Das Bild zeigt ein Hauswandgroßes Graffity mit einer Frauengesicht, die den Schweigefinger auf die Lippen legt.

„Politik“ – was soll das überhaupt sein?!

Wir Evangelikalen und die Politik Teil 1

Neulich brachte der ÖRR wieder mal die x-te Folge des Themas, das die heutige Gesellschaft anscheinend am meisten gefährdet: “So radikal sind Christfluencer”.

Gähn, die Masche kennen wir schon. Ein paar Christfluencer werden gezeigt mit aus dem Zusammenhang gerissenen und darum skandalisierungsfähigen Wortschnipseln. Die typische Aussteiger:in und die unvermeidlichen linksdrehenden Expert:innen sind auch wieder mit dabei.

Einen echten Dialog mit den Beschriebenen – also dass man sie mal gefragt und (!) die Antwort gezeigt hätte – hielt man offenbar mal wieder nicht für angebracht. Tenor: Evangelikale Christfluencer sind eine politisch gefährliche Sache, die sind irgendwie AfD. Ungefähr so, wie die US-Evangelikalen (jedenfalls die weißen) mehrheitlich für Trump sind. Eine politische Gefahr, die man eindämmen muss. Und mal im Ernst: Je öfter die Leier kommt, desto weniger überzeugend kommt sie rüber. Was rüberkommt ist: Die vom ÖRR, Spiegel TV und Co. mögen offensichtlich keine Christen – auf jeden Fall dann nicht, wenn sie anders als die offiziellen Kirchen nicht erkennbar links sind, sondern konservativ denken.

Allerdings gibt es in gerade diesem Video tatsächlich einen lichten Moment, an dem die Autorin Lea Schmidt (der Sprecher bleibt anonym) doch noch einen Dialog führt. In Minute 12:48 heißt es:

“So Leute, und das ist der Punkt, an dem auch gewisse deutsche Christfluencer mal die Nase aus der Bibel ziehen und sich die eigene Verantwortung eingestehen müssen, weil sie, ob wissentlich oder nicht, auch politische Messages verbreiten. Und Aussagen wie ‘Wenn du einen Mann Gottes willst, musst du halt auch ne Frau Gottes sein, und dazu gehören halt…: Du musst dich unterordnen’. Oder: ‘Es ist nichts anderes als eine Sexualisierung unserer Kinder’, die haben einfach eine politische Strahlkraft. Egal ob man der Meinung ist, dass Frauen sich Männern unterordnen müssen, oder dass Drag-Queens Kinderseelen schaden. Das Ding ist, dass das natürlich die eigene persönliche Meinung sein darf. Aber wenn die Glaubenssätze so eng und eindeutig ausgelegt werden, dass es innerhalb der Glaubensgemeinschaft nur diese eine Wahrheit gibt, die man auch bitte keinesfalls hinterfragen darf, dann wird es einfach problematisch.”

https://www.youtube.com/watch?v=UhuPWUPr-MI&t=768s

Lea Schmidt reagiert da auf einen Einwand, den viele Christfluencer immer wieder betonen: “Was wir machen ist doch gar nicht politisch!” Naja meistens nicht. Wir erzählen anderen von unserem Glauben, unserer Vision vom guten Leben in Ehe und Familie, unseren Hoffnungen und Wünschen, und leben das in der Gemeinde. Was soll daran politisch sein? Das ist doch privat! Da geht es nicht darum, dass wir irgendwelche politische Forderungen an unseren Staat richten, sondern dass Menschen uns als Zeugen Jesu Christi erleben! Es geht uns in dem, was wir tun, in erster Linie um den Glauben, nicht um Politik! 

Lea Schmidt antwortet mit ihrem Statement quasi so: “Vielleicht sind das tatsächlich nur eure Privatmeinungen, aber indem ihr sie auf diese Weise raushaut, bekommen sie eine politische Strahlkraft. Und weil sich damit ein Wahrheits- und ein Geltungsanspruch verbindet, sind das politische Messages, auch wenn euch das vielleicht gar nicht bewusst ist.”

Und das ist ein Vorwurf, der Evangelikalen hierzulande auch anderswo schon gemacht worden ist: Evangelikale würden sich entweder der Wahrnehmung der politischen Dimension ihrer Ansichten verweigern 1 oder diese nach außen vertuschen 2

Nun gibt es viele Evangelikale hierzulande, die diesen Vorwurf empört als Unterstellung zurückweisen würden. Denn da wird eine ganz alte Frage berührt, die unter Evangelikalen ziemlich kontrovers beantwortet wurde und bis heute wird: “Dürfen Christen sich politisch engagieren?” D.h. stimmt es mit dem Plan Gottes mit uns, mit seiner Kirche und mit dieser Welt überein, wenn wir das tun?

Es gibt viele Evangelikale, die diese Frage für sich mit “Nein” beantwortet haben. Und sie haben so ein unbestimmtes Gefühl, dass ihnen mit diesem Vorwurf irgend etwas untergeschoben wird. Ist auch so! Und darum zünden wir jetzt erst mal die Lunte, die in dem Vorwurf verborgen ist:

Was genau soll “politisch” im Gegenüber zu “privat” eigentlich bedeuten und wer definiert das? 

Und Ihr ahnt es vielleicht schon: Genau zu der Unterscheidung zwischen “politisch” und “privat” gab es in den letzten Jahrzehnten eine Diskursverschiebung von einer liberalen hin zu einer links-feministischen Auffassung.

Der Vorwurf, der Evangelikalen gemacht wird, erhebt gleichzeitig einen Anspruch auf Deutungshoheit gegenüber dem politischen Liberalismus. Von diesem aus betrachtet hätten die Evangelikalen nämlich recht mit ihrer Auffassung, dass diese Dinge “privat”und nicht “politisch” sind! Nur in einem von antiliberal-feministischen Axiomen bestimmten Deutungsrahmen kann man ihnen vorwerfen, sie würden “die Wahrnehmung der politischen Dimension ihrer Ansichten ausblenden”.

Das muss ich jetzt etwas genauer erklären. Denn erst, wenn wir diese Begriffe klar haben, können wir über das Verhältnis von uns Evangelikalen zur Politik sinnvoll nachdenken. Und das zu tun habe ich in der Artikelserie vor, die hier jetzt entsteht. In sie wird einiges von einem Kapitel einfließen, das ich für mein Buch “Tief verwurzelt glauben” geschrieben hatte und das bei der Veröffentlichung gekürzt werden musste. Die Literaturangaben und die Fußnoten stehen unten im Artikel.

Die Antike: Welcher Raum ist geschützt?

Seit der Antike gilt der öffentliche Raum als das Handlungsfeld des Politischen. Es ist der Raum, in dem man “in der Welt in Erscheinung tritt, in dem man über die öffentlichen Angelegenheiten verhandelt und entscheidet” (Riescher 64). Es ist der Raum der wehrfähigen Bürger, lat. “populus”; davon wird der Ausdruck “res publica” gebildet, der für die Dinge von öffentlichem Interesse, im Besitz aller oder auch für das Gemeinwohl verwendet wurde (Geuss 57). Im antiken Griechenland ist damit vor allem die Agora gemeint, der Marktplatz, wo die Leute ihren Geschäften nachgehen, von anderen gesehen oder auch übersehen werden können und sich idealerweise so verhalten, dass sie sich anderen nicht aufdrängen oder Ekelgefühle in ihnen auslösen. (Geuss 33-56). Es ist zugleich der Raum gemeinschaftlichen Handelns und Entscheidens über Regelungen, die das Gemeinwohl aller betreffen – also von Politik. 

Dem öffentlichen bzw. politischen Raum (die Begriffe werden teilweise synonym verwendet) steht der vor den Blicken und auch vor den Interventionen der anderen geschützte Bereich des Privaten gegenüber. Das ist, örtlich betrachtet, zunächst mal das eigene Haus (gr. oikos), in dem das Privatleben stattfinden kann. Hier kann der Mensch im Prinzip tun und lassen, was er will. Im übertragenen Sinn ist es im antiken Verständnis auch der Bereich des Wirtschaftens und der Reproduktion, also des Familienlebens (Riescher 65). Hier bestand Regelungsbedarf im Wesentlichen da, wo zwei Privatleute in einen Konflikt gerieten. Der Privatbereich war aber in der Regel vor politischer Einflussnahme geschützt – und zwar so lange, wie gewährleistet war, dass die Nachkommen zu guten Bürgern und Soldaten ausgebildet wurden, denn dies war im Interesse des Gemeinwohls (Geuss 59ff.)

Daneben gibt es seit dem Kirchenvater Augustinus noch eine weitere Definition des “Privaten”, nämlich die eigene Innerlichkeit, in der der Dialog zwischen dem Menschen und Gott stattfindet (Geuss 77-95).

Diese Verhältnisbestimmung war in den antiken Demokratien entstanden, wurde aber dank Aristoteles und Thomas von Aquin auch in den mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Monachien im Wesentlichen beibehalten.

Der politische Liberalismus: Das Individuum ist alles

Im Nachgang zum absolutistischen Zeitalter entwarf der politische Liberalismus, beginnend mit Alexander von Humboldt, eine antipaternalistische Verhältnisbestimmung des Politischen und Privaten in der Absicht, den Staat möglichst klein und die Freiheit des Einzelnen möglichst groß zu machen (daher die Bezeichnung “Liberalismus” von lat libertas, Freiheit). Er nahm die traditionelle Abgrenzung auf, allerdings mit einer wesentlichen Veränderung: 

Im alten Rom war das Wohl des Einzelnen (z.B. eine gute Gesundheit der jungen Männer) deshalb wichtig, weil dies dem Gemeinwohl diente (schlagkräftige Armee). Im Liberalismus steht dagegen  das Wohl des Einzelnen um seiner selbst willen im Mittelpunkt: Das Individuum ist “der autonome Ausgangspunkt für jede Theoriebildung” des Politischen. Was zur Folge hat, dass “das politische Gemeinwesen ein Existenzrecht nur besitzt, insoweit es zur Sicherheit, Wohlfahrt, Selbstentfaltung usw. des Individuums beiträgt” (Geuss 60f., 63). Entsprechend hat sich der Staat vorwiegend um die Sicherheit zu kümmern und den Rest (v.a. das “Eigentum”, z.B. Haus, Lebensunterhalt, Vorsorge, Besitz und Reproduktion) als vor politischer Einflussnahme geschütztes “Privatleben” den Bürgern zu überlassen (sog. “Nachtwächterstaat” (Geuss 15f., Riescher 65).

Der Feminismus: Das Private ist politisch!

Nun gab es aber ein Problem: Der politische Liberalismus dachte bei all dem vor allem an Männer. Ehefrau und Kinder wurden – kein Witz! – als Besitz des Mannes gedacht. Die Frauen kümmerten sich im Privaten um “Kinder, Küche, Kirche”; die Männer machten in der Öffentlichkeit die Politik. So war das auch schon in der Antike gewesen. Aber was ist, wenn ein Mann seine Frau und seine Kinder misshandelt? In der Antike interessierte das niemanden, und im Liberalismus lag es im vor der Politik geschützten Privatbereich. Das konnte – vor allem angesichts von “Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit” nach 1789 nicht so bleiben (wobei auch die französischen Revolutionäre erst darauf hingewiesen werden mussten, dass dazu auch die Schwesterlichkeit gehört).

Die erste Welle des Feminismus etablierte hier zunächst die Gleichberechtigung, die sich u.a. im Frauenwahlrecht niederschlägt. Frauen waren jetzt Subjekte von Politik. 

Ausschnitt aus dem Hauswandgroßen Graffity, bei dem eine Frau den Zeigefinger zum Schweigen über die Lippen legt.

In der 68-er-Zeit entstand dann ein neuer Slogan: “Das Private ist politisch!” (Riescher 59f., 64ff.). Er wurde zum Motto der zweiten Welle des Feminismus. Die Frauen identifizierten das Private als Bereich von Ungleichheit und Unterdrückung, während man sich im öffentlichen Raum als Gleiche unter Gleichen begegne. Sie forderten, “die bürgerliche Trennung von Privatleben und gesellschaftlichen Leben aufzuheben, das Privatleben qualitativ zu verändern und die Veränderung als politische Aktion, als kulturrevolutionären Akt und als Teil des Klassenkampfes zu verstehen”. (Riescher 59). Das bedeutet: “Enttabuisierung und Abbau der hierarchisch gestalteten privaten Strukturen” (Riescher 68), und zwar als politischen Prozess. 

Dabei zeigt die Rechtsgeschichte, dass der Gesetzgeber darin äußerst vorsichtig darin war, in den Bereich hineinzuregeln, der früher zum privaten, d.h. freien Lebensbereich gehörte. Die Tendenz ist jedoch seit ca. 20 Jahren stark zunehmend. Dabei entdeckten durchaus auch Feministinnen wie Jean Cohen, dass sie, um frei und selbstbestimmt leben zu können, selber auf den Schutzraum des Privaten angewiesen sind. Von anderen Feministinnen wird dies jedoch als “Umarmung des Liberalismus” kritisiert. Als jüngste Positionierung nannte Gisela Riescher 2007 die Forderung, das “Öffentliche” neu zu denken im Sinne einer “gegenseitigen Durchdringung des Öffentlichen und Privaten”. Diese Entgrenzung ist genau das, was wir heute erleben: Das Private, verstanden als Freiheit des Individuums, dominiert den öffentlichen Diskurs (“Ich als X”…), und das Öffentliche bzw Politische, verstanden als Bereich von Regelungen, dominiert immer stärker das Private.

Aus der Menge der Probleme, die diese Entgrenzung verursacht, möchte ich zwei für unseren Zusammenhang bedeutende herausgreifen. Die möchte ich demonstrieren an dem Beispiel, das die eingangs genannte Sendung über die Christfluencer heraushebt und was die Autorin offenbar am meisten empört hat: Die noch fast jugendliche Christin, die sich erdreistet, zu sagen:

“Wenn du einen Mann Gottes willst, musst du halt auch ne Frau Gottes sein, und dazu gehören halt [Schnitt]…: Du musst dich unterordnen.”

https://www.youtube.com/watch?v=UhuPWUPr-MI&t=768s

Was logischerweise für Feminist:innen ein politischer Affront par excellence ist! Aber:

(1) Die Beziehungswirklichkeit dahinter ist viel komplexer. Und das war sie auch schon immer. Ja: Es gab die schlimmen Fälle, in denen die Männer die Unterordnung der Frauen gegen deren Willen erzwungen haben. Ich habe als Pfarrer zahlreiche Frauen beerdigt, die liebend gerne studiert hätten, denen dies aber von den Eltern untersagt wurde, weil Mädchen so was nicht machen. Ich habe aber auch zahlreiche Frauen beerdigt, die studiert und einen akademischen Beruf ergriffen haben. Und ein Teil dieser Frauen kehrte nach der Babypause nicht in ihren studierten Beruf zurück, weil sie daran das Interesse verloren hatten. Ich habe Männer gesehen, die ziemlich unter dem Pantoffel ihrer Frauen waren. Und es gibt schon sehr frühe Fälle wie zum Beispiel in der Ehe Martin Luthers, in denen das Ganze sehr partnerschaftlich ablief und Käthe Luther durchaus bestimmend auftreten konnte.

(2) Aus der Arbeitspsychologie weiß man, dass eine Konstellation, in der zwei oder mehr Gleichgestellte Führungsaufgaben übernehmen sollen, nicht funktioniert. Entweder gibt es Dauerkonflikte, oder die Beteiligten bilden eine inoffizielle, oft sogar unbewusste Leitungsstruktur aus.

(3) In der BDSM-Szene ist bekannt, dass der “Subbie” die führende Person ist, nicht der “Dommie”.

Was will ich damit sagen? Paare bilden ihre Beziehungsstruktur auf vielfältige Weise aus, und nicht immer bedeutet “Unterordnung” auch “Unterdrückung”. Man kann politisch gegen Unterdrückung sein, aber privat eine bestimmte Form von Unterordnung leben – die sogar nach Lebenszusammenhängen differenziert sein kann. Es ist politisch, sich dafür einzusetzen, dass Frauen das so gestalten können, wie sie wollen, aber wie sie das nun konkret gestalten, um eine für sie gelingende Beziehung zu leben, das ist ihre Sache, also privat! Und eben von einer solchen privaten Überlegung hat die Christfluencerin in dem Video geredet. Niemand muss dem zustimmen, auch nicht theologisch; jeder hat die (private) Freiheit, sich darüber eine eigene Meinung zu bilden und die auch kundzutun. Wenn man das aber politisch interpretiert, dann läuft das Motto “Das Private ist das Politische” darauf hinaus, dass es keinen Privatbereich mehr gibt, in dem Paare aus der Vielzahl der Möglichkeiten ihre Lebensweise finden, gestalten und darüber reden können – mindestens dann nicht, wenn sie es in einem traditionellen Rollenverständnis tun wollen (!). Denn im Politischen, dem Bereich der Regelungen, sind Rollenverständnisse entweder erlaubt oder verboten.

Eben darauf hebt Lea Schmidt in der “Christfluencer”-Sendung ab: Das sei nämlich der Fall, wenn “es innerhalb der Glaubensgemeinschaft nur diese eine Wahrheit gibt, die man auch bitte keinesfalls hinterfragen darf”. Wirklich?

Abgesehen davon, dass niemand in diesem Land dazu gezwungen wird, so eine Wahrheit für sich persönlich zu übernehmen oder sich einer solchen Glaubensgemeinschaft anzuschließen (wie die gezeigte Aussteigerin selbst beweist), wird es an dieser Stelle final gefährlich. Um zu zeigen, welche Gefahr hier droht, möchte ich die Aufmerksamkeit  jetzt auf einen Sachverhalt richten, den derzeit niemand in dieser Debatte auf dem Schirm hat: Was ist denn, wenn Frauen wie die o.g. Christfluencerin, ggf. sogar im Konsens ihrer Gemeinde, ihr Rollenverständnis als Ausdruck ihres Glaubens betrachten? Ändert das etwas an der Einordnung als “politisch” oder “privat”?

Der Westfälische Friede: Religion ist privat

Der Westfälische Friede von 1648 als Quelle der Unterscheidung von “politisch” und “privat” wird im Diskurs zwischen Liberalismus und Feminismus bis heute konsequent übersehen. 3 Das ist ein Problem, weil gerade diese Quelle für das europäische Gemeinwohl, aber auch für den Pietismus und die Erweckungsbewegung (also die Vorläuferbewegungen des Evangelikalismus) von großer Bedeutung war. Die Verhältnisbestimmung des deutschen Evangelikalismus zur Politik ist ohne sie nicht zu verstehen. Worum geht es?

Der Westfälische Frieden beendete den 30-jährigen Krieg, der der verheerendste Religionskrieg auf europäischem Boden war. Die konfessionelle Spaltung war durch den “Augsburger Religionsfrieden” von 1555 eine politische Realität geworden: Es gab katholische und evangelische Fürstenhäuser und damit auch Länder. “Cujus regio, ejus religio” war damals die Formel gewesen: Der Landesherr bestimmte die Religion der Untertanen. Und wer nicht konvertieren wollte, musste das Land verlassen. Natürlich versuchten die Fürstenhäuser beider Konfessionen, möglichst viele Ländereien für die eigene (also die richtige) Konfession zu “retten” (also zu erobern). Ab und zu wechselte ein Landesfürst auch mal die Konfession. Krieg, sagte Carl von Clausewitz, ist “eine bloße Fortsetzung von Politik mit anderen Mitteln” – auch diese Seite gehört zur Realität des “Politischen” dazu. Und so entlud sich das Ganze im 17. Jahrhundert in einem grauenvollen Gemetzel, an dessen Ende alle Beteiligten einsahen, dass es so nicht geht. 

Die Lösung, die im Vertrag des “Westfälischen Friedens” festgehalten wurde, bestand darin, dass religiösen Minderheiten erstmals erlaubt wurde, ihre Religion “privat” auszuüben: “[…] so soll es ihnen dennoch gestattet sein, mit vollkommener Gewissensfreiheit ihrer Andacht privat in ihren Häusern ohne jede Untersuchung oder Beeinträchtigung beizuwohnen […]”. 4 Auch der öffentliche Gottesdienst in der Nachbarschaft wurde ihnen gestattet – der dadurch ebenfalls vom politischen in den Privatbereich rückte. Den Andersgläubigen durften deshalb keinerlei politische Nachteile entstehen. Sie durften von den „Gemeinschaften der Handwerker, Innungen, Zünften oder Erbschaften, Legaten, Krankenhäusern [oder] Almosen“ auf Grund ihrer vom Landesherrn abweichenden Konfession nicht ausgeschlossen werden. 

Durch die Verlagerung des Religiösen in den ausdrücklich “privaten”, also vor dem Zugriff des Politischen geschützten Lebensbereich entfiel für diese Minderheiten die Notwendigkeit, ihrerseits politischen Druck auszuüben, damit ihre Stadt oder ihr Gebiet einem anderen Land ihrer Konfession angegliedert wird oder dass ein anderer Landesherr das Land erobert und ihnen dadurch ihr religiöses Existenzrecht sichert. Kein Fürstentum musste mehr den unterdrückten Minderheiten in einem anderen Fürstentum zu Hilfe eilen. Es war ein politischer (!) Nichtangriffspakt zwischen den Konfessionen bzw. religiösen Prägungen, der die öffentlichen Rechte der Mehrheitsreligion unbeschadet ließ. 

Kurz darauf begannen besonders gläubige Bibelleser (man nannte sie “Pietisten”), diesen neuen religiösen Freiraum mit Leben zu füllen. Sie versammelten sich in sog. “Konventikeln”, um gemeinsam die Bibel oder Erbauungsschriften zu lesen und miteinander zu beten – das waren die ersten Hauskreise. Sie waren manchmal sowohl der Amtskirche als auch den örtlichen Polizeibeamten suspekt und es kam hin und wieder zu Verboten und polizeilichen Auflösungen von Hauskreisen und Gemeinschaften. Am Ende setzte sich aber die Auffassung durch: Die Versammlung zu religiösen Zwecken ist privat, nicht politisch, und darum zu gestatten! Daraus erwuchs 5 die Art von Religionsfreiheit, die wir heute im Grundgesetz Art. 4 finden: “Die Freiheit des Glaubens, des Gewissens und die Freiheit des religiösen und weltanschaulichen Bekenntnisses sind unverletzlich. Die ungestörte Religionsausübung wird gewährleistet.”

Von daher erklärt sich, in welcher Weise der Pietismus als “unpolitisch” galt: Sein Interesse war die (auch gemeinschaftliche) Bildung der persönlichen Frömmigkeit 6, die von machtpolitischen Angriffen auf die Obrigkeit absah und darum für diese keine Gefahr darstellte. 

Übrigens war das Glaubenszeugnis an andere Menschen von Anfang an mit in die “private Religionsausübung” eingeschlossen. Die politische Enthaltsamkeit eröffnete dem Pietismus und der folgenden Erweckungsbewegung also riesige missionarische Möglichkeiten, die sie sonst nicht gehabt hätten. Dass das Religiöse als unpolitischer Bereich galt, wird auch nicht dadurch in Frage gestellt, dass sich mit der Zeit viele Gläubige aus Pietismus und Erweckungsbewegung sozial (also “politisch”) engagierten, auch durchaus parteipolitisch (z.B. Christoph Blumhardt), denn sie taten das als öffentliche Einzelpersonen und nicht, um im Namen ihrer Glaubensgemeinschaft Machtpolitik zu betreiben. 

In der Nazi-Zeit bewahrte dies die Landeskirchlichen Gemeinschaften vor der Politisierung durch die “Deutschen Christen” 7, allerdings um den Preis, dass sie auch keinen Widerstand gegen das Nazi-Regime leisteten – das hat man ihnen später zum Vorwurf gemacht.

Nun ist es wichtig, zu sehen, dass der aus dem Pietismus erwachsene Flügel der Kirchen dieses neutrale Verhältnis zum Politischen auch in der Nachkriegszeit beibehielt und sich darin von den Landeskirchen mit ihrer immer stärkeren Politisierung nach links unterschied (auch bewusst). Dieser Flügel hat die oben genannten Veränderungen im Verhältnis von “politisch” und “privat” größtenteils nur am Rande mitbekommen, noch viel weniger mit vollzogen. 

Wenn diesen Christen jetzt gesagt wird, dass die Weitergabe ihres Glaubens auch in der örtlichen Gemeinde ein “politisches Statement” sei, dann wird ihnen damit ein Verständnis des “Politischen” im Gegenüber zum “Privaten” untergeschoben, das am Konsens des Westfälischen Friedens und damit an der im Grundgesetz garantierten Religionsfreiheit rüttelt. Denn nach dieser ist die Pflege des eigenen Glaubens einschließlich deren Weitergabe privat und nicht politisch. Für sie sieht das so aus, als würde dieser Konsens rückabgewickelt – zumindest im politisch linken Spektrum. 

Und das ist dann der Punkt, an dem gewisse Medien mal die Nase aus ihren Gender-Studies-Bibeln ziehen und sich ihre eigene Verantwortung eingestehen müssen: Wenn bewusst politische Sendungen des Öffentlich-rechtlichen Rundfunks (der also zum “Gemeingut” gehört) so unverhohlen die Religionsfreiheit konservativer Christen in Frage stellen, in dem sie deren “unpolitisch” gemeinte Aussagen als “politisch” interpretieren, und wenn es zugleich gewisse blaugefärbte Parteien im politischen Spektrum gibt, die sich genau diese Religionsfreiheit wie der Rattenfänger von Hameln aufs Panier geschrieben haben, zu welchen Folgerungen werden die konservativen Christen dann genötigt? Ihr da vom ÖRR, ihr bringt durch Eure Warnungen genau das, wovor ihr warnt, erst selbst hervor. Self-fulfilling prophecy. Und dabei kommt ihr euch auch noch moralisch toll und richtig vor. (Das war meine Replik auf Lea Schmidt).

Es wäre auf jeden Fall politisch weise, wenn der ÖRR und insgesamt das politisch linke Spektrum hier mal gehörig den Druck vom Kessel nehmen und klarstellen würden, dass ein traditionelles Familienbild zu haben und sich dafür auszusprechen für sich genommen unpolitisch und nicht “rechts” ist. Das wäre für den politischen Frieden im Lande und damit für das Gemeinwohl bestimmt sehr förderlich.

Konsequenzen

Auf der anderen Seite ist es für uns Evangelikale wichtig, zu wissen, dass wir mit unserer Art, zu glauben, zwischen die Fronten eines politischen Diskurses geraten sind, der auch ohne unser Zutun um uns herum stattfindet. Mit dem Verlauf des Diskurses haben sich die Spielregeln geändert, weswegen etliche politische Player unsere an sich unpolitische Glaubenspraxis politisch interpretieren, ob wir wollen oder nicht. Außerdem bilden die sozialen Medien wie Instagram, TikTok, Facebook und YouTube einen Grauzonenbereich, der verschiedene Eigenschaften des öffentlichen, politischen Raumes mit denen des Privatbereichs in sich vereinigt – gerade darin besteht ihr Reiz (Seubert 106f.) Ob ein Posting eine “politische Strahlkraft” entwickelt, hat man in diesen Medien nicht selbst in der Hand, weil diejenigen, die das Posting sehen, als “crowd” darüber entscheiden. Wenn man Politiker interviewt, dürfte die Entscheidung eindeutig sein, zumal man damit teilweise die Rolle der Presse übernimmt – und die ist politisch. Die modernen Medien nicht zu nutzen ist aber auch keine Lösung, schon wegen des Missionsauftrages Mt. 28,18-20. 

Und natürlich darf man nicht außer acht lassen, dass evangelikale Christen in Deutschland sich nach der Jahrtausendwende stärker als früher in konservativem Sinne politisch engagiert haben. (Wobei der bisher einzige evangelikale Ministerpräsident von der SPD war, nämlich Johannes Rau. Wollte ich nur mal erwähnt haben…)

All dies zeigt, wie komplex die Sache geworden ist. So viel ist klar: Die oben skizzierte Frage, die unsere Bewegung im Zuge des Westfälischen Friedens über mehrere hundert Jahre beantwortet hatte, liegt heute wieder neu auf dem Tisch: 

Dürfen bzw. sollen Christen sich politisch engagieren – und warum? Und wie tun wir es so, dass es mit dem Plan Gottes mit uns Christen, mit seiner Kirche und mit dieser Welt übereinstimmt? 

Zum Beispiel habe ich oben einen Beitrag zu einer politischen Debatte geleistet und eine politische Forderung an den ÖRR sowie das linke politische Spektrum gerichtet, und zwar ausdrücklich als evangelikaler Christ. Ist das gut so? In welcher Weise passt das zu Gottes Plan?

Ziel dieser Artikelserie ist, im Anschluss an mein Buch “Tief verwurzelt glauben” Kriterien für eine Antwort zu liefern. Das ist deshalb nötig, weil es ein für uns heute extrem wichtiges Buch nicht gibt, weil es leider noch nicht geschrieben wurde:

Eine politische Ethik in evangelikaler Perspektive.


Anmerkungen

  1. So zitierte der Theologe Wolfgang-Michael Klein kürzlich die Theologin Gisela Bauer: „Adressiere der US-amerikanische Evangelikalismus mit seinen Forderungen vor allem die Öffentlichkeit und die Politik, mitunter auch militant, versuche der deutschsprachige Evangelikalismus vielfach, die politische Dimension seiner Ansichten auszublenden beziehungsweise nehme diese gar nicht wahr“ : Ders.: Evangelikale Bibelhermeneutik S. 44  ↩︎
  2. Das steckt m.E. hinter der z.T. unterschwelligen, z.T. aber ganz offenen Feindseligkeit, die viele Beiträge des ÖRR, aber auch Spiegel TV udgl. über Evangelikale in aller Regel durchzieht. ↩︎
  3. So arbeitet sich Raymond Geuss in seinem Buch “Privatheit. Eine Genealogie” entlang der o.g. Beispiele am Liberalismus ab, dessen Privatheitsverständnis er dekonstruieren will, widmet aber dem Westfälischen Frieden nicht eine einzige Zeile. ↩︎
  4. Instrumentum Pacis Osnabrugensis, Art. V §34. ↩︎
  5. vgl. Hartmut Lehmann: Religiöse Erweckung in gottferner Zeit ↩︎
  6. Das hatte Philipp Jakob Spener, der “Vater des Pietismus”, 1675 in seiner Programmschrift “Pia Desideria” klargestellt. ↩︎
  7. Die “Salzuflener Erklärung”, ein internes Gutachten des Gnadauer Gemeinschaftsverbandes aus der Feder ihres Präses Walter Michaelis kam zum Ergebnis, dass der Nationalsozialismus “von unten” ist. ↩︎

Literatur (Auswahl)

Geuss, Raymond: Privatheit. Eine Genealogie, Frankfurt 2002

Lehmann, Hartmut: Religiöse Erweckung in gottferner Zeit, Göttingen 2010

Riescher, Gisela: Das Private ist politisch! Die politische Theorie und das Öffentliche und das Private, in: Freiburger FrauenStudien 13, 2007, S. 59-77

Seubert, Sandra: Das Private ist politisch! Eine Re-Aktualisierung im Lichte von Facebook & Co., in: Forschung Frankfurt 1.2018, S. 104-107

Wallmann, Johannes: Kirchengeschichte Deutschlands seit der Reformation, Tübingen 4. Aufl. 1993


Dieser Blog-Beitrag von Dr. Gerrit Hohage erschien zuerst in „Tief verwurzelt glauben – der Blog zum Buch“. Lesen Sie hier den Original-Beitrag „Politik“ – was soll das überhaupt sein?! Wir Evangelikalen und die Politik Teil 1

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besser ohne Links oder z.B. als „h ttps://“ mit Leerzeichen.

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