das Bild zeigt eine Frau im kompletten Schattenbild, weil das Gegenlicht sehr stark über das Meerwasser glitzert. Sie steht am Strand.

Die Berufenen

Ihre Provenienz war schlicht herausragend. Ihre Abstammung geradlinig auf den Erzvater Abraham – Vater vieler Völker – zurückzuführen, der auf ihrem knöchelhart bearbeiteten Boden selbst als Besitzloser gelebt hatte, als umherziehender Nomade – eine Grabstätte gehörte ihm dann doch -, ein wegen Dürre ins pharaonische Ägypten Ausweichender, wo er vorübergehend seine Frau verlor.

Auf diese Herkunft beriefen sie sich – rechtmäßig dokumentiert, nachvollziehbar bis 2000 Jahre vor Christus.

Ebenjenem Christus, dem sie ihre Herkunft bekundeten, der sie Söhne des Durcheinanderbringers – id est Teufelssöhne nannte. Sie waren Abrahams Nachkommen in der zweiundvierzigsten Generation. Falls einer fragt, warum die Zahl 42 bedeutungsvoll sei. Sie waren die Urururenkel, die Erben, die Platzhalter, Nachkommen, rechtmäßig eingesetzt verwaltend, Platz nehmend.

Folgerichtig wandte Jesus sich ihnen zu, heilte, predigte, zog umher durchs fromme Land, wo sich Menschen tatsächlich bei gleichzeitigem Bekennen ihrer Sünden im Wasser taufen ließen.

Man stelle sich das vor:

Sie bekannten ihre Sünden.

Stelle dir das heute vor!

Du lebst, wo aufgerührte Menschen hinauseilen zum Propheten um ihre – Sünden
Sünden-
Sünden
laut auszusprechen und von ihm die Taufe inclusive Vergebung zu bekommen.

Kein Beichtstuhl mit Geheimnis und 4 magere Vater-unser.
Keine Kerze, kein Schwamm drüber, sondern nach dem Bekenntnis die öffentliche Taufe.
Plus die Ermahnung, die Sache ernst zu nehmen. Nicht nur mündlich umzukehren per gesprochener Formulierung – ich bekenne meinen Glauben, auch die Sünden und werde ansonsten morgen dasselbe Gewächs sein wie gestern.

Johannes der Täufer forderte Ernsthaftigkeit ein und titulierte Heuchler in der anstehenden Taufschlange auch gleich mit “Nachkommen von Schlangen”.

Räusper

Solch eine religiöse Gegend war es, worin Jesus sich bewegte.

Ich bin nur gesandt zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel. (Matthäus 15,24 ELB)
Geht nicht auf einen Weg der Nationen, und geht nicht in eine Stadt der Samaritaner; geht aber vielmehr zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel! (Matthäus 10,5b-6 ELB)

Hier lehrte Jesus drei Jahre lang landauf, landab mit mal siebzig, mal zwölf Mitarbeitern, jeder Menge Ungenannter – auch Frauen, die ihr Vermögen spendeten – und den Geheilten, die als lebende umherlaufende Wunder die Gegend schockten.

Kehrt um! Das Reich Gottes ist nahe herbeigekommen. (nach Matthäus 4,17) Jetzt! Heute!

Darauf hatte diese religiös belehrte Volk jahrhundertelang gewartet, die Ankunft des Messias wurde unter Tränen herbeigesehnt, mit Flehen erbeten, sie hatten sich kasteit, gehofft und doch immer wieder vergeblich gewartet, bis es dann doch so weit zu sein schien:

War er der Messias, der in sein Volk kommt, um es endlich zu erlösen?
Darauf hatte Israel gewartet.
Gehofft, gebetet und erwartet.

Zwar nicht genau so wie es ablief, aber immerhin, sie waren das einzige Volk auf der Erde, das auf ihn, den Messias Gottes, den Retter und Erlöser wartete und dessen Ankunft herbeisehnte.
Ja dafür opferten und beteten und fasteten sie.

Fasten nicht in dem Sinn, nach Einbruch der Dunkelheit mehr zu essen als sie sonst üblicherweise tagsüber gegessen hätten, also kein Ramadan.

Ihnen musste notwendig das Evangelium, die Botschaft Gottes zuerst, zuallererst, gepredigt werden mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln.

Nicht einfach nur die Botschaft, sondern da war auch der Vorläufer, der Ankündiger, dann die Wunderzeichen, Heilungen, Tote standen auf und liefen umher….
Freunde, das Ding rauschte Jahre lang durchs heilige, fromme Land, jeder wusste es – ohne Internet – bis in den letzten Winkel:
“Ist er Elia”, der gekommen ist?
Ist einer der Propheten auferstanden?
Wer ist er?

Das Volk war homogen, nur Israel– ohne Samarien, mit denen es Differenzen, Spaltungen gab – das waren die Glücklichen, die Berufenen, die Hörer der Botschaft.

Homogen.

Sitzend auf den Bänken, der Lehre lauschend.
Hörend hören.
Nicht verstehend.
Dennoch hörend.

Woche für Woche.

Bibelstellen kannten sie auswendig.
Problemlos.
Wo steht was.

Bei Günther Jauch oder “Wer weiß was”, würden sie jedes Quiz gewinnen zu den Fragen: “Gott, der Wille Gottes, seine Berufungen, das Wort Gottes, wo steht was geschrieben.”

Vielleicht auch noch differenziert danach, wer es übersetzt hat und welche kleine Betonung darin zu finden ist.

Wöchentlich die homogene Gruppe, die die Predigt hört, die der berufene Ausleger mal mehr, mal weniger bewegt verkündigt. Dann die Musik mit elektronischen Instrumenten – und die hingegebenen Gesänge. Kann anderthalb Stunden brauchen. Die Gemeinde sitzt und hört.

Komplett homogen.
Kaum einmal ein Ausländer, kein Fremder. Selbst der Kleidungsstil ist homogenisiert, zwar unterschiedlich doch gleich im Stil, eher cool und lässig, oder alle im Anzug, oder die Frauen teilverhüllt, teils eine Andeutung eines Saums auf dem Kopf oder eben genau so wie der mittlere Mittelstand aussieht. Im Hauptberuf Lehrerin, büronaher Angestellter, bis 1995: Krankenschwester. Genau dieser Kleidungsstil und auch der Sprachstil.
Der Umgangsstil, die Umarmung oder Nichtumarmung.

Hier passt kein Fremder rein, und wenn, wird er wie ein aus dem Körper nach versehentlichem Schlucken aussortierter Kirschkern ausgestoßen.

Die Botschaft Gottes ist für uns.

Unsereins.
Nur für uns.

Hörend hören, nicht verstehen.
Seelenlos. Aber anrührend.
Es war schön, es war schön heute, hat mich wieder irgendwie angesprochen.
Es geht um die Identität, die wir haben, wer wir sind, und was Gott für uns macht.

Das hat mich angesprochen.
Berührt.

Sie sehen gleich aus, sprechen gleich, fühlen gleich, jedoch von Gemeinde zu Gemeinde unterschiedlich gleich.
Eine eng homogenisierte Masse, wo kein Fremder rein kann, und wenn doch…..

Erstaunlich wenig Ausländer, Samariter, Türken, – sie bilden ihre eigenen Zusammenkünfte.
Wo sie dem Gott Israels dienen.

Man muss die Sprache der Menschen, die da sitzen sprechen, dass sie einen verstehen – nach Luther, dem Volk auf den Mund (“aufs Maul” würden sie nie sagen) geblickt.

Kein roter Lippenstift, sondern nur ein Fettstift.
Sie erheben sich alle zum Schlussgebet sprechen das Gebet, das sie gelehrt wurden zu beten und gehen jeder wieder in das Seine.

Jesus geht währenddessen – “ich muss in das nächste Dorf gehen und auch dort den Menschen die Botschaft verkündigen”.

Sie hören es wieder und wieder, immer wieder – dasselbe.

Sie wurden schon etwas dicklich, auch ein Wort, das man heute nicht so sagt: Sie wurden fett.

Sie wurden unbeweglich.
Namen die Worte des Höchsten wie Beiwerk.
Sie zitterten nicht mehr vor Gott – er war ihr Vater geworden.
Sie fürchteten sich nicht vor der Strafe, denn die Liebe Gottes ruhte auf Ihnen.
Sie fühlten die Vergebung und die Gnade.
Rechts und links von ihnen lauter baugleiche Module, gesteckte verlötete Kondensatoren, die das Gehörte speicherten, sich erwärmten, wie auch die Steckkondensatoren neben ihnen, einige blähten etwas auf und wenn die Spannung abgeschaltet wurde, gingen sie wieder nach Hause und die Blähung ging zurück.

Sie beteten, dass alles immer so bleiben möge. Kleinste Veränderungen hassten sie. Das Wort Gottes galt nur ihnen, war die Denke und sie die Bevollmächtigten, die wussten, wie man das Brot und die Fische austeilt an die Seelen, die auf der Bank der Gerechten Platz genommen hatten.

Ganz zum Schluss sprachen sie den Segen und erhoben sich dazu und gingen hinaus.


Dieser Blog-Beitrag von Rolf Oetinger erschien zuerst auf Jesus-blog. Lies hier den Original Artikel „Die Berufenen.“


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Kommentare

…mit Links werden erst nach einem positiven Check freigeschaltet

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