Ein weißer Pfau vor schwarzem Hintergrund schaut erhaben ins Bild.

Die sieben Todsünden (1): Hochmut

Jason Meyer – erschienen im Blog von Sergej Pauli, aus dem Englischen übersetzt von Lynn Wiebe.

Aus dem Buch Killjoys, das in Kooperation des Bethlehem College mit DesiringGod entstand. Hier geht es um die sieben Sünden, die hinter allen Sünden stehen: Hochmut, Habgier, Wollust, Neid, Völlerei, Zorn und Trägheit. Im Laufe der nächsten Wochen wollen wir die sieben Erklärungen zu diesen Sünden aus diesem Buch in deutscher Übersetzung wiedergeben. Die Übersetzung hat Lynn Wiebe realisiert mit freundlicher Unterstützung von Desiring God.


Hochmut

Hochmut ist ein kosmisches Verbrechen. Er hat die zweifelhafte Auszeichnung, allein an der Spitze der Liste der Todsünden zu stehen. Er ist auch „die Essenz aller Sünde.“1 Als endliche Geschöpfe können wir Gottes unendliche Abscheu gegenüber der rebellischen Natur des Hochmuts nicht vollständig begreifen. Gott hasst den Hochmut. Was den Hochmut für Gott so einzigartig abstoßend macht, ist die Art und Weise, wie er mit Gott selbst „um die Vorherrschaft ringt.“2 Der Hochmut stellt sich in Opposition zu Gott. Die einzig angemessene Reaktion ist, dass Gott den Hochmütigen widersteht (Jakobus 4:6; 1. Petrus 5:5). Das ist wahrscheinlich der Grund, warum Hochmut nicht einfach eine Sünde unter vielen ist, sondern eine Sünde einer ganz eigenen Autor. Andere Sünden führen den Sünder weiter weg von Gott, doch der Hochmut ist besonders verwerflich, weil er versucht, den Sünder über Gott zu erheben.

Die Verwerflichkeit des Hochmuts bedeutet, dass er es wirklich verdient, zu sterben. Hochmut kann jedoch schwer zu erkennen sein, geschweige denn zu töten. Jonathan Edwards sagte, Hochmut sei „die verborgenste, heimlichste und trügerischste aller Sünden.3 Was wir brauchen, ist ein strategischer Leitfaden gegen Hochmut. Dieser besondere Bauplan für den Sieg untersucht die verschiedenen Formen des Hochmuts und verschafft eine klare Sichtlinie, damit wir den Hochmut ins Visier nehmen und tödlich treffen können.

Strategischer Leitfaden gegen Hochmut

Gegen Hochmut zu kämpfen ist wie gegen einen Gestaltwandler zu kämpfen. Er kann in Formen erscheinen, die wie polare Gegensätze aussehen: Aufbauen und niederreißen. Hier sind sechs miteinander verbundene Formen:

Aufbauen: Selbsterhöhung, Selbstverherrlichung und Selbstrechtfertigung

Niederreißen: Selbsterniedrigung, Selbstherabsetzung und Selbstverurteilung

Die ersten drei Reaktionen zeigen sich gewöhnlich, wenn wir Erfolg haben und andere scheitern. Die letzteren drei treten häufiger auf, wenn andere Erfolg haben und wir scheitern.

Erstens setzt der Hochmut die selbstzufriedene Maske der Selbsterhöhung auf, wenn ihm Erfolg begegnet. Selbsterhöhung schreibt sich die guten Dinge in unserem Leben selbst zu. Zweitens ist Selbstverherrlichung eine Ausweitung der Selbsterhöhung, weil sie diese guten Dinge nach außen trägt, damit andere uns dafür Anerkennung zollen. Drittens ist Selbstrechtfertigung spezifischer, da sie sich darauf konzentriert, sich moralisch gute Werke selbst zuzuschreiben, um vor Gott oder in den Augen anderer als gerecht dazustehen. Sich selbst dafür Anerkennung zu geben, im Recht zu sein, macht es wahrscheinlicher, dass wir andere dafür verantwortlich machen, im Unrecht zu sein. Die Pharisäer zeigten all diese Ausprägungen des Hochmuts. So stellten sie zum Beispiel ihre Selbstgerechtigkeit vor den Menschen zur Schau, um von anderen gelobt zu werden (Matthäus 6:1–2). Jesus sagte,  dass jeder, der sich selbst erhöht (wie ein Pharisäer), erniedrigt werden wird (Matthäus 23:12).

Diese drei Formen des Hochmuts erheben alle einen Trinkspruch auf das Selbst, feiern und stellen unsere Erfolge zur Schau. Und sie erheben ihre Gläser oft mit einem scharfen Bewusstsein für das Versagen anderer. Die Pharisäer vertrauten nicht nur auf sich selbst, dass sie gerecht seien, sondern verachteten auch die anderen (Lukas 18:9).

Ein Pfau in seiner Pracht mit ausgebreitetem Gefieder. Das Thema des Blogartikels ist: Hochmut.

Selbsterniedrigung, Selbstherabsetzung und Selbstverurteilung treten alle dann auf, wenn der Schuh am anderen, weniger glücklichen Fuß steckt. Sie entstehen, wenn wir über unsere Verluste und die Erfolge anderer grübeln. Anstatt einen Trinkspruch auf Erfolge zu erheben, veranstalten diese drei Formen des Hochmuts eine aufwendige Mitleidsparty.

Erstens: Wo Selbsterhöhung das Selbst anhebt und aufbaut, ist Selbsterniedrigung eine Form der Demontage, die das Selbst niederreißt.

Zweitens veranstaltet Selbstherabsetzung eine öffentliche und klägliche Vorführung, um hervorzuheben, dass wir schlechter abgeschnitten haben als andere, es schlechter haben als andere oder weniger besitzen als andere. Selbstherabsetzung plant das Begräbnis unseres Egos. Warum sollten wir wollen, dass andere diese Dinge sehen? Ironischerweise kann Selbstherabsetzung eine hinterhältige Form der Selbstverherrlichung sein, weil wir in Wirklichkeit auf die Bestätigung und Zusicherung abzielen, von der wir glauben, dass wir sie verdienen.

Drittens spricht Selbstverurteilung ein Urteil über uns, wenn wir hinter unseren eigenen Maßstäben zurückbleiben. Manchmal vollziehen wir dieses schmerzhafte Urteil an uns selbst. Wir können schlechte Leistungen gedanklich immer wieder abspielen, um uns wegen unseres Versagens selbst zu quälen. Selbstverurteilung fühlt sich nicht vor anderen gerechtfertigt, sondern empfindet Scham darüber, nicht genügt zu haben.

Der gemeinsame Nenner aller sechs Ausprägungen des Hochmuts ist die Selbstbezogenheit. Hochmut will im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit stehen – zum Guten oder zum Schlechten. Die Fixierung des Hochmuts auf das Selbst kann nur durch die Selbstvergessenheit der Demut überwunden werden. Demut ist das Foto-Negativ des Hochmuts.

Das Foto-Negativ des Hochmuts

Wir werden beginnen, den Hochmut zu töten, wenn wir immer mehr vom Foto-Negativ des Hochmuts erfahren: der Demut. Wenn der Hochmut uns in eine Stellung des Widerstands gegen Gott bringt, dann findet die Demut Freude daran, eine Haltung der Abhängigkeit von Gott einzunehmen. Diese Haltung der Abhängigkeit bringt uns in eine Position, in der wir Gnade von Gott empfangen können.

Der Apostel Petrus entfaltet diese Punkte auf aufschlussreiche Weise. Er sagt: „Gott widersteht den Hochmütigen; den Demütigen aber gibt er Gnade“ (1. Petrus 5,5 ELB). Danach beschreibt er Demut räumlicher. Die Demut schlägt ihr Zelt an einem bestimmten Ort auf: „unter die gewaltige Hand Gottes“ (1. Petrus 5,6 LU2017).

Petrus beantwortet dann die naheliegendste Frage: Wie kann ein Mensch demütig sein? Antwort: Wir demütigen uns, indem wir „alle eure Sorge auf ihn [werfen]; denn er sorgt für [uns]“ (1. Petrus 5:7). Wenn der Hochmut hartnäckig darauf besteht, unsere Sorgen selbst zu tragen, dann ist die Demut schnell darin, unsere Sorgen auf Gott zu werfen. Die Demut weiß sogar, was zu tun ist, wenn wir nicht wissen, was wir tun sollen: weiter auf ihn blicken! Angesichts unmöglicher Umstände weiß König Joschafat genug, um zum ewigen König aufzuschauen und zu sagen: „wir wissen nicht, was wir tun sollen, sondern auf dich sind unsere Augen gerichtet!“ (2. Chronik 20:12 MENG).

Auf der Suche nach Demut müssen wir darauf achten, die falsche, nachgemachte Version des Hochmuts zu vermeiden: die Selbstabwertung. Worin liegt der erkennbare Unterschied? Demut ist nicht davon besessen, uns selbst niederzumachen. C. S. Lewis brachte diesen Unterschied einprägsam auf den Punkt: „Demut bedeutet nicht, weniger von uns selbst zu denken, sondern weniger an uns selbst zu denken.“ Mit anderen Worten: Demut ist ihrem Wesen nach eine Form der Selbstvergessenheit im Gegensatz zur Selbstfixierung des Hochmuts. Und die Selbstvergessenheit der Demut hat einen bestimmten Geschmack: Freude. Sie ist weder düster noch bitter. Die Freude der Selbstvergessenheit entsteht, wenn eine höhere Zufriedenheit in Gott unsere Selbstbezogenheit überwindet. Demut schließt sich dem Hochmut nicht darin an, andere mit Verachtung zu behandeln. Wir sind zu sehr damit beschäftigt, zu Gottes Herrlichkeit aufzublicken, um auf andere herabzusehen oder selbstgefällig zu sein. Und im Gegensatz zum Hochmut muss Demut nicht im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit stehen. Demut betreibt keine Selbstverherrlichung; sie freut sich daran, Hinweise der Gnade in anderen hervorzuheben. Sie kann sich an ihren Leistungen mitfreuen.

Doch all dieses Reden über Demut wirft eine wichtige Frage auf: Wie können hochmütige Menschen überhaupt gedemütigt werden? Gott schenkt uns den Sieg über den Hochmut durch unseren Herrn Jesus Christus. Wenn Hochmut die Essenz der Sünde ist, dann ist es an der Zeit zu betrachten, wie wir den Sieg über die Sünde erlangen können. Gott versetzt dem Hochmut drei direkte Schläge, die ihn entschieden (Bekehrung), dann schrittweise (Heiligung) und schließlich vollständig (Verherrlichung) vernichten. Alle drei Schläge erfordern, dass wir richtig sehen.

Drei Schläge gegen das Ego des Hochmuts

1) Bekehrung: Der entschiedene Schlag

Die Herrlichkeit Gottes und der Hochmut des Menschen werden an einem von zwei Aufprallorten aufeinandertreffen: der Hölle oder dem Kreuz. Mit anderen Worten: Entweder bezahlen wir für unsere Sünden in der Hölle oder Christus bezahlt für unsere Sünden am Kreuz. Die Hölle ist der Schauplatz eines Zusammenstoßes, der niemals endet – ein Horrorfilm ohne Abspann. Und jeder Sünder verdient ihn. Die Gerechtigkeit sagt, die Geschichte könnte genau dort enden, mit diesem ewigen Ton des Schreckens.
            Aber Gott hat in seiner Barmherzigkeit einen anderen Weg geschaffen. Gott sandte seinen Sohn, um den Ruhm seines großen Namens zu verteidigen – den Namen, den die Sünder mit ihrem Hochmut geschmäht haben. Die Sünde vermittelt die blasphemische Botschaft, dass Gottes Herrlichkeit keine Bedeutung hat. Würde Gott die Sünde nicht richten, würde er im Grunde dieselbe Botschaft vermitteln: Meine Herrlichkeit hat keine Bedeutung. Der Tod Christi sagt: „Gottes Herrlichkeit ist so viel wert! So sehr bin ich meiner Herrlichkeit verpflichtet.“ Das Opfer Christi nimmt den Zorn Gottes vollständig auf und stillt ihn. Dieser herrliche Aspekt der Versöhnung wird Sühnung genannt (Römer 3:24–25). Das Feuer des Zorns Gottes fällt auf Christus auf Golgatha. Das ist das Gegenteil von Selbstrechtfertigung. Das Werk Christi ist der einzige Grund unserer Rechtfertigung. Er rechtfertigt den Gottlosen (Römer 4:5). Deshalb ist das Kreuz nun der einzige sichere Ort, an dem der Gottlose vor dem endgültigen Gericht stehen kann. Das Feuer ist dort einmal gefallen und wird dort nie wieder fallen. Sünder müssen sich an das Kreuz klammern, um dem kommenden Zorn zu entfliehen.

            Das Problem ist, dass wir blind für seine Herrlichkeit sind. Der Gott dieser Weltzeit hat unsere Augen verblendet, sodass wir die Herrlichkeit Christi am Kreuz nicht sehen können (2. Korinther 4:3–4). Bekehrung ist ein neues Schöpfungswerk Gottes, das unsere geistliche Blindheit und Finsternis überwindet. Wenn Christus verkündigt wird (2. Korinther 4:5), überflutet Gott unsere Herzen mit Licht, sodass die Augen des Herzens geöffnet werden, um die Herrlichkeit Gottes im Angesicht Jesu Christi zu sehen und zu genießen (2. Korinther 4:6). Der Geist wirkt wie ein Flutlicht, das das Werk Christi am Kreuz erleuchtet.

            Dies ist der entscheidende Moment, in dem der Hochmut zerschlagen wird. Das Kreuz mit diesen neuen Augen zu sehen, besiegt den Hochmut entschieden. Warum? Wer das Kreuz richtig sieht, sieht sich selbst richtig. Wir sehen ihn am Kreuz, und wir sehen unsere Sünde. Das Kreuz offenbart, was wir von Gott verdienen. Wir können die Gnade Christi nicht empfangen, ohne die unverdiente Schande Christi zu sehen und anzunehmen. Das Kreuz zerschmettert unsere hochmütigen Anmaßungen und unser selbstzufriedenes, selbstgerechtes Empfinden, vor Gott im Recht zu sein (ja sogar über Gott zu stehen). Das Kreuz zerbricht uns, weil es das wahre Wesen der Sünde offenbart – ihre Bosheit und ihr Gewicht. Es bezeugt die Größe unseres Bösen. Wären wir nur ein wenig böse, dann hätte es ein kleines Opfer geben können. Die Unermesslichkeit des Opfers jedoch macht die Unermesslichkeit unserer Sünde deutlich.

            Das Lied „Stricken, Smitten, and Afflicted“ (auf Deutsch: Geschlagen, verwundet und geplagt) bringt diesen Punkt auf poetischere Weise zum Ausdruck:

Ihr, die ihr von Sünde nur gering denkt

und das Böse nicht für groß erkennt,

hier könnt ihr ihr Wesen recht sehen,

hier ihre Schuld richtig verstehen.

Seht das Opfer, längst bestimmt!

Seht, wer diese Last auf sich nimmt!

Es ist das Wort, der Gesalbte des Herrn,

Menschensohn und Sohn Gottes.

2) Heiligung: Der fortschreitende Angriff

Dieses entscheidende Werk der Zerstörung des Hochmuts setzt sich in der Heiligung mit fortdauernden Schlägen gegen den Hochmut fort. Die Bekehrung befreit uns dazu, die Herrlichkeit Christi zu sehen, was zugleich heiligt. Es gibt keine blinde Heiligung. Wir werden von Herrlichkeit zu Herrlichkeit verwandelt, indem wir die Herrlichkeit des Herrn anschauen (2. Korinther 3:18). So ist Heiligung auch ein Ringen darum, richtig zu sehen. Wir müssen klarer erkennen, wer Gott ist und wer wir sind.

            Paulus mühte sich, den anmaßenden Korinthern zum Sehen zu verhelfen. Diesen Punkt macht er auf schockierende Weise in 2. Korinther 12 deutlich. Paulus empfing überwältigende Visionen himmlischer Herrlichkeit, doch erstaunlicherweise war er in Gefahr, überheblich zu werden (2. Korinther 12:7). Wäre dies geschehen, wäre er in die Falle geraten, den falschen Lehrern zu gleichen, die von Hochmut und Anmaßung geprägt waren (2. Korinther 11:18–21). Deshalb erhielt Paulus einen außerordentlich schmerzhaften Dorn im Fleisch, um ihn demütig zu halten (2. Korinther 12:7). Paulus bezeugte, dass er nicht durch die Visionen gedemütigt wurde – im Gegenteil: Er musste wegen der Visionen gedemütigt werden (2. Korinther 12:1–7). Die schockierende Ironie besteht darin, dass es sich dabei nicht um Visionen handelte, die zeigten, wie groß Paulus war! Hochmut kann sogar großartige himmlische Visionen Gottes nehmen und sie so verdrehen, dass wir glauben, wir seien groß, weil wir sie empfangen haben. Der Hochmut ist so verdreht, dass er alles Gute plagiieren und für sich beanspruchen kann – selbst lebendige Visionen der Herrlichkeit Gottes.

            Dieser Dorn war eine Qual für Paulus. Er befand sich „im Fleisch“ (2 Kor 12:7), was meiner Meinung nach bedeutet, dass er nicht außerhalb des Körpers war. Er erlebte einen tiefen und brennenden Schmerz (d. h. Qual). Es war eine Qual. Paulus bat den Herrn dreimal, sie ihm zu nehmen (2 Kor 12:8). Aber der Herr zeigte ihm, dass sie einen Zweck erfüllte, einen guten Zweck. Denken Sie einen Moment über diese Aussage nach. Gott gab Paulus chronische Schmerzen. Warum? Paulus brauchte chronische Schmerzen, weil sein eigentliches Problem chronischer Hochmut war. Er musste gedemütigt werden. Deshalb erhielt Paulus eine weitere Vision: keine Vision von himmlischer Herrlichkeit, sondern eine Offenbarung der allgenügenden Gnade (2 Kor 12:9).

Nahaufnahme vom bunten Gefieder des Pfaus, die sogenannten Pfauenaugen. Das Thema des Blogartikels: Hochmut,

            Paulus’ Reaktion bestand darin, sich seiner Schwachheit zu rühmen (2. Korinther 12:9). Keiner von uns reagiert von Natur aus so. Warum sollte jemand die Aufmerksamkeit auf seine Schwächen lenken? Könnte es einen größeren Gegensatz zwischen Hochmut und Demut geben? Er lenkt den Blick anderer auf seine eigene Schwachheit, weil Paulus’ Schwachheit der beste Hintergrund ist, vor dem andere die Schönheit von Gottes Kraft sehen können. Die Menschen werden weder Gott noch Paulus richtig sehen, wenn Paulus sich den Ruhm für das zuschreibt, was nur Gott tun kann. Paulus musste lernen, Schwachheit als ein Geschenk zu betrachten. Wenn wir im Glauben demütig weiter auf Gott angewiesen bleiben wollen, müssen wir erkennen, wie groß unsere Not ist und wie groß seine Gnade wirklich ist. Sich stark zu fühlen kann zu einer Kloake der Selbstgenügsamkeit und Unabhängigkeit führen, die uns von Gott wegführt. Sich schwach zu fühlen ist der beste Garten für das Aufblühen der Abhängigkeit von Gottes ausreichender Gnade.

            Wir müssen sehen, wer wir wirklich sind. Ein Faktor, der unsere Sicht trübt, ist, dass wir widersprüchliche Botschaften über Reife erhalten. In diesem Leben hier auf der Erde bedeutet Erwachsenwerden tatsächlich immer mehr Verantwortung zu übernehmen, sodass wir immer weniger von unseren Eltern abhängig werden. Geistliches Wachstum jedoch verläuft genau umgekehrt. Wir werden nicht immer besser, sodass wir Gott immer weniger brauchen. Nein, je reifer wir werden, desto mehr lernen wir, von unserem himmlischen Vater abhängig zu sein. Diese Lektion habe ich im Adoptionsprozess gelernt. Ich hatte buchstäblich alles getan, was ich tun konnte. Ich hatte alle Telefonate geführt, alle Formulare ausgefüllt und alle E-Mails geschrieben. Beschämenderweise begann ich erst an diesem Punkt, mehr zu beten. Ich hatte mich noch nie so hilflos und so außer Kontrolle gefühlt. Gott zeigte mir, dass das Empfinden, das ich damals hatte, eigentlich immer meiner Realität entsprach. Meine verzweifelte Bedürftigkeit war immer wahr gewesen, aber nicht immer empfunden. Kontrolle ist eine solche Illusion. Es ist gut für uns, leibhaftig zu spüren, wie abhängig wir geistlich sind, denn dann werden wir die Welt und uns selbst richtig sehen. Und ein Tag wird kommen, an dem wir für alle Ewigkeit richtig sehen und richtig empfinden werden.

3) Verherrlichung: Der endgültige Schlag

Die Herrlichkeit Gottes in ihrer ganzen Fülle zu sehen – mit all unseren Sinnen – wird der endgültige Schlag gegen den Hochmut sein. Der Apostel Johannes weist uns alle auf jenen seligen Tag hin: „Geliebte, wir sind jetzt Kinder Gottes, und noch ist nicht offenbar geworden, was wir sein werden; wir wissen aber, dass wir ihm gleichgestaltet sein werden, wenn er offenbar werden wird; denn wir werden ihn sehen, wie er ist“ (1. Johannes 3:2 SLT2000).

            Mein Lieblingsvers aus „Come Thou Fount of Every Blessing” (auf Deutsch: Komm, du Quelle aller Segnungen) hilft, die Herrlichkeit dieses Tages in die Sprache der Sehnsucht zu fassen:

An jenem Tag, von Schuld befreit,

darf ich dein lieblich Antlitz sehen.

In blutgewasch‘nem Leinenkleid

will ich von deiner Gnade singen.

Komm mein Herr und zögere nicht länger!

Lass die Verheißung bald geschehen!

Denn ich weiß, deine Kraft führt mich,

bis ich endlich bei dir zu Hause bin.

Wie anders wird es für diejenigen sein, deren Hochmut nicht entschieden, fortdauernd und vollständig getötet wurde. Gott widersteht dem Hochmut aktiv und hasst ihn leidenschaftlich, was bedeutet, dass Hochmut geistlicher Selbstmord ist. Hochmut befindet sich auf Kollisionskurs mit Gott selbst, und das Datum steht fest. „Denn es kommt ein Tag [des Gerichts] von dem Herrn der Heerscharen über alles Stolze und Hohe und über alles Erhabene, und es wird erniedrigt werden;“ (Jesaja 2:12 SLT2000). Alles muss niedergerissen werden, damit nur eines allein stehen bleibt. „der Herr aber wird allein erhaben sein an jenem Tag.“ (Jesaja 2:11 SLT2000). An jenem letzten Tag wird das Angesicht Christi entweder ein Schrecken sein (Offenbarung 6:16–17) oder ein Schatz (1. Johannes 3:2). Diese Sicht und diese Überzeugung sollten uns zurück in die Gegenwart treiben, um den Hochmut mit noch größerer Demut und Leidenschaft zu bekämpfen.

Bekämpfe Sünde mit dem Sehen

„Und jeder, der so auf ihn hofft, reinigt sich, wie er rein ist“ (1. Johannes 3:3). Die Lehre vom Himmel existiert nicht nur, um uns zu helfen, in Zukunft gut zu sterben, sondern um uns zu helfen, heute gut zu kämpfen. Es ist kein Wunder, dass 1. Johannes 3:3 unmittelbar auf 1. Johannes 3:2 folgt. Ich lasse Martyn Lloyd-Jones erklären:

In gewisser Weise kann man sagen, dass das ganze Ziel von Vers 2 darin besteht, zu Vers 3 hinzuführen. Wenn wir Vers 2 nicht in diesem Licht betrachten, wenn wir nicht erkennen, dass sein eigentlicher Zweck darin besteht, den Weg für Vers 3 zu bereiten, dann missbrauchen wir Vers 2 vollständig und verfehlen seine wahre Botschaft an uns … Du und ich – nachdem wir einen Blick auf die Herrlichkeit empfangen haben –  müssen wieder herunterkommen und diese Herrlichkeit in die Praxis umsetzen, sie im täglichen Leben wirksam werden lassen. Wenn sie nicht genau dazu führt, dann missbrauchen wir die Schrift.4

Letztlich ist Hochmut eine Frage der Anbetung. Wir können nicht weniger an uns selbst denken, ohne gleichzeitig mehr an etwas anderes zu denken. Die Ströme der Selbstvergessenheit fließen von den gottzugewandten Höhen der Anbetung herab. Er ist der einzige Gott (1. Timotheus 1:17) und der einzige Herrscher (1. Timotheus 6:15). Niemand kann Gott in törichter Opposition überdauern, denn er ist der ewige König (1. Timotheus 1:17). Gott hat Gegner, aber keine Rivalen. Er – er allein – ist es wert, dass ihm alle Anbetung und Lobpreis dargebracht werden.

Darum können Gottes Kinder dem Hochmut gegenüber nicht gleichgültig sein. Wir müssen ihn hassen und ihn jagen, bis er tot ist. Die gute Nachricht ist, dass Gottes Gnade in uns, seinen Kindern, den Hochmut entschieden, fortschreitend und schließlich vollständig töten wird. Wir unsererseits müssen beten und den Heiligen Geist bitten, unsere Augen für mehr von Gottes Herrlichkeit zu öffnen, damit wir immer mehr Ehrfurcht vor ihm haben und immer weniger Ehrfurcht vor uns selbst. Die Antwort der Bibel auf unsere gefallene Selbstbesessenheit ist ein großartiges Werk der Gnade im Evangelium, das in uns eine herrliche Hinwendung zu Gott schafft, die ihren Höhepunkt in immer größerer, ewiger Anbetung findet. Gott sei Dank, dass aller Hochmut in dieser großen Flamme des Lobpreises verzehrt werden wird.


1 John Stott, zitiert in C. J. Mahaney, Humility: True Greatness (Sisters, OR: Multnomah, 2005), 30.

2 C. J. Mahaney, Humility, 31. Mahaney merkt an, dass dieser Ausdruck von Charles Bridges stammt, zitiert jedoch die Quelle nicht.

3 Jonathan Edwards, Advice to Young Converts, zitiert in C. J. Mahaney, Humility, 34.

4 Martyn Lloyd-Jones, Life in Christ (Wheaton: Crossway, 1993), 296.


Dieser Blog-Beitrag von Sergej Pauli erschien zuerst auf Glaubend.de. Lies hier den Original-Artikel „Die sieben Todsünden (1): Hochmut.

Über Sergej Pauli

Hallo, ich bin Sergej Pauli, Jahrgang 1989 und wohne in Königsfeld im Schwarzwald. Ich bin Ingenieur, verheiratet, habe vier Kinder. Diesen Blog möchte ich nutzen, um über das Wort Gottes und seine durchdringende Wirkung bis in unsere Zeit zu schreiben. Hast du bestimmte Fragen oder Anliegen, dann scheue dich nicht, mich zu kontaktieren. Hast du bestimmte Fragen oder Anliegen, dann scheue dich nicht, mich zu kontaktieren auf glaubend.de.


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