Undurchsichtiges vereistes Glas

Progressive sind oft blind gegenüber ihrem eigenen Eurozentrismus

Reinhard Jarka

Eines der Lieblingsthemen von progressiven Evangelikalen sind die Defizite ihrer konservativen „Geschwister“ auf allen Ebenen der Lebenstüchtigkeit. Ganz besonders häufig ist der Vorwurf, dass Konservative gegenüber Menschen mit Migrationshintergrund zu wenig kultursensibel seien.

Meine Beobachtung als theologisch Konservativer ist jedoch, dass gerade die Progressiven mit ihrer Fixierung auf eine liberale Theologie, die ihre beste Zeit an den deutschen  Universitäten des letzten Jahrhunderts hatte einem eigenen Eurozentrismus verfallen sind, der ihnen selber gar nicht klar ist.

Ein gutes Beispiel ist die aktuelle Pro-Kolumne „Mit der Hölle gegen warmgeduschte Wohlfühlgemeinden“ eines der wenigen evangelikalen Großmeister der geschliffen Polemik: Jürgen Mette.

Mette polemisiert in diesem Beitrag gegen Forderungen konservativer Christen, mehr vom Gericht und Hölle und nicht permanent nur von der Liebe Gottes zu predigen.

Diese Mette-Polemik ist ein typisches Beispiel für die eurozentristische kulturelle Sehschwäche der Progressiven.

Sie geht davon aus, dass das Unbehagen, welches ein typischer deutscher Mittelstands-Agnostiker mit Lehren über einen zornigen Gott hat, eine universelle menschliche Reaktion unabhängig von dessen Kultur ist.

Mein Chinesischer Nachbar aber beispielsweise hätte mit einem zornigen Gott überhaupt keine Probleme. Was für ihn aber unerträglich wäre – als neu bekehrter Christ davon auszugehen, in der Ewigkeit von seinen Vorfahren getrennt zu sein.

Der Afghane, dessen Mentor ich beim Glaubenskurs meiner Gemeinde war, hätte NULL Probleme mit einem zornigen, strafenden Gott … für Menschen aus seinem Kulturkreis ist die Lehre von der Feindesliebe aber eine unglaublich große Zumutung.

Meine Beobachtung ist, dass die gleichen Leute, die auf Facebook in den Kommentarspalten Mette für seine wohltemperierte Kritik an den Konservativen in den siebten progressiven Himmel hochjubeln, sonst immer die Bedeutung von Kultursensibilität und der Hinterfragung des eigenen kulturellen Standpunktes in einer multikulturellen Gesellschaft betonen… warum nicht auch bei diesem Thema?

Antwort: Weil ihnen der Eurozentrismus ihres eigenen  progressiv-theologischen Weltbildes gar nicht klar ist.


Dieser Blog-Beitrag von Reinhard Jarka erschien am 09.06.20218 auf der damals aktiven Webseite OrthodoxPop.de .

Über Reinhard Jarka

Reinhard Jarka, * 1963, Arzt & postprogressiver PopKonservativer, wiederverheiratet, fünf Kinder, Blogger & Indie-DJ, Pop-Journalist, Content-Manager, ehemaliger Chefredakteur HOS multimedica (Bertelsmann/Springer) Kindheit und Jugend im nordhessischen Pietismus, dann 15 Jahre postevangelikaler Skeptiker, Wiedereinstieg als Charismatiker mit anschließender Ernüchterung durch Reformierte Theologie (New Reformed: Piper, Driscoll, Keller), 2012 erstmals Teilnahme am „Evangelium 21“-Kongress in Hamburg. Aktuell Mitglied EKD-Gemeinde Brück bei Pfarrer Helmut Kautz und Besuch der LKG Werder. Seit 2017 Mitglied beim „Netzwerk für Bibel und Bekenntnis“.


Veröffentlicht

in

von

Kommentare

mit Verlinkung: Kommentar oder Link werden gelöscht, wenn der Kommentar hauptsächlich als Sprungbrett zum Link dienen soll.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert