Dr. Gerrit Hohage –
Wir Evangelikalen und die Politik Teil 2 –
Wie politisch sind die Evangelikalen wirklich?
Wenn wir säkularen Medien folgen, dann beantwortet sich diese Frage mit dem Blick in die USA von selbst. Weiße Evangelikale sind dort ein wichtiger Teil der Machtbasis von Donald Trump und der Republikanischen Partei. Und zwar so sehr, dass “evangelikal” dort mitunter unter Absehung der religiösen Implikationen als Synonym zu “politisch rechts” gelten kann. 1
Aber diese Betrachtungsweise verbleibt an der Oberfläche. Sie relativiert sich schon mit der Beobachtung, dass diese Entwicklung in der mehrhundertjähigen Geschichte der Evangelikalen ganz jung ist, wie z.B. Jens Gmeiner gezeigt hat. 2 Und sie befindet sich in einer nicht unerheblichen Spannung zum traditionellen evangelikalen Selbstverständnis.
Gmeiner nennt zutreffend die vier Merkmale des Evangelikalismus, die seit mehreren Jahrzehnten in wechselnden Definitionsversuchen wiederkehren und als allgemein anerkannt gelten können: “Evangelikale glauben an die Unfehlbarkeit der Bibel, wobei daraus nicht unbedingt eine wortwörtliche Interpretation derselben folgen muss. Zudem betonen Evangelikale ihre persönliche Beziehung zu Jesus und sehen nur diesen Weg als Erlösung an. Eine aktive Bekehrung der Menschen zum christlichen Glauben und die Verkündigung des Evangeliums sind weitere kennzeichnende Faktoren.” 3 Der erste Punkt ist besonders wichtig: Die evangelikale Bewegung ist vor allem anderen eine Bibel-Bewegung! Das nehme ich auch für mich selbst in Anspruch. Die Bibel ist für uns “Offenbarung Gottes, des Vaters (…), inspiriert und als für Lehre und Leben verbindlich anzusehen” (Hinkelmann 97f.). Was wir als Evangelikale denken, sollte mit der Bibel in Übereinstimmung sein.
Darum versuche ich jetzt in einem ersten Schritt eine biblische Grundlegung, um das “Politische” in der Bibel zu finden, damit wir unseren modernen Begriff biblisch zuordnen und bewerten können. Die Bibelstellen, die ich dabei anführe, sind dabei keine Beigabe, sondern Grundlage dessen, was ich im Text ausführe. Darum habe ich die Stellen, die ich nicht direkt zitiere, verlinkt, damit sie ohne Mühen mitgelesen werden können.
Die “heilige Stadt” und unser Bürgerrecht
“Politik” wird gebildet vom griechischen Wort “polis” – Stadt. Und dieses Wort taucht prominent am Ende der Bibel auf in der Vision des Johannes: “Und ich sah einen neuen Himmel und eine neue Erde (…). Und ich sah die heilige Stadt [gr. tän polin tän hagian, Anm. d. Verf.], das neue Jerusalem, von Gott aus dem Himmel [gr. ex tōn ouranōn Anm. d. Verf.] herabkommen, bereitet wie eine geschmückte Braut für ihren Mann.” (Offb. 21,1-2 LU2017).
In diesem neuen Jerusalem verbildlicht und manifestiert sich die Erfüllung des Hauptthemas, das Jesus Christus verkündigt und gelehrt hat: “Das Himmelreich” (gr. basileia tou ouranou, Mt 5,1) oder “das Reich Gottes” (gr. basileia tou theou, Mk 2,1) “ist nahe herbeigekommen!” (Mt 4,17; Mk 1,15; vgl. Riesner 139f., 144ff.). Es ist die Herrschaft Gottes, die alles neu macht, in der “kein Leid und kein Schmerz und kein Geschrei” mehr sein wird und die der Vergänglichkeit nicht mehr unterworfen ist (Offb. 21,4). In dieser Stadt wird wahrnehmbare Wirklichkeit, was jetzt bereits im Himmel gilt (vgl. Dan 4,34), aber noch nicht auf unserer Erde, und was z.B. Psalm 47,8.9 im Lobpreis vorwegnimmt: “Gott ist König!” 4 Nach den Worten Jesu fällt dieses Königtum Gottes mit dem des kommenden “Menschensohns” zusammen (Mt 24,29-31), d.h. mit dem Wiederkommen von Jesus Christus selbst (Apg 1,11). “Christus” heißt auf Hebräisch “Maschiach” (gräzisiert Messias; vgl. Riesner 1) – er, der Sohn Gottes, ist der kommende König, und die “heilige Stadt, das neue Jerusalem” ist seine Braut (Offb 21,2). In ihr sammelt er das zukünftige Gottesvolk – die Menschen, die seine Worte aufgenommen haben (Mt 13,1-9), zu ihm umgekehrt sind (Mk 1,15) und durch sein Kreuz die Versöhnung mit Gott empfangen haben (2 Kor 5,19-21). Jesus hat seinen Jüngern beigebracht, für das Anbrechen des Reiches Gottes zu beten: “Dein Reich komme!” (Mt 6,10) Und in vielen Gleichnissen hat er den Menschen deutlich gemacht, dass es sich lohnt, das Reich Gottes in der persönlichen Motivationsskala ganz nach oben zu setzen (“Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes und nach seiner Gerechtigkeit (LU2017),… dann werden euch alle Dinge hinzugefügt werden”: Mt 6,33) und dafür alles einzusetzen (z.B. Mt 13,44-46).
Für Christen – gerade für evangelikale – ist es das, wofür und worauf hin wir leben (2 Kor 5,1-11), und der Grund dafür, warum wir gemäß dem Missionsbefehl Jesu so viel dafür einsetzen, damit möglichst alle Menschen von diesem rettenden Heilsangebot Gottes erfahren und daran teilhaben können (Mk 16,15-16).

Weil Gott in dieser neuen, zukünftigen Stadt Gottes die Herrschaft hat, wohnt in ihr Gerechtigkeit: “Man wird nichts Böses tun noch verderblich handeln auf meinem ganzen heiligen Berg.” (Jes 11,9 ELB). Und zwar deswegen, weil Gottes Wille, der sich in seinem “Gesetz” (d.h. seinen Geboten) verbalisiert, den Menschen hier ins Herz geschrieben sein wird (Jer 31,33). Der “Kampf zwischen Fleisch und Geist”, zwischen unsrem alten sündigen Wesen und unserem nach Christus neu geschaffenen Wesen (Röm 7,14-25) wird hier der Vergangenheit angehören. Wenn der Raum des “Politischen” also der Raum der Regelungen ist (vgl. Teil 1), so ist die “heilige Stadt” ein nachpolitischer Raum, weil die, die darin leben, nun fähig sind, Gott und ihre Nächsten intrinsisch mit wahrer Liebe zu lieben. Weil Gott durch seine neugestaltende Liebe in den Herzen regiert, sind äußerliche Regelungen nicht mehr nötig (Röm 13,8-10).
Nun schreibt Paulus: “Unser Bürgerrecht [gr. politeuma, Anm. d. Verf.] aber ist im Himmel, woher wir auch erwarten den Heiland, den Herrn Jesus Christus, der unsern geringen Leib verwandeln wird, dass er gleich werde seinem verherrlichten Leibe nach der Kraft, mit der er sich alle Dinge untertan machen kann” (Phil 3,20-21 LU84). Daraus lassen sich drei wesentliche Dinge entnehmen:
(1) Dieses Reich Gottes, dieses neue Jerusalem ist der Ort, an dem die Christen in ihrem Herzen zu Hause sind (vgl. 2 Kor 5,1-9; Joh 14,1-6): Hier gehören sie hin. Sie haben durch die Gnade Jesu Christi, genauer durch seine Erlösung am Kreuz sogar ein Anrecht darauf – ein himmlisches “Bürgerrecht” (vgl. Eph 2,19 “Mitbürger der Heiligen”).
(2) Da die von Jesus Christus Erlösten Anteil an der Auferstehungskraft Jesu Christi erhalten werden, ist dieses Erbe unvergänglich und überbietet daher die Heimat, die wir in diesem Leben haben, die aber vergänglich ist (vgl. 2 Kor 5,1-9).
(3) Die durch Christus Erlösten erwarten den wiederkommenden Herrn und das sichtbare Kommen des Himmelreiches als ein reales Ereignis in der Zukunft. Dieses Ereignis wird alle Menschen (Mt 24,30) sowie die Physis der alten Schöpfung (2 Petr.3,10-13) betreffen. Für die einen bedeutet das Kommen Jesu das Gericht (Mt 25,31-46; Offb. 20,11-15), für die anderen, dass sich ihre Erlösung naht (Lk 21,28).
Was diese Erwartung des Reiches Gottes angeht, hat es in der Theologiegeschichte zahlreiche Umdeutungen gegeben (vgl. Schlink 408ff.). Das evangelikale Bibelverständnis hat aber dafür gesorgt, dass Evangelikale seit dem Pietismus dieses Kommen des Reiches Gottes wirklich erwarten. Viele von ihnen rechneten bzw. rechnen noch zu ihren Lebzeiten damit. Naherwartung und Apokalyptik waren immer ein starkes Motiv zu einem geheiligten christlichen Leben, auch ein Missionsmotiv – auch über die evangelikale Bewegung hinaus. Einer meiner wichtigsten theologischen Lehrer, der Erlanger Theologieprofessor und Lutheraner Reinhard Slenczka, betete mit uns Studenten am Anfang jeder Vorlesungsstunde folgendes Gebet: “Barmherziger Gott, nach dem Dunkel der Nacht hast du uns das Licht eines neuen Tages geschenkt. Wir danken dir und bitten dich: Erleuchte unsere Herzen, damit wir auch am heutigen Tag als Kinder des Lichts dem Tag deiner Herrlichkeit entgegen gehen”. Das ist christliche Existenz, in zwei Sätzen zusammengefasst: Wir Christen leben im Licht des kommenden Tages (Vgl. Tief verwurzelt glauben S. 286ff.)!
Das neue und das alte Jerusalem
Wir müssen an dieser Stelle kurz innehalten und auf das “alte Jerusalem” zurück schauen, um zu erkennen, was sich zwischen dem Alten und dem Neuen Testament verändert hat. Die Heilsgeschichte vollzog sich nämlich mindestens 5 zwischen dem König David und dem Auftreten Jesu in großen Teilen in und an der Stadt Jerusalem – und damit im “politischen” Raum (vgl. Teil 1). 6
Das beginnt im Grunde schon mit dem Land drum herum, das Gott Abraham und seinen Kindern verheißt (1. Mos 13,14-17) und in das er sie nach dem Auszug aus Ägypten führt (2. Mos 6, 2-8). Seit König David die Stadt eroberte (997 v.Chr; 2. Sam 5,6-10), herrschten die Könige Israels über dieses Land und das von David eroberte “Zion” (ursprünglich der Name für den Südosthügel Jerusalems, auf dem die alte Davidsstadt mit dem Palast errichtet war; später Synonym für die ganze Stadt, z.B. Ps 48). “Herrschen” ist das Geschäft der Politik: “Durchsetzen” von “Zielen und Zwecken”, die alle betreffen [6]. Im Falle Jerusalems war dabei die Hauptfrage, welche Regeln eigentlich gelten sollen – die Regeln von Menschen oder die, die Gott seinem Volk am Sinai gab und auf die sich das Volk Israel im Bundesschluss verpflichtet hatte (5. Mos 29,1-14 u.a.). Und weil es die Gebote Gottes sind, standen sie auch über den Königen und Oberen Israels (z.B. 1 Kön 15,4-5). Es sind Regeln, die sich politisch auswirken, aber die selbst dem politischen Zugriff der Mächtigen entzogen bleiben. Wer sie usurpiert, macht sich Gott zum Gegner – daraus resultierten hochpolitische Konflikte wie beim Propheten Elia (1. Kön 18). Und die Oberschicht Jerusalems erlebte auch, wohin das führen kann, als sie sich hartnäckig weigerten, sich dem Gesetz Gottes zu unterwerfen und Jerusalem dann 587 v. Chr. vom neubabylonischen König Nebukadnezar II. erobert und ins Exil in eine andere, fremde Stadt geführt wurden – nach Babylon, in die Fremde, von der es heißt: “An den Wassern Babels saßen wir und weinten, wenn wir an Zion gedachten” (Ps. 137,1).
Die Rückkehr nach Jerusalem unter dem Perserkönig Kyros 538 v. Chr. (Esr 1,1-3) brachte Israel dann nur noch eine teilweise Autonomie 7. Das hatte eine bedeutende Veränderung zur Folge. Die Möglichkeit, dem Gesetz Gottes politische Geltung zu verschaffen, war den Israeliten seit dem Babylonischen Exil damit nämlich entzogen, weil die dafür erforderlichen exekutiven Sanktionsmöglichkeiten fehlten. Der Raum des Politischen wurde jetzt von den jeweiligen Besatzern dominiert, und das waren bis 333 v. Chr. die Perser, danach die Griechen und ab 67 v. Chr dann die Römer. Die interessierten sich herzlich wenig dafür, ob die Israeliten nach dem Gesetz Gottes lebten. Folglich war diese Frage jetzt in die Entscheidung jedes Einzelnen und die Verantwortung der Glaubensgemeinschaft gestellt: Nehemia initiiert Neh 10 eine Selbstverpflichtung des ganzen Volkes, dem Gesetz Gottes zu folgen. Über seine Auslegung und Einhaltung zu wachen war Sache der Priester (Riesner 14). Eine Machtposition, um ihm territoriale Geltung über alle (also auch nichtjüdische Bewohner) zu verschaffen, hatten die Israeliten nach außen gar nicht und auch nach innen nur noch indirekt. Wie schmal der Grat tatsächlich war, lässt sich in der Anklage Jesu durch das Synhedrion vor Pontius Pilatus erkennen (vgl. z.B. Joh 18,29-31). Vom ersehnten Messias erwartete mindestens die jüdische Partei der Zeloten zur Zeit Jesu (Riesner 30f.) nichts anderes, als dass genau das sich wieder ändert, dass also alle Menschen in diesem Land und dieser Stadt dem über allen stehenden Gesetz Gottes wieder eindeutig folgen müssen.
Das königliche, priesterliche und prophetische Amt Jesu
Drei geistliche Ämter kennt das Alte Testament, durch die Gott in besonderer Weise an den Menschen handelt: Den König, den Priester und den Propheten 8 . Und Jesus vereinigt in seiner Person alle drei.
(1) Durch das prophetische Amt handelt Gott, indem er die Menschen öffentlich sein Wort hören lässt und seine Entscheidungen mitteilt. Eines dieser prophetischen Worte Jesu ist Mt 23,37–24,2. Sie ist von dem, was ich oben zusammengestellt habe, in seiner Bedeutung sehr eindeutig zu verstehen: Die Rolle des “alten Jerusalem” endet – nicht nur durch ihre Zerstörung 70 n.Chr, sondern vor allem geistlich. Sie wird nicht wieder hergestellt, und damit auch nicht die Ressource für die politische Durchsetzung der Gebote Gottes. Paulus spricht vom “jetzigen Jerusalem, das mit seinen Kindern in der Knechtschaft lebt” – er meint damit die Knechtschaft des Gesetzes – und fährt fort: “Aber das Jerusalem, das droben ist, das ist die Freie; das ist unsere Mutter” (Gal 4,25-26 LU2017). Ob Menschen also zu Gott gehören und mit ihrem Leben seinem Willen folgen, ist endgültig keine politische Fragestellung mehr, sondern eine geistliche.
(2) Das lässt sich vor allem daran ablesen, wie Jesus sein königliches, messianisches Amt interpretiert. Er hat sich nämlich den Versuchen des Volkes, ihn zu einem politischen König zu machen, entzogen (Joh 6,15) und die entsprechende Forderung eines messianischen Zeichens abgelehnt (Mt 12,39-42). Zu Pontius Pilatus sagt er: “Mein Reich ist nicht von dieser Welt. Wäre mein Reich von dieser Welt, meine Diener würden darum kämpfen, dass ich den Juden nicht überantwortet würde; aber nun ist mein Reich nicht von hier.” (Joh 18,36-37 LU2017) Pilatus fragt zurück: “So bist du dennoch ein König?”(Joh 18,37 ELB), und Jesus antwortet: “Du sagst es: Ich bin ein König. Ich bin dazu geboren und in die Welt gekommen, dass ich die Wahrheit bezeuge. Wer aus der Wahrheit ist, der hört meine Stimme” (Joh 18,37 ELB) Jesus ist also durchaus der rechtmäßige Messias Israels. Aber dieser Messias bedarf der Politik nicht, um zu regieren. Er regiert durch den Glauben. Er verweigert den politischen Erweis von Macht, den man vom Messias erwartete (Lk 24,21; Apg 1,6), weil vor dem Offenbarwerden seiner siegreichen königlichen Macht am “Tag des HERRN” (Mt 24,30-31; 1 Thess 5,2) zuerst die Erlösung geschehen musste. Aber die Erlösung zu erwirken gehört nirgendwo im Alten Testament zum Amt des Königs. Noch viel weniger kann sie auf politischem Weg erfolgen, also durch Zwang und Regelungen.
(3) Erlöst und Teil des neuen Gottesvolkes zu werden, erfordert stattdessen das Amt des Priesters. Es ist das Amt der Versöhnung mit Gott durch das Opfer, das er darbringt und das Gott und die Menschen gemeinsam empfangen (vgl. “Tief verwurzelt glauben” S. 261-282). In seinem priesterlichen Amt bringt Jesus sich selbst als Opfer (engl. sacrifice), indem er sich, ohne Widerstand zu leisten, zum Opfer (engl. victim) genau einer solchen Politik machen lässt, die die Geltung des Gesetzes Gottes politisch durchsetzen will. So eine Möglichkeit findet das Synhedrion am Ende nämlich, indem es den für sie gotteslästerlichen (vgl. 3. Mos 24,16) Worten Jesu über seine Messianität und den Menschensohn die von ihm stets abgelehnte politische Bedeutung unterschiebt, die ihn ebenfalls in Konflikt mit der römischen Besatzungsmacht bringt (Lk 22,66-71; 23,1-3). Er wird als Aufrührer hingerichtet (Mk 15,26), wozu man Pontius Pilatus durch Androhung einer Anzeige im Falle seines Nichthandelns politisch auch noch zwingen musste (Joh 19,12-16). Ist es zuviel gesagt, dass dieser Vorgang die Vision der Durchsetzung des Gesetzes Gottes unter Zuhilfenahme politischer Macht final disqualifiziert hat? Im Grunde war politische Macht nach David und Salomo mit wenigen Ausnahmen 9 Gott meistens im Weg gewesen. Hier hat sie seinen Sohn getötet (vgl. Lk 20,9-19). Wenn man aber die Darstellung der Evangelien anerkennt, dass Jesus das kommen sah und diesen Weg um unser aller Erlösung willen trotzdem gegangen ist (mit Riesner 266ff.), dann könnte man auch sagen: Politische Macht hat an dieser Stelle in ihrer ganzen Sündhaftigkeit einen durch und durch paradoxen Beitrag geleistet (Lk 23,34), der sie final aus dem Spiel genommen hat (vgl. das Gleichnis vom Unkraut unter dem Weizen Mt 13,24-30). Das “neue Jerusalem” funktioniert nach einer fundamental anderen Logik: “Nicht durch das Gesetz werden wir gerecht, sondern durch den Glauben an Jesus Christus” (Röm 3,21-28). 10
Babylon, die Stadt des Exils
Die Exilszeit in Babylon war für Israel eine einschneidende Erfahrung, die viele Fragen aufwarf. Eine davon war, wie sich die Israeliten gegenüber der Besatzungsmacht zu verhalten hätten. Sollten sie sich widersetzen, den Aufstand proben? Der Prophet Jeremia schreibt einen Brief nach Babylon an die Deportierten:
“So spricht der HERR der Heerscharen, der Gott Israels: An alle Weggeführten, die ich von Jerusalem nach Babel gefangen weggeführt habe: Baut Häuser und wohnt (darin)! Pflanzt Gärten und esst ihre Früchte! Nehmt Frauen und zeugt Söhne und Töchter! Und nehmt Frauen für eure Söhne, und eure Töchter gebt Männern, damit sie Söhne und Töchter gebären, damit ihr euch dort vermehrt und nicht vermindert! Und sucht den Frieden [hebr. Schalom, Anm. d. Verf.] der Stadt, in die ich euch gefangen weggeführt habe, und betet für sie zum HERRN! Denn in ihrem Frieden werdet ihr Frieden haben…. Denn so spricht der HERR: Erst wenn siebzig Jahre für Babel voll sind, werde ich mich euer annehmen und mein gutes Wort, euch an diesen Ort zurückzubringen, an euch erfüllen. Denn ich kenne ja die Gedanken, die ich über euch denke, spricht der HERR, Gedanken des Friedens und nicht zum Unheil, um euch Zukunft und Hoffnung zu gewähren. Ruft ihr mich an, geht ihr hin und betet zu mir, dann werde ich auf euch hören. Und sucht ihr mich, so werdet ihr (mich) finden, ja, fragt ihr mit eurem ganzen Herzen nach mir, so werde ich mich von euch finden lassen, spricht der HERR. Und ich werde euer Geschick wenden und euch sammeln aus allen Nationen und aus allen Orten, wohin ich euch vertrieben habe, spricht der HERR. Und ich werde euch an den Ort zurückbringen, von dem ich euch gefangen weggeführt habe.” (Jer 29,4-7.10-14 ELB).

Gott ruft sein Volk durch den Propheten Jeremia also zu einer Art von Doppel-Existenz auf. Einerseits sollen sie Israeliten und mit ihrem Gott in Verbindung sein und bleiben. Andererseits aber sollen sie sich auf das Exil einlassen und sich darin einrichten. Mehr noch als das: Sie sollen den “Schalom” Babylons, der Stadt ihres Exils, suchen. Hinter diesem hebräischen Wort für “Frieden” steckt mehr als die Abwesenheit von Krieg. Es bedeutet ein umfassendes Wohlergehen. Es gibt zahlreiche historische Belege, dass die Israeliten auf Jeremia gehört haben. Sie konnten sich frei bewegen und wirtschaften, sogar im Staatsdienst Karriere machen wie Daniel und offenbar auch Nehemia (Dan 1,3-7; 6,2-4; Neh 2,1-9). Aber sie gingen darin nicht auf, sondern pflegten in der Hoffnung auf Gottes Macht und Verheißung ihre jüdische Existenz in der anderen weiter (Dan 1,8-21) – das Judentum war geboren.
In derselben Zeit wurde übrigens das Aramäische zur Verkehrssprache. Aramäisch ist ebenfalls eine semitische Sprache und mit dem Hebräischen eng verwandt; sie nutzen dieselben Buchstaben. Teile der Bücher Daniel und Esra sind in aramäischer Sprache verfasst und belegen, dass das Judentum mit der Zeit das Aramäische als Umgangssprache übernahm.
Und dies schafft eine Verbindung zur Zeit der ersten Christen. Denn in der Bibel wird uns ein urchristlicher Gruß überliefert, der zu den beiden ältesten identifizierbaren Fitzeln mündlich überlieferter Christologie im Neuen Testament gehört: “Marana tha!” – “Unser Herr, komm!” (1 Kor 16,22) 11 Das ist aramäische Sprache. In dieser Sprache hat Jesus mit seiner Familie und seinen Jüngern gesprochen. 12 Und das Aramäische ist, biblisch betrachtet, die Sprache des Exils. Aus dem Exil des provisorischen, noch unerlösten Lebens hier und jetzt grüßten sich die ersten Christen also mit dem Aufblick auf die neue Welt Gottes, deren Erben sie sind (Gal 3,29; Offb 21,7), in die Jesus sie sammeln wird (Mt 24,31; dasselbe Wort wie oben Jer 29,14, vgl. Jes 56,8) und die auf ewig bleibt.
Petrus schreibt 1. Petr. 5,13 LU2017: “Es grüßt euch aus Babylon die Gemeinde, die mit euch auserwählt ist, und mein Sohn Markus”. Es wird allgemein angenommen, dass Petrus den Namen der Stadt Babylon als Pseudonym für Rom gebrauchte, wo er bekanntlich starb. Das würde bedeuten, dass die dortige Gemeinde sich in einer Situation begriff, die dem babylonischen Exil entsprach. Und genau diese Situation drückt der ganze 1. Petrusbrief aus: Wir Christen, sagt er, sind das auserwählte Gottesvolk (2,9), das Christus durch seinen Tod (1,18-19) und seine Auferstehung zu einem unverwelklichen Erbe wiedergeboren hat (1,3-4), das in der letzten Zeit offenbar werden wird (1,5). Aber wir leben in einer Zeit der Anfechtung (1,6), die uns einiges abfordert (1,14-16) – eben so, wie das Exil dem Judentum abgefordert hat, inmitten einer heidnischen Welt Gott die Treue zu halten (davon handelt das Buch Daniel). Dazu gehört auch, ein vorbildliches Leben vor den Augen der nichtgläubigen Umgebung zu führen und die Obrigkeit als solche zu respektieren (2,11-16). Petrus schließt also für das Leben der Christen in der Welt an genau die Lebensweise an, die Israel in Babylonien gelernt hatte und die Jesus im Johannesevangelium so ausdrückt: In der Welt leben, aber nicht von der Welt sein (Joh 17,11.14-18).
Entsprechend konnte sich derselbe Paulus, der schrieb: “Euer Bürgerrecht ist im Himmel” (Phil 3,20) auf sein römisches Bürgerrecht berufen, wenn die Staatsgewalt ihn, den Christen, als Rechtlosen behandeln wollte (Apg 22,25-29). Er hatte also zwei Bürgerrechte: Ein irdisches, zeitliches, vergängliches und ein himmlisches, ewiges, unvergängliches. Und das irdische ist dabei ein reines Provisorium (2 Kor 5,1-11). In diesem Provisorium zu leben bringt mit sich, Leiden und Versuchungen ausgesetzt zu sein (2 Kor 1,3-11; Kol 3,1-10). Es kann passieren, dass ein Kind Gottes in Liebe zu dieser Welt entbrennt und dabei sein Ziel, das neue Jerusalem, aus dem Auge verliert (2 Tim 4,10). Es ist darum der Ort der Bewährung (Röm 5,3-5).
Und dies umso mehr, als Babylon sich auch ausdrücklich gegen Gott und gegen Gottes Kinder wenden kann, wie es in den Christenverfolgungen geschah, mit der Absicht, ihr Leben mit Gott zu unterbinden (wie in Dan 6,7-14), zu Sünde zu nötigen (analog zu Dan 1,5.8) oder die Verkündigung des Evangeliums politisch zum Schweigen zu bringen (Apg 4,17-20). Die Feindschaft Babylons gegen die Jünger Jesu Christi kann sich bis zu Hass (Joh 15,18-27) und zu offener Gewalttätigkeit (Offb 17,6) steigern. So wird sie zur “großen Hure Babylon” (Offb 17), die als teuflisches Gegenstück des “Neuen Jerusalem” “an vielen Wassern sitzt” und die mit der Wiederkunft Christi besiegt wird (Offb 18,2).
Was nach „Babylon“ kommt
Der Sieg Jesu Christi über das Böse in der Welt, das sich der Herrschaft Gottes widersetzt, verläuft nach Offb. 20-21 in zwei zu unterscheidenden Schritten. Im ersten Schritt regiert der Herr Jesus Christus gemeinsam mit denjenigen, die während der endzeitlichen Herrschaft der „Hure Babylon“ zu Märtyrern gemacht wurden, über einen Zeitraum von tausend Jahren (Offb. 20,4). Dieses „tausendjährige Reich“ ist zeitlich und wird noch in der alten Schöpfung existieren. Erst danach kommt es nach einer kurzen Auflehnung (Offb. 20,7-10) zur allgemeinen Auferstehung der Toten, zum Weltgericht (20,11-15) und zum ewigen Reich Gottes in einem neuen Himmel und einer neuen Erde (Offb. 21).
Das „tausendjährige Reich“ Offb. 20,4 hat sehr verschiedene Auslegungen erfahren, sowohl theologische Entwürfe („Chiliasmus“ bzw. „Milleniarismus“) als auch säkulare Gesellschaftsmodelle inspiriert und hat maßgeblich zur Verhältnisbestimmung der kirchlichen bzw. gemeindlichen Christenheit zur politischen Welt beigetragen.

Als Christen in der “Welt” leben
Nun fragt sich: Wie sollen sich Christen, d.h. das Volk des kommenden Königs (Riesner 163f.; 171-209), zu dieser Welt des „Babylonischen Exils“ verhalten, in der sie leben?
- Jesus sendet seine Jünger in eben diese Welt hinein, so wie der Vater ihn gesendet hat (Joh 20,21). Sie haben einen klaren Auftrag: Das Evangelium aller Welt zu verkündigen, damit alle die Chance haben, Kinder Gottes und Erben des Neuen Jerusalems zu werden. Dies aber impliziert Öffentlichkeit statt Abgeschiedenheit: Jesus und seine Jünger lassen sich von anderen Menschen sehen und hören, wie sie das Evangelium verkündigen, Kranke heilen (Apg 3,1-26) etc. Sie treten also im öffentlichen Raum auf. Allerdings tun sie es nicht im politischen, sondern im prophetischen Sinne: Ihre Absicht ist nicht, irgendwelche Regelungen zu erreichen, sondern in den Menschen Glauben zu wecken (wobei die Jünger dies bei Licht betrachtet auch nicht selbst tun, sondern der Heilige Geist). Sie sind also zum Leben im Exil berufen; eben darin folgen die Christen ihrem Herrn Jesus Christus nach.
- Das können sie aber nur, so lange sie als Bürger des Neuen Jerusalems mit ihrem Herrn und König Jesus Christus in der Liebe verbunden bleiben wie der Weinstock mit der Rebe (Joh 15,1-10). Das ist nötig, weil gerade die Heidenchristen ursprünglich aus Babylon stammen und an ihrem von Gott getrennten Wesen teilhatten (1. Petr 4,3-5). Die Ausrichtung auf das Neue Jerusalem geschieht in der Heiligung, durch die wir unserem Herrn und König Jesus Christus immer ähnlicher werden. Damit verbunden ist eine gewisse innere Distanz zu den Benefits des Exils, um sich darin nicht zu verlieren und das Vorletzte für wichtiger zu halten als das Letzte. Paulus sagt: Haben, als hätte man nicht (1 Kor 7,29-31). Babylon ist ein Lernfeld, in dem die Kinder Gottes sich bewähren, aber auch Fehler machen. Deshalb brachte uns Jesus Christus bei, zu beten: “Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern” (Mt 6,12 LU2017). In der Heiligung kommt die Herrschaft Gottes schon im Hier und Jetzt zur Entfaltung, genauso wie in den Machterweisen Gottes, in denen sich das Heil des zukünftigen Reiches Gottes schon hier und jetzt, d.h. im Voraus manifestiert (Lk 11,20). Deshalb sagt Jesus: “Das Reich Gottes beginnt mitten unter euch” (Lk 17,21), wie ein Senfkorn zum Baum heranwächst oder wie ein wenig Sauerteig den ganzen Teig durchsäuert (Mt 13,31-33).
- Das zeigt: Die christliche Gemeinde steht Babylon zwar mit einer gewissen inneren Distanz, aber nicht in Feindschaft gegenüber. Sie lebt in ihr geistlich betrachtet als Fremde, respektiert aber ihre Herrschaftsverhältnisse im Vertrauen darauf, dass es letztlich Gott ist, der sie um der Ordnung willen eingesetzt hat (Röm 13,1-7; 1. Petr 2,13-17). Sie ist im Neuen Testament bestrebt, ihr Glaubenszeugnis durch ein tugendhaftes Leben zu unterstreichen, hat aber keine Bestrebungen, das Evangelium politisch durchzusetzen. 13 Deshalb verweigern sie sich auch nicht der Beteiligung am Gemeinwohl, indem sie z.B. wie die übrigen Bewohner Babylons Steuern zahlen (Mk 12,13-17par). Mehr noch: Die Bejahung des Lebens im Exil impliziert, nach den Worten Jeremias “der Stadt Bestes” bzw. “den Schalom der Stadt” zu suchen (Jer 29,4-7). Dies würde nun tatsächlich eine Beteiligung am Politischen bedeuten, jedoch bezogen auf das Gemeinwohl Babylons, nicht auf das Volk Gottes selber, das nur indirekt davon profitiert (“in ihrem Frieden werdet ihr Frieden haben” Jer 29,7b ELB).
- Christen stehen mit ihrem Kernanliegen dem öffentlichen Raum also grundsätzlich unpolitisch gegenüber. Andersherum gilt das nicht immer: Der öffentliche Raum kann den Christen gegenüber politisch werden, und dann wendet er sich wie gesehen sehr schnell gegen sie und in ihnen gegen den Messias Jesus selbst. Allerdings wird gerade hier die Auferstehungskraft Jesu auf besondere Weise augenfällig. Als der politische Raum den Aposteln die Predigt im Namen Jesu untersagen will (Apg 5,28), reagieren diese als Bürger des “neuen Jerusalem” mit einer damals geradezu unerhörten Freiheit – der Freiheit des Glaubens: “Man soll Gott mehr gehorchen als den Menschen” (Apg 5,29). Geistlich betrachtet sind Christen in der Welt des Politischen “Freie”, weil sie ihr Bürgerrecht im Himmel haben, und zwar dann, wenn das Politische sich gegen Gottes Willen richtet. Im Endstadium der “Hure Babylon” allerdings wird das Volk Gottes dann zur Distanzierung aufgerufen: “Geht hinaus aus ihr, mein Volk, dass ihr nicht teilhabt an ihren Sünden und nichts empfangt von ihren Plagen” (Offb 18,4 LU84). Eine Kooperation nach dem Vorbild Daniels ist in diesem Stadium also nicht mehr möglich. Offenen Widerstand der Christenheit sucht man allerdings vergeblich: Es ist Jesus Christus, das Lamm Gottes höchstselbst, der der großen Hure ein Ende setzen wird (Offb 17,14). Das ist der Moment des Gerichtes Gottes, nach dem das Reich Gottes anbrechen wird.
“Politisch”, “privat” und “öffentlich” im Licht der Bibel
Damit können wir nun den biblischen Bedeutungsgehalt der drei in der aktuellen Debatte bedeutsamen Begriffe aus dem ersten Artikel dieser Serie näher bestimmen.
(1) Der Raum des “Politischen” erhält jetzt eine theologische Qualifizierung: Es bezieht sich auf das “Alte Jerusalem”, in dem das Gesetz politisch durchgesetzt wird, d.h. verbunden mit Zwang und Strafe. Damit wird ebenso der Themenkreis berührt, den wir bei Paulus in den Begriffen “Gesetz” und “Fleisch” finden.
(2) Was ihm gegenübersteht, wird unter Evangelikalen gerne mit dem Wort “geistlich” bezeichnet. Hier geht es um das “Neues Jerusalem”, das aber keine politischen Ambitionen hat und damit nach Augustin und dem Westfälischen Frieden als Sache des Glaubens in den Bereich des “Privaten” gehört. Im weiteren Sinne geht es um den Themenkreis, den wir bei Paulus in den Begriffen “Glaube” und “Geist” wiederfinden.
(3) Von beidem zu unterscheiden ist nun aber der Begriff des “Öffentlichen”, der in der politischen Debatte nahezu synonym zu “politisch” gebraucht wird (siehe Teil 1). Biblisch betrachtet sind der öffentliche und der politische Raum aber zwei zu unterscheidende Dinge, insofern es hier um die Wahrnehmbarkeit des Evangeliums geht. Das “Öffentliche” bezieht sich biblisch auf “Babylon”, d.h. das exilsähnliche Leben “in der Welt, aber nicht von der Welt”.
Hier eine vergleichende Gegenüberstellung:
| politisch | geistlich (privat?) | öffentlich |
| Altes Jerusalem | Neues Jerusalem | Babylon (Leben im Exil) |
| …war | …kommt | …ist |
| Israel | Himmel | Welt |
| Gesetz | Gnade | Evangelium |
| Werke tun | schauen | glauben |
| Zwang | Freiwilligkeit | Bewährung |
| Strafe | Versöhnung | Umkehr |
| Furcht | Liebe | Hoffnung |
| Fleisch | Geist | Versuchung |
| äußerer Mensch | innerer Mensch | Geschöpflichkeit |
Weiterführende Fragen
Was ich in diesem Artikel zusammengestellt habe, war eine biblische Grundlegung. Sie verschafft uns die Maßstäbe, um die verschiedenen Positionierungen von Seiten von Theologie und Kirche, aber auch von Seiten der evangelikalen Bewegung zu Staat, Politik und dem kommenden Reich Gottes einordnen und bewerten zu können. Fragestellungen sind hier z.B.:
- Welche theologischen Probleme bringt die “Konstantinische Wende” mit sich (vgl. Fußn.13)?
- Ist das Reich Gottes wirklich “jenseitig” oder verwirklicht es sich im Diesseits (Liberale Theologie, Kulturprotestantismus, Dorothee Sölle, Teile der Befreiungstheologie und des Wohlstandsevangeliums)?
- Welchen Sinn macht es, eine christliche Lebensweise und Kultur politisch für alle durchzusetzen?
- Was ist, wenn der Staat bzw. die Gesellschaft das Christentum politisch angreift und bedroht? Wo ist der Kipppunkt zur “Großen Hure Babylon”?
Fußnoten
- Vgl. ausführlich Thorsten Dietz: Menschen mit Mission, S. 44-52. ↩︎
- Jens Gmeiner: Der “rechte” Weg der Evangelikalen in den USA, 2012. https://www.ifdem.de/beitraege/der-rechte-weg-der-evangelikalen-in-den-usa/ ↩︎
- Ebd. – Vgl. Hinkelmann, a.a.O. ↩︎
- Zu beachten ist die Stellung des Königspsalms Ps 47 zwischen den Zionspsalmen Ps 46 und Ps 48. Ähnlich Ps 97. ↩︎
- Nach Hebr. 7 hatte bereits die Segnung Abrahams durch den Hohenpriester Melchisedek aus Salem (d.i. Jerusalem) 1. Mos 14,18-20 heilsgeschichtliche Bedeutung. ↩︎
- Dabei sollte uns der Umstand nicht irritieren, dass der spezielle griechische, nämlich gemeinschaftlich-demokratische, den Staat betreffende Gehalt der Begriffe “polis” etc. sowohl in deren biblischen Entsprechungen (v.a. hebr. עיר, das die „Stadt“ rein baulich versteht) als auch in der biblischen Gedankenwelt völlig fehlt (Strathmann; Dietrich; Heiligenthal; Fitschen; alle a.a.O.). “Der Alte Orient kennt im Grunde nur eine Staatsform: das Königtum (…). Altorientalische Königreiche weisen die klassischen Merkmale von Staatlichkeit (abgegrenztes Staatsgebiet, benennbares Staatsvolk, zentrale Staatsgewalt – sehr wohl auf, jedoch in unterschiedlichen Ausgestaltungen (…)” (Dietrich S. 4). Wenn wir aber “Politik” mit Meyer’s großem Taschenlexikon (Bd. 17 Mannheim 1981, S. 191) auffassen als “auf die Durchsetzung bestimmter Ziele und Zwecke insbes[ondere] im staatl[ichen], für alle M[itglieder] der Gesellschaft verbindl[ichen] Bereich und auf die Gestaltung des öffentlichen Lebens gerichtetes Verhalten und rationales Handeln von Individuen, Gruppen, Organisationen, Parteien, Klassen, Parlamenten und Regierungen”, dann war politisches Handeln in der Bibel Sache der Könige zuzüglich derjenigen Personen (Königinnen, Aristokraten, Gelehrte, Berater, Statthalter etc.), die zum König in dieser Hinsicht Zugang hatten (vgl. 2. Mos 41,37-57; 1. Kön 12, 6-15; 1. Kön 21,4-16; Est 2,2-4; 3,1-2; ). Ihre Beteiligung war also anders als im alten Griechenland oder bei uns heute nicht strukturell gesichert, sondern stand unter einem Willkürvorbehalt (das ist heute unter autokratischen Machthabern nicht anders), auch wenn sie zeitweise sehr mächtig sein konnten (Jer 38). Zu diesem Kreis gehörten mitunter durchaus die Propheten – sofern die Könige auf sie hören wollten (vgl. 1. Kön 22,5-38; Jer 36-37). ↩︎
- Riesner 140ff. Die einzige Ausnahme waren die Makkabäer-Aufstände und die aus ihr hervorgehende hasmönäische Dynastie, vgl. Riesner 18-21 sowie ausführlich Donner 405-459. ↩︎
- Riesner 1: “Als ‘Gesalbte’ galten neben den Patriarchen Abraham, Isaak und Jakob (Ps 105,15) vor allem die Träger der drei für das Volk Israel wichtigsten Ämter: die Hohenpriester (Lev 4,3-5), Propheten (Jes 61,1) und Könige (1 Sam 2,10, Ps 22).” – Zur Lehre von dem “Dreifachen Amt Jesu Christi” vgl. Schlink 413ff.. ↩︎
- Die Ausnahmen belaufen sich biblisch auf die Könige Hiskia und Josia sowie auf den Perserkönig Kyros. ↩︎
- Vgl. hierzu Gerrit Hohage: Predigen im Spannungsfeld von Amt und Person, Neukirchen-Vluyn 2005, S. 61-72 anhand von Luthers Bibelauslegung in der Schrift “Von der Freiheit eines Christenmenschen“. ↩︎
- Hans Kessler: Sucht den Lebenden nicht bei den Toten. Die Auferstehung Jesu Christi in biblischer, fundamentaltheologischer und systematischer Sicht. Erweiterte Neuausgabe, Würzburg 2002, S. 113f. Vgl Gerrit Hohage: Tief verwurzelt glauben S. 286ff. ↩︎
- Riesner 9; 73f. Wir wissen das, weil es in neutestamentlichen Jesusworten einige nicht nicht auf Griechisch übersetzte, sondern in der aramäischen Originalsprache belassene Begrifflichkeiten gibt (wie z.B. “Abba” für “Vater”). ↩︎
- Dass dies später in der Konstantinischen Wende 325 n.Chr. dennoch geschehen ist, wirft biblisch erhebliche Fragen auf – wobei sich die Kirchen bis auf einige unrühmliche Ausnahmen (Zwangstaufen) immer einig war, dass niemand zum Glauben gezwungen werden kann noch darf (Lütz 36-42). Die Spuren, die dieses Ereignis in der Theologie hinterlassen hat, werde ich in einem späteren Artikel behandeln. ↩︎
Literatur
- Dietrich, Walter: Art. “Staat/Staatsphilosophie I”, in: TRE 32, Berlin 2000, S.4-8
- Dietz, Thorsten: Menschen mit Mission. Eine Landkarte der evangelikalen Welt, Holzgerlingen 2022
- Donner, Herbert: Geschichte Israels und seiner Nachbarn in Grundzügen 2, Göttingen 1986
- Elliott, James Keith: Art. “Jerusalem II”, in: TRE 16, Berlin 1987, S. 609-612
- Fitschen, Klaus: Art. “Stadt II”, in: TRE 32, Berlin 2000, S.92-93
- Härle, Wolfgang: Dogmatik, Berlin 4. Aufl. 2012
- Heiligenthal, Roman: Art. “Staat/Staatsphilosophie II”, in: TRE 32, Berlin 2000, S.9-19
- Hinkelmann, Frank: Reizwort “evangelikal” – und warum es sich trotzdem lohnt, am Begriff “evangelikal” festzuhalten. in: Martin P. Grünholz / Frank Hinkelmann (Hrsg.): Die gegründete Einheit der evangelikalen Bewegung, Petzenkirchen 2025, S. 89-102
- Honecker, Martin: Art. “Staat/Staatsphilosophie IV”, in: TRE 32, Berlin 2000, S.22-47
- Hohage, Gerrit: Predigen im Spannungsfeld von Amt und Person. Ein Versuch, Luthers Amts- und Schlatters Personverständnis homiletisch ins Gespräch zu bringen, Neukirchen-Vluyn 2005
- Ders.: Tief verwurzelt glauben. Wie man heute christlich denken kann, Holzgerlingen 2024
- Kersting, Wolfgang. Art. “Staat/Staatsphilosophie V”, in: TRE 32, Berlin 2000, S.47-61
- Lütz, Manfred: Der Skandal der Skandale. Die geheime Geschichte des Christentums, Freiburg 2018
- Riesner, Rainer: Messias Jesus. Seine Geschichte, seine Botschaft und ihre Überlieferung, Gießen 2019
- Schlink, Edmund: Ökumenische Dogmatik, Göttingen 2. Aufl. 1985
- Strathmann, Herrmann: Art. “πόλις κτλ.”, in: ThWNT6, Stuttgart 1959, S. 516-535
- Zwickel, Wolfgang: Art. “Stadt I”, in: TRE 32, Berlin 2000, S.90-92
Dieser Blog-Beitrag von Dr. Gerrit Hohage erschien zuerst in „Tief verwurzelt glauben – der Blog zum Buch“. Lesen Sie hier den Original-Beitrag „Himmlisches Bürgerrecht – irdisches Exil.“


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