Ulrich Parzany –
Was für eine verrückte Frage. Welcher Jesus darfs denn sein? Macht die Frage überhaupt Sinn? Natürlich, es gibt doch nur einen Jesus. Und von dem lesen wir in der Bibel ausführlich in den Evangelien, was er gesagt, was er getan hat von Anfang bis Ende seines Lebens und danach, was ist die Frage?
Das war auch viele Jahrhunderte in der Christenheit klar bis vor etwa 250 Jahren, da kam die Frage auf: „Wieso sollte das klar sein? Das, was in den Evangelien steht, haben doch lauter Befangene gesagt, die glauben alle an Jesus, sie haben ihn verehrt, sie haben ihn angebetet, sogar als Gott! Also, die sind total parteiisch, was die sich da alles ausgeschwitzt haben….
Natürlich wollten die niemanden belügen, aber ihr Herz war voller Verehrung und Bewunderung für Jesus. Und obwohl er am Kreuz gestorben ist, haben sie gesagt, die Sache mit Jesus geht schon irgendwie weiter und haben, was das Zeug hält, aus ihrem Glauben heraus produziert.“
Wir Studenten lernten das an der Universität, was in den Evangelien steht, ist alles „Gemeindebildung“.
Gemeindebildung
Das heißt, die Christen der ersten Generation haben sich das aus ihrem Glauben an Jesus so gedacht, dass Jesus das so gesagt haben könnte.
Es steht zum Beispiel mehrmals in den Evangelien, dass Jesus sein Sterben und seine Auferstehung voraussetzt.
Seit der Zeit fing Jesus an, seinen Jüngern zu zeigen, dass er nach Jerusalem gehen und viel leiden müsse von den Ältesten und Hohenpriestern und Schriftgelehrten und getötet werden und am dritten Tage auferstehen. Matthäus 16,21
Mehrmals steht das da.
Da sagen die Kritiker: „Ja, ja, das ist schön, aber in Wirklichkeit weiß natürlich niemand im Voraus, wie er stirbt und was danach kommt. Das ist Gemeindebildung.“ Hier steht aber, Jesus hätte das gesagt.
Wir haben als Studenten immer gelernt, das läuft bis heute so, die Evangelien sind nach 70 nach Christus geschrieben worden. Frag mal, woher wisst ihr das so? „Ja, in den Evangelien, z.B. Matthäus 24, steht, Jesus hätte gesagt, „seine Jünger traten zu ihm und zeigten ihm die Gebäude des Tempels. Er aber antwortete und sprach zu ihnen: Seht ihr nicht das alles? Wahrlich, ich sage euch: Es wird hier nicht ein Stein auf dem anderen bleiben, der nicht zerbrochen werde. Matthäus 24,1-2. Was hat das jetzt mit der Entstehung der Evangelien zu tun? Natürlich, ich meine, in Wirklichkeit kann kein Mensch Ereignisse voraussehen.
Man lernt dann, damit sich das intelligent anhört, sogar einen lateinischen Fachausdruck dafür. Das ist ein Vaticinium ex eventu, eine Vorhersage, die nach Eintreffen des Ereignisses aufgestellt wurde.
Wir nehmen nur diese beiden Beispiele und das gilt für das, was Jesus gesagt hat, für das, was er getan hat, die Wunder. Ich sage nicht, dass da nicht irgendwie auch eine tiefe Wahrheit drin ist. In Märchen ist ja auch eine tiefe Wahrheit, aber das sind Produkte, also Gemeindebildung, aus dem Glauben gestaltet.
Eigentlich historisch ist das nicht, hat man dann gesagt, was historisch ist, das müsste man nachweisen, wenn auch die Feinde von Jesus etwas sachgemäßes berichten. Es gibt aber nur wenig Aussagen, kurze Sätze von römischen Schriftstellern über das Sterben von Jesus und ohne die Bedeutung zu betonen.
Warum haben die Juden wenig oder gar nicht darüber gesprochen?
Bei Josephus gibt es ein umstrittenes Wort. Aber warum? Dann hat man es vor kurzem herausgefunden. Das ist gar nicht, weil sie es nicht wussten, sondern eine Kampfansage. Denn im Volk Israel hieß es: aus dem Gedächtnis Gottes gestrichen ist, wer verflucht ist. Der falsche Prophet und der falsche Messias muss aus dem Gedächtnis Gottes und aus dem Gedächtnis des Volkes Gottes gestrichen werden. Also, das Verschweigen der Aussagen über Jesus, ob nun feindlich, kritisch oder positiv, ist eine Kampfansage. Es ist nicht einfach nur „wir wissen das nicht“, sondern er ist gestrichen aus dem Gedächtnis Gottes und aus dem Gedächtnis des Volkes Israel.
Die historische Kritik, die durch zweieinhalb Jahrhunderte langsam aber stetig über die Ausbildung der Theologiestudenten ihre Wirkung bis hinein in unsere normale Gemeindeverkündigung genommen hat, geht von diesem Grundsatz aus.
Ich will das mal zusammenfassen:
Es gab um 1900 einen Religionsphilosophen, Theologen, weiß ich nicht, ob man ihn so nennen soll, Ernst Troeltsch. Er hat einen Aufsatz geschrieben über historische und dogmatische Methode und darin hat er genau das Mittel der Kritik benannt. 1 Es ist ein etwas schwieriger Satz, aber man versteht ihn schon. Ich lese ihn mal langsam.
Denn das Mittel, wodurch Kritik überhaupt erst möglich wird, ist die Anwendung der Analogie.
Was ist Analogie? Analogie heißt also: die Parallele. Das gabs schon mal, was Vergleichbares habe ich schon erlebt, das ist so ähnlich.
Die Analogie des vor unseren Augen Geschehenden und in uns sich Begebenden ist der Schlüssel zur Kritik. Die Übereinstimmung mit normalen, gewöhnlichen oder doch mehrfach bezeugten Vorgangsweisen und Zuständen, wie wir es kennen, ist das Kennzeichen der Wahrscheinlichkeit für die Vorgänge, die die Kritik als wirklich geschehen anerkennen oder übrig lassen kann….
Also kurz und krumm, die Allmacht der Analogie schließt die prinzipielle Gleichartigkeit alles historischen Geschehens ein. Das heißt, die Voraussetzung für diese Arbeit ist – es leuchtet vielleicht dem einen oder anderen ein – alles Geschehene ist gleich und wenn etwas passiert ist, dann muss man gucken, haben wir schon etwas Gleiches festgestellt, erlebt oder beobachtet in der Vergangenheit oder in der Gegenwart. Wenn ich das mit anderem Ähnlichem vergleichen kann, zum Beispiel bin ich vorhin von Feldstetten auf der Alp herunter an den Neckar gefahren. Das habe nicht ich alleine gemacht. Das haben schon Tausende gemacht – deshalb gibt es dazu eine Analogie. Wenn ich also behaupte, ich bin von Feldstetten nach Esslingen gefahren, dann habt ihr keinen Grund zu bezweifeln, dass es eine historische Tatsache wäre. Denn es gibt ja etwas Vergleichbares.
Wenn man das jetzt anwendet auf die Bibel, dann fängt es schon beim Anfang an. Gott schafft die Welt aus dem Nichts. Wo ist denn die Parallele? Kanns ja gar nicht geben, ne? Also, kann es das nicht geben. Einen Schöpfer gibt’s nicht, eine Schöpfung gibt’s nicht.
Hast du schon mal erlebt, dass ein Kind von einer Jungfrau geboren ist ohne Mann und ohne Zeugung? Ja, heute passiert das ohne Mann, aber mit künstlicher Zeugung. Nein, sagen wir, man kann das immer irgendwie durch Zeugung erklären.
Also, Jungfrauengeburt kann es nicht sein. Und so geht´s durch die ganzen Texte.
Wenn das der Maßstab ist, wie Ernst Troeltsch sagt, und damit fasst er zusammen, was in der ganzen historischen Kritik immer grundsätzlich gegolten hat, dann ist das alles nicht historisch zutreffend, sondern es ist Gemeindebildung, eine Glaubensaussage und viele fromme Christen vermuten ja dabei etwas Schönes. Eine Glaubensaussage, das ist doch sicher was Frommes. Das heißt aber auf gut Deutsch, das hat es gar nicht gegeben, sondern es hat sich jemand selber aus seinen frommen, religiösen Gedanken ausgeschwitzt, nicht unbedingt um die Leute zu betrügen, aber aus bester Absicht, um Jesus zu verherrlichen.
Das ist also das Problem, das wir mit der Bibel heute haben. Und wenn man das anwendet auf die Evangelien, dann war die Quintessenz langer Geschichte der Forschung – was haben sich kluge Leute Mühe gegeben, das zu erforschen – ja, wie war denn der historische Jesus wirklich?
Wenn das alles erdichtet, fromme Dichtung ist, und jeder, der ein Buch darüber geschrieben hat, hat dann einen anderen Jesus gehabt?
Als ich anfing zu studieren um 1960 galt an der Universität, was Rudolf Bultmann mitten im Krieg im schönen Alpirsbach in einem Vortrag sagte – das ist damals nicht so toll berücksichtigt worden, weil die Leute im Krieg mit anderen Sachen beschäftigt waren: „Wer Elektrizität und die moderne Technik und Medizin in Anspruch nimmt, der kann nicht zugleich an die Wunder des Neuen Testament glauben. Beides geht nicht.“ Er hat dann eine radikale Kritik gemacht und kam dann zu dem Ergebnis: Von Jesus wissen wir eigentlich historisch nur, dass er existiert hat, sonst wissen wir nichts. Nur, dass er existiert hat.
Der Rest ist dann Gemeindebildung.
Na ja, und er hatte eine Reihe von Schülern, die sagten, „vielleicht muss man das nicht ganz so radikal sagen, vielleicht kann man doch herausfinden, ob das ein oder andere Wort oder Ereignis historisch zutreffend gewesen sein könnte“, wenn ihr in der Literatur danach lest (nach 1950) dann haben wir alle irgendwelche Theologen kennengelernt, die nicht alles für Quatsch hielten, also sprich „Gemeindebildung und erfunden“, sondern nur das eine oder andere, aber das war auch ziemlich willkürlich. Sie konnten sich bis heute überhaupt nie einigen. Deshalb gibt es in der evangelischen Kirche überhaupt keinen Konsens, auch unter uns Pfarrern nicht, wer Jesus ist.
Und entsprechend sind die Predigten. Nicht, dass man das immer von der Kanzel sagte, da wird ja jeder weglaufen, sondern das klingt dann immer so: „Also, ob Jesus den Sturm gestillt hat, ist nicht so entscheidend. Dieser Text will uns ermutigen, dass wir Glauben fassen, dass Jesus die Stürme unseres Lebens stillt.“
Ich sag mir dann – so doof wie ich bin – wieso sollte er die Stürme meines Lebens stillen, wenn er damals den Sturm auf dem See Genezareth nicht gestillt hat? Wenn das nicht Tatsache ist, mit welchem Grund kann ich damit rechnen, dass das heute Tatsache ist?
Märchen sind schön und das kann ja alles ermutigend sein. Klingt auch wahnsinnig fromm, viele nicken da mit dem Kopf und sagen, man muss sich gar nicht so ärgern und darüber streiten, ob das wirklich passiert ist.

Das sind die brutalen harten Fakten, die sind doch völlig…..Nun ist es aber ganz entscheidend, wenn man das, was in der Bibel steht, bei Lichte betrachtet: ist der Jesus, wie er uns in den Evangelien vorgestellt wird, wirklich der richtige zutreffende, tatsächliche Jesus oder glauben wir, wenn wir das lesen, nur an die Hirngespinste der ersten Generation von Christen? Denn darum geht’s ja hart.
Ja, worum geht’s denn dabei?
Es geht zum Beispiel darum, dass im neuen Testament in den vier Evangelien Jesus 80 mal als der Menschensohn bezeichnet wird. 79 mal davon in Worten, in denen er selber von sich redet. Nehmen Sie mal eine Konkordanz, blättern Sie die Evangelien durch, lesen Sie alle diese Stellen. Das 80. Mal zitiert ihn jemand, dass er gerade sich selbst als Menschensohn bezeichnet hat.
Wir in der deutschen Sprache denken immer, das ist irgendwie so eine umständliche altmodische Formulierung von „Mensch“ oder „Menschenskind“. Die Juden wussten, was das heißt, denn das war ganz klipp und klar definiert im Propheten Daniel in der Vision vom Weltgericht vor dem Thron Gottes. Und da sagt er
Ich sah in diesem Gesicht in der Nacht, und siehe, es kam einer mit den Wolken des Himmels wie eines Menschen Sohn und gelangte zu dem, der uralt war,
Das ist eine Umschreibung für den ewigen Gott
und wurde vor ihn gebracht. Ihm wurde gegeben Macht, Ehre und Reich, dass ihm alle Völker und Leute aus so vielen verschiedenen Sprachen dienen sollten. Seine Macht ist ewig und vergeht nicht und sein Reich hat kein Ende. Daniel 7,13-14
Der ewige Gott übergibt dem Menschensohn das Weltgericht und die ewige Herrschaft. Und diesen Ausdruck nimmt Jesus jetzt immer in Anspruch, wenn er von sich redet. Wenn man das nicht kapiert, versteht man interessanterweise gar nicht, warum die Leute, die es damals hören, sich so aufregen, wie wir das in der Bibel immer lesen.
Jesus gebraucht diesen Ausdruck in einem dreifachen Sinne. Es gibt viel mehr Stellen als ich hier angegebe.
- Der kommende Menschensohn Matthäus 24,29-30, Matthäus 25,31-46, Matthäus 26,63-66
- Der gegenwärtige Menschensohn Markus 2,1-12
- Der leidende Menschensohn Markus 8,29-31 nach dem Christus Bekenntnis des Petrus, Markus 10,45 in Verbindung mit Gottesknecht Prophetie Jesaja 53
Ich habe mal diese Stellen hier angegeben, damit ihr vielleicht eine Notiz macht und das alles gründlich nachschlagt.
Die erste Gruppe ist die von dem kommenden Menschensohn, dem Weltrichter, „mit den Wolken des Himmels“ ist das Zeichen für diese Nahtstelle zwischen der unsichtbaren Welt Gottes und unserer sichtbaren Welt, er offenbart sich.
Der kommende Menschensohn in den Wolken des Himmels
In Matthäus 24 ist die Endzeitrede und die Anzeichen bis dahin „und dann wird erscheinen der Tag des Menschensohns“. Da wird beschrieben, wie die Umstände sind und, dass er zum Weltgericht kommt. In Kapitel 25 wiederholt sich das etwa in dem großen Bericht von Vers 31 bis zum Ende des Kapitels, wo der Menschensohn, der König, das Gericht hält und die Menschen scheidet wie Schafe und Böcke zur Rechten und zur Linken. Und die getane oder nicht getane Liebe wird der Maßstab sein, weil er den Finger ganz tief legt auf – er nennt es gar nicht das Böse – sondern nur auf die Liebe, die wir schuldig geblieben sind. Und die die Liebe getan haben, bei denen ist Vergebung. Es gibt nichts Böses mehr, das in ihrem Leben ist, außer den Werken der Liebe, die geschehen sind durch die Kraft des Heiligen Geistes, nachdem sie Vergebung erfahren haben.
Da gibt es einen doppelten Ausgang, ewiges Leben, ewige Verdammnis, der Menschensohn ist der Weltrichter. Eine ganz spannende Geschichtsstelle ist Matthäus 26, das ist der Prozess:
Da versuchen sie, Jesus durch Zeugen zu überführen, was alles nicht so richtig funktioniert, denn sie widersprechen sich. Schließlich verliert der Hohepriester die Geduld und er gibt sich mächtig und Jesus schweigt einfach.
Und der Hohepriester sprach zu ihm: „Ich beschwöre dich bei dem lebendigen Gott, dass du uns sagst, ob du der Christus bist, der Sohn Gottes. Jesus sprach zu ihm: Du sagst es. Matthäus 26, 63-64
Er bestätigt das also „der Christus, der Messias“.
Doch sage ich euch, von nun an werdet ihr sehen, den Menschensohn sitzen zur Rechten der Kraft und kommen auf den Wolken des Himmels. Matthäus 26, 64
„Der Menschensohn, auf den Wolken des Himmels“ „sitzen zur Rechten der Kraft“, zur Rechten Gottes, steht im Daniel, genau das zitiert Jesus!
Da zerriss der Hohepriester seine Kleider und sprach: „Er hat Gott gelästert! Was bedürfen wir weiterer Zeugen? Siehe, jetzt habt ihr die Gotteslästerung gehört. Was meint ihr? Sie antworteten und sprachen: Er ist des Todes schuldig. Da spieen sie ihm ins Angesicht und schlugen ihn mit Fäusten. Einige aber schlugen ihn ins Angesicht und sprachen: Weissage uns, Christus, wer ist´s, der dich schlug? Matthäus 26, 65-68
Was passiert hier? Warum wird Jesus zum Tode verurteilt?
Es ist völlig klar, er lästert Gott, denn er bezeichnet sich als den Menschensohn, Weltherrn und Weltrichter.
Betrüger, Wahnsinniger oder Wahrheit
Da gibt es nur drei Möglichkeiten: Entweder ist er ein Betrüger, oder er hat Wahnvorstellungen oder er ist die Wahrheit?
Es gibt nur die drei Möglichkeiten. Für alle Menschen gibt es eine dieser drei Möglichkeiten zu wählen. Mehr gibt es angesichts von Jesus bis heute nicht.
Und für den Hohepriestern ist völlig klar, das ist Gotteslästerung und auf Gotteslästerung steht die Todesstrafe. Das ist der Grund, warum sie ihn zum Tode verurteilen. Sie dürfen ihn nicht töten, das ist das Recht der römischen Besatzungsmacht. Deshalb schleppen sie ihn zu Pilatus und heizen ihn an, bis der auch schließlich zustimmt und in kreuzigen lässt.
Das heißt aber: am Bekenntnis von Jesus, nicht nur zum Christus, sondern zum Menschensohn, Weltherrn und Weltrichter entscheidet sich das Todesurteil! Ich mache das so deutlich, weil ich seit Jahren beobachte, dass deutschsprachige Christen und Bibelleser überhaupt nicht die Brisanz dieses Ausdruckes verstehen und deshalb natürlich auch nicht verstehen, warum so ein Theater in der Bibel bei den Leuten ist, wenn sie hören, dass Jesus sich als Menschensohn bezeichnet, sie sagen „Mensch, Menschenskind“.
Die meisten Christen bei uns halten das für eine Niedrigkeitsaussage und denken „Gottes Sohn“ ist eine Hoheitsaussage, Menschensohn ist eben Mensch. Nein, die höchste Aussage von Jesus, die denkbar ist, ist die Bezeichnung Menschensohn. Sie heißt: Weltherr und Weltrichter. Und stellt euch vor, da steht ein 30-jähriger Mann und behauptet, ich bin der Weltherr und Weltrichter. Ja, ich meine, wer von uns hätte dem zugestimmt?
Man kann ein gewisses Verständnis entwickeln für die frommen Juden, die da ausrasten und sagen, das ist doch Gotteslästerung oder es ist Wahnsinn. Und wenn er weiß, was er tut, dann ist es ganz schlimm, oder nicht?
Das ist der Punkt.
Die erste Gruppe der meisten Worte, die Jesus sagt, ist die vom kommenden Menschensohn, der als Weltrichter kommt, auch mit Gericht. Die zweite Gruppe ist vom gegenwärtigen Menschensohn, der jetzt schon die Vollmacht des Weltrichters hier auf der Erde hat. Zum Beispiel sagt er das in Markus 2,5 in der Geschichte von dem Gelähmten, den sie durchs Dach herunterlassen. Die Leute erwarten alle, dass er geheilt wird und Jesus sagt ihm: „Mein Sohn, deine Sünden sind dir vergeben.“
Wir denken, es werden alle enttäuscht, dass er nur die Sünden vergibt und nicht heilt. Aber die frommen Leute, die dabei sind, die Schriftgelehrten, sind empört, weil er sich anmaßt, was nur Gott tun kann: Sünden vergeben. Das ist anmaßende Gotteslästerung.
Und dann sagt Jesus, „Damit ihr aber wisst, dass der Menschensohn Vollmacht hat, Sünden zu vergeben auf Erden – sprach er zu dem Gelähmten: Ich sage dir, steh auf, nimm dein Bett und geh heim! Markus 2,10-11
Das heißt, das Messiaszeichen der Heilung des Gelähmten ist die Bestätigung des Anspruchs, dass hier der Menschensohn, der Weltrichter, gegenwärtig ist und er jetzt auf der Erde das Recht des ewigen Gottes in Anspruch nimmt, indem er Vergebung der Sünden zuspricht, und des Richters, denn nur der kann Sünde vergeben.
Die dritte Gruppe ist die des leidenden Menschensohns. Das ist hochinteressant in den Stellen Markus 8 oder Matthäus 16,13 bei dem Christusbekenntnis als Jesus die Jünger fragt, was sagen die Leute? Was sagt ihr? Und als Petrus dann sagt, „du bist der Messias, du bist der Christus“, bestätigt er es. Und im Anschluss daran sagt er, der Menschensohn wird kommen und er wird leiden müssen, er wird unter die Gewalt der Machthaber kommen und sterben. Matthäus 16,21
Das heißt, er verbindet die Selbstbezeichnung, ich bin der Weltherr und Weltrichter, der Menschensohn, mit der Tatsache, dass er ins Leiden und Sterben gehen muss. Oder in einem berühmten Schlüsselwort in Markus 10, 45.
…der Menschensohn [Weltrichter – Anm. d. Aut.] ist nicht gekommen, dass er sich dienen lasse, sondern dass er diene und sein Leben gebe als Lösegeld für viele.
Was passiert hier?
Jesus verbindet die Aussagen vom Menschensohn, dem Weltherrn und Weltrichter mit der Prophetie von Jesaja 53, vom leidenden Gottesknecht, der stellvertretend die Sünden der Welt trägt. Ich habe zwei Worte aus Jesaja 52 und 53. Man nennt das das Gottesknechtlied, die Prophetie vom leidenden Gottesknecht, der stellvertretend unsere Sünde trägt, damit wir gerecht werden. Eine drastische tiefe Schilderung, eine prophetische Ankündigung dessen und Jesus nimmt das auf. Er bestätigt, dass er der Messias ist. Er nimmt es auf und bestätigt, dass er der Menschensohn ist.
Wie erfüllt er die Aufträge des Messias und des Menschensohns?
Er erfüllt sie wie der Gottesknecht. Und deshalb lässt sich das biblische Zeugnis so zusammenfassen: Wer ist Jesus? Die drei im Alten Testament angezeigten.
Jesus sagte den Jüngern und den Kritikern oft: „Lies die Schriften im Alten Testament. Sie sind es, die von mir zeugen. Und den Emmausjüngern eröffnete der Auferstandene höchstpersönlich die Schrift, fing an bei Mose und ging bis zu den Propheten, dass der Messias leiden musste und zur Herrlichkeit eingehen.
Drei Ströme, die Messiasverheißung, die Menschensohn-, Weltrichter-, Weltherr-Ankündigung und die Gottesknechtverheißung im Alten Testament. Was durch die Jahrhunderte durch die Propheten angekündigt wurde, nimmt Jesus in seiner Verkündigung auf, das ist nicht nachher von irgendjemandem zusammengebastelt worden.
Deshalb hängt natürlich wahnsinnig viel davon ab, ob Jesus das wirklich gesagt hat oder ob das Erfindung ist. Das sind ja keine Lappalien. Wenn dann irgendjemand sagt, das haben die erfunden, ist aber gut gemeint, dann sagen wir, kannst du mich aber mal…..da bedanke ich mich aber auch. Gut gemeinte Märchen schaffen keine ausreichende Grundlage, um sich darauf zu verlassen.
Wer ist Jesus?
Das Zeugnis des Neuen Testament sagt und fasst zusammen, was Paulus in 2. Korinther 5 sagt, Gott war in Christus und das von seiner Geburt an, wie auch in seinem Leben, Reden, Sterben, seinem Auferstehen und seinem Wiederkommen.
Das ist der wirkliche Jesus, in dem Gott Mensch wird, so wie er in den Evangelien bezeugt ist.
Ich möchte noch zwei Schlussbemerkungen machen. An welchen Jesus glauben wir eigentlich?
Wenn alles nicht wahr ist, wenn das alles nicht historisch ist, aber gut gemeint ist und man denken kann, ja, können wir das übernehmen, was sagt mir das heute? Irgendwie regt es so etwas an – dann hat das natürlich Konsequenzen, denn wenn nichts historisch zuverlässig ist, dann wird Jesus zu einer leeren Projektionsfläche, auf die wir unsere Wunschvorstellung projizieren, und das erleben wir heute dauermd. Da lassen Kirchenleitungen verkünden, Jesus wäre immer inklusiv unterwegs gewesen. Er hätte niemanden ausgeschlossen.
Du brauchst die Bibel nur oberflächlich zu lesen, dann stellst du fest, dass Jesus ziemlich schroff gewesen ist. So etwas wie harte Gerichtsworte, wie er von der ewigen Verdammnis redet, auch schon in der Bergpredigt. Der Weg ist schmal, das Tor ist schmal, der Weg ist breit und führt zur Verdammnis, viele sind darauf unterwegs.
Aber das interessiert niemanden, weil das, was wir da lesen, ist ja alles „Gemeindebildung“ und Jesus ist sozusagen die leere Projektionsfläche und wir projizieren unser Jesus Bild.
Sie sagen, ich kann mir das gar nicht vorstellen, Jesus ist wunderbar und er schließt niemanden aus. Das ist natürlich Quatsch, es ist einfach nicht wahr. Es hört sich aber sehr religiös an und ganz fromme Leute wagen dem auch nicht zu widersprechen und schlucken das einfach, weil man als unanständig dasteht, wenn man den inklusiven Jesus bestreitet. Dabei sollte man nur die Bibel lesen und sagen, du kannst ja die Bibel wegschmeißen, aber wenn du dich auf die Bibel berufst, wie unsere Kirchen es ja tun, und alle Pastoren legen ja ein Ordinationsgelübde 2 ab, in dem sie versprechen, dass sie das Evangelium so wie es im Worte Gottes, der einzigen lauteren Schrift als Norm für Glauben und Leben gegeben ist, lehren. Und ein Prediger des Evangeliums, das habe ich gelobt, jeder Pfarrer hat das gelobt, hat nicht das Recht ein anderes Evangelium als dies zu verkünden.
Deshalb darf man ja wohl mal fragen, was steht denn da und wie zuverlässig ist es? Und ich möchte das noch an zwei Punkten deutlich machen.
Jesus über Liebe und Gebote
Jesus spricht in Johannes 15, 9-11
Wie mich mein Vater liebt, so liebe ich euch auch. Bleibt in meiner Liebe! Wenn ihr meine Gebote haltet, bleibt ihr in meiner Liebe, so wie ich meines Vaters Gebote gehalten habe und bleibe in seiner Liebe.
Das heißt, für Jesus gehört Liebe und Gebote halten unbedingt zusammen. In unserem Denken aber ist Liebe und Gebote ein Widerspruch. Muss ich dauernd die Gebote zitieren? Das ist ja gesetzlich. Bis in die Gemeinschaften hinein höre ich diesen Schmarren. Wir wollen nicht gesetzlich sein. Jesus war gesetzlich. Es ein Zeichen der Liebe zu meinem Vater, dass ich die Gebote meines Vaters halte. Und wenn ihr mich liebt, werdet ihr meine Gebote halten. Das ist aber ganz normal. Wenn ich einen Menschen liebe, habe ich ein tiefes Verlangen, in Übereinstimmung mit dem, was er will, zu leben. Es macht mich traurig, wenn ich mich so verhalte, dass er beleidigt oder verletzt ist.
„Jesus, Liebe und Gebote“ hat ja wahnsinnig weitreichende Folgen heute für die ganzen ethischen Debatten in unseren Gemeinden. Sie sagen Liebe ist so ein Gefühl, das hat doch mit Gebot nichts zu tun. Fühle ich mich gut, dann ist es gut. „Kann denn Liebe Sünde sein“, ist übrigens kein Choral aus der Reformationszeit, sondern ein Karnevalsschlager, aber sollte vielleicht zum nächsten Kirchentagslied erklärt werden. Kann denn Liebe Sünde sein? Das zitieren die Leute dauernd, ne? Dann kann man lieben, wen man will.
Wie hängen der Glaube an Jesus und das Vertrauen zur Bibel zusammen? Auch das ist ein Spruch, der in unseren Kreisen hin und wieder aufpoppt. Jemand, den ich in der Leitungsposition der pietistischen evangelikalen Jugendarbeit über Jahre geschätzt habe, hat vor nicht allzu langer Zeit wieder groß rausgeflötet, „wir glauben an Jesus und wir glauben nicht an die Bibel“. Ich sag: „Oh ja, wir beten nicht die Bibel an.“ Nee, wirklich nicht. Wir beten Jesus an. Den dreieinen Gott beten wir an. Aber wir kennen Jesus nur, weil wir der Bibel vertrauen. Wenn wir der Bibel nicht vertrauen können, wissen wir nicht, wer Jesus ist. Insofern ist diese Behauptung, „wir glauben nicht an die Bibel, sondern an Jesus“, in sich überhaupt unlogisch, nicht?
Wer auf Jesus vertraut, dann, weil wir ihn aus der Bibel kennen, wenn und weil wir der Bibel vertrauen können. Deshalb ist das Ringen darum, „ist sie vertrauenswürdig“, harte Arbeit. Da sind auch theologische Köpfe gefragt. Das muss man nicht einfach nur steil behaupten, sondern das muss man auch denkend begründen, denn die Bibel gibt uns genug Grund.
Gott offenbart sich. Er offenbart seine Kraft und seine Weisheit. Und auch, wenn wir Gottes Weisheit für Dummheit halten, ist es Weisheit in sich, über die man nachdenken kann.
Wenn man die richtige Voraussetzung der Offenbarung Gottes durch den Heiligen Geist bekommt, wird unser Denken erleuchtet und auch unsere Argumentation klar. Wir können der Bibel vertrauen, deshalb kennen wir Jesus und werden Jesus vertrauen und werden dadurch mit Gott versöhnt und in Ewigkeit gerettet. Wir dürfen wissen, wer Jesus ist und wir müssen Widerstand leisten, wenn wieder mal das Spielchen losgeht.
Wir machen ja keinen Dia- oder Filmabend mit leerer Leinwand und jeder erzählt uns seine Märchengeschichten, für wen er Jesus hält. Jeder projiziert seine Wunschbilder von Jesus dahin. Dieser Wunsch-Jesus rettet niemanden, nur der, der sich geoffenbart hat, geboren von der Jungfrau Maria, gelitten unter Pontius Pilatus, gekreuzigt, gestorben, begraben, niedergefahren zur Hölle, auferweckt von den Toten, aufgefahren in den Himmel, sitzend zur Rechten Gottes. Von dort wird er kommen, zu richten die Lebenden und die Toten. Dem Wort Gottes dürfen wir glauben.
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Fußnoten
- „Denn das Mittel, wodurch Kritik überhaupt erst möglich wird, ist die Anwendung der Analogie. Die Analogie des vor unseren Augen Geschehenden und in uns sich Begebenden ist der Schlüssel zur Kritik….Die Übereinstimmug mit normalen, gewöhnlichen oder doch mehrfach bezeugten Vorgangsweisen und Zuständen, wie wir sie kennen, ist das Kennzeichen der Wahrscheinlichkeit für die Vorgänge, die die Kritik als wirklich geschehen anerkennen oder übrig lassen kann…..Diese Allmacht der Analogie schließt aber die principielle Gleichartigkeit alles historischen Geschehens ein. Ernst Troeltsch 1900 ↩︎
- Das Pfarrerdienstgesetz der EKD formuliert das Ordinationsversprechen, das in den gliedkirchlichen Adaptionen mehr oder weniger ähnlich aufgenommen wird, wie folgt:
„Ich gelobe vor Gott, das Amt der öffentlichen Wortverkündigung und Sakramentsverwaltung im Gehorsam gegen den dreieinigen Gott in Treue zu führen, das Evangelium von Jesus Christus, wie es in der Heiligen Schrift gegeben und im Bekenntnis meiner Kirche bezeugt ist, rein zu lehren, die Sakramente ihrer Einsetzung gemäß zu verwalten, meinen Dienst nach den Ordnungen meiner Kirche auszuüben, das Beichtgeheimnis und die seelsorgliche Schweigepflicht zu wahren und mich in meiner Amts- und Lebensführung so zu verhalten, dass die glaubwürdige Ausübung des Amtes nicht beeinträchtigt wird“ https://www.pfarrverein-rheinland.de/2023/05/22/ordination-chance-oder-risiko/ ↩︎
Dieser Blog-Beitrag von Ulrich Parzany entstammt seinem Vortrag in Esslingen am 07.03.2026, hier als leicht geglättetes Transkript. Sie finden hier den Original-Videobeitrag auf YouTube „Welcher Jesus darf´s denn sein?„

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