Markus Till –
Fake & Vertuschung: Teil 2 –
Im Jahr 2023 hat Bill Johnson von einer Konferenz berichtet. Er war bei dieser Konferenz als Gastprediger eingeladen und Bill Johnson hat berichtet, diese Konferenz war unglaublich. Es seien Hunderte von Heilungen passiert, spektakuläre Heilungen. Und eines dieser Wunder hat Bill Johnson besonders hervorgehoben. Er hat berichtet: Auf der Konferenz war eine Frau, die hat nach einem Unfall drei Zehen an ihrem rechten Fuß verloren. Diese Zehen mussten amputiert werden.
Und Bill Johnson berichtet, die Frau hat auf der Konferenz für sich beten lassen und innerhalb von etwa 30 Minuten hätten die Zehen angefangen zu wachsen und bis zum nächsten Morgen habe sie drei brandneue Zehen gehabt und das hat natürlich großen Jubel ausgelöst.
Der Wunderbericht hat sich verbreitet und hat Skeptiker auf den Plan gerufen und die Skeptiker haben eine simple Forderung aufgestellt: Sie sagten, gebt uns einen Beweis, gebt uns ein Foto des Fußes vor und nach diesem Wunder.
Aber die Gemeinde, in der dieses Wunder angeblich passiert ist, hat sich geweigert. Sie sagten: Hey, wir können auch ein Foto zeigen, ihr werdet es uns ja sowieso nicht glauben, wir zeigen euch kein Foto.
Die Frau allerdings war irgendwann so unter Druck – oder warum auch immer sie es getan hat – sie hat dann irgendwann Selbstfotos veröffentlicht und es hat sich herausgestellt, es gab leider keine gewachsenen Zehen. Es gab praktisch überhaupt keinen Unterschied bei den Vorher-Nachher-Bildern. Die Frau hatte nur subjektiv das Gefühl, dass sie jetzt besser und solider auf ihrem Fuß stehen kann, dass sie besser damit gehen kann im Vergleich zu vorher. Aber trotzdem muss man sagen, dieses angeblich so spektakuläre kreative Wunder, das beispielhaft gestanden haben soll für Hunderte von weiteren Wundern, war leider ein Fake gewesen.
Diese Geschichte ist natürlich zuerst mal ein weiteres Beispiel für diese Cover-Up-Culture, für diese Vertuschungskultur. Denn als die Skeptiker Belege für das angebliche Wunder gefordert haben, wurde das lange Zeit abgewehrt. Man hat es offenkundig vertuscht, dass es nicht so überzeugend ist mit diesem Wunder. Man wollte sich der Realität nicht stellen. Man hat zu keinem Zeitpunkt öffentlich eingeräumt, dass es sich hier um einen Fehler gehandelt hat, auch nicht dann, als dieser Fehler dann offensichtlich und öffentlich geworden ist. Diese Kultur der Vertuschung zeigt sich auch hier und das ist das eine Problem. Das andere Problem ist aber auch eine Kultur der Übertreibung.
Und ich würde da uns charismatisch geprägten Christen gerne eine Frage stellen. Ich möchte uns gerne fragen, in welchem Verhältnis stehen unsere oft so euphorischen Berichte von Wundern und Heilungen im Vergleich zur Realität? Ist es deckungsgleich oder ist es nicht viel mehr so, dass wir zur Übertreibung neigen?
Ich habe es ja schon gesagt: Ich will überhaupt nicht in Frage stellen, dass Gott auch heute noch Wunder tut und Menschen heilt. Ich habe das selbst erlebt. Aber ich muss dazu auch sagen, bei diesen Heilungen hat es sich nicht um offenkundige, zeichenhafte Heilungswunder gehandelt. Ja, ich bin jetzt seit Jahrzehnten im charismatischen Umfeld unterwegs und ich muss einfach persönlich ehrlicherweise sagen, ich habe noch kein einziges zeichenhaftes Wunder gesehen. Ich habe noch niemals miterlebt, dass ein Blinder wieder sehen konnte. Ich habe noch niemals miterlebt, dass ein Gelähmter aus dem Rollstuhl aufgestanden wäre.
Ich will uns mit dieser Aussage nicht entmutigen. Ich will nur offen und ehrlich sagen, was ich erlebt habe.
Jetzt kann man natürlich sagen: „Hey, das ist doch gut, mit ermutigenden Berichten Glauben zu wecken. Es ist doch gut, Menschen für Jesus zu begeistern mit solchen Wunderberichten. Es ist doch gut, wenn der Glaube und das Vertrauen von Menschen auf diesen mächtigen, wunderwirkenden Gott durch solche Berichte immer größer wird.“
Und ich kann diese Argumentation verstehen. Nur leider sehen wir jetzt die Kehrseite dieser Kultur, die gerne euphorisch von vielen Wundern schwärmt und zugleich eher schweigt, wenn Menschen krank bleiben oder sterben. Und wenn Menschen dann merken, dass die Realität nicht zu dem Bild passt, das wir verbreitet haben, werden sie enttäuscht und sie wenden sich umso mehr von der Kirche ab oder sie wenden sich sogar ganz ab vom Glauben oder sie kommen erst gar nicht zum Glauben, denn wer will schon der Botschaft einer Kirche glauben, die schönfärberisch übertreibt und es mit der Wahrheit nicht genau nimmt? Wir verlieren unsere Glaubwürdigkeit als Botschafter an Christi Stadt und das ist eine ernste Sache.
So, lasst uns auch deshalb hier ins Neue Testament schauen. Welche Kultur finden wir im neuen Testament? Niemand hat so viele und so spektakuläre Wunder vollbracht wie unser Herr Jesus. In Matthäus 8,16 lesen wir: „Am Abend brachte man viele Besessene zu ihm. Er vertrieb ihre bösen Geister durch sein Wort und heilte alle Kranken.“ Matthäus 12,15 „Scharen von Menschen folgten ihm und er heilte sie alle“. Lukas 6,19 „Jeder aus der Menge versuchte ihn zu berühren, es ging eine Kraft von ihm aus, die alle gesund machte.“ (NeÜ)
Wow, unfassbar. Viele Wunder sind hier geschehen. Aber wie ist Jesus damit umgegangen? Es wäre ja ein Leichtes für ihn gewesen, diese Wunder als PR-Maßnahme für sich zu nutzen. Aber Jesus hat ja oft genau das Gegenteil gemacht. Immer wieder hat er Menschen regelrecht verboten. über ihre Heilung zu sprechen. Ja, statt sich für seine Wunder feiern zu lassen, hat er sich zurückgezogen. Und in Matthäus 8 wird berichtet, wie Jesus einen Aussätzigen geheilt hat. Und dann sagt er zu ihm in Vers 4: „Pass auf, dass du niemand davon erzählst. Geh stattdessen zum Priester, zeig dich ihm und bring das Opfer für deine Reinigung, wie Mose es angeordnet hat. Das soll ein Beweis für Sie sein.“ (NeÜ)
Und dieser Vers kann uns gleich mehrere Dinge zeigen. Zum einen wird hier deutlich: Jesus sucht nicht die schnelle Sensation. Im Gegenteil, er sagt erstmal: „Erzähl niemand davon.“
Und dann sagt er zu dem Mann: „Geh hin und mach den Faktencheck. Lass es prüfen, ob du wirklich geheilt bist.“ Jesus will nicht, dass der Priester durch sensationelle Erzählungen überzeugt wird. Er will die schlichten Fakten sprechen lassen. Und klar, vielleicht geht dann der Priester rum und berichtet davon, welches erstaunliche Wunder hier geschehen ist, aber es sind dann eben die Fakten, die überzeugend wirken und nicht irgendwelche euphorischen Berichte.
Dort, wo tatsächlich echte Wunder geschehen, braucht es diese sensationelle Übertreibung nicht.
Stell dir vor, die Geschichte mit den Zehen wäre so gelaufen. Menschen hätten in aller Stille für diese Frau gebetet, die ihre Zehen verloren hat. Nach dem Wunder hätte niemand darüber gesprochen, aber man hätte die Frau zum Arzt geschickt. Für den Arzt wäre das ein absolut erstaunliches, überzeugendes Wunder gewesen. Womöglich wäre er selbst in seinem Umfeld zum Zeugen geworden für die wunderwirkende Kraft Gottes.
Wenn aber der Arzt feststellt, es stimmt leider gar nicht, es ist gar kein Wunder passiert, ja, dann ist es so umso besser, dass wir nicht etwas herumtrompetet haben, das sich gar nicht bestätigt hat.
Lasst uns doch eine biblische Kultur entwickeln, die nicht übertreibt, die nicht aufbauscht, sondern die ehrlich darüber spricht, wie es bei uns tatsächlich aussieht. Und im Zweifel, lasst uns lieber schweigen, lasst uns eine Kultur entwickeln, in der wir ehrlich darüber reden, wo wir Wunder Gottes erleben, wo wir aber auch ehrlich drüber reden, wo wir die Wunder Gottes eben nicht erleben, wo Gott nicht geheilt hat, wo Gott nicht eingegriffen hat.
Lasst uns auch eine Kultur entwickeln, die den nüchternen Faktencheck nicht scheut, sondern die ihn im Gegenteil sucht, so wie Jesus es gemacht hat. Und wenn dann Wunder unter uns gewirkt werden durch Gottes Kraft, dann werden die Wunder selbst zu den Menschen sprechen und umso überzeugender sein.
Noch etwas können wir aus der Bibel lernen. Die Bibel spricht auch ganz nüchtern darüber, dass es manchmal eben keine Wunder gibt. Die Evangelien berichten, dass Jesus in seinem Heimatort keine oder zumindest fast keine Wunder vollbracht hat. Und Matthäus nennt dafür auch einen Grund. Er schreibt: „Wegen ihres Unglaubens tat er dort nicht viele Wunder.“ (Matthäus 13,58 NeÜ) Mehrfach berichtet die Bibel, dass es in Israel Phasen gab mit Propheten, von denen einige auch spektakuläre Wunder vollbracht haben. Aber es gab auch Phasen, in denen es überhaupt keine Propheten gab. Zum Teil lange Phasen.
Wir haben Gott nicht im Griff. Und wenn es im Moment so sein sollte, dass es nur sehr wenige zeichenhafte Wunder gibt, dann lasst uns das ehrlich so benennen und nicht die Wahrheit verbiegen. Wir brauchen eine Kultur der biblischen Nüchternheit im Umgang mit Wundern.
Morgen werde ich zum dritten Themenfeld kommen und dieses Thema habe ich überschrieben mit dem Satz „Eine Kultur der prophetischen Trefferquoten versus eine Kultur der ehrlichen Prüfung“.
Dieser Blog-Beitrag von Markus Till erschien zuerst auf offenbar bei YouTube als Videobeitrag. Sieh hier den Original-Videobeitrag „Fake & Vertuschung: Warum der Bethel Skandal uns alle betrifft“. (Fett und farblich unterlegt d. Red..)

Über Dr. Markus Till
Evangelisch landeskirchlicher Autor, Blogger und Lobpreismusiker mit pietistischen Wurzeln und charismatischer Prägung. Sie finden Blogbeiträge von Markus Till auf Aufatmen in Gottes Gegenwart und Videobeiträge auf offen.bar bei YouTube und auf YouTube unter Bibel live.

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