Sache, wenn man gerade die Wahrhaftigkeit dieser Sache angesichts ihres größten Einwands verteidigen kann. Und während es fast schon zu einfach erscheint, Gott in der unbegreiflichen Komplexität des Weltalls oder in der unfassbar feinen Struktur der Moleküle zu erkennen, führt uns gerade einer der stärksten Einwände gegen Gott erstaunlicherweise wieder zu einer Frage zurück, die sich ohne Gott keineswegs leichter beantworten lässt:

Was meinen wir eigentlich, wenn wir etwas nicht nur als unangenehm, sondern als wirklich böse bezeichnen?

Mir ist das einst klar geworden, als ich die Möglichkeit hatte, mit einem bekennenden Satanisten zu reden. Er erklärte mir, wie schwer es für ihn und seine „Gruppe“ sei, eine Welt zu konstruieren, in der Gott keine Rolle spielt. Selbst vom Satan spreche ich als Christ ja als von einem Gegenspieler Gottes. Für ihn jedoch könne das so nicht sein, denn damit definiere ich Satan von Gott her – den es in dieser Denkweise ja gar nicht gibt.

Und genau darum geht es: Wenn wir das Böse definieren, wählen wir einen Fixpunkt, der auf Gott zeigt. Wir wählen damit bereits etwas und definieren etwas, das gut ist. Und wir klagen über das fehlende Gute.

Dies wird vielleicht deutlicher, wenn wir es in einem logischen Argument notieren:

1. Wenn objektive moralische Werte und Pflichten existieren, braucht es eine hinreichende Grundlage dafür.
2. Objektive moralische Werte und Pflichten existieren.
3. Ein personaler, transzendenter moralischer Grund erklärt sie.

Als Paulus in Athen unterwegs war, gerade zu einer Zeit, als man hier verschiedene ideologische Konzepte diskutierte – tatsächlich sehr viele und sehr unterschiedliche –, war dies Paulus’ Botschaft als Christ: Der Realität Gottes kannst du nicht davonlaufen. Die Realität Gottes bleibt bestehen. In Paulus’ Worten:

„In ihm leben wir und bewegen uns und sind wir.“ (Apg 17,28 ELB)

Es bleibt dem Atheisten nur die Option, seine Gegenwart zu leugnen. Versuche es doch einmal: Versuche eine Realität zu zeichnen, die ganz ohne das Konzept eines „Nicht-Gottes“ auskommt.

Bedenke aber dabei, dass es bei Weitem nicht ausreicht, auf die Möglichkeit einer zufälligen Entstehung des Universums zu verweisen.

Du musst erklären, warum alles an und für sich bedeutungs- und ziellos ist. Du liebst deine Frau? Wenn Liebe vollständig das Ergebnis ungerichteter physikalischer und biologischer Prozesse ist – woher kommt dann ihre objektive Bedeutung?

Du musst erklären, warum dich Leid überhaupt beschäftigt. Warum du Leid eine Definition gibst.

Wie begründet eine rein naturalistische Weltanschauung Vernunft, Wahrheit und die Verbindlichkeit logischer Gesetze?

Du musst erklären, warum du überhaupt irgendein Ziel hast. Warum möchtest du zum Beispiel dieses nächste Abenteuer erleben? Und dabei geht es mir gar nicht darum, dass es dir viel „Fun“ einbringt. Nein, die Frage ist viel tiefer: Warum willst du überhaupt irgendetwas? Warum besitzt „etwas zu wollen“ diesen Wert für dich? Warum gibt es überhaupt Begründung?

So viele Gleichungen bleiben offen, wenn ich versuche, Gott herauszunehmen. Sie werden plötzlich lösbar, wenn ich das Konzept Gott hinzufüge. Und damit meine ich noch nicht einmal den Gott der Christen. Ich möchte hier zunächst ganz allgemein bleiben.

Ich hoffe, dass du an dieser Stelle auch siehst, warum der heute so viel gepriesene Agnostizismus keine wirkliche weltanschauliche Neutralität ermöglicht. Bei all den oben angesprochenen Dingen wirst du dich letztlich entweder eher einem atheistischen oder einem theistischen Modell zuwenden müssen.

Agnostizismus kann eine ehrliche Antwort auf die Frage sein: „Weiß ich, ob Gott existiert?“ Er befreit mich aber nicht davon, mein Leben unter bestimmten Voraussetzungen zu führen. Ich werde lieben, urteilen, Ziele verfolgen, Wahrheit beanspruchen und zwischen Gut und Böse unterscheiden. Auch wer die Gottesfrage offenlässt, lebt also nicht weltanschaulich voraussetzungslos.

Du findest eine sehr gründliche Erklärung dieses Problems in einem Buch von Benedikt XVI.

So bin ich nun aus gutem Grund Theist. Warum bleibst du Atheist?


Dieser Blog-Beitrag von Sergej Pauli erschien zuerst auf glaubend.de, lies hier den Original-Artikel „Aus gutem Grund (1): Theist„.

Über Sergej Pauli

Hallo, ich bin Sergej Pauli, Jahrgang 1989 und wohne in Königsfeld im Schwarzwald. Ich bin Ingenieur, verheiratet, habe vier Kinder. Diesen Blog möchte ich nutzen, um über das Wort Gottes und seine durchdringende Wirkung bis in unsere Zeit zu schreiben. Hast du bestimmte Fragen oder Anliegen, dann scheue dich nicht, mich zu kontaktieren. Hast du bestimmte Fragen oder Anliegen, dann scheue dich nicht, mich zu kontaktieren auf glaubend.de .

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