Markus Till –
1. Eine Kultur der Vertuschung vs. eine Kultur der offenen Ermahnung –
In den letzten Monaten ist die US-amerikanische Christenheit von Skandalen erschüttert worden. Eine ganze Reihe von bekannten Leitern sind des Betrugs überführt worden. Einige von ihnen waren sogar in sexuellen Missbrauch verstrickt. Und es wurde aufgedeckt, dass eine ganze Reihe weiterer Leiter Bescheid wussten – über Jahre hinweg von diesen Verfehlungen wussten – aber sie haben nicht öffentlich darüber gesprochen, sie haben niemanden gewarnt und jetzt ist der Vertrauensschaden enorm. In letzter Zeit haben schon einige christliche Medien über diese Skandale berichtet und in diesem Vortrag geht es nicht primär darum, diese Vorfälle jetzt noch einmal auszubreiten, alles zu beschreiben, was da passiert ist. Gleich gar nicht geht es darum, mit Fingern auf bestimmte Personen und ihre Verfehlungen zu zeigen.
Nein, in diesem Vortrag will ich die Frage stellen, was können wir denn eigentlich lernen? Was können wir lernen aus diesem Fehlverhalten, das da aufgedeckt worden ist? Was können wir lernen aus dieser Enthüllung, denn ich bin überzeugt, die Enthüllungen, die da zutage getreten sind, belegen nicht nur ein punktuelles Fehlverhalten von einzelnen Leitern, sondern sie deuten darauf hin, dass wir es hier mit einer falsch geprägten Kultur zu tun haben, eine falsch geprägte Kultur im christlichen Umfeld. Ich will mit euch auf vier verschiedene Merkmale schauen, vier verschiedene Merkmale einer problematischen Kultur, die solche Fehlentwicklungen, die jetzt in diesen Skandalen und Enthüllungen deutlich geworden sind, begünstigen.
Ich bin überzeugt, dass diese problematische Kultur nicht nur ein spezielles christliches Milieu betrifft. Es geht in diesem Vortrag nicht nur um US- amerikanische Christen und die Probleme, die sie haben. Nein, ich glaube, dass diese Kultur und diese Schieflage, die wir da sehen, auch bei uns im deutschsprachigen Raum eine Rolle spielt. Und ich glaube, deshalb ist es wichtig, dass wir uns diesen Skandalen sehr offen stellen und dass wir uns dabei immer selbst fragen, wie ist das denn bei uns? Sind wir da besser? Sind wir gesünder unterwegs oder sollten wir uns nicht ebenso hinterfragen, damit wir nicht irgendwann in die gleiche Problematik reinlaufen? Sollten wir uns nicht auch der Frage stellen, ob unsere Gemeindekultur gesund ist oder ob es da Bereiche gibt, in denen wir was ändern müssen?
Ich will in diesem Vortrag vier Themenfelder beleuchten, vier Bereiche, in denen die Enthüllungen von Bethel auf eine problematische Gemeindekultur hindeuten. Und ich will bei jedem Themenfeld auch immer die Frage stellen, was sagt denn die Bibel zu diesem Thema? Wie sollte unsere christliche und unsere gemeindliche Kultur geprägt sein, damit wir vor solchen Problemen besser geschützt sind?
Markus Till und die charismatische Bewegung
Bevor ich einsteige, will ich am Anfang noch etwas vorausschicken. Ich will kurz etwas zu meiner eigenen Prägung sagen. Ja, wir sprechen hier über Skandale, die im charismatischen Umfeld aufgedeckt worden sind und mich hat es auch deshalb sehr bewegt, weil ich ja selbst von der charismatischen Bewegung geprägt bin. Ich werde nie vergessen, wie ich 1989 zum ersten Mal in einen charismatischen Gottesdienst reingeraten bin. Und diese Lebendigkeit, diese Leidenschaft, die ich dort erlebt habe hat mich zutiefst beeindruckt. Da gab es ein Segnungsangebot. Ich habe mich persönlich segnen und für mich beten lassen und ich habe das als enorm ermutigend erlebt. Ja, und ich habe dann angefangen, mich für den Heiligen Geist zu interessieren, für die Geistesgaben zu interessieren. Ich habe in dieser Zeit auch diese Gabe des sogenannten Sprachengebets für mich entdeckt. Und tatsächlich ist diese Gabe bis heute ein wertvoller Teil meines Glaubensalltags.
Ganz besonders wertvoll war für mich dieses Thema, dass wir Gott anbeten können mit Liedern, dass wir Lieder singen können, die zugleich Gebete sind. Und diese Form des singenden Betens oder des betenden Singens habe ich als etwas enorm Bereicherndes erlebt.
Ich weiß noch, ich habe in meiner Teenagerzeit sehr darunter gelitten, dass ich in der Schule über Jahre hinweg gemobbt worden bin. Und es hatte dazu geführt, dass ich ein gebrochenes Verhältnis zu mir selbst und zu meinem Körper hatte. Ich werde diesen Gottesdienst nie vergessen, in dem ich es zum ersten Mal gewagt habe, meine Anbetung auch mit meinem Körper zum Ausdruck zu bringen und beim Singen die Hände zu heben. Das hat sich für mich angefühlt, wie wenn Ketten von mir abfallen. Und ich habe das als etwas sehr Heilsames erlebt und ich könnte – glaube ich – heute nicht auf Bühnen stehen, zu Menschen sprechen ohne diese wertvolle Phase in meinem Glaubensleben.
Lobpreis und Anbetung waren über Jahre ein großer Schwerpunkt in meinem Glaubensleben. Ich bin ja auch Musiker. Ich habe angefangen auf Veranstaltungen den Lobpreis zu leiten. Z.B. auf der Zeltstadt von „Kirche im Aufbruch“ in Deggingen und es war eine wunderbare Zeit. Ich habe mich damals sehr darüber gefreut, dass es einige meiner Lieder sogar in bekannte Liederbücher geschafft haben, in „Du bist Herr“ oder „Feiert Jesus“ und bei Hänssler ist sogar eine Lobpreis-CD mit meinen Liedern erschienen. Lobpreis und Anbetung waren und sind bis heute ein sehr wertvoller Teil meiner christlichen Prägung. Und das Schöne ist zudem: Ich habe im Lauf der Zeit viele wertvolle Geschwister im charismatischen Umfeld kennenlernen dürfen. Großartige Menschen, die mit viel Leidenschaft und fruchtbar für Jesus unterwegs sind. Deshalb will ich diese charismatische Bewegung nicht missen. Sie ist mir bis heute wichtig.
Diese Prägung ist mir bis heute wichtig.
Ich gehöre bis heute auch zu denen, die überzeugt sind, dass auch diese ganz besonderen Geistesgaben, die im neuen Testament beschrieben werden, nicht aufgehört haben. Ich glaube wirklich, dass solche Geistesgaben auch heute noch wirksam werden dürfen und sollen in unseren christlichen Gemeinden. Und ich finde es wertvoll und hilfreich für Kranke zu beten. Ich habe schon erleben dürfen, dass Gott solche Gebete auch erhört.
Eins will ich noch ergänzen. Ich werde nie vergessen, wie ich als junger Mann meinen Bruder mal auf dem Missionsfeld in Afrika besucht habe. Mein Bruder war dort als Missionar tätig und das war eine Zeit, in der ich ganz frisch dieses Thema entdeckt hatte. Der Heilige Geist, Lobpreis, Charisma, das hat mich fasziniert. Aber damals waren auch Leute auf mich zugekommen, die mich gewarnt haben, die mir gesagt haben: Achtung Markus, da ist ein Geist von unten unterwegs. Es ist gar nicht der Heilige Geist.
Das hat mich in einen tiefen Zwiespalt gebracht und ich musste mich mit dieser schwierigen Geschichte beschäftigen und der Spaltung, unter der wir gerade in Deutschland ganz besonders gelitten haben. Umso mehr war ich erstaunt bei meinem Bruder auf dem Missionsfeld zu erleben – hey, dort auf dem Missionsfeld gab es diese Spaltung scheinbar gar nicht.
Da haben konservative Evangelikale ganz selbstverständlich und sehr harmonisch mit charismatischen Gruppen zusammengearbeitet. Und die Gottesdienste der nicht charismatischen Gemeinden haben sich in ihrem Lobpreisstil und in ihrer Lebendigkeit eigentlich kaum unterschieden von charismatischen Gemeinden. Ich habe sehen dürfen, wie viel positive Frucht aus dieser Einheit entstanden ist. Und diesen Eindruck, den ich da gewonnen habe, er prägt mich bis heute.
Warum sage ich das hier am Anfang dieses Vortrags? Ich hoffe, dass eines deutlich wird. Wenn ich jetzt über Missstände und Fehlentwicklungen im charismatischen Umfeld spreche, dann mache ich das nicht als jemand, der von außen irgendwie da drauf schaut, mit dem Finger darauf zeigt, was da alles schiefläuft. Nein, ich spreche als jemand, der selbst von diesem Umfeld geprägt worden ist und der dieses Umfeld nach wie vor schätzt und liebt.
Genauso wie ich meine pietistische Prägung überaus schätze und mich darüber freue, dass ich auch in diesem konservativ evangelikalen Umfeld so viele wertvolle Freunde habe und dass ich auch dort so viel fruchtbares geistliches Leben kennenlernen durfte. Und ich hoffe, es wird deutlich, in diesem Vortrag geht es nicht darum zu verurteilen.
Jesus hat gesagt in Johannes 15,2 „Jede Rebe an mir….die Frucht bringt, schneidet er zurück. So wird sie gereinigt, damit sie noch mehr Frucht bringt.“ (NeÜ) Ich habe so viel positive Frucht im charismatischen Umfeld erlebt und wenn ich in diesem Vortrag darüber spreche, dass da vielleicht manches in unserem Umfeld gewachsen ist, das wir besser zurückschneiden sollten, dann hoffe ich, dass es dazu beiträgt, dass in Zukunft noch mehr Frucht wachsen kann.
Lasst uns einsteigen in dieses Thema und ich will jetzt – wie gesagt – vier verschiedene Themenfelder ansprechen und ich werde zu jedem Themenfeld beispielhaft von Fehlentwicklungen berichten, die in den letzten Monaten und Jahren aufgedeckt worden sind und ich will dann bei jeder Fehlentwicklung mit euch in die Bibel schauen und fragen, was sagt denn die Bibel zu der Frage, wie eine gesunde christliche gemeindliche Kultur aussehen sollte? Also lasst uns einsteigen ins erste Themenfeld und dieses erste Themenfeld hat die Überschrift „Eine Kultur der Vertuschung versus eine Kultur der offenen Ermahnung.“
1. Eine Kultur der Vertuschung vs. eine Kultur der offenen Ermahnung
Am 17. Januar 2026 hat der US-amerikanische YouTuber Mike Winger ein Video hochgeladen, das wirklich ein regelrechtes Erdbeben ausgelöst hat. Wer ist Mike Winger?
Mike Winger ist ein bibeltreuer, gläubiger Christ, der so wie ich daran glaubt, dass die Geistesgaben nicht aufgehört haben, der also selbst eine charismatische Prägung hat. Er ist Pastor, er ist Bibellehrer und die Videos von Mike Winger drehen sich auch meistens um theologische Themen. Aber immer wieder hat er auch Videos zu Fehlentwicklungen im christlichen Umfeld veröffentlicht .
Dieses Video vom 17. Januar ging in ganz besonderer Weise viral. Es wurde inzwischen mehr als 1,6 Millionen mal angeklickt und trägt den sehr speziellen Titel „The skeletons in Bethel´s closet are now going to speak“. Das könnte man etwa so übersetzen: „Die Leichen im Keller von Bethel werden jetzt sprechen.“
Da kommen wir schon zur nächsten Frage. Wer oder was ist eigentlich Bethel?
Die Bethel Church ist eine charismatisch geprägte Mega-Gemeinde in Redding in Kalifornien, eine Gemeinde mit etwa 10.000 Mitgliedern, sie wird von dem sehr bekannten Pastor Bill Johnson geleitet. Bill Johnson ist auch in Deutschland bekannt, er war z.B. Hauptsprecher auf der UNUM Konferenz, die 2024 in München stattgefunden hat. Bethel ist auch bei uns vor allem durch die Lobpreismusik, die aus Bethel kommt, bekannt geworden.
„Goodness of God“, „No longer slaves“, „Reckless love“. Das sind Lieder, die auch bei uns in ganz vielen Gemeinden rauf- und runtergesungen werden, nicht nur in charismatischen Gemeinden, auch in nicht-charismatischen Gemeinden. Und Bethel ist zudem bekannt geworden durch die starke Betonung von Wunderheilungen. Das merkt man auch schon am Namen der Ausbildungsstätte, die die Bethel Church gegründet hat, die sogenannte Bethel School of Supernatural Ministry, also die Bethel-Schule des übernatürlichen Dienstes.
An dieser Schule haben sich mittlerweile mehr als 10.000 Christen ausbilden lassen, darunter auch gar nicht so wenige Christen aus Deutschland. Und auch in Deutschland gibt es inzwischen mehrere Schulen, die mehr oder weniger stark von Bethel geprägt sind oder direkt mit Bethel in Verbindung sind. Und vielleicht hast du ja auch schon von Awakening Europe gehört. Diese Bewegung ist mit Bethel verbunden.
Wir sehen, diese Gemeinde hat großen weltweiten Einfluss, vor allem im pfingstlichen und charismatischen Umfeld, aber auch darüber hinaus. Und deshalb hat dieses Video von Mike Winger auch ein so gewaltiges Erdbeben ausgelöst.
Lasst uns jetzt mal schauen, was wird denn in diesem Video eigentlich berichtet?
Das Video befasst sich zunächst mal gar nicht mit Bethel, sondern mit Shawn Bolz. Shawn Bolz galt bis ins Jahr 2024 als einer der größten Propheten der charismatischen Szene in den USA. Er war bekannt geworden als Autor, als TV- Moderator, als Prediger und vor allem wurde er bekannt durch besondere prophetische Veranstaltungen. Und in diesen Veranstaltungen hat Shawn behauptet, dass Gott ihm sehr persönliche Daten zu anwesenden Menschen offenbart. Das heißt konkret, Shawn Bolz stand auf der Bühne und hat solche Dinge gesagt, wie z.B. „Gott sieht dich ganz persönlich, er kennt dich beim Namen“ und dann hat Shawn Namen genannt.
Er hat also z.B. gesagt, ist hier irgendwo ein Kenny Ray oder ist hier eine Patricia Lou vielleicht oder seid ihr vielleicht zusammen da? Ja. Und die Leute schauen sich um und siehe da – tatsächlich steht da ein Pärchen auf, ganz zögernd heben sie die Hand und dann sagt Shawn Bolz Dinge wie: „Hey, du hast vor drei Monaten einen Verlust erlebt. Es war deine Großmutter, richtig? Und Gott sagt jetzt zu dir, ich habe sie gehalten.“
Oder er sagt, „du arbeitest in der IT-Branche, richtig? Ja. Und du hast neulich überlegt, ob du kündigen sollst, weil du dich nicht wertgeschätzt fühlst. Aber Gott sagt zu dir, sei stark, ich werde die Situation verändern.“ Oder er sagt, „du hast Schmerzen im rechten Knie. Du hast vor 5 Jahren einen Unfall gehabt und Gott will dir heute sagen, ich werde dein Knie heilen.“ Und die Person nickt heftig. Sie weint, sie ist zutiefst berührt und klar, man kann sich das sehr gut vorstellen, wie enorm ermutigend es sein kann, den Eindruck zu haben, jetzt spricht Gott mich ganz persönlich an. Er sieht mich, er sieht meine Situation. Und jetzt macht Gott mir Mut, dass er mit mir ist, dass er eine Lösung für mein Problem hat. Ja, das klingt wunderbar.
Das Problem war leider nur, es war nicht echt. Beobachter konnten Shawn Bolz nachweisen: Zumindest einiger seiner sogenannten Prophetien hat er definitiv nicht von Gott empfangen, sondern ganz simpel von Facebook.
Wie konnte man ihm das nachweisen?
Na ja, zum einen konnte vielfach nachgewiesen werden, dass die gesagten Dinge ganz leicht im Internet nachlesbar waren, öffentlich einsehbar waren und dazu kam: Manchmal waren die angeblichen Offenbarungen ganz exakt so formuliert, wie es da im Internet stand. Aber besonders verräterisch war, dass Shawn Bolz manchmal Details genannt hat, die gar nicht zu der Person gepasst haben, die da im Saal war, in der Halle, wo diese Veranstaltung stattgefunden hat und dann hat sich gezeigt, diese Details passen aber zu einer anderen Person, die zufällig den gleichen Namen hat und die man im Internet finden konnte.
Und spätestens da war es eindeutig. Dieser Mann betreibt in Wahrheit sogenanntes Data Mining. Das meint, er gräbt nach persönlichen Informationen in den sozialen Medien und tut dann so, als ob er diese Information vom Heiligen Geist empfangen hätte. Dieser Mann ist ein Betrüger und diese Art von Betrug kann schlimme Folgen haben.
Das wurde z.B. am Fall von Jubilee Dawn deutlich. Jubilee Dawn war etwa im Jahr 2015 als Studentin in Bethel in Redding und bei einer Veranstaltung mit Shawn Bolz wurde ihr prophetisch gesagt, Gott will, dass du deinen Freund heiratest, denn es ist Gottes Wille und er segnet diese Beziehung. Jubilee war tief beeindruckt und sie hat es tatsächlich als direkte göttliche Bestätigung ernst genommen und hat diesen Mann geheiratet. Das Problem war nur, die Ehe war nicht gesegnet. Im Gegenteil, ihr Partner war sehr gewalttätig. Jubilee hat berichtet, sie sei von ihrem Mann fast stranguliert worden aber sie hat sich trotzdem nicht von diesem Mann getrennt, weil sie geglaubt hat, Gott hat doch zu mir gesprochen. Und diesen Mann zu verlassen, das wäre ja ungehorsam gegen Gottes Willen. Ich muss bei ihm bleiben.
Und erst Jahre später hat sie erkannt, diese angebliche Prophetie war gar nicht echt. Es war eine Manipulation und es zeigt, solche Fake Prophetien können richtig gefährlich sein, weil sie Menschen dazu bringen können, völlig falsche Entscheidungen zu treffen.
Aber bei Shawn Bolz kam noch mehr dazu: Mehrere ehemalige Mitarbeiter haben geschildert, dass Bolz sich auch des sexuellen Missbrauchs schuldig gemacht hat. Ich will das hier nicht näher beschreiben, aber die Sache war eindeutig. Shawn Bolz war nicht nur ein Betrüger, er war auch missbräuchlich unterwegs.
Aber was hat es jetzt alles mit Bethel zu tun?
Das wirklich Neue an dem Video von Mike Winger waren nicht so sehr die Vorwürfe gegen Shawn, aber was wirklich für ein Erdbeben gesorgt hat, war die Aussage, die Leitung der Bethel-Kirche hatte schon seit Jahren von diesen Vorwürfen Kenntnis. Sie haben Bescheid gewusst. Gerade auch die Vorwürfe zum sexuellen Fehlverhalten wurden den Leitern der Bethel-Kirche schon im Jahr 2019 berichtet. Und im Jahr 2020 haben die Leiter der Bethel-Church auch über diese Fake Prophetien miteinander gesprochen und sie haben eine öffentliche Warnung gefordert. Einige Leute haben gesagt, wir müssen da auch öffentlich darüber sprechen, aber die Bethel-Leitung hat es nicht gemacht. Sie hat sich nur still distanziert. Das heißt, sie haben Shawn Bolz, den sie bis dahin sehr gefördert hatten, nicht mehr eingeladen. Sie haben Shawn Bolz privat ermahnt, aber in der Öffentlichkeit haben sie nichts gesagt. Sie haben nicht gewarnt vor Shawn Bolz , obwohl sein Dienst weiterging. Ja, im Gegenteil.
Im Jahr 2023 hat Bill Johnson noch ein Buch von Shawn Bolz öffentlich beworben mit der Aussage, dieses Buch sei gerade deshalb so großartig, weil dahinter ein Mann steht mit einem großartigen Charakter und einem großartigen Lebenswandel. Und er hat damit das Bild vermittelt: Leute, ihr könnt diesem Mann unter seinem Dienst vertrauen.
Wie kann es sein? Wie ist das möglich? Ja, wie ist es möglich, dass ein Dienst, der ganz offensichtlich auf Fake Prophetien beruht, der durchsetzt ist von sexuellen Verfehlungen, trotzdem empfohlen wird von einem so großen Leiter, obwohl dieser Leiter Bescheid weiß? Wie ist es möglich, dass Bill Johnson trotzdem Shawn Bolz einen tadellosen Charakter und Lebensstil attestiert hat? Wie ist es möglich, dass Bill Johnson Christen empfohlen hat, diesem Mann zu vertrauen?
Leider war der Fall von Shawn Bolz kein Einzelfall. Mike Winger hat in einem weiteren Video den Fall eines weiteren Fake Propheten aufgedeckt.
Dieser Prophet heißt Chris Reed. Und in diesem Fall waren es sogar Leute aus dem Bethel-Umfeld, die im Jahr 2020 den Betrug von Chris Reed aufgedeckt haben. Sie haben dazu aktiv Facebook Profile manipuliert, um zu testen, was passiert. Und tatsächlich war es so, Chris Reed hat genau diese manipulierten Daten als angebliche Prophetie verkündet und damit war der Betrug eindeutig bewiesen.
Genau das wurde Bill Johnson berichtet, aber er wollte auch hier nicht öffentlich darüber sprechen. Mehr noch – im Jahr 2023 hat Bill Johnson ein Vorwort für das neue Buch von Chris Reed geschrieben. Das Buch hatte den Titel „Developing your Prophetic Filter.“ Auf Deutsch heißt es in etwa „Entwickle deinen Prophetischen Filter“. In dem Buch ging es darum, wie man lernt, Gottes Stimme von anderen Quellen zu unterscheiden. In seinem Vorwort hat Bill Johnson Chris Reed gelobt als einen Experten für gesunde Prophetie.
Also auch hier: Bill Johnson empfiehlt einen Mann als vertrauenswürdig, von dem er wusste, dass er betrogen hat. Wie ist es möglich? Zumal auch in dem Video von Mike Winger von einem dramatischen Fall berichtet wurde, was solche Fake Prophetien anrichten können. Mike Winger berichtet von einem Mann, dem von Chris Reed prophetisch gesagt wurde, dass Gott ihn von Krebs freisprechen wird. Und später hat dieser Mann tatsächlich Krebs bekommen, aber er hat eine medizinische Behandlung abgelehnt.
Er hat der Prophetie geglaubt, und ein Zeuge berichtet in dem Video von Mike Winger, wie der Sterbende bis zu seinem Tod über diese Prophetie gesprochen hat. Der Mann ist gestorben, furchtbar. Wie kann es sein, dass solche Dinge passieren?
Kurz nach der Veröffentlichung des Videos über Shawn Bolz hat sich die Bethel-Leitung zuerst noch verteidigt. Das Argument war, wir wollten diesen Mann schützen. Ja, wir wollten gnädig und barmherzig mit ihm umgehen. Unser Ziel war Wiederherstellung, nicht Zerstörung.
Und es klingt ja gut, das klingt mitmenschlich. Schuld zuzudecken, statt Menschen öffentlich zu entblößen. Das ist doch was Gutes, oder? Menschen, die sich falsch verhalten haben, eine zweite und eine dritte Chance zu geben, ist doch großartig, oder nicht?
Das Problem ist, Menschen wie Shawn Bolz oder Chris Reed beeinflussen andere Menschen und sie erzeugen Opfer, Opfer von falschen Entscheidungen, Missbrauchsopfer und wenn solche Leute gedeckt werden, dann können sie immer weitermachen und immer noch mehr Menschen werden zu Opfern dieser Machenschaften. Und insgesamt entsteht ein immer größerer Schaden für die Glaubwürdigkeit der Kirche Jesu.
Inzwischen hat die Bethel-Leitung eingeräumt, ja, Mike Winger hat recht.
Ja, wir haben einen schwerwiegenden Fehler gemacht. Wir haben einen Täter geschützt und wir hatten dabei die Opfer nicht im Blick. Die Bethel-Leitung hat versprochen, wir müssen, wir werden das aufarbeiten und wir werden daraus lernen. Also alles gut?
Für Mike Winger zeigen diese und viele weitere Beispiele, die er in seinen langen Videos dokumentiert: Leider sind es nicht nur einzelne Fehler, die gemacht wurden. Was wir hier vor uns haben, ist eine falsch geprägte Kultur. Mike Winger bezeichnet diese Kultur als Cover-Up Culture, eine Vertuschungskultur, eine Kultur, in der Verfehlungen nicht öffentlich gemacht werden, sondern unter der Decke gehalten werden. Und Mike Winger hat gezeigt, dass diese Vertuschung oft sehr geistlich begründet wird.
Da wird gesagt, du darfst doch Männer und Frauen Gottes nicht kritisieren. Das sind doch die Gesalbten des Herrn. Gott wird dich richten, wenn du solche Leute kritisierst. Mike Winger hat berichtet, wie er selbst schon mit solchen Gerichtsankündigungen bedroht worden ist. Und es ist einfach diese Vielzahl von Fällen, die zeigt, es ist wirklich eine Kultur, denn sonst hätten diese Dinge nicht passieren können.
Deshalb lasst uns mal schauen, wie das Neue Testament mit diesem Thema umgeht.
Lasst uns mal die Frage stellen, soll man denn öffentlich darüber sprechen, wenn Christen Fehler machen, wenn Christen sich versündigen? Oder sollte man das nicht besser im Hinterzimmer besprechen, um niemanden zu beschämen? Wie sollen wir damit umgehen, wenn bekannte Christen Dinge tun, die nicht in Ordnung sind? Das ist natürlich ein komplexes Thema, das ich hier in der Kürze der Zeit nicht in aller Tiefe ausleuchten kann. Ich will aber beispielhaft auf einen solchen Fall im Neuen Testament hinweisen. In Galater 2 wird uns von der Verfehlung eines christlichen Leiters berichtet.
Genauer gesagt geht es um Petrus. Paulus berichtet, mir ist aufgefallen, dass Petrus in Antiochia mit den christlichen Heiden gemeinsam gegessen hat und obwohl sie sich nicht an die jüdischen Speisegesetze gehalten haben, war er mit ihnen am Tisch, hat gemeinsam mit ihnen gegessen. Aber das hat sich geändert. Es kam eine Gruppe strenger jüdischer Christen dazu und da hat Petrus sich von der Tischgemeinschaft mit den Heidenchristen zurückgezogen und Paulus sagt: „Hey, das war Heuchelei“ und Paulus beklagt, andere Leute haben sich davon anstecken lassen. Er nennt Namen. Namentlich nennt er z.B. „Barnabas.“
Warum macht Paulus das?
Warum macht er das? Obwohl es sich ja hier eigentlich um ein vergleichsweise kleines Vergehen handelt. Trotzdem spricht Paulus öffentlich dieses Fehlverhalten an. Warum macht er das eigentlich?
Das Verhalten von Petrus hat für Paulus einfach nicht zum Evangelium und zur Rechtfertigung aus Gnade gepasst. In Galater 2,14 schrieb Paulus:
„Als ich merkte, dass sie nicht mehr den geraden Weg gingen, der zur Wahrheit des Evangeliums führt, sagte ich in aller Öffentlichkeit zu Kephas, [also zu Petrus, Anm.d.Verf.]: „Wenn du als Jude wie ein Nichtjude lebst, warum zwingst du dann Nichtjuden jüdisch zu leben?“ (NeÜ)
Wichtig ist mir hier die Aussage, dass Paulus gesagt hat, „in aller Öffentlichkeit“, er hat es in aller Öffentlichkeit zu Petrus gesagt. Das heißt, er hat Petrus eben nicht beiseite genommen, um mit ihm im Hinterzimmer zu sprechen und ihm zu sagen: „Hey Petrus, ich fand es jetzt nicht so optimal, was du da gemacht hast.“ Nein, es war Paulus wichtig, das in aller Öffentlichkeit zu sagen. Und dabei hat Paulus es nicht mal dabei belassen, sondern er hat es auch noch aufgeschrieben. Er hat es in seinen Brief an die Galater reingeschrieben und hat dort den ganzen Vorgang berichtet, so dass wir heute noch wissen, welche Fehler Petrus hier gemacht hat.
Warum macht Paulus das? Vor Paulus war offenkundig eines wichtig:
Wenn in der Gemeinde öffentlich Dinge gesagt oder getan werden, die nicht evangeliumsgemäß sind, dann muss es auch öffentlich adressiert werden. Warum?
Ganz einfach, Menschen orientieren sich an dem, was in der Gemeinde gesagt und getan wird. Menschen nehmen sich andere Menschen zum Vorbild und das gilt natürlich für Leiter in ganz besonderem Maße. Wenn christliche Leiter falsche Dinge sagen oder tun, multipliziert sich das falsche Denken, das falsche Reden, das falsche Verhalten. Und deshalb ist es unumgänglich, dieses falsche Denken, Reden und Verhalten anzusprechen, auch öffentlich, damit andere Menschen es nicht übernehmen, damit andere Menschen nicht zu Opfern des Fehlverhaltens von Leitern werden.
In 1. Timotheus 5, Vers 19 und 20 sagt Paulus das auch ganz direkt, wenn er schreibt: „Weise jede Anschuldigung gegen einen Ältesten zurück. Es sei denn, sie wird durch zwei oder drei Zeugen bestätigt.“ (NeÜ) Das heißt, Paulus sagt, du sollst nicht rumstänkern gegen jeden, weil dir gerade mal irgendwas auffällt, ne? Sei vorsichtig. Man soll nicht jede Klage gegen einen Ältesten annehmen. Aber dann sagt Paulus, doch wenn sich jemand wirklich etwas zu Schulden kommen lässt, dann weise ihn vor allen zurecht, damit auch die anderen gewarnt sind. Vor allen soll die Zurechtweisung ausgesprochen werden, damit andere sich nicht etwas Falsches zu eigen machen.
Also, es geht um genau das, was wir gerade besprochen haben. Es geht um den Schutz der potenziellen Opfer. Das hat vor Paulus einen ganz hohen Stellenwert gehabt. Das Schöne ist, Petrus hat Paulus das nicht übel genommen, mehr noch: Petrus hat versichert, dass die Schriften von Paulus höchste Schriftautorität haben, die man auf gar keinen Fall verdrehen darf. Und damit hat Petrus auch gesagt, auch der Bericht von Paulus über mich und über mein Fehlverhalten ist absolut korrekt. Das dürft ihr nicht verdrehen, nicht klein reden.
Also, wie schön ist es, wenn Leiter sich gegenseitig korrigieren können und wenn sie sich voneinander korrigieren lassen. Das war die Kultur, die das Neue Testament uns vermittelt. eine Kultur, in der es möglich ist, auch über Fehler von Leitern zu sprechen. Eine Kultur, in der wir aufgefordert werden, uns einander zu ermutigen, aber auch zu ermahnen und problematische Dinge anzusprechen. Ja, es geht nicht darum, uns einander niederzumachen, sondern uns einander zu helfen, dass wir auf einen guten gesunden Weg kommen und auf diesem guten gesunden Weg auch bleiben. Und es wäre so gut, wenn wir eine solche biblische Kultur in unserem Umfeld entwickeln können.
Hier geht es weiter zum zweiten Themenfeld und dieses zweite Themenfeld habe ich überschrieben mit „Eine Kultur der Übertreibung versus eine Kultur der biblischen Nüchternheit“.
Dieser Blog-Beitrag von Markus Till erschien zuerst auf offenbar bei YouTube als Videobeitrag. Sieh hier den Original-Videobeitrag „Fake & Vertuschung: Warum der Bethel Skandal uns alle betrifft“.

Über Dr. Markus Till
Evangelisch landeskirchlicher Autor, Blogger und Lobpreismusiker mit pietistischen Wurzeln und charismatischer Prägung. Sie finden Blogbeiträge von Markus Till auf Aufatmen in Gottes Gegenwart und Videobeiträge auf offen.bar bei YouTube und auf YouTube unter Bibel live.

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