Erwählung vs. freier Wille? Eine Antwort!

9. Februar 2018

Hilfreich sind gewisse Analogien aus der Physik sicherlich, um dieses uralte theologische Problem (Erwählung/ Prädestination Gottes vs. freier/ unfreier Wille beim Menschen) zu lösen, z.B. solche Vergleiche und Verständnishilfen aus der Quantenmechanik (Lokation und Nichtzugreifbarkeit), aus der Licht-Wellen-Analogie (Komplementarität) oder aus der Perspektivität (Gleichzeitigkeit), also aus Gottes Sicht (Erwählung) und aus des Menschen Sicht (Willensentscheidung).

Doch hinreichend sind solche Vergleiche alle nicht.

Seit Jahren habe ich wahrscheinlich (fast) alle theologiegeschichtlich relevanten und auch philosophischen Antworten zum Thema studiert, analysiert, rezipiert und abgewogen. Die Antwort, die mir einleuchtet, die die biblische Offenbarung nahelegt, lässt sich in Worten kurz zusammenfassen, auch wenn es im Detail darum gehen muss, biblisch untermauert, gedanklich plausibilisiert, das Ganze präzise zu entfalten. Letzteres kann ic h hier jetzt nicht leisten. Wenn ich Mal Zeit finde, wird das dann ein Buch zum Thema, für andere zur Verständnishilfe oder zum konstruktiv-kritischen Weiterstudium. In Kürze soviel:

Die biblische Offenbarung ist klar.

  1. Der natürliche Mensch im status corruptionis ist geistlich tot (Eph. 2,1ff. u.ö.). Wer so tot ist, der hat keinerlei Möglichkeit, aus sich heraus, Gott zu nähern oder irgendetwas zu entscheiden hinsichtlich „seines“ Heils“ bzw. „seiner“ Rettung aus der Verlorenheit. Im Blick auf Gott und auf das zu ergreifende Heil ist jeder Mensch unfrei, tot, mit einem geknechteten Willen ausgestattet, nie mit einem freien Willen. Das einzige Wesen, das von Natur aus einen freien Willen hat, ist Gott.
  2. Dann gibt es die Fülle an biblischen Erwählungs- und Vorherbestimmungsaussagen, die jede einzeln im Kontext der Schrift exegetisiert werden müssen, auch solche Kardinalstellen, wie Römer 9, einer Stelle, die primär die Souveränität Gottes im Blick auf das Bundesvolk Israel auslotet (im Literalsinn Jakob – Esau).

Andere Erwählungsaussagen der Heiligen Schrift, die eindeutig Gottes alleiniges Entscheiden und Tun charakterisieren, gilt es ebenfalls im Kontext auszulegen. Der Mensch und sein Reagieren jedenfalls spielen darin aktiv keinerlei Rolle.

  1. Dann finden wir im NT (und nur dieses ist in diesem Bereich relevant) eine Menge Imperative, also Aufffoprderung etwas zu tun oder zu reagieren: „Glaube nur, glaube jetzt!“, „Tut Buße!“, „Kehret um!“, „Verlasse!“ Diese Aufforderungen werden auch gerade Ungläubigen zugerufen im Verkündigungszusammenhang. Ein Imperativ macht jedoch nur dann Sinn, wenn das Befohlene auch vom Adressierten ausgeführt werden kann. Die Adressierten aber sind tot, sie können gar nicht reagieren und auch den Befehl nicht umsetzen. Sie haben ja keinen freien Willen (siehe Punkt 1.). Hier liegt das Dilemma. Kein natürlicher Mensch kann von sich aus mit seiner Aktion auf die Anrufung aus sich heraus reagieren. Keiner. Und die theologische Lösung, dass eben nur die Prädestinierten auf das Evangelium reagieren könnten, ist nirgends von der Schrift her abgedeckt. Die Lehre von der „Limited Atonement“ ist zudem eine schreckliche Verzerrung des biblischen Zeugnisses. Das Heil Christi gilt universal (2Kor. 5,19 u.ö.) für alle (objektiv), realisiert sich allerdings nicht universal, sondern partikular nur bei denen, die glauben (subjektiv durch Gnade gewirkt).
  2. Hier nun liegt das theologische Dilemma: wie kommt jemand zum Glauben an das Evangelium, um gerettet zu werden (Röm. 10,9-11 u.ö.), wenn er doch geistlich tot ist, unfähig von sich aus zu reagieren, und er von Natur aus keinen freien Willen hat?
  3. Die Lösung der Schrift liegt im Wirken des kraftvollen „Wortes“ allein. Das Wort Gottes hat die Kraft, Tote zum Leben zu erwecken. Siehe als Typus Lazarus, der schon im Verwesungszustand im Grab lag. Wie konnte er lebendig werden? Durch das machtvolle Wort Jesu allein. Lazarus konnte weder natürlich hören, seinen Willen äußern oder reagieren. Das Wort allein ließ ihn herauskommen aus dem Tod.

So ist es auch im übertragenen Sinn bei jedem Menschen, der geistlich tot und im Willen geknechtet ist. Das Wort allein macht es.

  1. Die biblische Antwort auf das genannte Dilemma spiegelt sich in Narrativen wider, wie z.B. in Apg. 2,37-41 („da ging es ihnen durchs Herz“) oder in Apg. 16,14 („der tat der Herr das Herz auf, dass sie achthatte auf das, was von Paulus gesagt wurde“).

Punktuell im Verkündigungsvorgang wird der Tote also demnach kurzfristig (!) zum Hören befähigt, um das Wort zu begreifen und ggfs. mit Glauben zu antworten. Entscheiden kann der Tote dabei aber nichts. Er „vertraut“ (fides qua creditur) in dieser durch das Wort eröffneten Situation oder er tut es nicht. Tut er es nicht, bleibt er schlicht und einfach im Tode, dort in dem Zustand, wo er zuvor auch schon gewesen war. Nur in diesem kurzen, vom Wort Gottes kurzfristig eröffneten „Fenster“ ist es dem Sünder möglich durch Gnade, eine Glaubens-Antwort auf den Imperativ in der Verkündigung zu geben (vgl. Röm. 10,1-17 usw.). Nur in diesem Zeitfenster! Ist diese punktuelle Situation vorbei, schließt sich die Möglichkeit wieder, dem Rufer (Gott) durch das ihn getroffene Wort Gottes eine Glaubensantwort zu geben. Der tote Mensch bleibt dann wo und wie er normalerweise eben ist, geknechtet, unfrei, tot, im status corruptionis. An seiner Natur ändert sich nichts.

  1. Der natürliche Mensch hat keinen freien Willen, zu Gott zu kommen oder das Heil zu ergreifen oder es zu suchen. Er hat eine zeitlich punktuelle Möglichkeit, dem machtvollen Wort, das ihn im Herz (Personenzentrum) trifft, Glaubensgehorsam entgegenzubringen (Röm. 1,5). Dieser „hörfähig gemachte“ Zustand existiert aber immer nur zeitlich begrenzt dann, wenn das Evangelium bzw. das Wort Gottes von Mal zu Mal einen Verlorenen mit Dynamis (Kraft) erreicht (Röm. 1,16f.). Eine subjektive Antwort des Glaubensgehorsams auf das objektiv universal gültige Versöhnungswerk Christi wird durch Gnade gewirkt (Eph. 2,8-10 u.ö.).
Advertisements

Dieser Blog-Beitrag von Dr. Berthold Schwarz erschien zuerst auf Schwarz ad hoc . Lies hier den Original-Artikel "Erwählung vs. freier Wille? Eine Antwort!".

About Dr. Berthold Schwarz

Dr. Berthold Schwarz arbeitet seit 2003 als Dozent für Systematische Theologie an der Freien Theologischen Hochschule Gießen (FTH) = Giessen School of Theology. Nach seinem Theologiestudium in Marburg, Erlangen und Tübingen und verantwortlicher Mitarbeit in christlichen Gemeinden, ließ er sich in den Gemeindegründungs- und Missionsdienst nach Japan berufen, um dort die frohe Botschaft vom gekreuzigten und auferstandenen Christus zu verbreiten. Nach seiner Rückkehr aus Japan promovierte er an der Universität Erlangen mit einer Untersuchung zu John Nelson Darbys Theologie (Leben im Sieg Christi“, Gießen 2008 – ISBN: 978-3-7655-9550-9). Ein Habilitationsprojekt ist gegenwärtig „im Werden“. Jetzt an der FTH hilft er dabei mit, junge Menschen für einen leitenden Dienst in der Gemeinde, in christlichen Werken und in der Mission auszubilden. Neben seiner Haupttätigkeit als Hochschullehrer für Systematische Theologie ist er Leiter des „Israel-Instituts“, das sich zum Ziel gesetzt hat, das Verhältnis zwischen Juden und Christen, zwischen Israel und Gemeinde Jesu, biblisch-theologisch zu erklären. Außerdem hält er deutschlandweit Vorträge und Workshops in Gemeinden und auf Konferenzen zu unterschiedlichen christlich motivierten Themenstellungen. Durch verschiedene Aufsatz- und Buchveröffentlichungen zu Themen der christlichen Lehre und der Schriftauslegung will Dr. Berthold Schwarz biblisch verantwortetes Gedankengut fördern. Er ist verheiratet und hat vier Kinder.

5 thoughts on “Erwählung vs. freier Wille? Eine Antwort!

  1. Erst 30 Jahre nach meiner Bekehrung bin ich mit den Lehren des Calvinismus in Berührung gekommen, weil verschiedene Geschwister mich mit den Fragen Auserwählung und Vorherbestimmung konfrontiert haben und diese teilweise auch vertreten.

    Bei der Antwort, die ich gefunden habe, steht im Mittelpunkt, dass Gott eine Liebes-Beziehung mit den Menschen eingehen möchte (Beziehungstheologie). Und zu einer Beziehung gehören mindestens zwei. Zum Start und zum Erhalt dieser Beziehung muss Gott den ersten Schritt machen, denn der nicht-fromme Mensch ist für diese Beziehung tot. Gott wirklich in sein Leben hineinzunehmen, ist ihm so was von egal und auch nach der Bekehrung will sein alter Mensch das nicht. Wir können durch unseren Willen nicht in eigener Kraft zu Gott durchdringen und dort bleiben.

    Nun will Gott allerdings eine Liebesbeziehung und keine Zwangsheirat. Die Braut muss schon auch wollen. Daher muss er unserem Willen durch die Kraft des Heiligen Geistes wieder den Freiraum schaffen, dass wir das Liebesangebot auch annehmen wollen können. Meine Antwort darauf hat mit eigener Kraftanstrengung und Leistung nichts zu tun. Sie ist aber erforderlich, weil die Beziehung sonst keine Liebesbeziehung wäre!

    In diesem Zusammenhang sehe ich auch den Begriff der Erwählung: Erwählung ist m. E. heiße Liebe – mein(e) Auserwählte(r), im Calvinismus kann ich hier an dieser Stelle nur eiskalte Selektion erkennen.

  2. Im Gegensatz zu früheren wichtigen theologischen Debatten (z.B. Arius vs. Athanasius) scheint mir dieses klassische Calvinisten vs. Arminianer vs. Lutheraner vs. … einfach das Geplänkel von Theologen zu sein, die nicht akzeptieren können, dass ihr begrenzter Verstand nicht ausreicht, den allmächtigen Gott zu fassen und ihn in menschliche Kategorien einzuordnen. Denn „Niemand hat Gott je gesehen; der eingeborene Sohn, der in des Vaters Schoß ist, der hat es uns verkündigt.“ (Joh 1,18) und wie die seit 500 Jahren anhaltenden Debatten zeigen ist diese Verkündigung nicht so klar und eindeutig, dass man sie in klare Kategorien einordnen können und jeder betont gerade den Teilaspekt, den er für am wichtigsten hält.

    John Godfrey Saxe hat es auf Basis einer alten indischen Fabel poetischer ausgedrückt –

    It was six men of Indostan
    To learning much inclined,
    Who went to see the Elephant
    (Though all of them were blind),
    That each by observation
    Might satisfy his mind.

    And so these men of Indostan
    Disputed loud and long,
    Each in his own opinion
    Exceeding stiff and strong,
    Though each was partly in the right,
    And all were in the wrong!

    MORAL.

    So, oft in theologic wars
    The disputants, I ween,
    Rail on in utter ignorance
    Of what each other mean,
    And prate about an Elephant
    Not one of them has seen!

    (für den ganzen Text – https://en.wikisource.org/wiki/The_poems_of_John_Godfrey_Saxe/The_Blind_Men_and_the_Elephant)

  3. Wie geistlich tot der Mensch ist, das ist doch die Frage. Zwar steht im NT, daß der natürliche Mensch nichts vom Geist Gottes vernimmt, aber im AT steht mehrfach: Ich (Gott) will mein Gesetz in eurer Herz geben.
    Die Alten haben uns gelehrt, daß im Menschen ein Gottesfunke sei, den es durch Christus bzw. den heiligen Geist zu entflammen gelte. Man könnte vielleicht sagen, dieser Gottesfunke habe mit dem Gewissen zu tun. Ganz so verdunkelt scheint der Mensch dann doch nicht zu sein, daß sich nicht ab und an das Gewissen regen würde, auch wenn es durch die Sünde mehr oder weniger verdunkelt werden kann.
    Zu dem Thema und etlichen Nebenthemen gibt es manche Fragen, aber keine überzeugenden Antworten. Da gab es Kinder, die schon im Alter von 3 oder 4 Jahren sehr gläubig waren (ein Beispiel nenne ich nur: Ellen Organ aus Irland, die im Alter von fünf Jahren gestorben ist und Gaben der Weissagung und mehr hatte). Andere Menschen sind mit 80 noch glaubensfern. Woher kommt das? Niemand weiß die Antwort.
    Wenn ein Mensch durch was auch immer vom heiligen Geist berührt wird und er dann suchend wird und er anfängt zu beten und Jesu Namen ernsthaft anzurufen, er wird gerettet werden. Man muß also schon etwas tun für seine Bekehrung, nämlich beten.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.