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Sind Kinder eine Last?

Entstehen Großfamilien nur im Umfeld von geistlichem Missbrauch?

In den letzten Wochen machen unterschiedliche Aussagen von N. Kronwald die Runde, die das Kinderkriegen unter Zwang kritisieren.

Übrigens: Das ist eine wirklich berechtigte Kritik! Stellt euch einmal vor, eine Mutter müsste ihrem Kind irgendwann gestehen: „Eigentlich wollte ich dich nicht. Man hat mich gezwungen, dich zu gebären.“ Welch ein Desaster.

Dennoch scheint hier etwas schiefzulaufen. Ein Land mit einer Geburtenrate von 1,35 mag viele Probleme haben – aber sicher nicht das von „zu vielen Kindern“.

Und einmal ganz praktisch gefragt: Würde eine reduzierte Geburtenrate in christlichen Kreisen die Häufigkeit von geistlichem Missbrauch senken? Und sind jetzt die Großfamilien das Problem – oder ist es das Kind? Wenn es doch bloß so einfach wäre, Machtmissbrauch in den Griff zu bekommen …

In jedem Fall löste Kronwald eine Kontroverse aus und griff dabei auch zu einer weniger gelungenen Illustration. Diese zeigt einen Fötus in Seitenansicht, getaucht in rötlich-goldene Farbtöne der Gebärmutter. Darunter steht die Aufschrift:
„Liebe Mama, dein Kind ist NICHT das Kreuz, das du um Jesu willen tragen musst.“

Obwohl ich Kronwald als pro life einschätzen würde, könnte man diese Aussage – mit einer anderen Vorprägung – auch so deuten: „Wenn es kein Kreuz ist, das getragen werden muss, dann darf man es auch ablegen.“

Ein Beispiel für die absurde Situation, dass sich eine konservative Lebenswelt mit einer liberalen überschneiden kann. Beide beginnen, das Kind an sich zur Last zu erklären. Der Konservative erklärt das Kind zu einer Last, die es „um Christi willen“ zu tragen gilt, während der Liberale das Kind zu einer Last erklärt, die es um jeden Preis zu vermeiden gilt.

Natürlich haben beide Gruppen ganz unterschiedliche Gründe für ihre Beschwerden: Den einen hält das Kind von Karriere und Urlaub ab, während der andere ja eigentlich … ja, was eigentlich? So ganz klar wurde mir das nicht.

Deswegen gehen Beiträge wie auch dieser hier am eigentlichen Ziel vorbei. Man müsste vielmehr die Frage beantworten, warum neuerdings so viele Christen das Kinderkriegen zu einer kaum ertragbaren Last erklären. Stattdessen beschäftigt man sich am Ende doch nur mit Aspekten der Familienplanung.

Ich würde behaupten, dass eine pro-life-Einstellung immer auch eine kinderbejahende Kultur voraussetzt – und sich nicht allein auf den Schutz ungeborenen Lebens beschränkt. Irgendetwas gerät hier aus den Fugen.

Und an dieser Stelle kann ich Kronwald wirklich recht geben: Wenn Kinder zur Ware oder zu Objekten werden, von denen man entweder möglichst wenige oder möglichst viele haben soll, haben wir sie bereits entmenschlicht. Dann haben wir uns von ihnen entfremdet und den Bezug zu ihnen verloren.

Ist es nicht absurd, dass wir ausgerechnet in unserer westlichen Zivilisation Kinder für eine solche Last halten?

Befürchtungen, nicht ausreichend Essen auf den Tisch zu bringen, sind uns heute nahezu unbekannt. Wir besitzen zahlreiche technische Hilfsmittel und einen – wenn auch nicht komfortablen, aber doch funktionierenden – Sozialstaat. Man könnte meinen, dass gerade jetzt eine der besten Zeiten für Kinder überhaupt sei. Und gleichzeitig befinden wir uns in sämtlichen westlichen Kulturen auf einer historisch niedrigen Geburtenrate.

Obwohl unsere Kinder heute Ausbildungsmöglichkeiten besitzen, von denen viele Menschen früher nur träumen konnten, höre ich regelmäßig den Einwand, es komme auf die „Qualität“, nicht auf die „Quantität“ an. Plattitüden, die abgespult werden, ohne dass jemand bereit wäre, die generelle Kinderfeindlichkeit unserer Kultur zu hinterfragen.

Dabei gibt es gute Gründe, diese Kinderfeindlichkeit zu überdenken.

Da wäre zum Beispiel die Überzeugung, dass „etwas anderes“ – meist ist damit eine bezahlte Angestelltentätigkeit gemeint – besser, freier und unabhängiger sei. Ehrlich gesagt halte ich das für eine der größten kapitalistischen Lügen überhaupt, die dem Markt vor allem billige Arbeitskräfte beschert.

Viele sind überzeugt, dass meine Frau etwa nützlicher oder besser dran wäre, wenn sie für etwas mehr als den Mindestlohn Brötchen verkaufen würde, statt zu Hause bei ihren Kindern zu sein. Wir kennen einige Großfamilien in unserem Umfeld, und tatsächlich wäre es politisch gewollt und finanziell ertragreicher, wenn jede dieser Frauen einfach auf die Kinder der anderen aufpassen würde.

Aber genau das ist doch der Punkt: Warum gilt es als angesehener, auf fremde Kinder aufzupassen als auf die eigenen? Wer diktiert solche Wertmaßstäbe – und warum lassen wir uns das diktieren?

Doch das ist nur ein Detailaspekt. Ich glaube, der eigentliche Grund liegt tiefer.

In einem gewissen Sinne sind Kinder nämlich tatsächlich eine Last. Die Investition an Liebe, Kraft, Zeit, finanziellen Mitteln und oft auch Gesundheit wird sich niemals „auszahlen“. Wer Kinder bekommt, weil sie einem „so viel zurückgeben“, ist auf dem Holzweg.

Kinder sind eine Last – ja. Aber warum vergessen wir, dass sie eine Last sind, die oft leichter zu tragen ist als viele andere? Ist eine Karriere, selbst eine steile, keine Last? Ist kirchliche Verantwortung keine Last?

Gerade bei Lasten, die aus Beziehungen erwachsen, sind Lasten oft nicht wirklich noch als Lasten zu bezeichnen. Wie so oft bringt es ein Song auf den Punkt: „He ain’t heavy, he’s my brother“ – er ist mein Bruder und deshalb nicht schwer. Das wussten schon The Hollies. Fehlt uns nicht genau diese Haltung gegenüber unseren eigenen Kindern? Sie sind unsere Kinder – und deshalb nicht schwer.

In der Bibel werden Kinder nicht primär als Projekt, Aufgabe oder Last beschrieben, sondern als Gabe Gottes. Eine der bekanntesten Stellen formuliert das unmissverständlich:

„Siehe, Kinder sind eine Gabe des HERRN, und Leibesfrucht ist ein Geschenk.“
(Psalm 127,3 LUT)

Der hebräische Begriff, der hier mit „Gabe“ oder „Erbe“ übersetzt wird (naḥălâ), bezeichnet etwas, das nicht erarbeitetnicht eingefordert und nicht kontrolliert werden kann. Eine Gabe entzieht sich gerade dadurch der Logik von Leistung, Nutzen oder Planung. Kinder erscheinen im biblischen Denken nicht als Ergebnis optimaler Lebensführung, sondern als etwas, das dem Menschen anvertraut wird.

Bemerkenswert ist, dass die Bibel diesen Gedanken nicht an ideale Lebensumstände bindet. Kinder gelten auch dort als Gabe, wo Armut, Unsicherheit oder Fremdherrschaft herrschen. Das bedeutet: Der Wert des Kindes ist nicht abhängig von Stabilität, Komfort oder Zukunftssicherheit.

Ein letzter Gedanke: Man schätzt die Herausforderungen einer Großfamilie häufig völlig falsch ein. Ich selbst stamme aus einer kleineren Patchwork-Familie und ließ mich auf das Experiment „Großfamilie“ ein. Immer wieder stelle ich fest, dass ich mir sowohl Freude als auch Leid einer Großfamilie ganz anders vorgestellt habe.

Ein Beispiel: Wollt ihr wissen, welche Herausforderung mich in den letzten Jahren am meisten begleitet hat? Einen geeigneten Augenarzt für unsere Kinder zu finden. Niemals hätte ich gedacht, dass ausgerechnet das einmal zu einer derart großen Herausforderung für unser Familienleben werden würde.

Ich erwähne das nur als Beispiel dafür, dass wir aufgrund unserer kinderarmen Kultur langsam vergessen, welche ganz konkreten Fragen Familien tatsächlich umtreiben.

Vielleicht sollten wir vielmehr fragen: Was ist in unserer Kultur geschehen, dass Kinder heute so selbstverständlich als Last gelten – und warum fällt es uns immer schwerer, sie als Gabe zu denken, selbst dort, wo wir es eigentlich besser wissen müssten?

Zwei Jungs sitzen da und warten auf irgendetwas .....Sind Kinder eine Last?

Mehr:

Eine Viertelstunde über die Herausforderungen einer Familie

Die Sache mit den Kindern – Ein Text von Kevin DeYoung

Eine Klarstellung ist nötig: Dieser Text richtet sich ausdrücklich nicht gegen Menschen ohne Kinder – vor allem nicht gegen solche, denen Kinder verwehrt geblieben sind. Es geht hier nicht um moralische Überlegenheit oder um Lebensmodelle, sondern um eine kulturelle Grundstimmung, in der Kinder zunehmend als Problem, Last oder Risiko wahrgenommen werden. Diese Entwicklung betrifft nicht einzelne Biografien, sondern unsere gemeinsame Sprache, unsere Prioritäten und letztlich unser Menschenbild.


Dieser Blog-Beitrag von Sergej Pauli erschien zuerst auf glaubend.de, lies hier den Original-Artikel „Sind Kinder eine Last?“

Über Sergej Pauli

Hallo, ich bin Sergej Pauli, Jahrgang 1989 und wohne in Königsfeld im Schwarzwald. Ich bin Ingenieur, verheiratet, habe vier Kinder. Diesen Blog möchte ich nutzen, um über das Wort Gottes und seine durchdringende Wirkung bis in unsere Zeit zu schreiben. Hast du bestimmte Fragen oder Anliegen, dann scheue dich nicht, mich zu kontaktieren. Hast du bestimmte Fragen oder Anliegen, dann scheue dich nicht, mich zu kontaktieren auf glaubend.de .


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…mit Links werden erst nach einem positiven Check freigeschaltet

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