Sherlock Holmes und der seltsame Fall mit der verschwindend kleinen Differenz

“Die Kälte kam diesen Herbst unerwartet früh und ungewöhnlich frisch über London. Tagsüber lichteten sich die Nebel nur selten und wenn, dann nur um Platz für Schauer zu schaffen. Eben solcher Trübsinn fiel auch auf meinen guten alten Freund Sherlock Holmes, der erst im August einen bekannten Adligen Genuas gewohnt effizient wie diskret vor einem wirren Komplott von Lügen und Verschwörungen erlöst hat. Der Fall hat sehr an seinen Kräften gezerrt; so konnte ich es nur schwer glauben, dass ihn ein Problem theologischer Art wirklich derart beschäftigen sollte. Man muss wissen, dass sich der berühmte Ermittler, seit er am 07.07.1891 die letzte Predigt von C.H. Spurgeon gehört hatte, sich mit der gleichen Hingabe an wendete, wie er es zuvor an seine detektivische Arbeit tat. Das ich in meinen Berichten diese ungewöhnliche Entwicklung seiner Persönlichkeit bisher verschwiegen habe, muss meiner übertriebenen Furcht davor zugeschrieben werden, dass sich die Leser nur wenig für das geistliche Leben von Holmes’ interessieren könnten.

“Aber Holmes, es geht doch nur um 0,1%. Wie kann Sie das bloß derart beschäftigen? ” – unterbrach ich sein trübes stundenlanges Schweigen.

“Watson, verstehen Sie denn nicht, dass diese 0,1% elementar sind. Elementar! Verlieren wir diese, verlieren wir das ganze Evangelium.”

“Das Sie selbst in ihrem Glauben ein Perfektionist bleiben wollen, konnte ich noch nie verstehen” – gab ich lauthals meinem Ärger preis!

“Ja haben Sie denn am Sonntag überhaupt zugehört? Sie waren doch genauso wie ich in der Andacht in der Harlesdon Church in Brent. War es nicht sogar Ihre Idee hinzugehen?”

“Eben weil ich zugehört habe, kann ich Ihren Ärger nicht nachvollziehen! Der Predigte sprach feurig über seine  Überzeugung, dass Gott 99,9% für unser Heil tut und es nun auf unsere 0,1% ankommt, ob wir gerettet werden. Klingt für mich genau nach dem, was Ihnen so wichtig ist, dass die Rettung allein vom Herrn kommt (Jona 2,9), dass das Lamm ausrief, es ist vollbracht (Joh. 19,20) und dass man das Heil nur beim Gott Israels finden kann.”

“Watson! Wann lernen Sie endlich auf die Details zu achten, auf die es ankommt. So wird aus Ihnen nie ein guter Detektiv! Haben Sie wirklich nicht bemerkt, mit welcher geschickten Illustration der Prediger die Heilslehre auf den Kopf gestellt hat?” – Die scharfen Augen des Detektivs hellten sich aus und er erwachte zunehmend aus seiner Lethargie.

“Ihre Urteile sind unerträglich, mein Freund!  Es war nicht zu übersehen, dass die Illustration des Predigers zentral für seine Botschaft war. Und es war auch kaum zu übersehen, dass Sie sich kaum auf Ihrem Platz halten konnten”, fügte ich etwas lustlos hinzu. Das Holmes seinen Glauben ernster nahm, als seinen Job, wurde vor allem in solchen Momenten anstrengend für mich. “Der Prediger führte unter Anwendung aller rhetorischen Mittel aus, dass man sich das Heil wie eine wundervolle Maschine vorstellen kann. Mächtiger und prachtvoller als alles was man auf der Weltausstellung 1889 in Paris sehen konnte. Eine ewige Maschine nämlich, vergoldet, fest, unerschütterlich. Fest wie ein Felsen, wie eine mächtige Rechenmaschine, dabei schnell und präzise, immer zutreffend. Diese Maschine liefert die feinsten Schätze und Reichtümer, die weder Rost noch Motten fressen können. Doch auf eine Sache komme es nun an. Auf das Drücken des Knopfes, um die mächtige Maschinerie des Segens in Lauf zu bringen. Der Hebel oder Knauf dafür liegt in unserer Hand. Der Prediger sagte noch, dass das die biblische Darstellung des Heils ist. Gott liefert die prächtige Maschine, stellt also alles bereit und nun kommt es darauf an, ob wir den Startknopf betätigen. Gott hat alles für Ihn mögliche getan und nun kommt Alles auf unser entscheidendes Quantum an.”

“Und es gibt an diesem Beispiel nichts, was Ihnen dabei verdächtig kommt?”

“Nein, denn eine Woche zuvor haben wir in Kensington doch eine ähnliche Botschaft gehört. Der Prediger dort sprach über Gottes großen Beitrag zu unserem Heil. Gott geht alle Schritte bis auf einen. Im Grunde geht Gott 99,9% auf uns zu und auf unsere 0,1% kommt es jetzt an (ob die Maschine läuft)”

“Und ich sage, dass, wenn das Heil nicht völlig von Gott kommt, das ganze christliche Evangelium in Gefahr ist.”

“Oh Holmes, Sie hören sich wieder an wie ein Calvinist! Spielen denn 0,1% denn überhaupt eine solch wichtige Rolle. Selbst wenn Sie recht haben, hätten Sie doch noch 99,9% der Gemeinsamkeit, oder? Wäre das nicht eine gute Grundlage, auf die Gemeinsamkeiten zu blicken?”

“Wohl mag ich wie ein Calvinist klingen, aber nur, weil ich die 100%-ige Verantwortung des Menschen verteidigen möchte. Die sentimentalen Reden des Probstes in Kensington und des Predigers in Kent waren nichts anderes als oberflächliches Gewäsch und es sollte mir leicht fallen, es Ihnen zu beweisen!”

“Lassen Sie uns dieses Experiment durchführen. Auch wenn es mir schwer fällt zu  glauben, dass Deduktion in theologischen Fragen so erfolgreich sein sollte, wie sie  es in ihrer Arbeit als Detective-Consultant ist.”

“Top! Die Wette gilt!” erwiderte Holmes. Es fiel ihm immer noch schwer, eine angemessene Demut in Glaubensfragen zu behalten. Aber nun war nichts mehr von seiner ursprünglichen Lethargie anzumerken. Das Gesicht war scharf gezeichnet. Rasch erhob er sich aus seinem breiten Lodge-Sessel, in dem er aufgrund seiner dürren Gestalt immer ein bizarres Bild abgab. Er zündete sich seine Pfeife an und ging zum tiefen und breiten Fenster, aus dem man erkennen konnte, dass die dicken Nebel sich langsam verzogen. Da der Abend bereits fortgeschritten war, entzündete ich den Kamin. Wohliger Geruch von verbranntem Buchenholz breitete sich aus. Holmes begann seine Deduktion: “Überlegen Sie doch einmal selbst, mein lieber Freund: Wie lief ihr Glaubensleben denn  wirklich ab, seit sie das erste mal in der Metropolitan Church das Evangelium hörten.”

Ich nahm mir etwas Zeit, um wahrheitsgemäß zu antworten. Seit diesem Moment 1891 waren bereits zehn Jahre vergangen und bei aller Freude und Freiheit, die ich seitdem erlebt habe, musste ich doch zugeben: “Holmes, es ist ein Weg gewesen, denn ich nie bereut habe. Wenn ich etwas bereut habe, dann dass ich so lange blind und taub für das Evangelium geblieben bin. Ich bereue, dass ich die Einladungen zu den Gottesdiensten als pietistischen Quatsch abschlug und wenn ich mal sonntags in der Kathedrale war, um einem berühmten Bischof zu lauschen, ergötzte ich mich lieber an den  liebreizenden Damen in ihren prächtigen Gewändern, als an der Botschaft, die oft so langweilig war.Aber seit die Botschaft von Jesus Christus mein Herz erwärmt hat, ist alles anders. Es ist ein Weg der Freude und Erfüllung, aber er ist auch ein furchtbar schwerer Weg. Ehrlich, so oft ist ein hartes Pilgerleben. Wie viele Freunde haben sich von uns abgewendet, seit wir Christen sind. Nicht zu sprechen, von den Anfechtungen, ob nun Zweifel, Entmutigungen, Ängste, die einem kaum mal einen Tag Ruhe gewähren. Der Satan geht umher wie ein brüllender Löwe. Täglich sehe ich zudem mein hartnäckig ungläubiges Herz; die permanente Gefahr des Abfalls, vor dem ich bisher gnädiglich bewahrt wurde. Es ist ein permanenten Kampf, der meinen ganzen Einsatz erfordert. ”

“Natürlich nur die besagten 0,1% von Ihnen?” – unterbrach mich Holmes schnell.

“Nein, natürlich 100%!”  – erwiderte ich kurz angebunden: “Ok, zugegeben, Trägheit und Faulheit und alter Trott überfallen mich regelmäßig. Zeiten, in denen ich mich frage, ob ich überhaupt 10% investiere, aber ich erlebe es immer wieder, dass Gott in seiner Vorsehung die Geschicke so führt, dass ich “aufgerüttelt” oder aufs Neue angespornt werde. Sei es durch Anfechtungen oder durch Nöte, ob nun meine oder die meiner Mitmenschen.”

“Also auf jeden Fall sind es mehr als 0,1%, zu denen Sie der Heilige Geist antreibt, oder?”

“Wenn Sie es so sagen, klingt es überzeugend. Aber auch verwirrend. Wenn ich immer 100% investiere, rette ich mich dann selbst? Wo bleibt dann “Sola Gratia”? Was ist dann damit, dass das Heil nur von Christus kommt? Das kann so auch nicht stimmen. Vielleicht sind meine 100% im Vergleich zu Gottes Beitrag wie 0,1% zu 99,9%???” – wagte ich eine mutige Spekulation. Langsam merkte ich die Falle, die mir gestellt wurde.

“Hm, bevor wir versuchen die Rechnung durch Zahlentransformationen zu erschweren, würde ich Sie bitten, mit mir noch eine andere Überlegung anzustellen. Wenn es stimmt, dass Sie ihre Errettung mit Furcht und Zittern bewirken, wenn Sie den Lauf zum himmlischen Jerusalem nur unter Anfechtungen, Ängsten und Furcht begehen, wenn nach zwei Schritten vorwärts so oft einer zurück folgt, wenn Niederlagen und Ablehnung die Sicht vernebeln, dass Sie kaum vorwärts kommen, sie aber gleichzeitig auch zugegeben haben, dass allein die Gnade Gottes Sie bewahrt hat. Wäre es dann nicht besser davon zu sprechen, dass die Rechnung in Kensington und Kent falsch aufgestellt wurde und in Wirklichkeit wir 99,9% zu unserem Heil beitragen und weil diese immer noch nicht reichen würden, Gott sein letztes Promillchen dazu beiträgt? Sie haben doch mir schon häufig erzählt, dass es Ihnen in Ihren Anfechtungen oft so vorkommt, als kommt Gott erst im allerletzten Moment?”

“Halt Holmes! Da ist doch etwas faul. Der Prediger von Sonntag würde Ihnen in dieser Rechnung niemals recht geben!”

“Und warum nicht?” – Holmes legte seine Pfeife zur Seite und blickte mir scharf und erwartungsvoll in die Augen!

Etwas verunsichert erwiderte ich: “Nun, ich glaube, der Prediger hätte ein deutliches Problem mit Ihrer Rechnung: Selbst wenn (fast) alles auf uns ankommen würde, bedeutet ihre Rechnung, dass der entscheidende Teil von Gott verursacht wird. Das würde der Rechnung am Sonntag exakt widersprechen.”

“Elementar, Watson, elementar!” rief Holmes aus, und seine Augen leuchteten so sehr, dass selbst sein blasses Gesicht etwas Farbe abbekam. “Sie müssen also zugeben, dass unserem Verkündiger meine Rechnung auch dann zu sehr nach zu viel Gnade riechen würde, wenn ich bereit wäre, dem Beitrag des Willens eine 999-fach größere Bedeutung zuzusprechen, als er selbst. Es wäre für Ihn immer noch zu viel Gnade! Mit recht so, versichere ich Ihnen, mein lieber Freund! Ich hoffe Sie merken gerade, dass das eigentliche Problem nicht die Frage nach den “prozentuellen Anteilen” von Gnade und Verantwortung am Heil ist, sondern die Frage nach der Präferenz, nach dem Vorzug, bzw. nach dem entscheidenden auslösenden Anteil. What matters first, is the question, Watson!”

“Aber das würde ja bedeuten, dass die meisten Erklärungen der zahlreichen Kirchen Londons gravierende Rechenfehler beinhalten”- stammelte ich und versuchte die Argumentationsführung zurückzubekommen.

“Ich fürchte ja. Und nicht nur Londons, ich fürchte dieser Fehler hat sich bereits in der ganzen Welt eingeschlichen. Ein Rechenfehler mit gravierenden Folgen. Wie ich schon ausgeführt habe, steht unsere Verantwortung auf dem Spiel, doch auch noch viel mehr, wie ich beweisen will.  Lassen Sie uns dafür noch einmal die Ausgangsthese betrachten: Meine 0,1% “aktivieren” das Heil, das Gott zur Verfügung stellt. Es gibt nun aber zwei Möglichkeiten, wie man sich die besagten “0,1%” vorstellen kann. Ein selbstbewusster Mensch bleibt dabei immer auf  der Suche nach dem “gerade noch heilsnotwendigen Minimum”, dass zu liefern ist und hält ernste Nachfolge für überflüssig.  Der sensible Hörer aber verzweifelt, “dass er eh nie genug liefern kann”, und dass selbst seine 100% nichts bewirken. Beides ist nicht mehr die Reaktion der Liebe zu Christus, sondern eine gesetzliche Haltung, die  zudem oftmals von einem heimlichen Groll gegen Gott begleitet ist.”

“Müssen Sie immer so scharf urteilen!” – erwiderte ich, durchaus schockiert. Es gab gerade so vieles, was ich neu überdenken musste. Holmes schien auch in theologischen Fragen so zu handeln, wie in vielen unseren Abenteuern. Er gab der Mehrheit einfach nicht recht! Aber sollte er auch in theologischen Fragen trotz Minorität recht haben? Ich suchte nach einem Ausweg für meine Verunsicherung…

“Ja, ich bin überzeugt davon”, setzte Holmes weiter fort, ” dass der Unterschied eben nicht in 0,1% liegt,nicht im letzten Quantum, sondern wesentlicher und entscheidender Art ist. Verfolgen Sie die logische Spur weiter. Ist unsere Verantwortung verdorben, weil Sie nicht mehr ganz auf der Gnade hängt, dann sind wir letztlich die ganze Zeit damit beschäftigt unsere Selbstrechtfertigung zu verteidigen. Ich würde es so sagen: Wir lieben unser Heil mehr als Gott! Wir fragen uns ständig: “Ist es genug?”, was eine Frage des Zweifels und nicht des Glaubens ist. Obwohl ich nie Interesse hatte, eine Ehe zu gründen, so werden Sie mir, der Sie mit Mary glücklich verheiratet waren, sicher recht geben bei dieser Illustration: Sie sollen Ihre Frau von ganzem Herzen lieben! Doch selbst ich gefühlsloser Mensch sage Ihnen: Sie haben die Liebe längst verloren, wenn Ihr Abschiedskuss am Morgen und ihr Begrüßungskuss am Abend zu einem Zwang verkommen. Zu einer Pflicht und Gesetzesübung, die vor allem fürchtet, dass Ihre Frau sie ansonsten verlässt. Das kann ein furchtbarer Teufelskreis werden.  Betrete ich erst einmal die Spur der Selbstgerechtigkeit, kann ich einfach kein Ende der Katastrophe erkennen. Man ist ständig dabei, diese rein und unbefleckt zu erhalten. Die “berüchtigten 0,1% müssen mit allem Einsatz und unter allen Umständen beschützt werden. Da man aber in der Bibel permanent mit dem 100%-igen Anspruch Gottes konfrontiert wird, steht man in einer gewaltigen Sackgasse. Wie löst man diese? Ich fürchte nur, indem man die Ansprüche Gottes in seinem Gesetz herunterschraubt. Sinkt aber die Schranke des Gesetzes, reduziert sich auch die Mächtigkeit und Brutalität der Sünde. Sie verliert zunehmend Ihre Fratze. Übrig bleiben Puppensünden, wie Luther zu sagen pflegte. Und Puppensünden, kleine Sünden, nahezu vernachlässigbare Vergehen brauchen auch keine besondere teure Gnade. Gnade verkommt zur Schleuderware….”

“Aber das ist fatal. Die vollständige Heilslehre will auf diese Weise aus den Fugen geraten.” rief ich bestürzt aus, und unterbrach Holmes. Langsam dämmerte mir die Reichweite seiner Überlegungen.

“Bisher haben wir nur die Seite unserer Erfahrungen betrachtet, die in göttlichen Dingen kaum als verbindlich gelten dürfte. Doch die andere Seite ist nicht weniger erschütternd.  Die populären Rechenspiele, denen auch unser Prediger verfallen ist, werden schließlich dazu führen, dass wir das Erbe der Reformation verlieren, dass doch mit so viel Blut erkauft wurde. Die Rechnung für “Sola Gratia” funktioniert nur bei 100% Gnade und 100% Verantwortung, wenn die Gnade den Anfang macht, wenn sie den Vorzug besitzt.  Die Rechnung, dass wir Gnade auslösen, nihiliert die Definition der Gnade per se. Gnade,  ist eine Gunst die jemand empfängt, der sie nicht verdient und die jemand gewährt, der sie nicht zu gewähren braucht. Eine Parallele  dafür sehe ich in den regelmäßigen Begnadigungen, die unsere Queen den Todeskandidaten gewährt. Sie muss die Verbrecher nicht begnadigen, die Verbrecher haben es nicht verdient und wenn Sie einige von Ihnen begnadigt, können sich die anderen Verurteilten keinerlei Rechte daraus ableiten. – Erklären wir aber unser Handeln am Heil für entscheidend, wird dieses meritorious, verdienstwürdig. Plötzlich wird Gott so zu einem Schuldner der Gnade. Merken Sie was passiert? Ich frage mich, warum wir im Himmel überhaupt noch “Worthy, Worthy Worthy is the Lamb!” singen sollen, wenn die besagte “Heilsmaschinerie” eigentlich durch unseren Willen ausgelöst wurde. Das Ergebnis ist fataler, als man es sich vorzustellen mag: Wir beflecken die Ehre Gottes, dem es wohlgefiel, uns allein durch das Werk seine Sohnes gerecht zu machen.”

“So wie Sie es ausdrücken, klingt es überzeugend”, musste ich zugeben, wagte aber noch nicht, mich eindeutig auf seine Seite zu stellen. Ich musste eingestehen, dass Holmes hier vor einem Problem stand, dass herausfordernder war, als alle heimtückischen Fallen seines Erzfeindes Moriarty, denn er erst vor wenigen Jahren endgültig besiegen konnte. “Wir stehen vor einer beeindruckenden Herausforderung. Dieser Trick, der die Gnade aushebelt, ist derart geschickt, dass er kaum jemandem auffällt. Doch warum wird er so häufig eingesetzt?”

“Das ist der Teil des Rätsels, vor dem ich stehe. Ich frage mich, was man gewinnt, weil man doch so viel verliert. Nichts geringeres als die Heilsgewissheit, dieser große Trost des Gläubigen steht auf dem Spiel. Sollte ich meinem 0,1%-Beitrag wirklich trauen können? Was ist, wenn ich die wunderbare Maschinerie doch nicht ausgelöst bekomme? Ich verstehe nicht, wie man die Glaubensgewissheit eines Christen so leichtfertig aufs Spiel setzen konnte.  Ich fürchte wir tauschen die Heilsgewissheit gegen ein letztes “Quantum Stolzes” ein. Warum sonst hält man es für derart unerträglich, dass “der Wille des Menschen nichts zum Heil vermöge”, ist aber gleichzeitig so schnell bereit, den Willen Gottes einzuschränken?  Die “Völlige Verderbtheit des Menschen” ist eine schwer zu verdauende Lehre, dass sei eingestanden. Doch das man, um das Vermögen des Menschen wiederherzustellen, bereit ist, den souveränen Willen Gottes einzuschränken, grenzt für mich an ein Verbrechen, das sich nicht einmal mein Erzfeind Moriarty ausdenken konnte. Wie soll ich in einem Universum leben wollen, in dem Gott nicht souverän ist? So vieles steht auf dem Spiel:  Die Kirche wird, wenn Sie ihren Schatz der Gnade verliert, nicht mehr das Evangelium verkündigen, sondern ein “Lebensverbesserungsprogamm”. Etwas, das ich bereits an zahlreichen Evangelisationen, alleine in unserer Stadt wahrzunehmen glaube. Für mich jedoch, ist die Gnade Gottes elementar.”

Ich schwieg; es gab so Vieles, worüber ich nachdenken musste. Holmes kehrte nachdem er tief ausgeatmet hatte mit breiten Schritten zu seinem Sofa zurück und versenkte sich in seinen mächtigen Polstern. Das Feuer im Kamin ihm gegenüber knisterte bereits kräftig und leuchtete bläulich-rot. Ich blickte derweil lange zum Fenster hinaus, gegen das nun wieder der Regen Londons trommelte. Meine Augen schweiften nach rechts, wo sich am sandigen Grauen des Himmels der Sonnenuntergang erahnen ließ. Gedankenverloren starrte ich vor mich hin. Die These meines Freundes war fundamentaler Art. Wenn ich ihm recht gab, bedeutete das eine völlige Umkehr meiner Lebensgrundlage. Gleichzeitig gab es aber auch vieles, was ich nicht verstehen konnte. Als ich mich nach langer Zeit umdrehte, war Holmes bereits im Lesen des Galaterbriefes versunken. Eine Lektüre, der er sich nun akribisch, wie allem was er anpackte, widmete. Um Ihn in seinem Studium nicht zu stören, verließ ich leise das Zimmer und hörte noch wie er murmelte: “Wollt ihr im Fleisch vollenden, was ihr im Geist angefangen habt…””

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Über Sergej Pauli

Hallo, ich bin Sergej Pauli, Jahrgang 1989 und wohne in Königsfeld im Schwarzwald. Ich bin Ingenieur, verheiratet, habe vier Kinder. Diesen Blog möchte ich nutzen, um über das Wort Gottes und seine durchdringende Wirkung bis in unsere Zeit zu schreiben. Hast du bestimmte Fragen oder Anliegen, dann scheue dich nicht, mich zu kontaktieren. Hast du bestimmte Fragen oder Anliegen, dann scheue dich nicht, mich zu kontaktieren.

17 thoughts on “Sherlock Holmes und der seltsame Fall mit der verschwindend kleinen Differenz

    1. hmm…nach deinem Kommentar habe ich mich gefragt, ob ich nicht wie Don Quijote gegen Windmühlen kämpfe. ZU meiner Verteidigung kann ich sagen, dass ich die erwähnte und ähnliche Illustrationen nicht nur mehrfach gehört habe, sondern mich auch lange damit beschäftigt habe, wie viel ich den nun zu meinem Heil beitrage. Ich parodiere also vor allem meine eigenen Rechenspiele!

      1. 😉 Nene da kämpfst du nicht gegen Windmühlen. Ich wundere mich nur. Du hast aber sehr wahrscheinlich mit mehr Meinungen und Menschen Kontakt von daher hat alles sicherlich seine Berechtigung.
        Wenn mein Junior mal zu mir kommen würde und sagen würde: „zu meiner Geburt habe ich 0,1% selbst beigetragen“ dann würde ich ihm was erzählen. Bei Gott kann man das, so lese ich es aus deinem Text, irgendwie machen.

        Also dann weitermachen, danke dir!!

        1. Zur eigenen Geburt samt der Entstehung und Zeugung eines Menschen hat freilich keiner beigetragen.
          Warum aber fordern manche Christen die Menschen auf, auf Gott zu vertrauen, zu Ihm zu beten und anderes mehr? Hier ein Beispiel: https://www.kreuzgang.org/viewtopic.php?f=34&t=19607&start=1856

          Ohne eigenes Interesse an Gott wird im Normalfall keine Umkehr geschehen und wenn, dann wird wohl ein Mensch ohne, dass er das nach aussen kundtut, doch irgendwie nach Gott fragen. Von einem Paulus kann man das z.B. annehmen.

          1. Die Frage würde im Kontext lauten, ob die Präferenz der Gnade einen Appel an den Glauben unterbindet. Macht für mich aus dem Grunde keinen Sinn, da die Verkündigung des Evangeliums ein „Gnadenmittel“ ist.
            „So kommt der Glaube aus der Predigt“
            Der zweite Teil Ihrer Frage läuft darauf hinaus, was zuerst kommt, unsere Erkenntnis von uns oder unsere Erkenntnis von Gott, da meine ich mich daran erinnern zu können, das Calvin das in den ersten Kapiteln seiner Institutio betrachtet. Er gesteht ein, dass es eine schwere Frage ist, und dass beide „Erkenntnisse“ zusammenhängen. Wir müssen „generell erkenenn“ können, bevor wir Gott erkennen können…Ich gestehe ein, dass man hier so sehr von Gnade sprechen kann, dass sie zur Trivialität verkommt…Nicht die Absicht von meinem obigen Artikel

  1. Solche Diskussionen sind doch in ihrer Spitzfindigkeit für die Katz, zumal sie in der Kirche schon vpr langer, langer Zeit mal geführt wurden. Die einen sagten, die Gnade Gottes sei entscheidend und andere wiederum sagten, die Gnade allein reiche nicht, der Mensch müsse seinen Anteil auch hinzu tun, damit Gott ihm die Gnade schenken könne.
    Klar ist doch ohne den Tod Jesu am Kreuz, ohne sein für uns vergossenes Blut gibt es keine Vergebung http://www.kath.net/news/72813 . Klar ist aber auch, dass Gott einem Menschen nur vergibt, wenn er diese Sühnetat auch für sich persönlich in Anspruch nimmt. Dieser Eigenbeitrag muss sein, denn Gott drängt den Menscnen die Gnade nicht mit Gewalt auf.

    Jetzt kann man freilich der Meinung sein., dass der Vorgang, dass sich ein Mensch für Gottes Gnade öffnet, auch schon Gnade ist. Dann wäre also alles Gnade. Menschen brauchen aber oft Schicksalsschläge, damit sie nach Gott fragen und schliesslich seine Gnade suchen und auch annehmen, sozusagen einen Türöffner. Ein Bischof hat mal gesagt, wenn jemand sehr krank ist, ist er oftmals auch öffener für die Frage nach Gott und danach ob Gott und Gebet ihm helfen könne.
    Anfangen zu rechnen, wieviel Prozent Eigenanteil und wieviel Gnade ist, das ist ein Unding und bringt keine neue Erkenntnis.

    1. Hmm…da wäre jetzt meine Frage, wer den diese Schicksalsschläge schickt, oder, wie man sich auch ausdrückt „zulässt“ und mit welcher Absicht, oder? Man ersetzte Schicksal mit Vorsehung und schon ist man auf dem Boden der Katholizität…

  2. Früher haben die Menschen Schicksalsschläge aus der Hand Gottes genommen wie es auch in einem Lied heisst. Gott war ihr Bezugspunkt wie man es auch bei Hiob finden kann.
    Die Frage, warum sich manche Menschen schon in den frühesten Kinderjahren Gott zuwenden und andere zeitlebens nicht, kann niemand beantworten.
    Wenn irgendwo etwas sehr Schlimmes passiert, dann sagen manche oft: warum lässt Gott das zu? Oftmals aber haben die Menschen das Übel selber hervorgerufen. Es gibt eben viele Fragen, die man nicht beantworten kann. Warum das viele Leid, warum auch bei Christen das Leiden? Allgemeine Antworten kann man evtl. finden, aber Antworten für jeden Einzelfall nicht. Da müsste man schon etwas von der Weisheit Gottes anzapfen können und das ist nur wenigen gegeben. Vor kurzem ist ein etwa 40-jähriger Mann gestorben durch einen Unfall, er hinterlässt eine grosse Familie, was missionarisch tätig, also Christ. Warum er gestorben ist, also wie der Unfall passiert ist, wurde nicht berichtet, aber das Warum in einem geistlichen Sinne, keiner kann diese Frage beantworten. Das geht auch mit anderen Fragen so.

    1. Ich weiß nicht, ob hier nicht unterschiedliche Dinge vermischt werden. Das Vorsehung für den Menschen ein Mysterium bleibt, wer will das bestreiten. Im Artikel ging es darum, der Gnade die Präferenz zu gewähren…“Schaffet dass ihr Selig werdet mit Furcht und Zittern, denn Gott ist es, der in euch Beides bewirkt: Wollen und Vollbringen“….das denn klingt für mich eindeutig nach dem, was zuerst kommt.

      1. Natürlich kann man nichts schaffen wenn die Voraussetzungen dazu nicht gegeben sind. Wenn jemand keine Arme und Beine hat, dann kann derjenige nichts tun, wozu Arme und Beine befähigen.
        Durch die Erlösungstat wurden für ALLE Menschen die Voraussetzungen geschaffen, dass aus der Erfahrung des Leids und des Bedenkens von dessen Ursachen der Wille entstehen kann nun die Ursachen des Leides zu überwinden, also im täglichen Vollzug nach der eigenen Seligkeit zu streben und sie so zu verwirklichen. Dazu bedarf es natürlich immer wieder neuer Motivation und Disziplin (wie überall im Leben, wenn man etwas erreichen will. Aber das ist das wirklich EINZIG LOHNENDE und deshalb alles Einsatzes wert). Wer allerdings die Hände in den Schoss legt; also nichts vollbringt, wie Paulus schreibt, wird auch keine Seligkeit erlangen sondern die stets Leid verursachenden Sünden sind in dem betreffenden Menschen, trotz „Glaubens“ weiter wirksam.
        Natürlich gibt es ein „heiliges Nichtstun“, aber das ist etwas gänzlich anderes: https://manfredreichelt.wordpress.com/2020/08/12/aktives-nichtstun/

  3. Nietzsche sagte“ Erlöster müssten mir die Christen aussahen, wenn ich an ihren Erlöser glauben sollte.“ Er hat also keine faktisch erlösten Christen kennengelernt, obwohl zu seiner Zeit noch mehr Menschen als heute behaupteten erlöst zu sein.

    Was wir antreffen ist lediglich eine Volksfrömmigkeit, die sich traditionell von bestimmten Vorstellungen speist, die meist auf die Gründerväter der jeweiligen Gruppierungen zurückgehen. Dies waren aber in der Regel keine geheiligten Menschen, sondern, wie schon in der vorchristlichen „Kirche“ Pharisäer und Schriftgelehrte. Diese sind in jeder religiösen Bewegung – z.B. auch im Hinduismus und Buddhismus – tonangebend (Im Gegensatz zum Guru, der allein lehrberechtigt ist, gibt es da die Pandits – die Schriftkenner; und Buddha wird vom Volk angebetet und vor seinen Statuen geopfert, obwohl er sich das verbat und sagte, dass nur seine Lehre wichtig sei). Und da sie die Wahrheit nicht kennen, wird seit Jahrhunderten, ja seit Jahrtausenden darüber gestritten, was die Bibel nun meine. Aber so kommt man zu keinem Ergebnis. Denn alles ist nur „Fleisch“ und nicht Geist.

    „Christl.“ Leben ist also für die meisten tatsächlich nur Opium, da es sie tröstet, und auf ein besseres Jenseits ver- tröstet. Es findet keine wirkliche Wiedergeburt und damit Erneuerung des ganzen Menschen im Laufe der Zeit statt. Wer begreift denn Nachfolge als WEG? Als Verwandlung? – Immer wieder versuche ich, auch hier, Menschen in die wirkliche Erlösung zu rufen und nicht in eine eingebildete.
    https://manfredreichelt.wordpress.com/2017/08/08/sind-der-schmale-weg-und-die-enge-pforte-noch-von-bedeutung/

    1. Du kannst nicht erwarten, dass jeder Christ ein Heiliger, ein voll geheiligter Mensch wird und vollkommen wie Jesus das gern hätte. So sind nur wenige im Laufe der ganzen Zeitspanne des Christentums geworden. Man muss damit zufrieden sein, wenn Menschen die Erlösungstat Christi annehmen. Voll erlöst sind sie damit noch lange nicht im Sinne eines Durchdrungenseins von Christi Leben. Sind sind bekehrt und das ist immerhin auch schon etwas, denn damit hat man den Anspruch auf den Himmel.
      Die Frage welchen Anteil ein Mensch an seiner Bekehrung hat, ist meines Erachtens unwichtig. Das sind theoreHingeben an Christus muss man sich jedenfalls. Viele machen das, wenige machen das aus ganzem Herzen und werden dadurch nach und nach voll in Jesu Bild verwandelt.

      1. Das erwarte ich natürlich auch nicht. Aber man muss wissen, dass die Nachfolge Christi ein WEG ist auf dem man nur durch ständiges Vorwärtsschreiten an das Ziel kommt. Der Volksglaube aber ist durch ein „Hindurchwursteln“, zu dem man auch noch durch viele falsche Lehren ermutigt wird. Das Leben nach dem Tod unterscheidet sich da nicht wesentlich von dem der Ungläubigen.
        Tersteegen (einer der wenigen evangelischen Lehrer in denen die apostolische Tradition fortlebte) schrieb: “ [ Sie] nennen das Glauben, daß sie nämlich zu einer Religion gehören und etwa in dieser oder jener vermeinten Religion geboren, getauft und unterwiesen worden, und daß sie nach derselben Lehre ihr Bekenntniß abgelegt haben; darum meinen sie, sie stehen im rechten Glauben, oder nennen das einen Glauben, daß sie steif und fest dafür halten, daß Christus für ihre Sünden sein Blut vergossen, und seinem himmlischen Vater für die Sünden aller und jeder Menschen genug gethan habe, und wenn man dieses dergestalt fest glaube, daß man ja davon nicht abgehe, man möge einem vorpredigen, was man wolle, so habe man Vergebung der Sünden, und man werde alsdann ganz sicher selig. Sehet, das ist mir ein purer Wahnglaube, eine pure Einbildung und nichts anderes, wobei der heilige Geist nichts zu thun hat. Soll eine Sache darum wahr seyn, weil ichs glaube?“
        Hansgünter Ludewig, : „Hier ist der Glaube zu einem Besitzanspruch auf ewiges Heil degradiert. Die Ausrichtung des Lebens auf die Ewigkeit ist als erledigt abgetan. Das Leben bewegt sich im Vorfindlichen. Das Herz und die Sinne schweifen frei herum. „Im Essen und Trinken, im Sehen und Hören“, in allen Begierden folgt man unverändert „dem Trieb seiner ungestorbenen Natur, so wie es einem nur in den Sinn kommt. . .“ Das Leben vollzieht sich am Glauben vorbei. Der Glaube ist zwar noch als tröstlicher Hintergrund für eventuelle Notfälle aufbewahrt, aber die Mitte des Lebens bleibt davon unberührt.“ (GEBET UND GOTTESERFAHRUNG
        BEI GERHARD TERSTEEGEN VON HANSGÜNTER LUDEWIG)

        1. Tersteegen hat aber in dem Buch von Jean de Bernières-Louvigny im Vorwort geschrieben, dass er sich jedenfalls bei dieser Angelegenheit nicht mit den zitierten Taufscheinchristen (würde man heute sagen) befasse, sondern mit denen, die er als Christgläubige im Anfangsstadium sieht, wo sie auch eine rechtschaffene Umkehr (er beschreibt die mit seinen eigenen Worten) erfahren haben. Denen aber gibt er Hinweise wie sie näher zu Christus kommen können und bedauert gleichzeitig, dass nur wenige weiter kämen. Über christliche Mystik, das ist intensivste Gottesliebe, schreibt er an anderer Stelle, man könne nicht darüber reden, wenn man die nicht selber erfahren habe.
          Bei Tersteegen findet man weit mehr als man selbst bei heutigen guten Christen finden kann, aber das interessiert kaum jemand und wenn es einen interessiert, dann hat man es noch lange nicht in sich, sondern vielleicht nur eine leise Vorahnung davon wie es sein könnte und sollte im Idealfall.
          Der Christ auch der, den wir als gut erachten, lebt schon noch sehr im Fleische, da hast du recht. Und da muss sich jeder selber betrachten und sehen, was ihm selber alles noch mangelt.

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