Im Rahmen der täglichen Morgenliturgie der Christus-Gemeinde Hannover habe ich im Kurzimpuls zur heutigen Losung die Frage der Möglichkeit der Gotteserkenntnis aufgegriffen.
Meinst du, dass sich jemand so heimlich verbergen könne, dass ich ihn nicht sehe?, spricht der HERR. Bin ich es nicht, der Himmel und Erde erfüllt?, spricht der HERR.
1. Korinther 8,3
Jeremia 23,24 LUT2017
Wenn aber jemand Gott liebt, der ist von ihm erkannt.
Erkenntnis ist Erhebung über das Erkannte
Wissen ist Macht. Dieser Spruch ist eine Verkürzung von einem Zitat von Francis Bacon, der im 16. Jahrhundert gelebt hat. Bacon hat erkannt, dass Wissen und Macht zusammenfallen. 1 Nur wenn wir die Ursprünge von Dingen kennen, können wir auch deren Wirkung verstehen. Dieser Gedanke wurde schnell zum Leitgedanken der Aufklärung und hält bis heute an.
Wenn ich mir Wissen über etwas aneigne, dann kann ich mich dem bemächtigen. Wenn ich Wissen über die Natur habe und weiß, wie sie funktioniert, dann kann ich sie zu meinen Gunsten nutzen. Wenn ich Wissen über die Naturkräfte habe, kann ich zum Beispiel Wind- oder Solarkraftwerke bauen. Mit psychologischem Wissen über den Menschen kann ich Marketingstrategien entwickeln oder Propagandafeldzüge planen. Mit dem Wissen über Pflanzen kann ich hektarweise Gewächshäuser aufbauen und Gemüse mit der perfekten Wasserration etc. züchten.
Mit der Erkenntnis über etwas bringen wir das Erkannte in unseren Besitz. Weil wir es durchschauen, eignen wir es uns an. Dadurch stellen wir uns über das Erkannte. Mit dem Wissen über die Pflanzen, können wir die Pflanzen kontrollieren und uns über sie stellen. Mit Wissen über die Naturkräfte, die Tiere und die Menschen, ist es dasselbe. Doch wie ist es bei Gott?
Gotteserkenntnis ist ein Geschenk Gottes
Der deutsche Philosoph Friedrich Heinrich Jacobi hat diesen Gedanken aufgegriffen und meinte, dass «der Gott, der gewusst werden könnte, […] gar kein Gott [wäre].» 2 Ja, logisch. Wenn wir uns Wissen über Gott aneignen könnten, dann könnten wir Gott in Besitz nehmen. Wir könnten ihn uns aneignen. Wenn ich weiß, wie Gott oder Jesus ist, dann ist er mein Gott und mein Jesus, und ich würde mich über ihn stellen. Dieser Gedanke ist gerade euch heute wieder populär in der liberalen Theologie, welche über Worthaus auch in Freikirchen grassiert.
Das Argument von Jakobi beweist aber nur, dass es kein Erkennen Gottes gibt, das nicht durch Gott selbst geschenkt würde, dass alles Erkennen auf göttlicher Gabe beruht. So könnte man mit Adolf Schlatters Worten sagen: Der Gott, welcher ohne Gott gewusst werden könnte, wäre kein Gott.
Der Gedanke von Jacobi und Worthaus, dass man ja eh nichts über Gott wissen könnte, führt letztlich in einen denkfeindlichen Glauben. Doch wenn es so ist, dass Gott uns Dinge über sich offenbart, also uns die Möglichkeit gibt, Dinge über ihn wissen zu können, dann ist Denken im Glauben nicht verboten, sondern sogar unsere Pflicht!
Erkenntnis ist ein Beziehungsbegriff
Erkenntnis ist im biblischen Denken aber weit mehr als sich Wissen aneignen. Es ist ein In-Beziehung-treten. Wenn es heißt „Adam erkannte seine Frau Eva und sie wurde schwanger“, dann trat er in Beziehung mit Eva. Als Adam vom Baum der Erkenntnis nahm, trat er in Beziehung mit dem Bösen. Wir eigenen uns wahres Wissen über etwas an, wenn wir in Beziehung treten. Jedes Buch, das wir lesen, vermittelt uns nur beschränktes Wissen. Jedes Buch über meine Ehefrau oder meinen Ehemann wird niemals so viel über den Partner aussagen, als ein Tag mit dem Partner zu verbringen.
Und so ist wahre Gotteserkenntnis nur in Beziehung mit ihm möglich. Gott offenbart uns Dinge über sich und macht sich erkennbar. Wir können das missbrauchen oder so wie es Gott sich wünscht gebrauchen, um in Beziehung mit ihm zu treten.
Gottes Allmacht bemächtigt ohne Macht zu verlieren
Ja, Gott gibt uns so gewissermaßen Macht. Er gibt uns die Macht, ihn abzulehnen und lieber vom Baum der Erkenntnis zu speisen. Er macht sich so auch ein Stück weit verletzbar. Und doch bleibt er allmächtig. Sein Reich und sein Wesen sind unantastbar. Gott kann Macht abgeben, ohne Macht zu verlieren. Wäre sein Reich antastbar, müssten seine Anhänger ihn verteidigen. Doch den König der Könige kann man sogar am Kreuz töten, und er besiegt dadurch den Tod. Sie wollten sein Reich vernichten, doch er stellte sein Siegesmal dadurch gerade erst recht auf.
Gott will mit uns in Beziehung treten und er will, dass wir uns Wissen über ihn aneignen. Und in dieser Beziehung können wir ihn für uns beanspruchen. Er wird zu meinem Gott und wie es in Hohelied 2, 16 heißt: „Mein Geliebter ist mein und ich bin sein;“ Ja, Gott wird mein. Aber ich kann mich nicht über ihn stellen. Er bleibt erhaben. Er bleibt unantastbar: Egal, welches Wissen er über sich mir offenbart. Und alles wahre Wissen, das wir über Gott erhalten, löst in uns das Gefühl der Bewunderung und Verehrung aus. Ja, die Erkenntnis Gottes führt uns in den Lobpreis, weil Gotteserkenntnis unseren Verstand übersteigt.
Alles durchschauen oder sich durchschauen lassen?
Wenn wir Gott lieben, dann treten wir in Beziehung mit ihm. Und es ist nicht nur so, dass wir dann wahres Wissen über Gott erkennen und uns das in Lobpreis führt, nein wir werden auch von Gott erkannt. Nicht in dem Sinn, dass sich Gott Wissen über uns aneignet, sondern in dem Sinn, dass wir wieder neu sein Eigentum werden. Wir stellen uns unter seinen Blick der Liebe. Und dieser Blick ist ein heilsamer Blick für unser Leben. Es ist der Ort der Freiheit, weil nur unter seinem Blick die verdrehten Dinge in unserem Leben wieder in Ordnung kommen. Oftmals wollen wir alles in dieser Welt durchschauen, doch es wäre besser, wenn wir uns selbst von Gott durchschauen lassen.
Gott sieht uns sowieso und wir können nichts vor ihm verbergen. Und ja, unsere Rebellion und Sünde löst Zorn bei ihm aus. Doch seine Liebe hält seinen Zorn zurück und er ruft dich dazu auf, dich mit ihm versöhnen zu lassen. Stell dich ganz bewusst unter seinen Blick. Jesus wurde am Kreuz zum Zornableiter für dich, du darfst seine Wunden und seinen Tod für dich beanspruchen und für dich in Besitz nehmen, damit du sein Besitz, sein Kind, sein Eigentum wirst.
Ich schließe mit einem Zitat des Heiligen Augustinus:
„Wenn du etwas Böses tun willst, ziehst du dich aus der Öffentlichkeit in dein Haus zurück, wo kein Feind dich sehen kann; von jenen Stätten deines Hauses, die offen und für die Augen der Menschen sichtbar sind, begibst du dich in dein Zimmer. Sogar in deinem Zimmer fürchtest du dich vor irgendwelchen Zeugen aus einer anderen Ecke; du ziehst dich in dein Herz zurück, und dort sinnst du nach: ER ist noch inwendiger als dein Herz. Wo auch immer du also hingeflohen sein magst, ist ER schon da.
Wohin willst du aus dir selbst fliehen? Wirst du dir nicht selbst überall dorthin folgen, wohin du fliehen willst? Doch weil es jemanden gibt, der sogar noch inwendiger ist, als du es selbst bist, gibt es keinen Ort, wohin du vor einem zornigen Gott fliehen könntest, außer zu einem versöhnten Gott. Es gibt überhaupt keinen Ort, wohin du fliehen kannst. Willst du vor ihm fliehen? Fliehe vielmehr zu ihm hin!“
- Das Originalzitat von Francis Bacon (1561-1621) steht in Aphorismi de interpretatione naturale de regno homninis und lautet: «Scientia et potentia humana in idem coincidunt, quia ignoratio causae destituit effectum»: «Wissen und Macht des Menschen fallen zusammen, weil Unkenntnis der Ursache auch über deren Wirkung täuscht.» ↩︎
- Adolf Schlatter, Das Verhältnis von Theologie und Philosophie I, 85 ↩︎
Dieser Blog-Beitrag von Matthias Teh erschien am 01.07.2020.
Über Matthias Teh
Matthias Teh hat Theologie am Theologischen Seminar St. Chrischona und an der staatsunabhängigen Theologischen Hochschule Basel studiert. Er ist Pastor und Christlicher Berater i.A. (IGNIS). Galater 2,20 LUT2017 ist sein Leitvers: „Ich bin mit Christus gekreuzigt. Ich lebe, aber nun nicht ich, sondern Christus lebt in mir.“

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