Jonas Erne –
Da ich für ein Schreibprojekt gerade ein paar Bücher über die Nachkriegszeit und 68er Generation lese, gibt es heute ein paar noch ungeordnete Gedanken zu einem Thema, das mich schon länger bewegt. Es ist nicht nur historisch wichtig, es geht uns alle an.
Ich habe mich in den letzten Tagen durch Ingeborg Gleichaufs Buch „Poesie und Gewalt. Das Leben der Gudrun Ensslin“ gegraben. Ein streckenweise zähes Unterfangen. Das Buch leidet unter der typischen Krankheit des modernen Literaturbetriebs: Es versucht, die radikalen, mörderischen Kanten dieser Geschichte in ein glattes, hyper-korrektes Labor-Deutsch zu verpacken. Die Form frisst hier viel zu oft den brutalen Inhalt.
Aber dann schlägt man Seite 357 auf. Und plötzlich brennt die Luft. Mitten im letzten Kapitel bricht die Autorin durch ihr eigenes sprachliches Korsett und beschreibt das Endstadium des Deutschen Herbstes 1977 mit einer Dichte, die mich kalt erwischt hat. Dieses Zitat muss man im vollen Wortlaut wirken lassen:
„Die Wochen der Schleyer-Entführung machen sichtbar, was echte Gefangenschaft heißt. Denn gefangen sind alle: die Schleyer-Entführer, die RAF im siebten Stock, die Vollzugsbeamten, die Politiker und Politikerinnen, Richter und Anwälte. Sie sind gefangen in ihren jeweiligen Sprachregelungen, in ihren Ideologien, in ihren Gewohnheiten, in ihren Ängsten. Letztlich mündet alles in stumme Gewalt, auf beiden Seiten. Wenn nur noch die Gewalt herrscht, ist überhaupt kein Sprechen mehr möglich. Vielleicht ist Gudrun Ensslin deshalb in dieser letzten Lebensphase so wenig sichtbar, so gar nicht mehr hörbar. Wenn nur noch die Gewalt herrscht, ist überhaupt kein Sprechen mehr möglich.“
Die Gefahr der Sprachlosigkeit
Was mich an dieser Passage so fasziniert, ist das Wort „Sprachregelungen“. Es ist der Schlüssel zum gesamten Drama. Wir glauben oft, Sprachlosigkeit bedeutet einfach, dass Menschen nichts mehr zu sagen haben. Aber das stimmt nicht. Im Gefängnis von Stammheim war es nicht still. Es wurde ununterbrochen geredet, geschrieben, dekretiert. Aber es war kein echtes Sprechen mehr. Es war das Herunterbeten von vorgefertigten Phrasen. Die Terroristen in ihren paranoiden Kassibern, der Staat in seinen starren Krisenstab-Protokollen und der Kontaktsperre.
Wenn Menschen nur noch in Ideologien und starren Mustern kommunizieren, stirbt der Sinn hinter den Worten. Und genau in diesem Moment wird Sprachlosigkeit brandgefährlich. Sie wird zum Brutkasten für das Grauen.
Es ist eine unheimliche psychologische Gesetzmäßigkeit: Wenn die Sprache stirbt, wird die Tat zur Ersatz-Sprache. Wer die Gedanken nur noch in sich hineinfrisst, weil kein Gegenüber mehr da ist, das ihn versteht, korrigiert oder auch mal aushält, dessen Verstand radikalisiert sich im luftleeren Raum. Die eigenen Theorien werden absolut. Am Ende steht die stumme Gewalt – der Brandanschlag, die Bombe, der Schuss. Es ist der verzweifelte, mörderische Versuch, das eigene Verstummen zu durchbrechen.
Fehlendes Gegenüber
Die Tragik von Gudrun Ensslin liegt genau hier: Eine Frau, die ihr Leben lang mit Poesie, Literatur und Sprache gerungen hat, die über Hans Henny Jahnn promovieren wollte, hatte ihr Leben lang nie wirklich ernsthafte Gegenüber, mit denen sie sich austauschen konnte. Sie wuchs auf als Pfarrerstochter in den Kriegs- und Nachkriegsjahren auf der Schwäbischen Alb und Stuttgart. Bernward Vesper war zwar schnell begeistert aber selbst auch psychisch etwas labil und schnell überfordert. Andreas Baader ein Macher, der an Worten nicht interessiert war. Ulrike Meinhof kam ihr vielleicht noch am nächsten, doch als sich die beiden Frauen näher kennenlernten, musste Ensslin bereits häufig moderierend die Truppe zusammenhalten.
Wenn nur noch die Gewalt regiert, gibt es keine Gewinner mehr. Dann sind, wie Gleichauf es schreibt, alle gefangen. Die Entführer in ihrem grausamen Auftrag, die Politiker in ihrer staatstragenden Härte. Dieses Zitat ist für mich ein Mahnmal. Es zeigt, was passiert, wenn wir verlernen, einander zuzuhören und stattdessen anfangen, die Menschenwürde des Andersdenkenden in unseren eigenen Köpfen auszulöschen. Wer den Dialog verweigert und den anderen entmenschlicht, wacht irgendwann in einer Welt auf, in der die eigene Würde ebenfalls nur noch stumm und unsichtbar ist.
Die asozialen Medien tragen seit Jahren dazu bei, diese Sprachlosigkeit zu verstärken. Jeder mag nur noch in der eigenen Bubble kommunizieren, weil Sprachregelungen die Mauern hermetisch zementieren. Wer außerhalb der eigenen Bubble lebt, wird schnell degradiert. Wie bei der RAF die Rede von „Bullen“, „Schweinen“, etc war, werden auch heute Menschen ihrer Würde beraubt, indem sie nicht mehr ernst genommen, nicht mehr angehört werden. Menschenwürde ist mehr, als nur jemanden am Leben zu lassen. Menschenwürde bedeutet, den anderen anzuhören, verstehen zu suchen, zu diskutieren. Wo das verloren geht, wird es brandgefährlich.
Dieser Blog-Beitrag von Jonas Erne erschien zuerst auf Jonas Erne – Der Blog . Lies hier den Original Artikel „Wenn die Sprache stirbt: Von der Gefahr der Sprachlosigkeit.„
Über Jonas Erne

Ich bin Ehemann, Vater, Theologe, Gemeindereferent, Vielleser. Auf meinem Blog geht es um Gelesenes, aber auch um die Auseinandersetzung mit Fragen des täglichen Lebens, mit der Kultur und der Bibel. Hin und wieder gibt es auch kreative Texte wie Gedichte, kurze Geschichten und mehr.

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