Ich knüpfe (nach langer Zeit) noch einmal an den Gedanken der Paralleluniversen an. Inzwischen herrscht Krieg in der Ukraine. Es gibt Christen, die leben in einem Universum, in dem ein christlich-orthodox denkender russischer Präsident christliche Werte hochhält (vor allem, was das biblische Menschenbild angeht), die im Westen ausgehöhlt werden, sich dabei bedroht fühlte und sein Land darum zu Recht mit Waffengewalt verteidigt. Andere Christen (auch ich) leben in einem Universum, in dem ein von imperialistischer, großrussischer Ideologie und der eigenen Macht besessener Despot ohne Gewissen unter Missbrauch des Namens Gottes das Recht des Stärkeren mit Waffengewalt durchsetzen will. In dem einen Universum ist Putin ein Held, den das Glück verlassen hat; im anderen ist er ein Kandidat für die Hölle.
Im ersteren Universum bestätigt sich die eigene Auffassung durch die Tatsache, dass die Mehrheitsgesellschaft nicht nur Putin geächtet hat, sondern auch die, die ihn verteidigen – mit der Folge, dass diese ihre Meinung kaum noch öffentlich frei äußern können. Im anderen Universum bestätigt sich die eigene Auffassung dadurch, dass Politiker und öffentliche Repräsentanten völlig unterschiedlicher Richtungen und Interessen zu derselben Auffassung gelangt sind (was in den letzten Jahrzehnten ein extrem seltener Vorgang war!). In dem einen Universum ist die eine Auffassung wahr, in dem anderen die andere, weil der Horizont einer gemeinsamen objektiven Anschauung von „Wahrheit“ weggewischt ist. Und jeder, der dieser Tage in sozialen Medien unterwegs ist, sieht, dass die Kommunikation zwischen diesen Universen kaum noch möglich zu sein scheint (ganze Familien zerbrechen gerade daran, vor allem russlanddeutsche).
Matthäus 28 Reloaded
Jesus, das Licht des Multiversums, hat seinen Nachfolgern einen Auftrag gegeben: „Geht hin in alle Welt und macht alle Völker zu meinen Jüngern (griechisch: mathäteusate), indem ihr sie tauft auf den Namen des Vaters und des Sohnes und dee Heiligen Geistes, und indem ihr sie alles (be-)halten lehrt, was ich euch aufgetragen habe. Und siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an das Ende der Welt“. (Matthäus 28,18-20)
Dieser Auftrag Jesu ist multiversal. Jesus, der irgendwie in jedem Multiversum gegenwärtig ist, sendet uns aus. Und zwar nicht nur innerhalb unseres eigenen Universums, in dem unser „tribe“ zu Hause ist. Nein – und das ist wirklich ein Problem – der Auftrag Jesu geht darüber hinaus und schließt Menschen ein, denen wir begegnen und die in einem Paralleluniversum zu existieren scheinen:
Unsere erste Aufgabe als Christinnen und Christen ist nicht,
Menschen von der Richtigkeit unseres eigenen Universums
zu überzeugen.
Unsere Aufgabe ist, Menschen zu Jesus zu führen.
„Kein Problem“, denken wir, „wir müssen zuerst die Menschen in unser (also das richtige) Universum beamen und dann können wir sie auch zu (unserem) Jesus führen“. Aber leider macht es uns Jesus nicht so einfach. Sein Auftrag bedeutet auch, Menschen innerhalb ihres Paralleluniversums zu Jesus zu führen.
Tuchträger
Kapernaum, vor fast 2000 Jahren. In einem kleinen antiken Haus lehrt Jesus die Menschen. Die Hütte ist krachevoll, und außen an der Tür und am Fenster stehen noch dreimal so viele Leute. Alle wollen hören, was Jesus sagt. Plötzlich gibt es komische Geräusche, leise rieselt der Kalk, Licht fällt hinein in den Raum. Vier Männer stehen oben und decken das Dach ab. Dann lassen sie ein Lager aus Tüchern an vier Tauen herunter. Darin liegt ein Mensch, ein Gelähmter. Ihr Freund. Laufen kann er nicht mehr. Er muss getragen werden. Durch die Tür war kein Durchkommen gewesen. Aber die vier wollen unbedingt, dass ihr Freund zu Jesus kommt. Denn Jesus kann ihn heilen. Sie scheuen keine Mühe dafür. Keine Ahnung, wie die den Mann da aufs Dach bekommen haben. Und dann heißt es in der Bibel: „Als Jesus ihren Glauben sah (also den der Freunde!), sprach er zu dem Gelähmten: Deine Sünden sind dir vergeben“. Und später: „Steh auf, nimm dein Bett und geh in dein Haus“ (Mk 2,1-12).
Das, was die Freunde tun, ist unser Auftrag. Wir müssen den Gelähmten nicht heilen. Wir müssen ihn auch nicht so verändern (oder manipulieren), dass er in unseren Augen nicht mehr sündhaft wäre. Wir sind gesendet, ihm so, wie er ist, zu Jesus zu helfen. Bei Jesus (und nur bei ihm) wird er geheilt und mit Gott versöhnt.
Uns begegnen viele Menschen aus Paralleluniversen, die gelähmt sind, gefangen in ihrer Melange aus festgezurrten Gedanken und mit jeder Menge Aggression im Bauch. Die Frage, die sich aus dem multiversalen Missionauftrag Jesu ergibt, ist also:
Was hilft diesem Menschen zu Jesus?
Das kann etwas ganz anderes sein als das, was Menschen in unserem eigenen Universum zu Jesus hilft. Und es ist ein echter Angang, denn wir würden mit diesem Menschen aus dem Querdenker-Universum, dem Impferialisten-Universum, dem Putin-Versteher-Universum, dem Woke-Universum, dem Genderisten-Universum (und was es noch alles gibt) ja gerne etwas ganz anderes tun! Wenn wir uns aber von Jesus, dem Herrn des Multiversums, senden lassen, dann geht es vor allem anderen darum: Was hilft diesem (!) Menschen zu Jesus? Wie kann ich ihm Tuchträger sein, wie die Freunde des Gelähmten?
Als Tuchträger wahrnehmbar sein
Die Tribalisierung unserer Gesellschaft hat sich längst auf unsere Kirchen und Gemeinden übertragen und das legt ein Missverständnis nahe: Dass wir nur noch Menschen aus unserem eigenen Universum zu Jesus zu helfen brauchten (oder überhaupt könnten). Ihr Vertrauen gewinnen wir leicht, wenn sie uns als einen von ihnen erkennen, und das tun sie automatisch, wenn wir gegen dieselben „anderen“ sind wie sie und das durch die „Haltung“ beweisen, in der wir uns äußern. Auf diese Weise hat sich unsere evangelische Kirche über Jahrzehnte den Zugang zu genau den Menschen verbaut, die sie jetzt am dringendsten bräuchten. Der Missionsauftrag Jesu schiebt solchen Bequemlichkeiten aus gutem Grund einen Riegel vor. Und der hat für uns Folgen: Wenn wir auch Menschen aus anderen Universen zu Jesus helfen möchte, setzt das voraus, dass wir in dem, was wir sagen und tun, auch für sie (!) als Jesus-Leute wahrnehmbar sind. Das ist also eine zweite Frage, die sich aus der ersten ergibt: „Was muss geschehen, damit ein Mensch aus dem anderen Universum mich als Tuchträger zu Jesus wahrnehmen kann, dem er sich anvertrauen kann?“
„Stelle, HERR, eine Wache vor meinen Mund, bewahre das Tor meiner Lippen. Lass mein Herz sich nicht neigen zu bösem Wort, dass ich keinen Frevel begehe!“
(Psalm 141,3, Übersetzung: Tagzeitenbuch der Ev. Michaelsbruderschaft)
Ich weiß selber, wie schwer das ist. Und ich bin schon oft daran gescheitert. Der Apostel Paulus hatte zu der Zeit, als es noch echte „tribes“ gab, schon genau dasselbe Problem. Seine Lösung ist sinngemäß: „Ich bin den Juden wie ein Jude geworden, damit ich Juden gewinne, und ich bin den Heiden wie ein Heide geworden, damit ich Heiden gewinne“ (1Kor 9,19-23). Tatsächlich war er beides nicht oder nicht mehr – er war Christ. Und ich glaube, darauf kommt es in dieser Zeit an: Dass auch Menschen aus anderen Universen uns Christen als Christen wahrnehmen können. Vielleicht nicht als einen der ihren. Aber als Christen, in denen sich das Angesicht Christi widerspiegelt.
Dieser Blog-Beitrag von Dr. Gerrit Hohage erschien am 10.03.2022 in „Tief verwurzelt glauben – der Blog zum Buch“. Lesen Sie hier den Original-Beitrag „Ein multiversaler Auftrag„.


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