Warum Martin Luther sich mehr „Pfingstprediger“ wünschte

Martin Luther wollte nicht nur die Missstände in der Kirche, sondern vor allem die im Leben ihrer Glieder erneuert wissen. Darum drang er in Wort und Schrift auf die geistliche Erneuerung unter den Christen. Das begriffen bei weitem nicht alle. Sogar unter Luthers Predigthelfern begannen sich die Geister zu scheiden. Nicht wenige machten zwar bei der Kirchenreformation eifrig mit, waren aber mit Luthers Weckruf zur Lebens-Reformation nicht einverstanden. Mit ihrem Protest bekam es der Reformator bald spürbar zu tun.

Unter den ersten protestantischen Pfarrern entstand eine opponierende Richtung. Ihre Anhänger wollten zwar Vergebungsgnade, nicht aber eine Änderung des Lebensstils predigen. Luther nannte sie gelegentlich „meine Antinomer“, d.h. Gegner der Gebote Gottes. Er hatte es schwer, sich gegen diese Art Protestanten durchzusetzen und den Trend zur billigen Gnadenpredigt in der Kirche zu stoppen. Das folgende Zitat zeigt, dass der Kampf um die Lebens-Reformation schon zu Luthers Zeit entbrannte:

„Meine Antinomer predigen sehr fein und mit rechtem Ernst von der Gnade Christi, von der Vergebung der Sünden. Aber dies consequens (= das, was daraus folgt) fliehen sie wie der Teufel, dass sie nämlich den Leuten sagen sollten vom dritten Artikel der Heiligung, das ist vom neuen Leben in Christo. Denn sie meinen, man solle die Leute nicht erschrecken noch betrüben, sondern immer tröstlich predigen von der Gnade und Vergebung der Sünden…

Sie weigern sich, ermahnend zu predigen. Sondern so sagen sie: ‚Hörest du, bist du ein Ehebrecher, ein Hurer, ein Geizhals oder sonst ein Sünder, glaubest du nur, so bist du selig, darfst dich vor dem Gesetz nicht fürchten, Christus hat alles erfüllet‘…

Sie sind wohl feine Osterprediger, aber schändliche Pfingstprediger, denn sie predigen nichts… von der Heiligung des Heiligen Geistes, sondern allein von Christi Erlösung aus der Schuld unserer Sünden. Dabei hat Christus [uns] Erlösung von Sünden und Tod erworben, damit uns der Heilige Geist soll zu neuen Menschen machen aus dem alten Adam. Denn Christus hat uns nicht allein gratiam, die Gnade, sondern auch donum, die Gabe des Heiligen Geistes, verdienet, dass wir nicht allein Vergebung der Sünden, sondern auch Aufhören von den Sünden hätten…

Aber unsere Antinomer sehen nicht, dass sie Christum predigen ohn‘ und wider den Heiligen Geist, weil sie die Leute wollen lassen in ihrem alten Wesen bleiben und gleichwohl selig sprechen. Doch die Konsequenz des Evangeliums will, dass ein Christ soll den Heiligen Geist haben und ein neu Leben führen oder wissen, dass er keinen Christum habe“.

Soweit Martin Luther.  (Ausführlich im Buch-Verzeichnis des Originals, Seite 26)
Leider hat sich die Einstellung der „Antinomer“ schon in der jungen protestantischen Kirche weitgehend durchgesetzt. Die „Pfingstprediger“ wurden häufig verkannt und unterdrückt. Die „Gnadenprediger“ dagegen erstarkten im sakramentalen Konsens.
Aber Gott ließ die erweckten Lutheraner nicht in der Wüste. Zunehmend haben evangelische Laien und Pfarrer auch die Botschaft der Lebens-Reformation erkannt, gelebt und oft sogar als Verfolgte bezeugt. Als dann die interkontinentale Auswanderung einsetzte, begannen sie im Ausland Gemeinden zu gründen. Erweckungen haben die Lebens-Erneuerung, welche ganze Landstriche erfasste, weltweit multipliziert. Wie ein Flächenbrand hat Christi Siegesbotschaft viele Menschen aus quälenden Bindungen in ein befreites, frohes Christsein geführt.
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Diesen Luther-Exkurs habe ich meinem unveröffentlichten Buchmanuskript, Lebens-Reformation – Dynamik im weltweiten Protestantismus, entnommen. Geplant ist nun angesichts der aktuellen Bedarfslage eine themenweise Veröffentlichung in unserem bereits aktiven Christus-Central-Blog .  Und zwar in gedruckter Form und zugleich von meiner Frau Gretel gelesen.

Dankbar sind wir, wenn Leser dieses Artikels mit dafür beten und/oder uns durch einen Zustimmungs-Gruß ermutigen würden. Shalom

Dieser Blog-Beitrag von Herbert Masuch erschien zuerst auf Christus-Portal-Blog . Lies hier den Original-Artikel "Warum Martin Luther sich mehr „Pfingstprediger“ wünschte".

Über Herbert Masuch

HERBERT MASUCH wurde 1929 in Ostpreußen geboren. Nach den Zusammenbruch des Dritten Reich erlebte er eine bewusste Umkehr zu Jesus Christus. Von 1954 bis 1958 studierte er am Theologischen Seminar St. Chrischona in der Schweiz. Es folgte ein mehrjähriger Dienst in der Essener Stadtmission. 1963 wechselte er als Evangelist in die Deutsche Zeltmission. Etwa dreißig Jahre lang war Masuch im In- und Ausland als Rufer zu Gott unterwegs. Auch durch die Mitarbeit beim Evangeliums-Rundfunk, die Veröffentlichung mehrerer Bücher und als Liedautor war er bemüht, die Frohe Nachricht von Jesus, dem Retter der Welt, zu bezeugen. Seit 1964 sind Masuch’s glücklich verheiratet und haben drei Kinder. Ehefrau Gretel war mit ihrem Mann viele Jahre missionarisch unterwegs. Heute wendet sich der ehemalige Evangelist überwiegend an Christen. Er bietet Hilfen an, die befreiende Botschaft „Christus in euch“ erstmals oder neu zu entdecken und zu verwirklichen. Diesem Anliegen dient auch seine dreibändige Buchreihe Lebensreformation (1994), die zugleich eine geschichtliche Analyse des jahrzehntelangen charismatischen Konfliktesherdes bietet.

8 thoughts on “Warum Martin Luther sich mehr „Pfingstprediger“ wünschte

  1. Auch von mir besten Dank für den Artikel. Bei Luther übersieht man ja oftmals, dass er eben nicht nur die billige Gnade predigte, sondern ebenso auf die Konsequenz der Lebensveränderung durch den Heiligen Geist hinwies. Er dachte da konsequenter und weiter als seine Antinomen.
    Diese Haltung Luthers ist, wenn man genau die Texte analysiert, oftmals auch in seinen Liedtexten zu finden.

  2. Wenn man den Begriff „Antinomer“ verwendet, kann der Eindruck entstehen, dass Christen nach der Erfüllung eines formalen Gesetzen streben sollen.
    Ich kann das nicht erkennen. Warum halten die Christen nicht mehr das Mose-Gesetz? Ich sehe mich nicht unmittelbar zu einem religösen Gesetz, sondern unmittelbar zum lebendigen Chistus. Wir sollen in IHM bleiben. Und ER verletzt den Sinn des Gesetzes nicht.

  3. Dass es beides braucht, stimmt: Gnade und Heiligung. Dass es aber, wenn man ernsthaft nach Heiligung strebt, auch wieder Gnade braucht, stimmt eben auch. Daran krankt eben auch die Heiligungsbewegung: wenn es in der Heiligung nicht auch Gnade gibt, und jeder versagt da oft, dann wird Heiligung zum harten Gesetz. Es gibt genügend Beispiele dazu, wo die Heiligungsbewegiung zu mehr Schaden wie Nutzen geführt hat. Deshalb kann man auch hier vom Pferd fallen

  4. Welche Rolle spielt das Gesetz im Leben eines Christen? Was hat es mit der Errettung zu tun? Inwiefern sollte es unsere Lebensregel sein, die uns Orientierung gibt? Kann man mit Hilfe des Gesetzes Sünden überwinden? Welche Rolle spielt die Gnade dabei?

    Die Antworten auf diese Fragen haben einen ganz großen Einfluss darauf, wie unser Leben verlaufen wird – mit welcher Motivation und mit welchem Maßstab wir als Christen leben und wie sehr wir die Gnade Gottes in uns wirken lassen!

    Daran entscheidet sich, ob wir wirklich zu Überwindern werden, die im praktischen Leben von den Ketten der Sünde befreit sind oder ob wir von der Sünde beherrscht werden.

    1. Hallo Lilli, vielen Dank für die Verlinkung des Beitrags.
      Er spricht mir aus dem Herzen!

      Er betont auch, dass wir unter dem Neuen Bund nicht gesetzliche Regeln abarbeiten, sondern Frucht bringen, die aus der Beziehung zum lebendigen Herrn erwächst, in der Kraft des innewohnenden Heiligen Geistes.

      Ca. min 20:00 spricht er davon, dass wir unsere Stellung in Christus richtig verstehen müssen. Ich würde ergänzen: Dass wir die Erlösung vom Gesetz durch das Erlösungswerk Christi richtig verstehen. Und hier ist zu unterscheiden zwischen der Erlösungsdimension der Blutes und der des Leibes Christi.

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