Sergej Pauli –
Zeugnisgeben und evangelikales Christsein gehören untrennbar zusammen. Sprichwörtlich für den Geist der Erweckungs- und Evangelisationsbewegung um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert ist die Losung: „Jeder Christ – ein Evangelist.“ Sie bringt den evangelikalen Drang zum Ausdruck, die Frohe Botschaft nicht für sich behalten zu können.
Bei vielen evangelistischen Initiativen bleibt jedoch ein mulmiges Gefühl zurück. Da ist zum Beispiel jene Schwester, die kaum einen Büchertisch auslässt, ohne zu bezeugen, „wie Jesus frei macht“. Zugleich lebt sie schon seit einiger Zeit in offener sexueller Sünde und in einer zerbrochenen Beziehung, an deren Scheitern sie selbst einen erheblichen Anteil trägt. 1
Ein anderer Bruder ist seit Jahrzehnten dabei und bezeugt die Freude, die er in Jesus gefunden hat – allerdings mit einem Gesicht, das so unglücklich aussieht wie der leibhaftige Tod. Die Schwester kann in sexueller Sünde leben und trotzdem etwas Wahres über die befreiende Kraft Christi sagen. Das Problem ist nicht zwingend der Inhalt ihrer Aussage, sondern die fehlende Übereinstimmung zwischen Bekenntnis und Lebensführung – besonders dann, wenn keine Umkehrbereitschaft besteht.
Man könnte deshalb fragen: Wie viel Ehrlichkeit erfordert die Verkündigung des Evangeliums?
Als ich vor einiger Zeit die Hintergründe des irreführenden Zeugnisses vom „Bibelraucher“ untersuchte, begegnete mir immer wieder dieselbe bedenkliche Reaktion: Es sei doch gleichgültig oder zumindest zweitrangig, ob seine Geschichte erfunden sei oder nicht – solange sie nur Menschen zum Evangelium führe. Schließlich hätten sich durch dieses Zeugnis viele Menschen bekehrt.
Um es polemisch auszudrücken: Es ist ein jesuitischer und kein evangelischer Geist, der davon ausgeht, der Zweck heilige die Mittel. Darin liegt wohl auch eine Erklärung dafür, warum das Zeugnis des Bibelrauchers derart beschönigt wurde: dramatische Umkehr, unerwartete und umfassende Versöhnungen, keine Scheidung und vieles mehr. Man wollte die größtmögliche Wirkung erzielen. Das Ziel wurde so wichtig, dass kosmetische Eingriffe in den Bericht vertretbar, ja geradezu notwendig erschienen.
Doch die Wahrheit ist an sich so wichtig, dass an ihr das Evangelium hängt. Sollte sich herausstellen, dass die Evangeliumsberichte verfälscht wurden, wäre es falsch, trotzdem am Evangelium festzuhalten. Gerade deshalb ist die Glaubwürdigkeit der Bibel ein so hohes Gut. Wenn Christus nicht auferstanden ist, gibt es keinen vernünftigen Grund, Christ zu bleiben.
Darum ist Ehrlichkeit bei der Verkündigung ein unverzichtbares Gut. Möglicherweise spielt auch deshalb die Warnung vor Heuchelei eine so zentrale Rolle in der Lehre des Neuen Testaments. Auffällig ist jedenfalls, dass bereits in der jungen Gemeinde Täuschung und geistliche Selbstdarstellung mit großer Schärfe aufgedeckt wurden: bei Ananias und Saphira in Apostelgeschichte 5 und, in einem weiteren Sinne, auch bei Simon dem Zauberer in Apostelgeschichte 8.
Dass dieses kleine Mehr an Ehrlichkeit oft hart erkämpft werden muss, ist offensichtlich. Der Prediger, dessen evangelistische Zurufsbotschaften ich am häufigsten gehört habe, spricht regelmäßig von der „absoluten Bankrotterklärung“ vor Gott als einem notwendigen Bestandteil biblischer Wiedergeburt. Jedes Mal frage ich mich jedoch, wie sich diese Bankrotterklärung in seiner eigenen Biografie konkret gezeigt hat. Schließlich stammt er aus einem wohlbehüteten Elternhaus und war, soweit man es von außen beurteilen kann, schon immer ein ordentlicher Mensch. Die verkündete dramatische 180-Grad-Wende lässt sich in seiner Lebensgeschichte jedenfalls nicht ohne Weiteres erkennen. Man könnte nun sagen, auch ein „ordentlicher Mensch“ erfährt ja eine 180-Grad-Wende. Wohl gesprochen ja, doch wurde genau das in der verkündeten Botschaft so nicht erwähnt!
Ehrlicher und hilfreicher wäre es möglicherweise, in einer evangelistischen Botschaft konkret zu zeigen, wie das Evangelium in bestimmten Bereichen – etwa im Umgang mit Streit, Schuld, Vergebung, Faulheit oder Verbitterung – wirkliche und bleibende Veränderung hervorgebracht hat und weiterhin hervorbringen kann.
Zu den entscheidenden Folgen des Todes und der Auferstehung Christi gehört die Veränderung des Menschen.Das Evangelium kennt deshalb keinen hoffnungslosen Fall. Aber diese Veränderung geschieht nur selten vollständig in einem einzigen Augenblick. Das ist manchmal auch Trost, wenn unsere eigene Veränderung trotz erfahrener Bekehrung so viel Zeit erfordert. NIcht die Veränderung sondern die Tat Christi ist das Zentrum des Evangeliums!
Gewiss gibt es Menschen – und ich kenne selbst einige –, die in einem Moment von Süchten, Abhängigkeiten oder Ängsten frei wurden, kaum dass Christus ihnen begegnet war. Doch keiner von ihnen wurde augenblicklich zu einem vollkommenen Heiligen. Die Botschaft von der befreienden Kraft Christi sollte daher nicht so verkündigt werden, als erhielte man bei der Bekehrung mit einem Schlag „das gesamte Paket aus Rettung und vollendeter Heiligung“.
Das „ganze Paket der Rettung“ empfängt der Gläubige insofern tatsächlich in Christus. Er besitzt aber noch nicht die vollendete Erfahrung aller Bestandteile dieser Rettung. Epheser 2,8–10, Römer 5,1, 2. Korinther 3,18 und Philipper 1,6 kennen und stellen diese Spannung gut dar.
Manchmal klingen wir Christen beinahe so: Da war dieses eine Gebet bei der Bekehrung, und seitdem sei man derart vollständig verändert, dass eigentlich nur noch verwundert, warum einem keine Flügel gewachsen sind und man nicht unmittelbar in den Himmel entrückt wurde.
Eine solche Darstellung kann für Menschen, die echte Begegnungen mit Gott erlebt haben, sehr belastend werden. Sie scheitern nicht an den Worten der Bibel und nicht an den Zusagen des Geistes, sondern an den Erzählungen ihrer Glaubensgeschwister. Diese vermitteln ihnen den Eindruck, bei ihnen sei mit einem Gebet und in einem einzigen Augenblick alles erledigt gewesen.
Damit verbunden ist die Vorstellung, ein Christ sei Gott niemals näher als am Tag seiner Bekehrung. Dieser Tag wird häufig als der reinste, heiligste, hingegebenste und geistlich intensivste Tag seines gesamten Lebens dargestellt. Das widerspricht jedoch den vielen biblischen Texten, die von Wachstum, Reife und zunehmender Erkenntnis sprechen. Es wäre töricht anzunehmen, ein langjähriger Christ könne nicht mehr oder nicht erneut in der ersten Liebe leben.
Dabei geraten auch wir selbst in eine fatale Falle: Das Eingeständnis der eigenen Sündhaftigkeit wird immer schwerer. Das betrifft nicht zuletzt die Predigt. Da predigt jemand über die Lüge, vermittelt aber zugleich den Eindruck, Christen sagten grundsätzlich die Wahrheit. Allenfalls müssten wir noch ein wenig authentischer werden, gelegentlich besser auf unsere Worte achten oder vielleicht gegen den Gedanken ankämpfen, nicht ganz ehrlich zu sein. Im Wesentlichen, so scheint es, betreffe das Problem der Lüge den Christen jedoch gar nicht mehr.
Paulus war realistischer. Er schrieb an Christen: „Wer gestohlen hat, stehle nicht mehr“ (Epheser 4,28). Auch im übrigen Kapitel setzt er keineswegs voraus, dass Christen all seine Ermahnungen ohnehin schon befolgten. Vielmehr fordert er sie dazu auf, das alte Verhalten abzulegen und ihrer neuen Stellung in Christus entsprechend zu leben. Das Neue Testament spricht Christen ihre neue Identität zu, ohne ihre fortbestehende Fähigkeit zur Sünde zu beschönigen.
Einmal erlebte ich, wie zwei junge Menschen in einer größeren Runde davon erzählten, was Jesus in ihrem Leben bewirkt habe. Viele Zuhörer waren bis zu Tränen gerührt. Ich kannte einige von ihnen und wusste, dass sie sich genau diese Veränderung schon seit Jahren wünschten. Während sie noch mitten im täglichen Lebensmist steckten, schienen die Zeugnisgebenden endlich das erreicht zu haben, wonach die anderen so lange verlangten.
Meine vorsichtig geäußerte Vermutung, die Zeugnisse könnten beschönigt sein – schon damals wusste ich von einigen verschwiegenen Aspekten –, wurde beinahe als Angriff auf das Evangelium verstanden. Nur wenige Monate später bestätigte sich meine Sorge: Das gesamte Zeugnis erwies sich als konstruierte Fassade. Die beiden Zeugnisgebenden erlebten einen so tiefen Fall, dass mir bis heute davor graut.
Ein anderer berichtete mir von einem Mann, der öffentlich Zeugnis davon abgelegt hatte, von seiner Drogensucht befreit zu sein und nun sein Glück in Jesus gefunden zu haben. Nur wenige Wochen später starb dieser Mann während eines erneuten Drogenkonsums an einer tödlichen Überdosis.
Ich berichte diese beiden Begebenheiten, um die große Attraktivität beschönigter Zeugnisse sichtbar zu machen. Die Alternative klingt zunächst erschreckend langweilig. Das gewöhnliche Leben ist grau und enthält viel zu viele alltägliche Kämpfe, Rückschläge und ungelöste Fragen. Man stelle sich nur vor, wie langweilig ein durchschnittlicher evangelistischer Zurufsgottesdienst würde, wenn man die obigen Einwände ernst nähme.
Doch dieses Plädoyer für die Langeweile scheint mir der einzige Weg zu größerer Ehrlichkeit zu sein. Vielleicht hängt unser Leben – und zwar nicht nur dieses irdische – davon ab, ob wir bereit sind, uns für dieses kleine Mehr an Ehrlichkeit zu entscheiden.
Fußnote
- Die in diesem Beitrag geschilderten Beispiele beruhen auf tatsächlichen Begebenheiten. Zum Schutz der betroffenen Personen wurden einzelne Umstände verändert, miteinander verbunden oder bewusst ungenau wiedergegeben. Diese Anpassungen verändern nicht den für die Argumentation wesentlichen Kern der jeweiligen Begebenheit. ↩︎
Dieser Blog-Beitrag von Sergej Pauli erschien zuerst auf glaubend.de, lies hier den Original-Artikel „Hör auf zu lügen, wenn du missionierst!„.
Über Sergej Pauli

Hallo, ich bin Sergej Pauli, Jahrgang 1989 und wohne in Königsfeld im Schwarzwald. Ich bin Ingenieur, verheiratet, habe vier Kinder. Diesen Blog möchte ich nutzen, um über das Wort Gottes und seine durchdringende Wirkung bis in unsere Zeit zu schreiben. Hast du bestimmte Fragen oder Anliegen, dann scheue dich nicht, mich zu kontaktieren. Hast du bestimmte Fragen oder Anliegen, dann scheue dich nicht, mich zu kontaktieren auf glaubend.de .

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