Sergej Pauli –
Für sonntägliche Gottesdienste möchte ich mit euch gemeinsam anfangen, die zehn Gebote zu betrachten. Dafür lesen wir aus der Einleitung der zehn Gebote:
Und Gott redete alle diese Worte und sprach: Ich bin der Herr, dein Gott, der ich dich herausgeführt habe aus dem Land Ägypten, aus dem Haus der Knechtschaft. Du sollst keine anderen Götter haben neben mir.
2. Mose 20,1–3 ELB CSV
Da das einige Zeit dauern wird, die zehn Gebote zu betrachten, wollen wir uns heute auf eine Einleitung zum Gesetz Gottes konzentrieren.
Eine historische Einleitung
Eine historische Einleitung ist hier sinnvoll. Wenn wir den Reformator Martin Luther fragen würden, welche biblischen Texte sollte ein Christ kennen, dann würde er uns das erwidern, was er hier im Großen Katechismus festhält:
“Obwohl ich nun ein alter Doktor bin, bin ich niemals weiter gekommen als von der kindlichen Lehre der Zehn Gebote, des Glaubensbekenntnisses und des Vater Unser. Weiterhin lerne und bete ich diese täglich mit meinen Kindern” (aus P. Leithart – 10 Commandments).
Immer wieder, wenn Luther von der christlichen Glaubenslehre spricht, unterstreicht er die Bedeutung der zehn Gebote für das christliche Leben. An einer anderen Stelle spricht er sogar davon, dass der Hausvater Kinder und Knechte streng züchtigen und ihnen das Essen verweigern sollte, wenn sie sich weigern, diese grundlegenden Texte des christlichen Glaubens zu lernen.
Doch warum finden sich hier ausgerechnet die zehn Gebote, wenn doch die Reformationszeit als die Zeit gilt, in der die Rechtfertigung des Sünders aus Gnade allein durch den Glauben an das Werk Christi entdeckt wurde. Müsste man nicht viel mehr einen Text über Gnade lehren, statt über die Gebote?
Verständlicher wird das alles, wenn wir uns klarmachen, dass die mittelalterliche katholische Kirche eine Kultur der Gesetzlichkeit nährte. Überall gab es Anweisungen, wie man durch Stiftungen, Wallfahrten, Ablassbriefe, Zeremonien, Fastenzeiten und vielem mehr die Gunst Gottes erwirken konnte. Die Menschen waren furchtbar verwirrt und orientierungslos. Keiner wusste so recht, was Gott wirklich von Ihnen erwartet! Obwohl sie gleichzeitig ganze Kataloge an Regeln und Beschreibungen von Zeremonien besaßen, blieb die Frage ungeklärt, was Gott erwartet. Was Ihm wohlgefällt. Was sein Gesetz ist.
Die Reformatoren erkannten an dieser Stelle eine wichtige Wahrheit, die Menschen gerne übersehen, die unter Gesetzlichkeit leiden: Das Gegengift für Gesetzlichkeit ist nicht Gesetzlosigkeit, sondern das wahre Gesetz Gottes.
Wir müssen uns klarmachen, wie sehr die uns umgebende Kultur eine Kultur der Gesetzlichkeit geworden ist. Das erste Mal habe ich das in der Corona Zeit mitbekommen, als unzählige Verhaltensregeln angeordnet wurden, die oft blind und sinnlos mit einer Ernsthaftigkeit befolgt wurden, die viel größeren Geboten nie entgegengebracht wurde.
Aber ist Corona ein ungewöhnlicher Einzelfall gewesen? Nein, ich sehe die Tendenz des Menschen zur Gesetzlichkeit überall.
Eine Auswahl:
Bereich Ernährung: Wer “falsch” isst, gilt schnell als undiszipliniert oder sogar als moralisch minderwertig.
Erziehung: Bestimmte Erziehungsmodelle werden nicht nur empfohlen, sondern fast wie Heilswege behandelt.
Politik: Wer die richtigen Begriffe oder Haltungen oder Begriffe nicht exakt übernimmt wird moralisch aussortiert.
Arbeitskultur: Ständige Produktivität, Selbstoptimierung und Karriere werden zum Maßstab für Wert.
Sprache: Statt respektvoller Sprache entwickelt sich ein sozialer Zwang zur unnatürlichen Ausdrucksweise.
Digitales Verhalten: Wer nicht die „richtige“ Empörung zeigt, die richtigen Symbole postet oder auf die richtige Weise reagiert, steht unter Verdacht.
Der Mensch als sein eigener Gesetzgeber versagt
Damit haben wir sehr viele unterschiedliche Lebensbereiche, die alle dieselbe Botschaft haben: Der Mensch als sein eigener Gesetzgeber versagt völlig! Er versklavt sich entweder selbst in unzähligen Regeln, oder, wenn diese ihm zu schwer werden, dann greift er zur Auflehnung der Gesetzlosigkeit und verliert seine Identität in Rebellion.
…aber vom Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen, davon sollst du nicht essen; denn an dem Tag, da du davon isst, musst du sterben. 1. Mose 2,17 ELB CSV
Schon bei der allerersten Regel, die es in der Geschichte der Menschheit gab, war dies bereits so. Eine einzige Regel gab es: 1. Mose 2,17 ELB CSV „vom Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen, davon sollst du nicht essen„;
Satan in Form einer listigen Schlange verschärft dieses Gebot, indem er Eva provoziert: “Ist es nicht so, dass ihr von keinem einzigen Baum essen dürft?” Die Schlange möchte den Menschen zum Gesetzesbruch, zum Widerstand gegen die Gebote Gottes verführen. Und an dieser Stelle wird Eva bereits gesetzlich, denn sie fügt etwas zu Gottes Gebot hinzu. Sie verschärft es, indem sie sagt:
…aber von der Frucht des Baumes, der in der Mitte des Gartens ist, hat Gott gesagt: Davon sollt ihr nicht essen und sie nicht anrühren, damit ihr nicht sterbt. 1.Mose 3,3 ELB CSV
Nicht nur nicht essen, sondern sogar nicht anrühren. Mit dieser eigenwilligen Verschärfung der Gebote Gottes macht sich Eva weiter angreifbar und nach einiger Zeit ist sie bereit, die ganzen Gebote komplett über Bord zu schmeißen und stürzt sich in die Gesetzlosigkeit.
Seit dieser Zeit verfolgt die Menschheit immer wieder das gleiche Muster: Mit unserer eigenwilligen Verschärfung der Gebote Gottes erhöhen wir die Last des Gebotes so sehr, dass sie für uns untragbar werden und wir stoßen sie in Auflehnung von uns. Immer wieder denken wir, dass man Gesetzlichkeit mit Gesetzlosigkeit bekämpfen kann und umgekehrt, dass man Gesetzlosigkeit mit Gesetzlichkeit bekämpfen kann.
Dabei sind beides Abweichungen von dem einen wahren Gesetzgeber Gott.
Unser Text sagt uns, Ich bin der Herr, dein Gott. Ich alleine habe Weisheit und Autorität, Gebote für dein Leben zu geben. Ein Seefahrer benötigte früher den Polarstern, damit er die Seerouten planen konnte und zum Ziel eines sicheren Hafens gelangen konnte.
Unser moralischer Orientierungspunkt ist Gott. Jeder Mensch ist mit einem moralischen Sinn ausgestattet. Es gibt niemals jemanden, der nicht zu wissen meint, was recht und unrecht ist. Wir haben unweigerlich in der Schöpfung diesen Kompass mitgegeben bekommen. Doch man kann einen Kompass unterschiedlich beschädigen. Man kann den Pfeil verbiegen, man kann nebendran einen Magneten dran halten, und schon zeigt die Nadel woanders hin und wir verlieren die Orientierung. Unser moralischer Kompass wird uns niemals in die richtige Richtung zeigen, wenn wir ihn nicht Richtung Gott ausrichten.
Das möchte Gott seinem Volk mitteilen, wenn er – bevor er überhaupt einen Gesetzestext erwähnt – sagt: “Ich bin der Herr dein Gott”. Ich bin dein Gesetzgeber.
Anwendung: —> Hüten wir uns, von den Geboten Gottes etwas abzutragen oder so wie es in der katholischen Kirche des Mittelalters praktiziert wurde, etwas zu diesen Geboten hinzuzufügen.
—> Gott ist der Orientierungspunkt des Gesetzes.
Das Gesetz der Freiheit
Beachten wir auch, Gott platziert seine Gebote an einer Stelle, an der er sagt: Jetzt seit ihr frei. Wörtlich heißt es: der ich dich herausgeführt habe aus dem Land Ägypten, aus dem Haus der Knechtschaft
Ist es wirklich das Gesetz, dass Freiheit gibt? Sind Gebote nicht eine Last? Aber das sagen wir nur dann, wenn wir Freiheit von Autonomie vergessen. Wir vergessen, dass ein Leben ohne Gebote Gottes immer in die Sklaverei führt. Wahrscheinlich ist gerade die Sexualethik das beste Beispiel dafür. Wie sehr wird von allen Plattformen die Auflösung der christlichen Sexualethik gefeiert. Endlich hätte man die konservativen Bande aufgelöst, aber wohl noch nie hat eine Zeit so viele unglückliche Beziehungen, so viele Trennungen, Scheidungen, Alleinerziehende oder gänzlich ausgestoßene Kinder gekannt. Man dachte, man wählt die Freiheit, als man die biblischen Richtlinien zur Ehe über Bord warf, und brachte sich in ungeahnte Knechtschaft.
Ich denke viele Leser kennen den Unterschied der Gebote zwischen dem alten und Neuen Testament. Die alttestamentlichen Gesetze klingen oft “verbietend”. Sie klingen so: “Du sollst nicht, Du sollst keine” – demgegenüber klingen die Gebote im Neuen Testament oft anders, aktiver zur Liebe anleitend. Statt “Du sollst nicht töten”, heißt es nun “Du sollst Leben bewahren, erhalten, beschützen”
Obwohl es diesen Unterschied in der Art wie Gebote im Neuen Testament zum Alten Testament, tatsächlich gibt, sollte er nicht überschätzt werden. Denn ausgerechnet das Hohelied der Liebe aus 1 Korinther 13 wird zu großen Teilen mit “Nicht” Sätzen formuliert. “sie sucht nicht das Ihre, sie lässt sich nicht erbittern, sie rechnet das Böse nicht zu”.
Die Liebe
sie gebärdet sich nicht unanständig, sie sucht nicht das Ihre, sie lässt sich nicht erbittern, sie rechnet das Böse nicht zu, 1. Korinther 13,5 ELB CSV
Warum überhaupt brauchen wir die Gebote?
Warum, ist eigentlich schnell erklärt: “Tue das so wirst du leben”. Die Gebote sind eigentlich eine Richtschnur zum Leben. Niemals sollten wir denken, dass die Gebote Gottes unser Problem wären und nicht unsere Sünde:
Römer 7,14 ELB CSV Denn wir wissen, dass das Gesetz geistlich ist, ich aber bin fleischlich, unter die Sünde verkauft;
Wegen unserer Sünde, kann nun das Gesetz der Freiheit nicht mehr ein Weg zum Heil für uns werden . Wir würden die Gebote falsch anwenden, wenn wir darin unsere Rechtfertigung vor Gott suchen würden. Die Gebote werden in diesem Fall nur unsere Schuld vergrößern.
Römer 7,11 HfA Denn die Sünde benutzte es, um mich zu betrügen: Die Gebote, die mir eigentlich Leben bringen sollten, brachten mir nun den Tod.
Das zeigt uns, dass wir die Gebote Gottes entweder richtig oder falsch anwenden können. Wenn wir das Gesetz als den Weg zu Gott gehen möchten, dann werden wir scheitern. Nein, dann gilt es zu hören: Christus ist des Gesetzes Ende. Nur Jesus ist der Weg zu Gott. Eine Anwendung des Gesetzes, nämlich die als Spiegel unseres Zustandes, kann man gut mit einem Beispiel illustrieren. Eine Illustration aus “Know the Heretics von Justin Holcomb möchte ich bringen.
Es ist wie jemand, der sich rasieren möchte, er nimmt einen Spiegel und schaut sich darin an. Und da sieht er alle Unreinheiten in seinem Gesicht. Aber wie falsch würde er handeln, wenn er sich nun auch mit dem Spiegel rasieren würde?
Eine weitere gute Illustration dazu findet sich in der Pilgerreise:
Christian trägt seine Last der Sünde und bekommt von Evangelist zuerst den Hinweis auf das enge Tor. Auf dem Weg trifft er dann Mr. Worldly Wiseman. Der redet ihm ein, der Weg zum Kreuz sei unnötig schwer und gefährlich. Stattdessen solle er in das Dorf Morality gehen und dort Mr. Legality aufsuchen. Dieser könne ihm helfen, seine Last loszuwerden — also sinngemäß: durch Gesetzlichkeit, Anständigkeit, Besserung, Moral.
Christian geht darauf ein. Aber als er sich dem Berg nähert, erschrickt er furchtbar, weil der Berg drohend über ihm hängt. Das Bild ist klar: Das Gesetz kann die Sünde aufdecken und erschrecken, aber nicht retten. Es verurteilt, statt zu entlasten.
“Die zehn Worte” – Worte des Bundes / Beziehungstexte
Was sind denn nun die zehn Gebote für eine Art von Text? Das wird uns klarer wenn wir zwei Texte betrachten, die Bezeichnungen für die zehn Gebote wiedergeben. Ich möchte aus einer großen Auswahl zwei Verse wählen:
2. Mose 34,28 ELB CSV
Und er war dort bei dem Herrn vierzig Tage und vierzig Nächte; er aß kein Brot und trank kein Wasser. Und er schrieb auf die Tafeln die Worte des Bundes, die zehn Worte.
5. Mose 4,13 ELB CSV
Und er verkündigte euch seinen Bund, den er euch zu tun gebot, die zehn Worte; und er schrieb sie auf zwei steinerne Tafeln.
Damit lernen wir zwei Dinge
a) die zehn Worte sind ein viel umfassenderer Name als zehn Gebote. Wenn wir von Gesetz reden, da könnten wir einwenden: Schau, ich bin in Christus frei vom Gesetz, aber das ist nicht der übliche Begriff, mit dem die Bibel die zehn Gebote bezeichnet. Sie verwendet dafür einen viel allgemeiner gültigen Ausdruck: Die zehn Worte. Und das natürlich stellt uns die Frage: Wie stehst du zu dem, was Gott spricht. Nimmst du es an? Akzeptierst du es?
b) Diese zehn Worte werden dann als Worte des Bundes oder als Bund überhaupt bezeichnet. Deswegen befanden sich die zehn Gebote immer auch in der Bundeslade. Einem Ort in dem der Bund – wir könnten auch Vertrag sagen – aufbewahrt wurde, der die exklusive Beziehung von Gott zu seinem Volk regelte.
Die Gesetze sind also sogenannte Bundestexte, das ist eine Art Vertrag / Vereinbarung, den Gott mit den Menschen schließt. Aber den Bund kann man nicht wirklich mit einem Vertrag vergleichen, denn dieser kann ja gekündigt werden, aber ein Bund ist immer ein Bund fürs Leben.
Der Vertrag ist eigentlich eine falsche Bezeichnung für den biblischen Begriff Bund, da ein Vertrag niemals das zur Sprache bringt, was der Bund macht: Dieser drückt immer eine Beziehung aus, und hier wird es deutlich, die Gesetze sind an die zweite Person Singular maskulin gerichtet. So, als würde jemand mit einem Mann sprechen und ihm sagen: “Du, Du, Du sollst” und die Worte richten sich von Gott dem Vater an Israel, das hier als sein Sohn steht.
Hier haben wir einen sehr starken Hinweis auf Jesus. Während Israel damals versagte und die Bundesauflagen nicht hielt, finden wir einen Sohn Gottes von dem Gott sagen konnte: “Dies ist mein Lieber Sohn an dem ich mein Wohlgefallen habe”. Jesus war der, der immer in völliger Übereinstimmung mit den Bundesauflagen Gottes lebte.
Bereits befreit
Israel bekommt die zehn Worte als Bundestexte der Freiheit. Und wenn wir auf den Exodus schauen, wird klar: Ja natürlich, sie waren ja schon wunderbar aus Ägypten herausgeführt, bevor es das Gesetz gab, sie wurden aus der Sklaverei bereits davor befreit. Sie wurden bereits davor durch das Blut des Lammes, das an die Türpfosten gesalbt wurde, vor dem Gericht befreit. Sie wurden wunderbar durch den Glauben durchs Rote Meer geführt, sie tranken bereits aus einem Felsen lebendiges Wasser, der Fels aber war Christus (1. Kor 10,4) und sie wurden schon auf Mose getauft in der Wolke und am Meer.
Das zeigt uns den Wert der Gnade bereits in diesem mosaischen Bund. Die Gnade war schon längst am Wirken, bevor überhaupt irgendwelche Gebote festgelegt wurden. Gelegentlich übersehen wir den hohen Stellenwert der Gnade in diesem Bund Moses. Ohne überfließende erlösende, befreiende wirksame Gnade wäre es gar nicht möglich gewesen, dass das Volk Israel überhaupt irgendwie am Berg Sinai hätte stehen oder die Gebote Gottes hätte vernehmen können.
Daraus ableitend möchte ich zwei Ermutigungen mitgeben, die uns diese nächste Woche begleiten dürfen:
a) Suche zuerst Gott und er wird dich zu seinen Geboten bringen.
Ich habe auf deine Rettung gewartet, Herr; und deine Gebote habe ich getan. Psalm 119,166 ELB CSV
b) Wenn du Gott gefunden hast, fange an, seine Gebote zu befolgen.
Dieser Blog-Beitrag von Sergej Pauli erschien zuerst auf glaubend.de, lies hier den Original-Artikel „Eine Viertelstunde über Gottes Gebote„.
Über Sergej Pauli

Hallo, ich bin Sergej Pauli, Jahrgang 1989 und wohne in Königsfeld im Schwarzwald. Ich bin Ingenieur, verheiratet, habe vier Kinder. Diesen Blog möchte ich nutzen, um über das Wort Gottes und seine durchdringende Wirkung bis in unsere Zeit zu schreiben. Hast du bestimmte Fragen oder Anliegen, dann scheue dich nicht, mich zu kontaktieren. Hast du bestimmte Fragen oder Anliegen, dann scheue dich nicht, mich zu kontaktieren auf glaubend.de .

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