Foto von oben an einer Burgmauer entlang. Gegenüber auch eine hohe Burgmauer, so blickt man in eine Art Burggraben.

Wir Evangelikalen heute – und “unsere Demokratie”

Wir Evangelikalen und die Politik Teil 4

Im letzten Artikel “Christen, der Staat und das Reich Gottes” habe ich acht Modelle vorgestellt, wie Christen in ihrer 2000-jährigen Geschichte angesichts der Erfordernisse ihres jeweiligen gesellschaftlichen und politischen Umfelds ihr Verhältnis zu Staat und Gesellschaft bestimmt haben. Manche dieser Modelle wahrten eine gewisse Distanz der Kirche gegenüber dem Politischen bis hin zur grundsätzlichen Ablehnung eines Engagements (vor allem zwei der drei Antworten, die der Pietismus auf die Frage gefunden hat). Andere Modelle bejahten den politischen Einfluss der Kirchen bis hin zu einer Identifizierung des Reiches Gottes mit Staat und Politik. Nicht alles davon verträgt sich gleichermaßen gut mit dem, was die Bibel zum Leben von uns Christen in der Welt sagt (vgl. der Artikel “Himmlisches Bürgerrecht – irdisches Exil”). Und das in der EKD zuletzt favorisierte “Social Gospel” mündete in deutliche Relevanzverluste für die EKD, hat sich also als nicht nachhaltig erwiesen.  1

In dem Artikel klang auch bereits die Frage an, der ich in diesem Artikel nachgehen möchte:

Wo stehen wir traditionell Evangelikalen heute in der derzeitigen gesellschaftspolitischen Lage? In welchen Herausforderungen stehen wir zusammen mit unseren Gemeinden, in denen wir uns als Kinder Gottes und Nachfolger Jesu bewähren müssen? Welchen Plan hat unser Herr Jesus Christus mit uns? Wie können und sollen wir in unserer heutigen Gesellschaft so leben, dass wir ihm wohlgefallen und Ehre machen? Um Antworten zu finden, müssen wir zunächst unsere heutige politische Lage verstehen; ebenso die Ereignisse, die zu ihr geführt haben.

Triggerwarnung: Ich schreibe diesen Artikel nicht aus einer neutralen Perspektive, sondern gebe eine traditionell-evangelikale Sichtweise wieder.

Leben inmitten einer Epochenwende

Das Hauptcharakteristikum unserer Zeit ist, dass sich die Welt in einer Epochenwende von der Moderne zur Postmoderne befindet (vgl. “Tief verwurzelt glauben” S. 17-31, 71-77, 104-108 u.ö. oder hier im Blog). Es würde an dieser Stelle zu weit führen, sämtliche Charakteristika darzustellen; ich beschränke mich auf Schlaglichter. Philosophisch geht es um den Verlust einer gemeinsamen Vorstellung von Wahrheit (das habe ich hier im Video ausführlich erklärt). Dieser Verlust drückt sich in verschiedenen Symptomen aus:

➤ Verschiedene gesellschaftliche Bubbles (oder, wie ich lieber sage, tribes) entwickeln ihre eigenen Wahrheiten und Erzählungen, die den anderen jeweils als “Fake News” erscheinen (vgl. “Tief verwurzelt glauben” Kap. 2)
➤ Machtdiskurse ersetzen Sachdiskurse; Empörung ersetzt das Argument. Die Frage ist nicht mehr: “Ist es wahr bzw. sachlich richtig, was du sagst?”, sondern: “Ist es legitim, was du sagst?”. In diesen Machtdiskursen feiern reihenweise mittelalterliche (d.h. voraufklärerische) Elemente in kommunikativem Gewand fröhliche Urständ’, zum Beispiel:

  • die Opfererzählung: Säkularisiertes Überbleibsel der Christusmystik – ein sehr wirkungsvolles Legitimierungsinstrument
  • Klerus: Oligarchie von Ideologen, die ihren tribes sowie der Gesellschaft legitime Haltungen und Verhaltensweisen wie Sprachregelungen vorschreibt
  • Laien: Die, die nicht gefragt werden, sondern sich den Vorgaben des “Klerus” fügen müssen
  • Ketzer: Diejenigen, die nicht der legitimierten Sprechweise einer Bubble folgen, die die Diskurshoheit für sich in Anspruch nimmt
  • die Ritter des Guten: Aktivisten, NGO’s – die jeweils nur innerhalb der eigenen Bubble als die “Guten” gelten; außerhalb gelten sie oft als “die Bösen”
  • der Pranger: Shitstorm, Hassrede
  • die Inquisition: Labeln von Menschen mit nonkonformistischen Ansichten oder Haltungen; Kontaktschuld, Schuld durch Beifall von der falschen Seite; Unterstellung von Hassrede; institutionalisierte Inquisitoren wie  Jan Böhmermann
  • Lynchjustiz: Soziale Vernichtung von Menschen und (v.a. Universitäts-)Karrieren auf Verdacht hin ohne ordentliches Verfahren
  • die Exkommunikation: Cancel Culture, gesellschaftliche Ächtung und Ausschluss von Ketzern aus politischen und gesellschaftlichen Diskursen
  • Vgl. zum Ganzen das Kapitel “Ein unmoralischer Gott und die Heilige Gesellschaft” in: Tief verwurzelt glauben, S. 251-261.
Blick in den Burggraben, an sehr hohen Mauern nach unten blickend.

➤ Die Fortschrittserzählung (vgl. hier im letzten Artikel) stößt an ihre Grenzen, und zwar in den verschiedenen gesellschaftlichen “Tribes” auf je eigene Weise:

  • in politisch links denkenden Bubbles durch den Klimawandel und die wachsenden gesellschaftlichen Widerstände gegen die bisher so erfolgreiche Gesellschaftsperformanz (“Rechtsruck”),
  • in wirtschaftsliberalen Kreisen (speziell in Deutschland) durch den jahrzehntelangen Geburtenrückgang, den neuen Protektionismus, die Überfülle an Regelungen, die hohe Abgabenlast bei gleichzeitigem Kollaps der Infrastruktur, die ausbleibenden Reformen,
  • staatsökonomisch durch den viel zu hohen Schuldenstand der Staaten, die durch Krieg vernichteten Werte, durch die durch den Bevölkerungsrückgang zurückgehenden Staatseinnahmen sowie den nicht mehr funktionierenden Generationenvertrag (Rente, Altersversorgung).
  • All dies schlägt sich für viele Menschen – zumindest in Deutschland – in dem Bewusstsein nieder, dass unsere Kinder und Kindeskinder es einmal nicht besser haben werden als wir, sondern schlechter.

➤ Die technischen Errungenschaften der letzten Jahrzehnte verändern Arbeitsumfeld und Freizeitverhalten enorm. Weniger Menschen als früher lassen sich für ehrenamtliche Mitarbeit gewinnen, sei es in Kirche und Gemeinde, sei es im örtlichen Vereinsleben.
➤ Außer Kontrolle geratene Migrationsbewegungen, die bereits in der Epochenwende von der Antike zum Mittelalter eine Rolle spielten, sind wieder aufgetreten. Diejenigen Migranten, die sich integrieren, dämpfen Probleme, die der Bevölkerungsrückgang verursacht (Fachkräftemangel, Steuereinnahmen, Rentenversicherung). Andererseits haben nicht integrierte Migranten mit ungeklärtem oder abgelehntem Asylstatus und hoher Kriminalitätsrate und Gewaltbereitschaft eine destabilisierende Wirkung auf sämtliche westlichen Gesellschaften gehabt. Eine konstruktive gesellschaftliche Debatte darüber war durch die Problematik der Machtdiskurse nicht mehr möglich und ist es im Grunde bis heute nicht.
➤ Insgesamt lässt sich im Umgang der Menschen miteinander eine gewisse Enthemmung, ein erhöhter Drang zur Aggressivität und eine Abnahme von Respekt beobachten. Die Gesellschaft erscheint gespalten, am stärksten in den USA. Man hört den “anderen” nicht mehr zu, sondern skandalisiert sie.

Unsere politische Situation – ein Resultat der “New Left”

Um unsere heutige politische Situation bei uns in Deutschland, aber auch in Europa und den USA zu verstehen, müssen wir bei der “68er-Bewegung” beginnen. Sie reagierte auf eine konservative, auf Sicherheit und Stabilität bedachte Mehrheit, die die Nachkriegspolitik dominierte 2 . Diese wurde ab Anfang der 60er Jahre kräftig aufgemischt von der “New Left”, der “Neuen Linken” – die Thorsten Dietz in “Menschen mit Mission” wohl nicht aus Zufall verschweigt. Er schreibt: “Noch mehr herausgefordert werden die Evangelikalen durch die gesellschaftlichen Modernisierungsschübe in den 1960er-Jahren. Die kulturellen Aufbrüche sind bestimmt von einem neuen Streben nach Freiheit und Gleichheit aller Menschen” (Dietz 47). Was er nicht erwähnt: “Kulturelle Aufbrüche” sind keine anonymen Naturgewalten, sondern sie werden von Menschen gemacht. Diese hier waren geprägt von der “Kritischen Theorie” der Frankfurter Schule (u.a. Herbert Marcuse,  Theodor W. Adorno u.a.), die sich selbst als Marxismus neuem Gewand verstand. Das war knallharte atheistische Ideologie. Die „kulturellen Aufbrüche“ drückten sich eben nicht nur aus in einer Gegenkultur gegen das “bürgerliche Spießertum”, sondern auch in einer radikal autoritätskritischen Ideologie, die auch vor der Autorität Gottes und der Bibel nicht halt machte: Die 68-er hatten den Marx’schen Atheismus mit an Bord. Und sie traten den “Marsch durch die Institutionen” an.

Was das bedeutet, weiß ich am besten. Denn ich bin in einer Familie der “New Left” aufgewachsen (wer’s genauer wissen will: “Tief verwurzelt glauben” S. 32-37; 87f. oder hier). Christen repräsentieren da das alte System kirchlicher Unterdrückung; Glaube gilt als Naivität, als Opium fürs dumme Volk, und “die Kritik der Religion ist die Voraussetzung aller Kritik” 3

Eines der ersten Felder, auf das die neue Ideologie durchschlug, war die “sexuelle Revolution”. Sie entgrenzte die Sexualität und löste sie von der Bindung an Ehe und Familie. In ihrem Fahrwasser segelten auch pädophile Verbrecher wie der (ausgerechnet in der evangelischen Kirche sehr einflussreiche) Sexualpädagoge Helmut Kentler mit.

In evangelikal geprägten Gemeinden erlebten gläubige Eltern nun, wie ihre Kinder sich von Jesus Christus, von einer biblischen Sexualethik und auch von ihnen abwendeten. Sie hatten echte Gewissensnöte: Verlieren meine Kinder das Erbe des Reiches Gottes, wenn sie Gott den Abschied geben? Ich weiß, wovon ich rede – ich habe diese Sorgen mit eigenen Ohren von meiner Großmutter gehört. Ich bin überzeugt: Hätte die “New Left” die Priorität auf “Soziale Gerechtigkeit”, auf Unterdrückungsstrukturen und die Überwindung von Rassismus gelegt, hätte die Geschichte zwischen den Evangelikalen und ihr ganz anders ausgehen können. Für solche Themen waren die nämlich schon früher zu gewinnen gewesen. Der wohl größte Evangelist des vergangenen Jahrhunderts, Billy Graham, zum Beispiel war Freund Martin Luther Kings und war gegen die Rassentrennung – als Südstaatler. Die Potentiale waren also da. Aber die Verquickung dieser Themen mit radikaler Religionskritik und der “sexuellen Revolution” führte zu einer Gemengelage, bei der Evangelikale auf beiden Seiten des Atlantiks unmöglich mitmachen konnten, weil die Grundanliegen der Evangelikalen – die Hingabe an Jesus Christus in einem Leben in Heiligung und Mission – ausdrücklich exkludiert worden waren 4 . Außerdem poppte als unübersehbare Folge der Entkopplung von Sexualität und Fortpflanzung das Thema auf, das ihnen endgültig den Kürass umschnallte: Die Abtreibung, das Töten ungeborener Kinder im Mutterleib.

feministisches Plakat auf einer Demonstration.

Abtreibung als Initial evangelikaler Einmischung in die Politik

Hier gibt es ein biblisches Vorbild: Der Kindermord in Ägypten durch den Pharao (2. Mos 1,15-22), der ein schreckliches Gericht nach sich zog. Evangelikale (vor allem in den USA) folgten hier einer alten Logik, die ich vom Heidelberger Kirchengeschichtler Gottfried Seebaß gelernt habe und die vom Römischen Reich bis zur Aufklärung Bestand hatte, nämlich dem Zusammenhang von richtiger Gottesverehrung und dem “salus publica” (dem öffentlichen Wohlergehen). Sie schlossen: Eine Nation, die das massenhafte Töten von ungeborenen Kindern gutheißt, beschwört damit das Gericht Gottes gegen sich herauf, unter dem am Ende alle leiden werden. Hier hilft kein Predigen mehr (die hören uns sowieso nicht zu), sondern wir müssen etwas tun

Das Wichtige daran ist nicht, ob man diese Logik teilt oder nicht, sondern zu verstehen, warum die Abtreibungsfrage der Tropfen war, der das Fass zum Überlaufen brachte und als erstes die US-Evangelikalen politisch aktiv werden ließ. Hier ging es nicht mehr um Glaubensvermittlung, sondern darum, politische Möglichkeiten zu nutzen, um dieses unsägliche Töten zu beenden – und ein politisches Bewusstsein zu schaffen, dass eine gegen Gottes Gebote ausgelebte Sexualität kein Segen ist. Das ist die Geschichte, die Thorsten Dietz nicht miterzählt hat, obwohl er sie natürlich genau kennt. 

Das weitere hat er richtig beschrieben (Dietz 268ff.): Nun werden von US-Evangelikalen wie Francis SchaefferPat Robertson und anderen Netzwerke gesponnen, politische Organisationen mit (erz-)konservativen Partnern geschlossen, die auch Nichtgläubige ein- oder die sich Organisationen von Nichtgläubigen anschlossen. 

Von der “woken Linken” zur AfD

Unterdessen hatte die “New Left” den “Marsch durch die Instistutionen” (vor allem Universitäten) erfolgreich abgeschlossen. Der Zusammenbruch des “real existierenden Sozialismus” Ende der 80er Jahre stürzte sie jedoch in eine Identitätskrise. Ihren neuen Daseinszweck fand sie in der Identitätspolitik und im Postkolonialismus. Von nun an arbeitete sie als “woke Linke” top-down 5 an einer “Performation” der Gesellschaft, die diese von ihren Rändern her neu definieren wollte. “Gender” und “Rassismus” waren die neuen Stichworte, und die (neumittelalterlichen) Methoden der Postmoderne, die zur Anwendung kamen, habe ich oben bereits benannt. Machtdiskurse begannen in Deutschland etwa ab der Jahrtausendwende die gesellschaftliche Debatte zu dominieren. Gegenmeinungen wurden nicht mehr argumentativ widerlegt, sondern sozial geächtet; unliebsame Personen durch Empörungen, Shitstorms, Denunziationen und Drohungen zum Schweigen gebracht (Beispiel bei der selbst betroffenen Susanne Schröter, a.a.O.). Die Protagonisten dieser Machtdiskurse waren dabei immer eine Minderheit, die von der gesellschaftlichen Mehrheit in bester kulturimperialistischer Manier nichts weniger verlangte als ihre vollständige Unterwerfung 6 .

Ein Zeichen dafür war z.B. die Verwendung von Gender-Sprache (die die Anerkennung des Konstrukts eines “sozialen Geschlechts” voraussetzt). Das beliebteste Mittel zur Ächtung war, nicht-linken Meinungen das Etikett “rechts” aufzukleben, das auf Grund der Nazizeit bei der weit überwiegenden Mehrheit der Deutschen noch immer absolut negativ konnotiert ist. Wer in den Jahren zwischen 2000 und 2010 als “rechts” galt, war gesellschaftlich erledigt. Wer das nicht sein wollte, musste diese Zuschreibung möglichst vermeiden; diese Einschüchterungsmethode  (“Selbstzensur”) sicherte der woken Linken also Debattenvorteile. Auf diese Weise konnte sie über lange Zeit eine Diskurshoheit über gesellschaftliche Themen erlangen, ohne die gesellschaftliche Mitte (die schweigende Mehrheit), die sie damit dominierte, argumentativ überzeugen zu müssen (und Kritiker werfen ihr vor, dass sie das im Gegenüber zur der Konservativen intellektuell meist überlegenen “New Left” auch gar nicht mehr konnte). 

Sie hatte nur einen Umstand nicht bedacht: Exkommunikationen funktionieren nur, so lange dabei eine kritische Masse von Exkommunizierten nicht überschritten wird. Je mehr Menschen und deren Ansichten aber tatsächlich exkommuniziert wurden (und die woke Linke legte dabei eine geradezu inquisitorische Gründlichkeit an den Tag), desto größer wurde die Zahl der “Outlaws”. Was galt plötzlich nicht alles als “rechts”! Welche (eigentlich ganz vernünftigen) Menschen wurden plötzlich als “rechts” abgestempelt, darunter viele ehemalige Linke, sogar die EMMA-Ikone Alice Schwarzer! Dadurch verlor dieser Begriff sein abschreckendes Potential. Heute bedeutet “rechts” nur noch “nicht links”, mehr nicht.

Bereits 2010 war die “kritische Masse” im Grunde schon überschritten, und je mehr öffentlichen Personen dieses Label aufgeklebt wurde, desto mehr hatten diejenigen, die deren Meinung waren, plötzlich ein Verbundenheitsgefühl: “Aha, ich gehöre jetzt anscheinend auch zu denen”. Dadurch bildete sich eine politische Subkultur. Die AfD war bei ihrer Gründung 2013 nicht rechts, sondern wirtschaftsliberal 7 , wurde von der woken Linken aber umgehend als “rechts” gelabelt. Das war, gesellschaftspolitisch betrachtet, ein unverzeihlicher Fehler. Die echten Rechten, die sich früher in der NPD, den Republikanern oder der Schill-Partei sammelten, wurden erst dadurch auf die AfD aufmerksam und begannen, sie zielgerichtet zu infiltrieren. Die AfD nahm sowohl die von der woken Linken als “rechts” gelabelten Themen als auch tatsächlich rechte bis rechtsextreme Anschauungen in ihre Programmatik auf. Und nun zeigt sich, dass die Masse der zu Recht oder zu Unrecht Exkommunizierten inzwischen bei 25% der Wähler liegt – eine Zahl, an der keine demokratische Gesellschaft der Welt langfristig vorbeikommt. Die “Brandmauer” ist ein letzter, hilfloser und zum Scheitern verurteilter Versuch der woken Linken, das einzudämmen, was sie selbst durch ihre Absicht, mit letztlich illiberalen Methoden der Einschüchterung und Disziplinierung die bürgerliche Mehrheitsgesellschaft zu dominieren, erst hervorgebracht hat. Ihre Debattenhoheit hat sie darüber heute verloren und befindet sich in Rückzugsgefechten unter dem Motto: “Wir verteidigen unsere Demokratie”. Und das “unser” ist durchaus possessiv zu verstehen. 

Die deutsche Entwicklung, die ich hier beschrieben habe, ist kein Sonderfall. Die “New Left” und die woke Linke sind internationale Phänomene, und in nahezu allen westlichen Gesellschaften haben sich ähnliche Entwicklungen ereignet.

Eine politische Kampagne und die Folgen

Die Evangelikalen in Deutschland waren bis in die 90er-Jahre weitgehend unpolitisch. Sie tendierten mehrheitlich zur CDU, aber ein guter Teil auch zur SPD –  vor allem in Nordrhein-Westfalen, das mit Johannes Rau den bisher einzigen evangelikalen Ministerpräsidenten stellte. Politisch aktiv waren nur wenige, hauptsächlich in der Abtreibungsfrage (hier zu nennen ist vor allem Hartmut Steeb, der langjährige Generalsekretär der Ev. Allianz). Das evangelikale Wochenmagazin IDEA-Spektrum machte Evangelikalen jedoch immer wieder die politische Verortung ihrer Anliegen in der sich verändernden Gesellschaft bewusst. Mit der Einrichtung eines offiziellen “Beauftragten der Deutschen Evangelischen Allianz am Sitz des Deutschen Bundestages und der Bundesregierung” (die Position wurde 1999-2016 vom kürzlich verstorbenen Wolfgang Baake bekleidet) nahmen die Evangelikalen eine politische Repräsentanz in der Gesellschaft wahr, ohne sich deswegen jetzt als politische Gruppierung zu verstehen.

Dieses Verständnis wurde ihr von außen aufgedrängt. In den Jahren 2008 und 2009 kam es zu zwei großangelegten Kampagnen der woken Linken 8 auf das Christival in Marburg und den 6. Internationale Kongress für Psychotherapie und Seelsorge, in denen zum ersten Mal seit 1848 (!) Evangelikale als Evangelikale 9 politisch angegriffen wurden. Dabei kam das gesamte genannte Methodenarsenal postmoderner Machtdiskurse zum Einsatz. Die Kampagne richtete sich gegen drei Referenten, die nonkonformistische Ansichten über Homosexualität vertraten und über die der damalige Bundestagsabgeordnete Volker Beck (Bündnis 89/Grüne) sagte, sie dürften “nirgends unbehelligt auftreten, zu welchem Thema oder Zweck auch immer” (also auch nicht zu rein religiösen Themen).  Für die Evangelische Zentralstelle für Weltanschauungsfragen (EZW) fasste Hansjörg Hemminger  die Situation der Hilflosigkeit so zusammen: “Die hilflose Reaktion der Veranstalter bewies, wie wenig der Pietismus dem Feindbild eines politisierten christlichen Fundamentalismus entspricht. Sie versuchten in geradezu rührender Weise, die Gegner von ihren guten Absichten zu überzeugen. Gemäß ihrer Profession agierten sie auf der Beziehungsebene anstatt auf der Sachebene und beschwichtigten, wo Politik nötig gewesen wäre”. Der deutschsprachige Evangelikalismus war auf eine solche Konfrontation im Raum des Politischen in keiner Weise vorbereitet. 

Diese Kampagne war ein echter Einschnitt. Sie hat in der deutschsprachigen evangelikalen Welt einen nachhaltigen Eindruck hinterlassen, auch bei mir persönlich. Und sie setzte sich fort. Der Öffentlich-Rechtliche Rundfunk (ÖRR) brachte eine Reihe von “investigativen” Sendungen über Evangelikale heraus, in denen sie als verschrobene Außenseiter und als politische Gefahr charakterisiert wurden 10 . Evangelikale fühlten sich in diesen Beiträgen unzutreffend dargestellt, verunglimpft und stigmatisiert. Bis dahin hatte sich investigativer Journalismus stets mit den Mächtigen befasst. Hier ging es gegen eine politisch wehrlose Menschengruppe, die mit wenigen Ausnahmen 11 weder von den Kirchen noch aus der Politik nennenswerte Unterstützung bekam – außer von Outlaws, auf denen bereits das Etikett “rechts” klebte (z.B. Gabriele Kuby). 

Fußgänger spiegeln sich in Pfützen auf der Straße.

Evangelikale unter politischem Druck 

Über die inhaltliche Fragestellung zu Homosexualität und Gender wird in der evangelikalen Bewegung seitdem gerungen. Man kann sagen, dass ein relativ breit getragener Konsens (auch mit der woken Linken) entstanden ist, dass LSBTTIQ*-Menschen weder geschmäht, beleidigt, herabgesetzt noch als geringerwertige Menschen betrachtet werden dürfen, dass ihnen vielmehr mit derselben Nächstenliebe zu begegnen ist, die Jesus uns im Gleichnis vom barmherzigen Samariter so eindrücklich vor Augen geführt hat. Konflikte brechen an der Frage auf, wie ihre Lebensform theologisch zu bewerten ist und wie Gemeinden mit diesen Lebensformen in ihrer Mitte umgehen. Hierbei geht es um die Frage, wie ein wortgetreues Bibelverständnis mit der Lebenswirklichkeit gleichgeschlechtlicher Menschen zu vermitteln ist. Dies ist – das möchte ich ausdrücklich betonen – zuallererst eine Glaubens- und Gewissensfrage 12 , ist also eigentlich durch Art. 4 GG geschützt. An genau dieser Stelle setzte sich der Konflikt in Baden-Württemberg bildungspolitisch fort, als die “Akzeptanz sexueller Vielfalt” (statt “Toleranz”) als schulisches Lernziel 2014 im Bildungsplan verankert werden sollte. Im Stichwort von der “Akzeptanz” sahen Evangelikale einen beispiellosen politischen Angriff auf ihre Religionsfreiheit nach Art. 4 GG. Daraufhin agierten einige von ihnen (darunter der einflussreiche Hartmut Steeb) tatsächlich politisch, indem sie eine aktive Rolle bei der Initiierung der “Demo für Alle” einnahmen. Sie hatten aus den Ereignissen von 2009 gelernt. 

Politiker und Aktivisten der woken Linken (vor allem ÖRR-Journalisten) sind der Ansicht, es sei möglich und statthaft, Religionsgemeinschaften durch den Aufbau politischen Drucks zu einer Änderung religiöser Inhalte zu bewegen. Sie kündigen dabei die Errungenschaft des Westfälischen Friedens auf. Traditionell denkenden Evangelikalen, für die die Bibel Grundlage ihres Glaubens ist, bleiben drei Alternativen, um ihre Glaubensfreiheit zu erhalten: Untergrundkirche bilden, auswandern (das Schicksal des sog. „Radikalen Pietismus“ um 1700 und 1800) – oder sich nach Möglichkeiten umsehen, politischen Gegendruck aufzubauen. 

Exakt aus diesem Grund entstand in den USA die “Christian Right”. Es waren dort andere Einzelereigisse, aber dieselbe politische Entwicklung – nur über ein Jahrzehnt früher als bei uns. “Von nichts kommt nichts”, sagt ein Sprichwort. Es gibt viele kritische Darstellungen der US-amerikanischen Situation, die sich darin erschöpfen, wer hier was alles gemacht hat, aber nicht zu den Ursachen durchstoßen, warum sie das gemacht haben. An dieser Stelle kommen dann gerne Flachwasser-Spekulationen zum Einsatz (die üblichen Verdächtigen: “Halt finden wollen in der Überforderung durch kulturelle Veränderungen”, “Frustration darüber, an gesellschaftlichem Einfluss zu verlieren”, “einfache statt komplexe Antworten haben wollen, die sie intellektuell überfordern würden”, “Macht haben wollen, weil Macht einfach geil ist” – zu deutsch: Zu dumm und zu unmoralisch, um links zu sein). Diese Erklärungen sind wohlfeile Selbstbestätigungen ihrer Autoren, und praktisch obendrein, weil die sich nicht mit den eigenen Versäumnissen beschäftigen müssen. Aber sie klären damit überhaupt nichts, weil sie nicht zuhören. Ihr einziges Ziel ist: Weiter Druck aufbauen, obwohl inzwischen klar sein müsste, dass er völlig kontraproduktiv ist.

Auch bei uns hält der politische Druck an. In den letzten Wochen erscheint wöchentlich irgendeine neue Dokumentation über “Christfluencer” auf Kanälen des ÖRR, vereinzelt auch in den einschlägigen Privatkanälen wie “Spiegel TV”. Die Vorwürfe sind immer dieselben, zuverlässig wie die Inquisition bei der Glaubensprüfung: Evangelikale vertreten “erzkonservative Ansichten” über Ehe, Familie und Sexualität, sind gegen Abtreibung und vertreten nonkonforme Ansichten über Homosexualität und Gender. Mit einem Wort: Sie sind politisch hochgefährlich und (natürlich) rechts. Dabei werden nicht etwa politische Initiativen von Evangelikalen kritisiert – weil es die hierzulande im Gegensatz zu den USA ja auch kaum gibt. Politisch und gefährlich ist für die woke Linke schon allein die Tatsache, dass Evangelikale diese Ansichten überhaupt haben, dazu stehen und sie vertreten, auch in Predigten: “Das hat ganz einfach eine politische Strahlkraft”, auch wenn Evangelikale dabei lediglich vorhaben, von dem zu reden, was sie glauben und wie das Leben nach ihrer Überzeugung gelingen kann. Aber für woke Linke ist allein das schon politisch. Denn für sie gibt es nichts Unpolitisches mehr. Dabei kommen sie nicht auf die Frage, ob sie mit der programmatischen Dekonstruktion von Ehe und Familie selbst dafür gesorgt haben könnten, dass ihre Parteien für Evangelikale nicht mehr attraktiv sind. Statt aber dafür zu sorgen, dass sich Evangelikale (oder überhaupt Bürgerliche) in ihren Parteiprogrammen – wenn auch unter Kompromissen – irgendwie wiederfinden können, erscheinen sie als betongegossene Statuen, die aus einer anderen Realität zu stammen scheinen. Das ist vor allem das Elend der heutigen Sozialdemokratie.

Thorsten Dietz hat recht: “Die evangelikale Bewegung ist nicht zu verstehen ohne ihren zeitgeschichtlichen Kontext” (Dietz 285). Man sollte diesen Kontext dann aber auch darlegen – was ich hiermit getan habe. In diesem Kontext wird nämlich erst verständlich, warum sich Evangelikalen die Frage nach politischer Aktivität heute überhaupt stellt. Bis 2009 war das die Sache von Einzelnen gewesen. Seitdem aber steht die Frage auf der Tagesordnung: Wer bietet uns und unserer Art und Weise, an Jesus Christus zu glauben, politischen Schutz? Die Frage impliziert, dass im Verhältnis der Politik zu den Evangelikalen bedeutende Verschiebungen eingetreten sind. Die Politik greift mit Mitteln weltlicher Macht (zu denen Machtdiskurse gehören) in die Sache der Religionsgemeinschaften ein. Nach Luthers Zwei-Reiche-Lehre ist das ein No-Go. Evangelikale Christen erleben diesen Eingriff in ihre Glaubensfreiheit als einen Punkt, an dem sich das “Babylonische Exil” beginnt, in Richtung “Hure Babylon” zu verschieben. 

Allianzen

Aber es hat sich inzwischen etwas an der gesamten Gemengelage verändert, und das hat mit der woken Bewegung selbst zu tun. Inzwischen zeigt sich, dass eine Mehrheit der Bevölkerung unseres Landes mit verschiedenen Aspekten der Gesellschaftstransformation der letzten 20 Jahre nicht einverstanden ist. Die linken Parteien (vor allem die SPD) haben darüber ihre komplette frühere Stammwählerschaft verloren (die Arbeiterschaft). Sie sind den immer lauter werdenden kritischen Fragen nicht mit Sachdiskursen, sondern mit Machtdiskursen begegnet – einfach weil sie dafür die Ressourcen hatten, die Ressourcen überzeugender Argumente jedoch offenbar nicht. Opfer-Narrative reichen dafür nämlich auf die Dauer nicht aus: Man muss deutlich machen, wie das Gemeinwohl von den Veränderungen profitiert, also inwieweit die Gesellschaftstransformationen dafür sorgen, dass es allen am Ende damit besser geht. Das ist der woken Linken nicht gelungen, schon deshalb, weil sie weißen Cis-Männern und traditionell empfindenden Cis-Frauen bis heute kein überzeugendes und zufriedenstellendes Selbstbild und Lebenskonzept bieten kann. 

Evangelikale werden heute vor allem von der AfD aktiv umworben. Was völlig logisch ist, denn die AfD als Partei der exkommunizierten Outlaws wirbt um alle Outlaws. Was aber für Evangelikale nicht unbedingt positive Folgen hat. Die Logik: Die AfD tritt ein für ein traditionelles Verständnis von Ehe und Familie. Die AfD ist rechts bis rechtsextrem. Also ist auch dieses Anliegen rechts bis rechtsextrem. Die AfD ist gegen Gendersprache. Die Evangelikalen sehen in Gendersprache eine Gängelung, weil ihr Einsatz die Akzeptanz des zugrundeliegenden Verständnisses von “Geschlecht” voraussetzt. Kritik an Gendersprache erweist Evangelikale also als “rechts”. Undsoweiter. Allianzen bergen die Gefahr von Zuschreibungen nach dem Motto “mitgefangen, mitgehangen”. Kritikern genügt bereits die Aufzählung, an welchen Stellen die AfD derselben Meinung ist wie die Evangelikalen. Dass die Intentionen grundverschieden sind, interessiert auf dieser Ebene der Auseinandersetzung keinen mehr. Und wenn dann auch noch Evangelikale und Leute von der AfD miteinander redend (geht gar nicht) auf demselben Bildschirm zu sehen sind, ist die Beweisführung der Postmodernen Heiligen Inquisition (PHI) abgeschlossen. Inhalte spielen dabei keine Rolle.

Ich glaube, damit ist die Situation der Evangelikalen jetzt ausreichend detailliert beschrieben: 

  • Evangelikale werden als politisch wahrgenommen, auch wenn sie das gar nicht sein wollen.
  • Sie können diese Interpretation nicht vermeiden, weil es um Kerninhalte des Glaubens geht (v.a. Bibelverständnis).
  • Evangelikale stehen auf Grund ihres Glaubens dauerhaft unter politischem Druck.
  • Diesen Druck teilen sie mit vielen anderen Menschen, von denen viele aber nicht gläubig sind.
  • Ihre traditionelle politische Lobby, die CDU, schützt sie zwar im Hintergrund, macht sich aber öffentlich für sie die Hände nicht schmutzig.
  • Evangelikale stehen unter der Herausforderung, zu ihrem Schutz politische Allianzen zu bilden,
  • und das erfordert, politisch aktiv zu werden.

Nur: Wie? Auf welche Weise? Zu welchem Zweck? Mit welchen Mitteln? Und mit wem?

Lauter offene Fragen.

Vorbild USA?

Und da ist natürlich der Blick über den Ozean interessant, wo unsere Glaubensverwandten hohen politischen Einfluss erzielt haben. Deutsche Evangelikale werden von der woken Linken seit langer Zeit pauschal verdächtigt, die Ideen der dortigen “Christian Right” importieren zu wollen. Das entspricht natürlich in keiner Weise den Tatsachen, sondern ist Bestandteil der inquisitorischen Delegitimationen seitens der woken Linken. Aber natürlich haben Evangelikale hierzulande über die Sozialen Medien den US-Evangelikalen zugehört, die ihre Ansichten ja in unzähligen Memes, Reels, Videos usw. verbreiten. Manches verschroben, manches intelligent; Charlie Kirk sehr intelligent und in vieler Hinsicht vorbildhaft. Und eines muss man den US-Evangelikalen lassen: Sie sind seit über 200 Jahren erfolgreicher als wir. Das liegt unter anderem daran, dass Deutschland seine mutigsten und innovativsten Evangelikalen im 18. und 19. Jahrhundert an Pennsylvania verloren hat (Lehmann 45-56). Manches hängt auch an amerikanischer Mentalität und auch am dortigen Zwei-Parteien-System. Aber es ist schon so, dass deutsche Evangelikale sich in ihrer Situation öfters mal fragen: Warum können die das und wir nicht? Da kommt ein Stück Faszination her, die die US-Evangelikalen ausstrahlen. Aber zugleich ist vielen Evangelikalen hier klar: Manches wollen wir auch gar nicht. Donald Trump kommt hier einfach total schräg rüber. Ich kenne nur wenige Evangelikale, die echte Trump-Fans sind. Mit so jemandem könnte man in ganz Europa keine wirkungsvollen Allianzen bilden. Also: Was sagt uns das?

In dieser Hinsicht sind manche Evangelikale auf das sog. “Seven Mountains Mandate” aufmerksam geworden. Die Bezeichnung entstammt einer (charismatischen) Vision, die die drei einflussreichen Evangelikalen Loren Cunningham, Bill Bright und Francis Schaeffer mehr oder weniger gemeinsam hatten. Sie sahen sieben Sphären, die die zentralen Themenkreise des sozialen Lebens symbolisieren: Familie, Gemeinde, Bildung, Medien, Kunst/Unterhaltung, Wirtschaft/Wissenschaft/Technik, Politik. Und die Zielrichtung der Vision war: Wir müssen alle Anstrengungen aufwenden, um diese 7 Sphären unter das Evangelium zu bringen. Dieser Gedanke wurde später von Lance Wallnau und Bill Johnson aufgenommen. Sie identifizierten die sieben Sphären mit den in Offb. 17,9 genannten sieben Bergen, auf denen die Hure Babylon sitzt. Cunningham und Bright hatten unter dem Stichwirt „unter das Evangelium bringen“ an eine missionarische Initiative gedacht. Wallnau und Johnson verstanden darunter die politische Kontrolle durch konservative Christen, also an gezielte Machtpolitik. „Invading Babylon“ war das Stichwort, dass sie 2013 als christlich-politisches Konzept präsentierten. “Marsch durch die Institutionen” 2.0. Und sie waren der Ansicht: Dadurch wird Amerika wieder zu derjenigen “christlichen Nation”, zu der die USA von Gott berufen sind. Wenn dieser Zustand erreicht ist, dann kommt Jesus wieder. 13

Wer meinen vorherigen Artikel gelesen hat, wird sofort gemerkt haben, wo hier der Haken ist: Das “Seven Mountains Mandate” ist ein postmillennialistisches Konzept. Es sind Christen, also Menschen, die hier das “Tausendjährige Reich” herbeiführen. Damit steht dieses Konzept vor genau denselben biblischen Begründungsproblemen wie das in der evangelischen Landeskirche so beliebte “Social Gospel”: Es setzt eine nicht wörtliche, sondern symbolische Deutung von Offb 20,1-4 voraus. Außerdem übersehen Wallnau und Johnson: In Offb 17,9 sitzt die Hure Babylon auf den 7 Bergen, nicht die Gemeinde. Wer auch immer alle 7 Berge “be-sitzt”, ist also…? Oha. Leimrute in Sicht. Wie war das noch? “Viele werden sagen: Hier ist der Christus, und werden viele irreführen” (Mt 24,5)… Da gibt es gute biblische Gründe, um nochmal genauer nachzufragen.

Außerdem ist das ausdrückliche Ziel, die USA wieder als die “christliche Nation” zu restituieren, die sie bei ihrer Gründung waren bzw. sein wollten. Ob die USA das bei ihrer Gründung tatsächlich waren oder nicht (Dietz 285), ist mal wieder die komplett falsche Frage. Die für Evangelikale einzig richtige Frage lautet: 
Ist das biblisch?
Nur diese Frage ist es, auf die ich als Evangelikaler eine Antwort haben möchte. Dafür schaue ich im nächsten Artikel nochmal ganz tief in die Bibel hinein:

Eine christliche Nation. Hier im Blog.


Fußnoten

  1. Der Vollständigkeit halber möchte ich erwähnen, dass die katholische Kirche ein recht unverkrampftes Verhältnis zur Politik hat. Diese ist Aufgabe der Laien, die die Aufgabe haben, “die zeitlichen Dinge zu besorgen und Gott gemäß zu ordnen” (KKK 898). Das schließt ausdrücklich ein, “Mittel und Wege zu finden, um die gesellschaftlichen, politischen (!) und wirtschaftlichen Gegebenheiten mit den Forderungen des christlichen Glaubens und Lebens zu durchdringen”. Dieser Einsatz gehört laut dem Katechismus der Katholischen Kirche “selbstverständlich zum Leben der Kirche” (KKK 899). Er soll “stets auf das Gemeinwohl ausgerichtet sein und der Botschaft des Evangeliums und der Lehre der Kirche entsprechen” (KKK 2442). Das schließt ausdrücklich die “Schaffung von (…) Vereinigungen (…) mit politischer Zielsetzung” (also von politischen Parteien) mit ein (KKK 1882) – das hat z.B. die Deutsche Zentrumspartei umgesetzt. Die katholische Soziallehre formuliert denn auch eine aus dem christlichen Glauben hervorgehende Theorie von Staat und Gesellschaft mit klaren Forderungen an diese, die Grundlage für das politische Engagement der Laien sind (vgl. im KKK unter dem Stichwort “Gesellschaft”). Insofern ist die katholische Kirche bestrebt, durch ihre Laien die Gesellschaft nach christlichem Vorbild zu gestalten. Hintergrund ist eine amillenniaristische Eschatologie: Christus ist die Herrschaft mit der Himmelfahrt bereits übergeben; in der Kirche ist sein Reich schon gegenwärtig und durchdringt via Laien auch schon die Gesellschaft, bis Jesus Christus nach einem letzten Abfall sichtbar wiederkommt und das Reich Gottes in einem neuen Himmel und einer neuen Erde anbricht (KKK 668-677). ↩︎
  2. Zwei Beispiele: In Deutschland hatten die Bundeskanzler Konrad Adenauer und Kurt-Georg Kiesinger alle Hände voll zu tun, um die Versorgung und eine gewisse Lebensqualität der deutschen Bevölkerung wiederherzustellen. Eine systematische Aufarbeitung der Nazi-Zeit fand in keiner Weise statt – darüber wurde weder öffentlich noch im Privaten geredet. In den USA wiederum war die Nachkriegszeit von der Sorge über den expansiven Sowjet-Kommunismus geprägt. Durch die von diesem beabsichtigte Welt-Revolution sah man die Freiheit auch im eigenen Land als unmittelbar bedroht an. Hierzu gehörte auch die Religionsfreiheit durch den Atheismus, der in den kommunistischen Ländern als Staatsreligion verordnet war. In den 60er Jahren kam es jedoch durch mehrere Skandale und den Vietnamkrieg zu einem Vertrauensverlust der US-amerikanischen Bevölkerung gegenüber dem “Establishment”.  ↩︎
  3. Karl Marx: Die Kritik der Hegel’schen Rechtsphilosophie. Einleitung, in: Karl Marx/ Friedrich Engels – Werke. (Karl) Dietz Verlag, Berlin. Band 1. Berlin/DDR. 1976. S. 378. ↩︎
  4. Das Feindbild der “sexuellen Revolution” war zuallererst die Sexualmoral der katholischen Kirche, die auch die regierende CDU prägte. Aber das Ehe- und Familienverständnis der Evangelikalen, die das biblische Zeugnis hierüber ernst nahmen, fiel auf Grund seiner Nähe mit darunter.  ↩︎
  5. “Top-down” bedeutet, dass performative Veränderungen nicht mehr wie bei Marx und in der Idee des Alt-Sozialismus auf revolutionärem Weg (also von unten) erzwungen werden, sondern über die Besetzung der staatlichen Institutionen (Parlamente, Gerichte, Ämter, Behörden) von oben nach unten.  ↩︎
  6. Ich las vor etlichen Jahren in einem Presseartikel im Internet von einem einflussreichen US-amerikanischen Soziologen, dessen Namen mir leider entfallen ist; ich habe den Artikel trotz intensiver Suche bisher nicht wiederfinden können. Er erklärte, dass die Evangelikalen bzw. überhaupt die Konservativen den Kulturkampf um Ehe, Familie und Sexualität verloren hätten, und verlangte von ihnen ausdrücklich die “vollständige Unterwerfung” (engl. complete submission) unter die woke Identitätspolitik: “We won and you lost. Deal with it”. Das war, wenn ich mich richtig erinnere, während der ersten Präsidentschaft von Barack Obama. Ich glaube, diese Äußerung, die eine weit verbreitete Haltung der woken Linken in dieser Zeit widerspiegelt, wirft ein bezeichnendes Licht auf die Gründe der Solidarisierung der Evangelikalen mit Donald Trump.  ↩︎
  7. Im ersten Wahlprogramm der AfD vom April 2013 sind einschlägig rechte Themen (also solche, die wirklich rechts sind und nicht nur von der woken Linken als “rechts” gelabelt wurden wie ein Eintreten für Ehe und Familie) noch nicht zu erkennen. Die AfD galt anfangs als „Professorenpartei“. Es waren die linken Soziologen Alexander Häusler und Andreas Kemper, die bereits einen Monat vor (!) dem Gründungsparteitag die „rechts“-Keule in Anwendung brachten und durch Freunde dafür sorgten, dass dieses Label in die Wikipedia aufgenommen wurde (https://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Alternative_f%C3%BCr_Deutschland&diff=115522056&oldid=115448098; bitte für die lesbare Version des Artikels ganz nach unten scrollen). Kemper, der selbst unter dem Account „Schwarze Feder“ in der Wikipedia aktiv war, hatte zuerst einen Blogbeitrag bei der am linken Rand stehenden „Amadeu-Antonio-Stiftung“ veröffentlicht. Als der Blogeintrag in der Wikipedia auf Grund des Reglements nicht als Beleg akzeptiert wurde (wie die Versionsgeschichte zeigt), brachte er ihn als rasch zusammengeschriebenes Buch heraus („Rechte Euro-Rebellion“), um zu gewährleisten, dass das „rechts“-Label von Angang an in der Wikipedia zu lesen ist. Das konterkarierte die Absicht der damaligen Parteiführung, sich „nicht ins rechte Lager abdrängen lassen“ zu wollen (Frauke Petri am 14.03.2013, ebenfalls unter dem obigen Link). An dieser Geschichte lässt sich auch schön ablesen, wie wichtig die Wikipedia als Exkommunikationswerkzeug für die woke Linke war und bis heute ist. Sie hatte sich in der oligarchisch strukturierten Online-Enzyklopädie über viele Jahre eine Dominanz erarbeitet, die sie für das Labelling weidlich nutzte.  ↩︎
  8. Eine Stellungnahme der Deutschen Evangelischen Allianz beschreibt die politische Breite dieser Kampagne: “Dass Parteien wie SPD, FDP, Grüne und Organisationen wie der DGB wahllose Diffamierungen über den Kongress und die Evangelikalen verbreitet haben, muss Folgen haben. Ungeprüft wurde das ganze Vokabular linksradikaler Splittergruppen und der Homo-Lobby nachgeplappert. Während sich Evangelikale ständig von Standpunkten distanzieren sollen, die sie nie geäußert haben, etwa dass Homosexualität eine Krankheit sei, denkt kein Grüner und kein DGB-Vertreter im Traum daran, sich von den Hetzparolen der Demonstranten und den blasphemischen Schmierereien zu distanzieren. Lediglich die CDU habe den Kongress “tapfer verteidigt”. Das Ganze wurde gefördert vom Bundestagsabgeordneten der Bündnis 90/Grünen, Volker Beck. ↩︎
  9. Gesa Coordes bestritt zwar in der Frankfurter Rundschau, dass die Kritik die Religion im weiteren Sinne thematisiert habe; sie habe sich nur auf zwei umstrittene Referenten der Tagung beschränkt (zit. im Wikipedia-Artikel; der Original-Kommentar ist nicht mehr abrufbar). Das hatte Hansjörg Hemminger von der EZW aber ganz anders erlebt: “Die Diffamierungen, die sich gegen die Kongressteilnehmer richteten, zielten auf die Mitte des christlichen Glaubens, auf die Person Christi, auf Kreuz und Vaterunser”. ↩︎
  10. z.B. “Fundamentalistische Christen in Deutschland” (Stellungnahme der DEA), “Radikale Christen in Deutschland” (Stellungnahme von PRO) sowie das Buch “Mission Gottesreich”.  ↩︎
  11. Hier ist insbesondere der damalige EKD-Ratsvorsitzende Wolfgang Huber zu nennen, der im Deutschlandradio auf das Buch “Mission Gottesreich” sagte: “Ich bin außerordentlich irritiert durch diejenigen Stimmen, die uns neue Formen der Abgrenzung, des verweigerten Dialogs nahelegen wollen.“ (zit. nach Hemminger). Aus der Merkel-CDU gab es zwar keine öffentliche Unterstützung, aber klare Signale, dass diese Kampagne abgelehnt wurde. ↩︎
  12. Der oft von Lesben- und Schwulenverbänden geäußerte Vorwurf, im Hintergrund stehe ganz einfach “gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit”, kann zwar in Einzelfällen durchaus zutreffen, geht aber in der Breite bewusst am tatsächlichen Sachverhalt vorbei (“pars-pro-toto-Argument”) und ist selbst Element in dem Machtdiskurs um diese Fragen.  ↩︎
  13. In einer früheren Version des Artikels war fälschlicherweise davon die Rede, dass Bill Bright statt Bill Johnson für den Schwenk ins Politische verantwortlich war. Der Fehler wurde zwischenzeitlich korrigiert. Danke an Manfred Schmitt für den Korrekturhinweis. ↩︎

Literatur

  • Dietz, Thorsten: Menschen mit Mission. Eine Landkarte der evangelikalen Welt, Holzgerlingen 2022
  • Katechismus der katholischen Kirche (KKK), Berlin 2015
  • Lehmann, Hartmut: Religiöse Erweckung in gottloser Zeit. Studien zur Pietismusforschung, Göttingen 2010
  • Schröter, Susanne: Der neue Kulturkampf. Wie eine woke Linke Wissenschaft, Kultur und Gesellschaft bedroht, Freiburg 2024

Dieser Blog-Beitrag von Dr. Gerrit Hohage erschien zuerst in „Tief verwurzelt glauben – der Blog zum Buch“. Lesen Sie hier den Original-Beitrag „Wir Evangelikalen heute – und “unsere Demokratie”.

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