Der dünne Vorhang

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Wenn die Braut Christi fragt: „Wer bin ich? Und wenn ja, wie viele?“*

Es ist schon erstaunlich: in den letzten Jahren ist eine Bewegung im Leib Christi zu spüren. Vieles bewegt sich. Auch aufeinander zu. Das ist zum einen wenig verwunderlich, schließlich war Christentum in der Geschichte längst nicht immer statisch. Klar ist aber auch: Die Bemühungen um einen gemeinsamen Glauben, die nicht einmal mehr vor den Grenzen der Konfessionen halt machen, sind unübersehbar (oder sind dies lediglich Bemühungen um gemeinsame Formen, weil Inhalte ausgeblendet werden?) Vielleicht ist es nur mein persönlicher Eindruck: Kongresse gehören nicht länger nur einer Denomination, Redner aus evangelikalen und katholischen Kreisen werden munter ausgetauscht, gemeinsame Manifeste werden verabschiedet und visionäre Aufträge im Ensemble bearbeitet. Manchmal scheint es, als hätte die globale Netzwerk- Welt der digital omnipräsenten Jugendlichen auch die Kirchen erreicht. Zuhause ist man überall – my world is my castle. Und so singen Protestanten und Katholiken fröhlich dieselben Lieder oder evangelisieren Seite an Seite auf Deutschlands Straßen und wie aus einem Munde ertönt überall dasselbe Credo: „In adoratione unum – Anbetung Gottes vereint.“  Ist Anbetung deswegen die neue Ökumene ganz nach dem Motto: „Einheit der Herzen anstelle der Dogmen?“

Und die Frage darf erlaubt sein: Ist der Vorhang der Lieder dick genug um die Blöße der Unterschiedlichkeiten zu verdecken? Oder lauert hinter all den Bemühungen um das gemeinsame Lob Gottes gar das Schreckgespenst einer von der katholischen Kirche forcierten Einheitskirche (damit ein gefundenes Fressen für alle Endzeit- Fetischisten)?! In anderen Worten ausgedrückt: Wieviel Wert hat eine gemeinsame Anbetung von Christen unterschiedlicher Herkunft im Angesicht wichtiger theologischer Unterschiede? Ist der Jesus, den unsere Anbetung feiert, tatsächlich derselbe? Und: Laden wir tatsächlich zum selben Gott ein? Nicht auszudenken, welche Tragweite diese Frage hinsichtlich der gemeinsamen Durchführung des Missionsbefehls haben könnte.

Als überkonfessionelles Gebetshaus stehen wir tatsächlich immer wieder vor dieser Frage, die kritisch vorgebracht, auf eine einfache Formel zusammenschrumpft und damit den Herzschlag aller übergemeindlichen Dienste berührt: Welchen Wert hat für uns (unsere Gruppe, Gemeinschaft, Gemeinde) die Anbetung Jesu Christi im Verhältnis zu theologischer Unterschiedlichkeit? Für mich heißt das: Trauen wir der „Währung Anbetung“ in und unter uns zu, stark zu sein und geistliche Kraft freizusetzen, und zudem auch „wahr“ zu sein? Und wenn ja- wie begründen wir sie biblisch? Denn wahre Anbetung muss immer an der biblischen Wahrheit gemessen werden. Hält der Vorhang dann noch stand? Hierzu möchte ich einige Antwortversuche starten, wohl wissend, dass sie weder theologisch fein und bis zum Ende durchdacht, noch ausgewogen erscheinen werden. Ganz bestimmt sind sie auch nicht abschließend und haben zudem nicht den Anspruch, bisherige, z.T. ganz hervorragende Auseinandersetzungen mit dem Thema zu ersetzen. Vielmehr sind sie dem praktischen Erleben eines „konservativen Christen mit einem weiten Herzen“ entsprungen, der eine Last auf dem Herzen trägt, die etwas zu tun hat mit Johannes 17 und dem Schönheit der Braut Christi.

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  1. Anbetung mit der Bibel
    Inspiriert durch die Gebetshausbewegung, die mitnichten eine rein katholische (!) ist, wohl aber durch das medial präsente GH in Augsburg deutschlandweit ein Gesicht bekommen hat, wurde in den letzten Jahren eine Anbetungsform bekannt, die viel stärker als früher (ich entstamme christlich-evolutionär dem „Teestuben-Jahrhundert“) bibel-orientiert ist. Neben Liedern mit Bekenntischarakter, welche die Grundlagen des Glaubens einerseits und Eigenschaften Gottes andererseits hervorheben, ist es üblich geworden, Bibeltexte singend zu meditieren. Dies geschieht beim so genannten Harp&Bowl- Modell, dem musikalisch gesehen die antiphonalen Psalmgesänge des Mittelalters Pate stehen. Hier geschieht eine echte Verknüpfung von Bibeltext und Musik und Sänger und Musiker gehen gemeinsam in die Tiefen eines Bibelabschnitts. Dies zeugt von einer großen Ehrerbietung, welche dem Wort Gottes als Quelle der Inspiration aller Anbetung entgegengebracht wird. Praktisch bedeutet das, dass Anbetungs- und Lobpreiszeiten viel weniger die Aneinanderreihung in Tonart- und Rhythmus aufeinander abgestimmter Songs sind, sondern die intensive Beschäftigung mit biblischen Texten, die wiederum zur Grundlage spontaner gemeinsamer Gesänge werden.ben-white-131958-unsplash
  2. Weil das Ziel gut ist
    Nicht immer heiligt der Zweck die Mittel. Und der Zweck von Anbetung lässt sich nur schwer von seinem Nutzen ableiten— welchen Nutzen sollte es haben, Gott Lieder zu singen? Schließlich kommen andere Religionen auch ohne gemeinsame Gesänge aus. Die Antwort in diesem Fall kann nur heißen: Weil es Gott gefällt. Jesus selbst bat seinen Vater um Einheit seiner Jünger in Gott und untereinander (Johannes 17) und das Neue Testament bemüht das Bild von der verherrlichten Gemeinde als Braut Christi. Diese gibt es nur im Singular. Schließlich werden nicht mehrere Bräute gefreit. Und diese Braut wird mit einer Stimme rufen: „Komm, Herr Jesus!“ Hingabe und sehnsuchtsvolles Rufen geschieht in Anbetung. Denn das, was man begehrt, priorisiert man. Man setzt es auf ein Podest und betet es an. Und dieser gemeinsamen Anbetung ist der Segen Gottes gewiss (Psalm 133).
    Stellt sich die Frage: Welchen Jesus betet man eigentlich an? Ist es tatsächlich derselbe? Meine Erfahrung zeigt: In gemeinsamen Anbetungszeiten werden nie theologische Nebenkriegsschauplätze in den Fokus gerückt. So habe ich noch keine Lieder über Marien-, Heiligenverehrung oder Eucharistieverständnis gesungen. Freilich wäre das anders bei Angehörigen anderer Religionen. Aber die würden vermutlich auch nicht voller Überzeugung unsere Lieder mitsingen können. Angehörige anderer christlicher Konfessionen tun dies jedoch. Weil in diesen Liedern die zentralen biblischen Aspekte ihres Glaubens besungen werden (s.o.). Das Ziel gemeinsamer Anbetung ist deswegen ein biblisches: wir erfüllen den Wunsch Gottes nach Anbetung, „wie im Himmel so auf Erden“. Im Himmel geschieht er schon (Offb. 4+5), tun wir es hier auf der Erde gleich.
  3. Konzentration auf die Stärke relativiert die Schwäche
    Es liegt in der Natur der Sache, dass die Konzentration auf die (oft) geringen Stärken die eigenen Schwächen nicht so schwer ins Gewicht fallen lassen. So hat schon so manches individuelll unterlegenes Fußballteam dem haushohen Favoriten überraschend eine Niederlage verpasst. Natürlich hinkt der Vergleich auf vielen Seiten. Was ich damit sagen will, knüpft an den vorherigen Punkt an: Wenn der Fokus unserer gemeinsamer Anbetung klar ist – der biblische Christus – dann fallen die Unterschiede in Theologie und Lehre weniger stark ins Gewicht. Es gibt andere Orte und Zeiten, um genau diese zu thematisieren. Vor dem Thron Gottes jedoch haben sie keinen Platz. Denn dann geraten sie selbst in den Fokus und Christus außen vor. Das nennt man dann Götzendienst. Und vielleicht gibt es diesen tatsächlich in unserer christlichen Welt: den Baal des Dogmas und die Aschera der Rechtgläubigkeit. Ich äußere einen Verdacht: Wer so sehr von Christus fasziniert ist, wird wenig Zeit und Leidenschaft übrig haben um die eigenen Grenzen gegenüber den Andersgläubigen zu sichern. Damit rede ich nicht der Gutgläubigkeit das Wort, sondern betone die Stärke, die in Anbetung liegt. Sie zieht meine volle Aufmerksamkeit auf sich. Und damit die Übereinstimmung, nicht der Diskurs.
  4. Das Leiden am Anderen verherrlicht Gott, weil es mich dahin bringt, die Wahrheit nicht im System, sondern in Gott selbst zu suchen.
    Machen wir uns nichts vor – wir alle denken in theologischen Systemen, die geprägt sind von unserer Sozialisation, den Erfahrungen und vielen Vorbildern. Verhaftet sein im System birgt jedoch Gefahr, Gott selbst aus den Augen zu verlieren. Nehme ich Unterschiede im Glauben des Anderen wahr, nehme ich sie zuerst einmal zur Kenntnis. Manchmal setzt anschließend ein Leiden ein, gespeist von Unverständnis, Zweifel oder auch der inneren Überzeugung, der Andere sitze einer Irrlehre auf. Vorsicht ist jedoch angebracht vor einer vorschnellen Zurechtweisung im Sinne einer Argumentationskanonade, welche das Gegenüber bestenfalls in den Verteidigungsmodus, im schlechtesten Fall zum vollständigen Rückzug zwingt. Leiden bedeutet häufig Aushalten. Aushalten im Wissen, dass Lehrmeinung sehr wohl divergiert, Herzenshaltung jedoch scheinbar übereinstimmt. Das Leiden treibt mich dazu, Christus selbst in der Schrift zu suchen und meine eigene Einstellung immer wieder zu überprüfen. Damit treibt mich der Schmerz in die Arme und nicht in die Arena Christi.
  5. Gottes Geist gibt Zeugnis unserem Geist…
    …darüber, dass wir Gottes Kinder sind (Römer 8, 16). Ich habe (noch) keine biblische Begründung für diese These, aber vielleicht könnte es ja auch sein, dass derselbe Geist, der mir Zeugnis darüber abgibt, dass ich Gottes Kind bin und der es offenbar auch in meinen Mitbetern tut (denn sonst würden sie nicht rufen können „Abba, lieber Vater!“) uns untereinander in demselben Bewusstsein eint… So gibt also Gottes Geist auch unter uns Zeugnis, dass wir (zusammen) Gottes Kinder sind, gemeinsame Erben, gemeinsam zur Herrlichkeit erhoben. Selbst die Welt kennt eine „Seelenverwandtschaft“. Warum sollte es nicht in Gottes Reich eine „Geistverwandtschaft“ geben?
  6. Gemeinsame Anbetung zeitig ihre Früchte
    Es ist nicht zu übersehen: Wo gemeinsam gebetet wird, entsteht Frucht. Die Gebetshauswegung ist ein Werkzeug unserer Zeit, dass Christen wie selten zuvor in eine kompromisslose, hingegebene und leidenschaftliche Nachfolge führt. Wer betet, bleibt nicht derselbe. Es ist unmöglich, Tag für Tag den Allerhöchsten zu betrachten und nicht verändert zu werden. Moritz Breckner bringt es in seinem Kommentar wie folgt auf den Punkt: „Stundenlanges kontemplatives Gebet, gesungene Psalmen, Zungenrede, geistliche Gemeinschaft auch mit Anhängern der Katholischen Kirche: Wer vom Typ her eher nüchtern und sachlich an den Glauben herangeht, wer die charismatische Bewegung ablehnt oder die Ökumene skeptisch sieht, für den gibt’s sicherlich an der Gebetspraxis vieler Gebetshäuser manches zum Fremdeln und zum Kritisieren. (…) Jesus mahnt in der Bergpredigt an, geistliche Leiter und Bewegungen an ihren Früchten zu erkennen – man könnte ergänzen: und dabei den persönlichen Geschmack nicht zum Maßstab zu machen. Spricht man mit Menschen, die sich in Gebetshäusern engagieren, zeigen sich diese Früchte ganz konkret: Ihre Hingabe, ihr Missionseifer, ihre Liebe zu Gott und ihr Streben nasch Heiligkeit im persönlichen Lebensstil sind bewundernswert. Und zum Fremdeln und Kritisieren gibt es doch wirklich genug andere Dinge.“ (aus pro- Medienmagazin 1/2018)danielle-macinnes-222441-unsplash

Fazit:
Bin ich einfach gutgläubig, wenn ich der Ansicht bin, der „Vorhang der Anbetung“ sei dick genug, um die die Unterschiede in Theologie und Lehre zu verdecken? Ich habe den festen Glauben, dass gemeinsame Anbetung nicht „produzierbar“ ist, sondern ein geistgewirktes Momentum ist, das von vornherein nur Menschen „eines Geistes“ vereint. Wer die Augen vor Unterschieden verschließt, lebt blauäugig. Wer diese jedoch zum Anlass nimmt, Trennung unter hingegebenen Nachfolgern Jesu Christi herbeizuführen, handelt fahrlässig. Unser Leben wird ein Ringen um die Wahrheit bleiben, persönlich wie kollektiv. Wo Menschen sich jedoch vor dem Angesicht Gottes versammeln, ihre vollkommene eigene Bedürftigkeit eingestehen und rufen: „Komm, Herr Jesus!“, werden sie von IHM selbst in die Wahrheit geführt. Zuerst persönlich. Und dann kollektiv. Zum Beispiel, indem diesen Menschen vor dem Angesicht Gottes die Freude an Christus so groß wird, dass sie hinausgehen, um sie Anderen zu bringen. Und das kann beim besten Willen keine geteilte Freude sein.

*Dies ist der Titel eines Buches von Richard David Precht und damit keine eigene erfundene Formulierung

Bildnachweise:

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Dieser Blog-Beitrag von Frank Laffin erschien zuerst auf Glaubensschritte . Lies hier den Original-Artikel "Der dünne Vorhang".

2 thoughts on “Der dünne Vorhang

  1. Was mir spontan in den Sinn kam, als ich diesen Artikel las: Als Paulus die Galater warnen musste, warnte er sie vor einem anderen Evangelium, vor einem anderen Zugang zur Gnade, vor einem anderen Geist. Inwieweit das bei den „katholischen Evangelikalen“ des Gebetshauses der Fall ist, kann ich nicht sagen. Ich weiß nur von mir selbst, dass ich eine Zeit hatte, wo ich mich sehr für den Katholizismus interessiert habe und z.B. von Theresa von Avila und ihrer Mystik angezogen war. Nur das Wort Gottes hat mich aus dieser Verwirrung gerettet. Ich denke, Beziehungen mit Menschen, die Irrlehren anhängen, haben immer das Potential, uns von der Wahrheit wegzudrängen. Würde sich das immer falsch anfühlen, wäre es keine Gefahr, aber es kann sich halt durchaus richtig anfühlen. Im Sendschreiben an Thyatira macht Jesus der Gemeinde – deren Gutes er durchaus anerkennt – den Vorwurf, dass sie Isebel GEWÄHREN lässt. Ich fürchte, wir nehmen ihn da nicht ganz ernst.

  2. Es gibt nur einen Jesus und der ist immer derselbe. Aber es gibt, nicht nur, aber auch konfessionell bedingt, unterschiedliche Verständnisse, was Glaubensfragen angeht. Diese gibt es auch innerhalb den Konfessionen selber. Menschen, die wohlgemerkt im Rahmen ihrer Konfession geistlich gesehen sehr fortgeschritten sind, haben auch vertieftere Erkenntnisse als weniger fortgeschrittene. Grundlegend Neues gibt es bei denen aber auch nicht, denn an den Grundlagen des Glaubens kann sich nichts ändern. Wenn man z.B. mit protestantischen Christen über das Thema Sühne spricht, wird man meist wenig Verständnis finden, wiewohl die Schrift auch das erwähnt. Das gleiche ist bei sehr vielen Katholiken auch der Fall. Hierbei verstehe ich unter Sühne nicht den Sühnetod und das Sühneleiden des Herrn, sondern den Anteil, den auch Gläubige in Maßen mit übernehmen können, gemäß 1 Kol. 24, wo Paulus folgendes schreibt: „Nun freue ich mich in den Leiden, die ich für euch leide, und erfülle durch mein Fleisch, was an den Leiden Christi noch fehlt, für seinen Leib, das ist die Gemeinde“. An die Auslegung dieser Stelle wagen sich nur wenige heran. Wenn dann liest man eher bei Katholiken etwas darüber, zumal eine wortwörtliche Auslegung hier zu einem fragwürdigen Ergebnis kommen würde, die die Gefahr mit sich brächte, das vollkommene Opfer Jesu zu bestreiten, was ja gar nicht geht.
    Was das Thema Anbetung angeht, gibt es da auch verschiedene Formen und Weisen. Bei den einen geht das inniger, bei den anderen nicht. Aber Anbetung ist in erster Linie für den Christen selber da. Sie soll uns in eine Verfassung bringen, die unseren Glauben stärkt und Gott verherrlicht. Über Anbetung könnte vieles gesagt werden und Anbetung gibt es ja auch im Himmel. Die Bibel kennt die Worte niederwerfen vor Gott. Neunundfünzig Mal soll das Wort im NT stehen, besonders auch in der Offenbarung.

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