Ist die Bibel unfehlbar?

Was sagt die Bibel selbst dazu? Was dachten die Kirchenväter darüber? Was meint Unfehlbarkeit – und was nicht? Müssen wir die Bibel wörtlich nehmen? Und warum sind diese Fragen überhaupt wichtig?

Dieser Artikel ist auch als PDF verfügbar und kann hier herunter geladen werden.

In den letzten Monaten habe ich viele theologische Texte gelesen. Einige waren ziemlich anstrengend, viele aber auch sehr interessant, manche sogar herausragend gut. Trotzdem fiel mir immer wieder auf, wie grundlegend anders doch die Bibel ist. Wenn ich sie aufschlage ist es, als ob ich eine andere Welt betrete. Es fühlt sich an, wie wenn ich das knarzende alte Radio ausschalte und meine Ohren stattdessen vom brillianten Klang einer modernen Stereoanlage streicheln lasse. Der biblische „Klang der Wahrheit“ ist einfach nicht vergleichbar mit allen anderen noch so guten theologischen Überlegungen, die wir im Lauf der Kirchengeschichte angesammelt haben. Deshalb liebe ich die Bibel so.

Das schöne ist: In den letzten Monaten habe ich erfahren, dass ich nicht der erste bin, dem es so geht! Im Gegenteil: Schon die allerersten Christen haben genau die gleiche Erfahrung gemacht wie ich:

Was die Kirchenväter über die biblischen Schriften dachten

In den Schriften Martin Luthers findet sich eine äußerst interessante Passage über den grundlegenden Unterschied zwischen den biblischen Texten und den Schriften von Theologen:

Welch große Irrtümer sind schon in den Schriften aller Väter gefunden worden? Wie oft widerstreiten sie sich selbst?  Wie oft weichen sie voneinander ab? […] Niemand hat eine mit der Schrift gleichwertige Stellung erlangt […] Ich will […], dass allein die Schrift regiert […] Dafür habe ich als besonders klares Beispiel das des Augustinus, […] [der] in einem Brief an den Heiligen Hieronymus sagt: ‚Ich habe gelernt, allein diesen Büchern, welche die kanonischen heißen, Ehre zu erweisen, so dass ich fest glaube, dass keiner ihrer Schreiber sich geirrt hat.“ [1]

Das grundlegende Prinzip, das Luther hier erklärt, war ein zentraler Grundstein der Reformation. Man kann es ganz simpel so formulieren:

Alle Theologen irren! Aber die Autoren der Bibel irren niemals!

Aus diesem Grund sagte Luther: Wer mich von einer theologischen These überzeugen will, muss das aus der Bibel heraus beweisen. Alle anderen Aussagen, und seien sie vom Papst persönlich, sind kein Beweis. Genau das meinte Luther auch mit seinem Schlagwort: „Sola scriptura – Allein die Schrift“.

Mit seinem Hinweis auf den Kirchenvater Augustinus, der im 4. Jahrhundert lebte, zeigte Luther: Dieses Prinzip war nicht seine eigene Erfindung. Es galt schon zur Zeit der ersten Christen. Auch Ignatius von Antiochien sah schon zu Anfang des 2. Jahrhunderts einen grundlegenden Unterschied zwischen seiner eigenen theologischen Autorität und den „Weisungen des Herrn und der Apostel“, denen er sich bewusst untergeordnet hat: „Ich habe mich nicht so hoch eingeschätzt, dass ich … euch wie ein Apostel befehlen dürfte“.[2] Der Neutestamentler Prof. Theodor Zahn folgerte deshalb: Die Möglichkeit, „dass ein Apostel in seinen an die Gemeinden gerichteten Lehren und Anweisungen geirrt habe könnte, hat offenbar im Vorstellungskreis der nachapostolischen Generation keinen Raum gehabt.“ [3] Anders ausgedrückt: Die ersten Christen waren von der Unfehlbarkeit der Schriften der Apostel fest überzeugt.

Kein Wunder, dass die Unterscheidung zwischen irrtumslosen biblischen Autoren und irrenden Theologen bis zum Aufkommen der von der Aufklärung geprägten kritischen Theologie ab dem 18. Jahrhundert im Grunde Allgemeingut der Kirche war. Aber auch danach blieb der Glaube an die Unfehlbarkeit der Schrift nicht etwa eine fundamentalistische Sonderlehre. So lesen wir z.B. in der Lausanner Verpflichtung von 1974, die von Leitern aus zahllosen Kirchen der ganzen Welt beschlossen wurde, über die Autorität von Gottes Wort: „Es ist ohne Irrtum in allem, was es verkündigt.“ Jüngst freute sich auch die weltweite evangelische Allianz, dass sie mit der katholischen Kirche in Bezug auf die „Irrtumslosigkeit der Schrift“ völlig übereinstimmt.[4]

Mit anderen Worten: Wo die von der Aufklärung geprägte Bibelkritik sich nicht durchgesetzt hat, ist der Glaube an die Unfehlbarkeit und Irrtumslosigkeit der Schrift bis heute keine Außenseiterposition sondern Standard in der Weltchristenheit.

Nun sind Mehrheiten ja an sich kein Argument. Könnte es sein, dass die Christen übers Ziel hinausgeschossen sind? Haben sie den biblischen Texten in ihrer Begeisterung vielleicht Eigenschaften und Ansprüche zugeschrieben, die diese selbst nie für sich in Anspruch genommen haben? Anders gefragt:

Hält die Bibel sich selbst für unfehlbar?

Dazu stellt der Theologie Prof. Thorsten Dietz zunächst einmal nüchtern fest: „Die neutestamentlichen Autoren haben ganz offensichtlich die Schriften des Alten Testaments als Gottes Wort gelesen, genauso wie die allermeisten Christen in der Kirchengeschichte.“[5] Eindrücklich sind dazu die Worte Jesu: „Bis der Himmel und die Erde vergehen, soll auch nicht ein Jota oder ein Strichlein von dem Gesetz vergehen“ (Matth. 5, 18). Mit dem „Gesetz“ meinten die Juden die Tora, die 5 Bücher Mose. Die „Propheten“ und die übrigen Schriften waren ihnen ebenso heilig. Niemals hätten sie von Irrtümern in diesen Büchern gesprochen.

Soweit, so klar. Aber was ist mit dem Neuen Testament? Das lag zur Zeit seiner Abfassung ja noch gar nicht vor! Kann es also überhaupt irgendetwas über seine Eigenschaften sagen?

Ja, sogar sehr viel! Denn was wir im Neuen Testament vorfinden ist ja gemäß den Aussagen der biblischen Autoren nichts anderes als die Lehre Jesu und der von ihm bevollmächtigten Apostel, sorgfältig recherchiert auf Basis von Augenzeugenberichten (Lukas 1, 1-4; Joh. 21, 24; 2. Petr. 1, 16). Der Apostel Paulus sagte über sich selbst, dass seine Lehre nicht menschlich sondern göttlich ist (Gal. 1,11-12). Er freute sich, dass die Thessalonischer seine Lehre nicht als Menschenwort sondern als Gottes Worte aufgenommen hatten, was sie seiner Meinung nach tatsächlich sind (1. Thess. 2, 13). Entsprechend stellte Petrus die Briefe des Paulus auf die gleiche Stufe wie die anderen heiligen „Schriften“ und warnte: Wer ihren Sinn verdreht muss mit Gottes Gericht rechnen (2. Petr. 3, 15b-16). Natürlich waren die Apostel an sich weder sünd- noch irrtumslos. Aber die in ihren Schriften festgehaltene Lehre hat für die Kirche absolute Autorität. Das gilt für die von den Evangelisten festgehaltenen Überlieferungen von Jesus natürlich erst recht.

Prof. Armin Baum stellt in seiner ausführlichen Analyse[6] daher fest: Ja, die Irrtumslosigkeit der ganzen Schrift ist tatsächlich ein neutestamentliches Konzept! Allerdings müssen wir dabei ein paar Einschränkungen beachten: Fragen zur Textkritik (also zum exakten Wortlaut des Urtextes), zum Kanon (also z.B. zur Gültigkeit des langen Markusschlusses, der in vielen alten Handschriften fehlt), zur Entstehung der neutestamentlichen Bücher (also z.B. die Frage nach dem Autor) und natürlich zur richtigen Auslegung unterliegen dieser Irrtumslosigkeit nicht. Um Antworten auf diese Fragen zu finden brauchen wir fundierte bibelwissenschaftliche Arbeit. Wir können dankbar sein, dass es solche Wissenschaftler gibt.

Nachdem wir geklärt haben, dass die Unfehlbarkeit der biblischen Texte sowohl für die biblischen Autoren als auch für die Kirchenväter feststand, stellt sich nun als nächstes die wichtige und unter Theologen vieldiskutierte Frage:

Was ist mit der Unfehlbarkeit der Schrift gemeint – und was nicht?

An dieser Stelle wird es richtig spannend. Denn selbst die oft als „fundamentalistisch“ geltende sogenannte „Chicago-Erklärung zur Irrtumslosigkeit der Schrift“ macht zur Unfehlbarkeit der Bibel jede Menge Einschränkungen: Das Fehlen an moderner technischer Präzision, Unregelmäßigkeiten bei der Grammatik oder der Rechtschreibung, die Beschreibung der Natur aus einem subjektiven Blickwinkel, gerundete Zahlen, die thematische statt chronologische Anordnung eines Stoffs, die Verwendung freier Zitate: All das spricht laut dieser Erklärung nicht gegen die Irrtumslosigkeit der Bibel.[7] Wie kann das sein? Müsste eine unfehlbare Schrift nicht in jeder denkbaren Hinsicht vollkommen korrekt sein?

Nein. Denn bei der Verwendung des Begriffs „unfehlbar“ oder „irrtumslos“ müssen wir unbedingt das folgende Grundprinzip beachten:

Die Bibel ist unfehlbar in dem, was sie aussagen will!
Sie ist irrtumslos in Bezug auf ihre Aussageabsicht!

So schrieb der Theologe Prof. Gerhard Maier zur oben bereits zitierten Lausanner Erklärung:

„Ähnlich hat die Lausanner Verpflichtung in ihrem Artikel 2 formuliert, das Wort Gottes „sei ohne Irrtum in allem, was es verkündigt“ – präzisieren wir: was es verkünden will. Es muss durchaus noch festgestellt werden, welche historischen Auskünfte die Heilige Schrift zu geben beabsichtigt.“ [8]

Diese Ergänzung ist in der Tat wichtig. Das erleben wir auch in unserer normalen Alltagskommunikation. Wenn z.B. ein Meteorologe im Wetterbericht sagt: „Um 7.46 Uhr geht die Sonne auf“, dann ist das naturwissenschaftlich gesehen natürlich völliger Unsinn. Die Sonne geht nicht auf! Vielmehr dreht sich die Erde, so dass die Sonne wieder sichtbar wird. Trotzdem würde wegen dieser Formulierung niemand den Bildungsgrad des Meteorologen in Frage stellen. Denn jeder weiß ja: Von einem Sonnenaufgang zu sprechen ist zwar objektiv falsch, aber subjektiv, d.h. aus der Sicht eines menschlichen Beobachters, völlig richtig. Genau dieses Prinzip müssen wir auch bei der Bibel beachten und die Frage stellen: Was wollte der Autor sagen? Welche Perspektive, welches Wahrheitsverständnis hat der Autor seiner Aussage zugrunde gelegt? Welche Erwartungen hatten die damaligen Leser, um die Aussagen als wahr einzustufen?

Wenn wir Zitate im Neuen Testament analysieren merken wir zum Beispiel schnell: Ein Zitat musste damals nicht wörtlich exakt sein, um als wahr zu gelten. Aber es musste inhaltlich stimmen! Ein frei erfundenes Zitat hätte man auch damals schon als Fake-News eingestuft. Irrtumslosigkeit der Schrift heißt vor diesem Hintergrund also: Jesus hat nicht unbedingt jeden Satz Wort für Wort genau so gesagt, wie wir es in der Bibel lesen (das geht ja auch schon deshalb nicht, weil er in einer anderen Sprache redete als das Neue Testament abgefasst wurde). Aber wir können gemäß dem Selbstzeugnis der biblischen Autoren (Lukas 1,3; Johannes 21, 24)  sicher sein: Jesus hat inhaltlich genau das gesagt, was uns das Neue Testament berichtet!

Natürlich müssen wir beim Lesen eines Bibeltexts immer auch beachten, in welche Situation, in welches kulturelle Umfeld und in welche heilsgeschichtliche Zeit (alter oder neuer Bund?) ein Text hineingesprochen wurde. Und wir müssen klären, welche Textgattung vorliegt: Hat der Text den Anspruch, eine Geschichte zu erzählen, die wirklich in Raum und Zeit passiert ist? Oder handelt es sich um symbolische Redeweise? Das ist z.B. beim Buch Hiob gar nicht so leicht zu klären und muss daher bibelwissenschaftlich ergebnisoffen untersucht und diskutiert werden. Wenn wir diese Punkte sauber beachten klärt sich die nächste Frage, die in diesem Zusammenhang oft gestellt wird, fast schon von selbst:

Müssen wir die Bibel wörtlich nehmen?

Ich habe extra noch einmal nachgeschaut. Und tatsächlich: In meiner Bibel gibt es ausschließlich Wörter. Es sind keine Bilder drin! Ich kann also gar nicht anders, als die Bibel Wort für Wort beim Wort zu nehmen. Anders als wörtlich ist die Bibel nicht zu haben. Nur: Was heißt das praktisch?

Wenn mein Chef mir heute sagt: „Herr Till, ich habe Ihnen schon 1000 mal gesagt, dass Sie nicht zu spät kommen sollen!“ dann würde ich ihn nicht beim Wort nehmen, wenn ich ihm antworten würde: „Stimmt nicht, Chef, ich hab mitgezählt: Es waren nur 18-mal!“ Genauso wenig nehmen wir Jesus beim Wort, wenn wir seine Aussage, dass wir 7 mal 70 mal vergeben sollen (Matthäus 18, 21-22) als Aufforderung verstehen, eine Strichliste anzulegen. Jesus wörtlich nehmen heißt hier: Die tiefe Symbolik verstehen, die hinter diesen Zahlen steckt.

Auch dieses Beispiel unterstreicht: Die Irrtumslosigkeit der Schrift hängt untrennbar mit ihrer jeweiligen Aussageabsicht zusammen. Der Glaube an die Unfehlbarkeit und Irrtumslosigkeit wird dann schräg, wenn er der Bibel eine falsche Aussageabsicht und einen falschen Wahrheitsbegriff überstülpt.[9] Es ist die Aufgabe der historischen Bibelwissenschaft, die jeweilige Aussageabsicht vorurteilsfrei zu erforschen und herauszuarbeiten.

Dabei muss allerdings darauf geachtet werden, bibelfremde von bibeleigenen Kriterien zu unterscheiden. Bibelfremde Kriterien wären zum Beispiel:

  • Wunder sind aus naturwissenschaftlicher Sicht nicht möglich.
  • Erkenntnisse der modernen Geologie sprechen dagegen, der Sintflutgeschichte einen historischen Wert beizumessen.

Solche Aussagen, die sich aus den aktuellen Ansichten der heutigen Welterkenntnisse speisen, fließen natürlich immer auch in unsere Analyse der Bibel mit ein. Und das ist auch gut so! Wissen, Vernunft, Erfahrungen, kirchliche Bekenntnisse, Auslegungen wichtiger Theologen oder die Frage nach der Frucht einer bestimmten Auslegung („Wirkungsgeschichte“) dürfen und sollen bei jeder Bibelauslegung berücksichtigt werden. Sie können helfen, die Bibel besser zu verstehen. Das reformatorische „Sola scriptura“ besteht jedoch darauf: Über all dem muss letztlich die Schrift regieren! Sie hat das letzte Wort! Sie muss sich selbst auslegen! Nur die bibeleigenen Kriterien und Aussagen dürfen (nach gründlicher Klärung ihrer Aussageabsicht) für eine theologisch saubere Beweisführung verwendet werden.

Wenn wir dieses Prinzip auf die Erzähltexte im Neuen Testament anwenden wird klar: Diese Berichte (und gerade auch die Wundergeschichten) sind nicht nur symbolisch sondern ganz eindeutig auch historisch gemeint. Denn das ist ausdrücklich ihr eigener Anspruch, wie z.B. der Theologe Armin D. Baum nachgewiesen hat![10] Die Apostel wollten ganz bewusst keine abstrakten theologischen Ideen verbreiten sondern berichten, was sie gehört und gesehen hatten! Gottes reales und oft auch wunderwirkendes Handeln in Raum und Zeit war ein entscheidender Bestandteil ihrer theologischen Botschaft. Deshalb gilt: Wer die Ereignisse und Wunder des Neuen Testaments in Frage stellt, stellt den Kern des Christentums in Frage. Wenn wir die Bibel an Philosophien wie z.B. den Naturalismus (der Glaube, dass Wunder grundsätzlich niemals vorkommen), an Erfahrungen oder an Aussagen eines kirchlichen Lehramts anpassen, dann hebeln wir das „Sola scriptura“ aus und erheben menschliche Vorstellungen zum obersten Richter über die Aussagen der Bibel – mit gravierenden Folgen, wie der letzte Abschnitt dieses Artikels zeigen soll:

Warum ist die Frage nach der Unfehlbarkeit überhaupt wichtig?

Sind Diskussionen um solche Fragen nicht wieder mal so ein überflüssiges theologisches Gezänk, das nichts als Streit unter Christen verursacht? Warum sollen wir uns überhaupt damit befassen?

In seinem vielbeachteten Grundsatztext zu einer neuen „Hermeneutik der Demut“ schrieb der Theologe Prof. Heinzpeter Hempelmann:

Die Bibel ist unfehlbar. […] Die Bibel ist als Gottes Wort Wesensäußerung Gottes. Als solche hat sie teil am Wesen Gottes und d.h. an seiner Wahrheit, Treue, Zuverlässigkeit. Gott macht keine Fehler. […] Sowohl philosophische wie theologische Gründe machen es unmöglich, von Fehlern in der Bibel zu sprechen. Mit einem Urteil über Fehler in der Bibel würden wir uns über die Bibel stellen und eine bibelkritische Position einnehmen.“ […]  Das „machte eine Auslegung der Heiligen Schrift als solche sinn-, zweck- und ergebnislos. […] Es maßte sich ja einen „Gottesstandpunkt“ an, wer in ihr unterscheiden wollte zwischen Gottes- und Menschenwort, zeitbedingt und zeitlos gültig. Eine Hermeneutik der Demut steht nicht auf der Schrift, schon gar nicht über ihr.“ [11]

Damit ist der Kern des Problems angesprochen, der sich bei diesem Thema ergibt. Wenn es in der Bibel Fehler, Irrtümer, Widersprüche und eine „Vielfalt theologischer Meinungen“ [12] gibt, wenn sie nur Gottesworte enthält statt ganz und gar Gottes Wort zu sein, dann ergeben sich zwangsläufig eine ganze Reihe schwerwiegender Fragen: Wer unterscheidet dann zwischen Menschenwort und Gotteswort, zwischen Wahrheit und Irrtum, zwischen richtig und fehlerhaft, zwischen Widerspruch und sich ergänzendem Paradox? Nach welchen Kriterien? Auf welcher Basis können wir dann noch gesichert theologisch argumentieren? Welche theologischen Ergebnisse können dann als gesicherte Glaubensgrundlage der Kirche gelten?

Die Geschichte der Theologie der letzten 2 Jahrhunderte zeigt eindrücklich: Niemand, der sich von der Irrtumslosigkeit der Schrift verabschiedet hat, konnte diese Fragen jemals beantworten. Kein menschliches Kriterium konnte sich zur Unterscheidung zwischen richtig und falsch in der Bibel jemals durchsetzen. Im Gegenteil: Die Aufgabe des Grundsatzes, dass die Bibel die irrtumslosen Stimmen der Apostel und Propheten überliefert, hatte katastrophale Folgen für die Kirche. Prof. Armin Baum hat darauf hingewiesen, dass inzwischen „mit bibelwissenschaftlichen Argumenten nahezu jede Aussage des Apostolischen Glaubensbekenntnisses bestritten worden“ ist.[13] Das ist auch kein Wunder! Denn wenn die Bibel Irrtümer enthält, dann ist auch der „Schriftbeweis“ in der Theologie außer Kraft gesetzt. Schon Jesus hatte theologische Diskussionen mit der Frage entschieden: „Habt ihr nicht gelesen?“ (z.B. Matthäus 12, 3). Die Einwohner Beröas haben durch Forschen in der Schrift geprüft, ob der Apostel Paulus die Wahrheit lehrt (Apg. 17, 11). Wenn der Schriftbeweis aber nicht mehr verlässlich gilt, weil die biblischen Autoren sich ja geirrt haben könnten, dann muss er durch menschengemachte Kriterien ersetzt werden. Dann wird Theologie zwangsläufig subjektiv und zeitgeistabhängig. Dann…

  • gibt es keine verbindlichen gemeinsamen Glaubensgrundlagen und -gewissheiten mehr.
  • wird die Einheit der Kirche von innen ausgehöhlt.
  • verliert die Kirche ihre Botschaft, ihre Glaubwürdigkeit und ihre missionarische Kraft (Jo­hannes 17, 21-23).

All das muss ich in meiner evangelischen Kirche heute leider live und leidvoll beobachten. Die Diskussion um die Unfehlbarkeit der Bibel ist deshalb alles andere als ein kleinliches Gezänk von theologisch interessierten Spezialisten oder von Leuten, die ihr Sicherheitsbedürfnis durch eine klar definierte Dogmatik befriedigen müssen. Bei diesem Thema geht es für die Kirche ans Eingemachte!

Der Apostel Paulus schrieb einst: „Wir sind sein Haus, das auf dem Fundament der Apostel und Propheten erbaut ist mit Christus Jesus selbst als Eckstein.“  (Epheser 2, 20) Damit wird klar: Wer die Autorität der Apostel und Propheten untergräbt, deren Stimme wir heute in der Bibel vernehmen können, der untergräbt letztlich das Fundament der ganzen Kirche. Das massive Schrumpfen sämtlicher liberaler Kirchen in der westlichen Welt demonstriert das eindrücklich.

Umso wichtiger ist es, dass wir uns wieder neu und leidenschaftlich dazu bekennen: Die Bibel ist zwar ganz Menschenwort, aber eben auch ganz Gotteswort! Alle Theologen irren. Aber die Autoren der Bibel irren niemals! Die Bibel muss die Bibel auslegen.[14] Nur sie ist die „Königin“[15], die „norma normans“, die eine maßgebende Norm, an der sich Alles orientieren muss. Einen anderen Maßstab für Erkenntnisse über Gott, Jesus, das Evangelium, unsere Herkunft, unsere Zukunft und das Leben nach dem Tod haben wir Menschen nicht. Wenn wir diesen Maßstab aufgeben sind wir verloren.

Ich bin überzeugt: Die Kirche der Zukunft wird eine Kirche sein, die die Bibel mit Leidenschaft und brennendem Herzen liest. Sie wird sich vor den Worten der Bibel beugen statt die Bibel durch die Weisheit dieser Welt in die Knie zu zwingen. Fehler und Widersprüche wird sie nicht in der Bibel sondern mit Hilfe der Bibel in ihrem Herzen finden. So war es in Erweckungszeiten immer gewesen. Beten und arbeiten wir dafür, dass wir eine solche Kirche zur Ehre Gottes bald schon wieder sehen dürfen.


Danke an Martin Till für die Anregungen zu diesem Artikel!

Leseempfehlung: Is new testament inerrancy a new testament concept? A traditional and therefore open-minded answer Eine fundierte Analyse von Prof. Armin D. Baum in JETS 57/2 (2014) S. 265-80

[1] Aus „Assertio omnium articulorum“, 1520

[2] Ignatius an die Magnesier 13,1; zitiert von Armin D. Baum in „Der Kanon des neuen Testaments“ 2018

[3] Th. Zahn, Geschichte des neutestamentlichen Kanons. 2 Bde. Erlangen: Deichert, 1888/92, I/2, 805; zitiert von Armin D. Baum in „Der Kanon des neuen Testaments“ 2018

[4] Im „Bericht der internationalen Konsultation der katholischen Kirche und der Weltweiten Evangelischen Allianz“ S. 9

[5] in „Weiterglauben“, Brendow 2018, S. 80

[6] Armin D. Baum: Is new testament inerrancy a new testament concept? JETS 57/2 (2014) 265-80

[7] Siehe dazu Artikel 13 der Chicago-Erklärung zur Irrtumslosigkeit der Schrift

[8] Im Vortrag „Konkrete Alternativen zur historisch-kritischen Methode“ 1980, Hervorhebung nachträglich

[9] Genau vor diesem Hintergrund verwirft auch Prof. Heinzpeter Hempelmann einen Irrtumslosigkeitsbegriff, der von einem aus seiner Sicht falschen „heidnischen“ „mathematisch-rationalen“ statt „hebräisch-biblischen“ Wahrheitsbegriff ausgeht. Er fordert: „Ich unterwerfe die Bibel nicht meinem Wahrheitsdenken, sondern lasse mir in der Begegnung mit Gottes Wort mein Bewertungsverhalten umkehren.“ In: „Plädoyer für eine Hermeneutik der Demut“ von Heinzpeter Hempelmann, Abschnitt 3.3 + 3.4

[10] „Die Prologe des dritten Evangeliums und der Apostelgeschichte unterscheiden sich so stark von den Anfängen antiker Epen, sind so eng mit den Prologen der antiken Geschichtsschreibung verwandt und inhaltlich so eindeutig historisch orientiert, dass an der Intention des Autors, Geschichte zu schreiben, nicht gezweifelt werden kann. Im lukanischen Doppelwerk erzählt kein von den Musen inspirierter Künstler, sondern ein sich auf Augenzeugen berufender Historiker (Lk 1,2).“ (Prof. Dr. Armin D. Baum in „Einleitung in das Neue Testament“ S. 311-312)

[11] Aus „Plädoyer für eine Hermeneutik der Demut“ von Heinzpeter Hempelmann, Abschnitt 3.2 bzw. 2.5

[12] H. Conzelmann & A. Lindemann, Arbeitsbuch zum NT 14. Auflage 2004, S. 3

[13] Prof. Armin D. Baum in: „Schadet die Bibelwissenschaft dem Glauben? Eine Rückmeldung an Siegfried Zimmer.“ (Ichthys 46, 2008, S. 86)

[14] „Sacra scriptura sui ipsius interpres“

[15] So schrieb Martin Luther in seiner „Assertio omnium articulorum“ von 1520: „Ich will, dass die Schrift allein Königin sei.“

Print Friendly, PDF & Email

Dieser Blog-Beitrag von Markus Till erschien zuerst auf aufatmen in Gottes Gegenwart . Lies hier den Original-Artikel "Ist die Bibel unfehlbar?".

About Dr. Markus Till

Evangelisch landeskirchlicher Autor, Blogger und Lobpreismusiker mit pietistischen Wurzeln und charismatischer Prägung

43 thoughts on “Ist die Bibel unfehlbar?

  1. Die frühen Christen akzeptierten zwar die Vollgültigkeit der Schrift, d.h. aber nicht, dass man zu ihr ohne Verständnis einfach „Ja“ sagen müsse. Augustinus z.B. schrieb: „Zwar vermag niemand an Gott zu glauben, wenn er ihn nicht auch irgendwie erkennt. Doch wird er durch den Glauben geheilt, damit er weitere Erkenntnis empfange.“ – Es ging ihnen immer um einen Erkenntnisfortschritt im Rahmen der Bibel. Dieser Fortschritt ist aber unendlich, wenn eben ein Unendliches Inhalt selbiger ist.

    Das Übernatürliche muss heute niemand mehr aus intellektueller Redlichkeit leugnen, da die Wissenschaft inzwischen selbst darauf verweist. Der Physiker W. Pauli schrieb: „In der quantenmechanischen Theorie herrscht die Auffassung, dass das Ganze mehr sei als die Summe seiner Teile: >Die Phänomene haben somit in der Atomphysik eine neue Eigenschaft der Ganzheit, indem sie sich nicht in Teilphänomene zerlegen lassen, ohne das ganze Phänomen dabei jedes Mal zu ändern.<"
    Es zeigte sich, " …dass die quantenmechanische Ganzheit tatsächlich eine Realität ist: Es wurde experimentell nachgewiesen, dass Photonen über lange Strecken oder längere Zeiten hinweg korreliert bleiben können, sozusagen von ihrem gemeinsamen Ursprung wissen und sich daran erinnern, in Resonanz bleiben." (Physiker F. Cramer).
    Eine Ganzheit existiert also vor den Teilen.
    Aber auch die Parapsychologie hat eine Menge überzeugendes Material gesammelt, das eindeutig zeigt: Es gibt viel mehr als eine materialistische Ideologie zugestehen will.

    Zudem ist es doch weit besser, die eigenen Gemeindeglieder zu einem Leben aus Gott und damit zu persönlichen Erfahrungen anzuleiten. Da kann sich eine wirkliche Überzeugung ergeben, anstatt, dass man die Leute anhält etwas für wahr zu halten, wofür ihnen aber ein wirklicher Zugang fehlt.
    https://manfredreichelt.wordpress.com/2018/07/14/uebung-macht-den-meister/

      1. Ja, weshalb denn nicht? Die Parapsychologie stützt die christliche Argumentation weil sie das christliche Weltbild bestätigt.
        Schon der bekannte Evangelist Gerhard Bergmann schrieb ein Buch voll mit parapsychologischen Fakten, um für den Glauben zu werben. Es heißt: „…und es gibt doch ein Jenseits – Auf den Spuren des Übersinnlichen.“
        Gott ist eben größer als das enge Denken mancher Zeitgenossen! Hallelujah!

        1. Wer sich in Gefahr ( auf den Spuren des Übersinnlichen ) begibt, kommt darin um. Davor kann man gar nicht genug warnen!
          Die Parapsychologie stützt nicht das christliche Weltbild, sie ist der Feind der guten Ordnungen Gottes.

  2. Wenn es unter der Überschrift „Was die Kirchenväter über die biblischen Schriften dachten“ unmittelbar weitergeht mit „In den Schriften Martin Luthers findet sich …“, dann muss man nicht mehr weiterlesen. Denn dann hat sich der Autor ohne jeden Zweifel als Ignorant erwiesen. Schuster, bleib BITTE bei Deinem Leisten!

      1. Sie irren. Das Zitat – so weit bin ich noch gekommen – ist von Luther, der etwas zu Augustinus schreibt. Und Sie tun so, als ob dieses Zitat Auskunft darüber gäbe, „was die Kirchenväter (Plural!!) über die biblischen Schriften dachten“. Hahaha!!

        Es ist so derart grotesk, wie hier mit Texten umgegangen wird! Aber dann meinen, die Weisheit mit Löffeln gefressen zu haben, wenn es um biblische Texte geht. Das ist ungefähr so, wie wenn ein Mädchen, das gerade in der Schule handarbeiten lernt und kaum eine gerade Naht nähen kann, als Chirurgin eine Herzoperation durchführt und trotzdem meint, alles besser zu können. Kopfschüttel.

        (Dieser Kommentar wird bestimmt wieder gleich gelöscht.)

        1. Wir freuen uns über alle Meinungsäußerungen und kontroverse Kommentare, solange sie Substanz haben und zur Diskussion relevante Argumente liefern. Reines Herumpoltern oder gar Beleidigen hilft aber niemand. Wir behalten uns deshalb vor, User, die häufig durch rein destruktive Kommentare auffallen, ohne weitere Angabe von Gründen zu sperren. Margita, bei Dir sind uns jetzt häufiger solche argumentfreie und im Tonfall inadäquate Kommentare aufgefallen. Wir wollen Dich noch einmal bitten, das zu ändern. Ansonsten müssen wir Dich leider sperren.

          1. Ich weiß wirklich nicht, was Sie am meinem Posting als „Herumpoltern oder gar Beleidigen“ empfinden. Natürlich, ich blase nicht in Ihr Horn, damit können Sie vermutlich nicht gut umgehen. Aber es ist wohl eher Ihr eigener Kommentar „wenn Sie das Zitat gelesen hätten, … bevor man einen Kommentar raushaut…“ als Beleidigung aufzufassen, von den inhaltlichen Unterstellungen einmal ganz abgesehen.
            Von meiner Kritik, dass auf diesem Blog „Evangelikale“ die Grenzen ihrer Kompetenz einfach nicht kennen, meine ich nichts zurücknehmen zu müssen. Ich bin mir sicher, auch Sie würden nicht akzeptieren, wenn man Ihnen in Ihrem erlernten Beruf mit derart geringem Sachverstand begegnet!!

    1. Hallo Margita,
      Das mit den Löffeln ( im Haus ) nehme ich zurück, tut mir leid, da bin ich etwas zu weit gegangen, —Entschuldigung—, ich habe mich einfach darüber geärgert, das sie Dr. Markus Till so agressiv angegriffen haben.

  3. Heisst das, du stehst bei oder nahe am Schriftverständnis der „Hermeneutik der Demut“ von Heinzpeter Hempelmann? Ist er nicht auch ein Kritiker der Chicago-Erklärung von der Irrtumslosigkeit der Schrift?

    1. Sehr gute Frage, freut mich, dass das jemand auffällt! Ja, ich habe mir ganz bewusst Heinzpeter Hempelmann als Anwalt meines Anliegens gewählt, weil er mir immer mal wieder vorgehalten wurde als Beispiel, wie doch auch Konservative es nicht ganz so eng sehen würden mit der Bibel und dass dieser Irrtumslosigkeits-Glaube doch nur ein fundamentalistisches Randphänomen sei. Daraufhin habe ich mir den Text von Prof. Hempelmann durchgelesen und war überrascht, wie konservativ er doch ist. Ja, er lehnt Chicago ab, aber vor einem ganz bestimmten Hintergrund: Er meint, bei Chicago-Vertretern ein bibelfremdes Wahrheitsverständnis zu erkennen. Nun finde ich: Darüber kann man ja diskutieren. Welches Wahrheitsverständnis der Schreiber der Tora hatte ist letztlich eine bibelwissenschaftliche Frage, bei der man vermutlich unterschiedlicher Meinung sein kann, ob damals schon zwischen faktisch historischer und symbolischer Redeweise sauber getrennt wurde bzw. ob die damaligen Schreiber und Leser eine solche Frage vielleicht gar nicht gestellt haben. Mein persönlicher Eindruck ist, dass auch schon in den Mosebüchern ziemlich klar unterschieden wird zwischen Berichten über reale Ereignisse in Raum und Zeit und symbolischer Redeweise. Aber ich bin offen dafür, wenn mir jemand etwas anderes nachweist. Letztlich will ich mich in solche wissenschaftlichen Debatten auch nicht einmischen, dafür bin ich nicht kompetent genug. Wichtig ist für mich die Feststellung Hempelmanns: Jedenfalls dürfen wir nicht von Fehlern in der Bibel sprechen! Wir dürfen keinen Gottesstandpunkt einnehmen! Wir stehen nicht auf, gleich gar nicht über der Schrift! Es geht höchstens um Fehler in unserer Auslegung oder in unserem hermeneutisch Ansatz. Unseren hermeneutischen Ansatz wiederum müssen wir aus der Bibel selbst lernen. DAS unterstütze ich im Grundsatz von Herzen, auch wenn ich eher nicht glaube, dass sich das Wahrheitsverständnis des Tora-Autors so grundsätzlich von unserem heutigen Wahrheitsverständnis unterscheidet wie Hempelmann das meint. Und daraus lerne ich jedenfalls: Hempelmann ist – selbst wenn er Chicago ablehnt – jedenfalls weit konservativer als z.B. ein Siegfried Zimmer, der offen von Fehlern und Widersprüchen in der Bibel redet. Man kann sich nicht hinter Prof. Hempelmann verstecken, wenn man Siegfried Zimmer und Worthaus verteidigen möchte, wie ich das leider erlebt habe.

      1. Die Kritik am Wahrheitsverständnis von Chicago kann ich durchaus nachvollziehen: Es drängt sich mir der Eindruck auf, dass – zwar in einem frommen Gewand – hier die Gläubigen sich die Verfügbarkeit über Wahrheit sichern wollen.

        M. E. ist das Bemühen der Chicago-Erklärung nur die Gegenbewegung zur liberalen Theologie, die aber auf der anderen Seite vom Pferd runterfällt.

        Aus der Tatsache, dass es selbst den Gläubigen nicht gelingt, ein „wasserdichtes“ Schriftverständnis zu formulieren – also eine Art Formel, die man an die Schrift anlegt, und hinten springt als Ergebnis Wahrheit raus – zeigt doch, dass es sich der Geist, also Gott, selbst vorbehalten hat, uns in alle Wahrheit zu leiten.

        Interessant ist, dass Luther, dem essentielle Gotteserkenntnisse neu aufgeschlossen wurden, gesagt haben soll, dass wir nicht nur an Worte, sondern auch an die Wirksamkeit des Geistes glauben.

        1. Auch ich glaube natürlich nicht nur an Worte sondern an die Wirksamkeit des Geistes! Geistlose, verkopfte Dogmatik ist für mich ein Hauptgrund, warum es so viel Post-Evangelikale gibt, das richtet großen Schaden an. Ich sehe aber gar keinen so großen Unterschied zwischen Chicago und Hempelmann. Beide bemühen sich letztlich, die Fehlerfreiheit der biblischen Texte dadurch zu verteidigen, dass sie vermeintliche Fehler in den Rahmen der ursprünglichen Aussageabsicht stellen: Für Chicago sind es z.B. fehlende Präzision, Grammatik, Rechtschreibung, subjektiver Blickwinkel, gerundete Zahlen, thematische statt chronologische Anordnung, freier Zitate, die mit dem Wahrheitsverständnis der biblischen Autoren zusammen gingen. Bei Hempelmann kommt in verstärktem Maße die Frage nach dem historischen Verständnis dazu. Ich sehe da aber nur graduelle, keine grundsätzliche Unterschiede. Ganz anders wird es, wenn man wirklich von Fehlern und Widersprüchen spricht, wenn man einen „Kanon im Kanon“ konstruiert, wenn man sich widersprechende theologische Meinungen in der Bibel sieht usw., wie es bei Worthaus praktisch die Regel ist. In der Tat gibt es keine „wasserdichte“ Hermeneutik, darum muss man immer ringen. Aber ich habe bislang nichts besseres gehört als das Prinzip, dass die Schrift regiert und die Schrift sich selbst auslegen muss. Mit „Verfügbarkeit über Wahrheit“ hat das für mich aber nichts zu tun sondern mit Respekt und Ehrfurcht davor, dass Gottes Gedanken höher sind als unsere Gedanken.

          1. Ja, der Respekt vor Gott, der in sich keine gespaltene Persönlichkeit ist, und dem man Vertrauen schenken kann, verbietet es, von Fehlern/Widersprüchen/Irrtümern in der Bibel zu sprechen, sodass ernsthafte Gottsucher/Gläubige/Fromme in die Irre geleitet würden und nicht zu der Sicht auf die Realität/Wahrheit gelangen, wie Gott sie auch sieht (vgl. 2. Tim 3,16).

            Die Eigenschaften der Irrtumslosigkeit/Unfehlbarkeit/Konsistenz/Vertrauenswürdigkeit/ Wahrheit sind jedoch alles Eigenschaften, die nur Gott selbst zukommen. Sie sind göttlich. Diese treffen für die Textgestalt der Schrift/Bibel an sich nicht zu. Die Textgestalt besteht aus lauter Begriffen des menschlichen Erkenntnishorizonts, aus lauter Bausteinen der gefallenen Schöpfung. Man spricht ja auch von einer „Knechtsgestalt“ der Schrift. Die Bibel gibt uns selbst ein Bild für dieses Schriftverständnis: Interessant ist, dass Mose als Trägersubstanz für Gottes Wort 2 steinerne Tafeln aus dem Fels hauen muss (2. Mose 34,1).

            Als ich vor einigen Jahren zum ersten Mal die Rede von der Irrtumslosigkeit der Schrift hörte, dachte ich sofort, dass das Ganze zwar gut gemeint ist, irgend etwas Grundsätzliches aber dabei stört. Was m. E. gut gemeint ist->siehe mein erster Abschnitt.

            Was mich stört ist, dass die Rede von der Irrtumslosigkeit der Schrift eigentlich eine Irrtumslosigkeit/Unfehlbarkeit der Aussagen/Interpretation meinen muss – wenn diese Rede irgend einen Sinn/Nutzen für uns haben soll. Eine Irrtumslosigkeit, an die man nicht herankommt, macht keinen Sinn. Und das ist ja auch der Anspruch von Chicago: in allen ihren Aussagen wahr.

            Eine unfehlbare Interpretation geht aber deutlich über das hinaus, was die Bibel/Schrift/Textgestalt selbst leisten kann. Das gilt auch dann noch, wenn wir die aus unserer Sicht am besten passendsten theologischen Instrumente (für die ich kein Fachmann bin) anwenden (Schriftverständnis/ Hermeneutik/geschichtliches Hintergrundwissen etc.). Der Mensch bleibt dann mit dem Text, seinem Verstand und seinen wissenschaftlichen Werkezeugen zur „fehlerfreien“ Interpretation allein. Ich habe hier Bauchschmerzen, wenn unfehlbare (!) Gotteserkenntnis nur mit dem Text/Schrift und nicht mit Gott selbst verknüpft wird. Gerade auch von der verwendeten Begrifflichkeit her: Irrtumslosigkeit der Schrift.

            Auf die richtige Aussageabsicht(en) kommt man aber nur in Verbindung mit dem gleichen Geist/Intuition, der die Autoren beim Niederschrieben der Texte befähigt und bewegt hat – durch eine Beziehung mit Gott. Und dieser Geist ist genauso souverän wie Gott selbst. Er gibt die richtige Interpretation der Schrift nicht in die Verfügbarkeit der Menschen.

          2. Die Unterscheidung zwischen irrtumsloser Schrift und irrtumsloser Auslegung hat Thorsten Dietz in seiner Replik auf meine Rezension ja auch abgelehnt. Ich bedauere das. Die Kirche hat genügend daran zu knabbern, dass trotz gemeinsamem Vertrauen auf eine irrtumslose Schrift in vielen theologischen Fragen unterschiedliche Meinungen und Auslegungen miteinander konkurrieren. Aber gerade in unserer Zeit sehe ich, dass die Kirche das immer besser lernt. Alte Spaltpilze wie die Tauf- oder die Abendmahlsfrage verlieren immer mehr an Bedeutung. Die Konzentration auf Christus als der Mitte der Schrift hilft dabei viel. Aber das klappt nach meiner Beobachtung nicht mehr, wenn die Irrtumslosigkeit in Frage gestellt wird, und zwar aus den Gründen, die ich genannt habe. Dann werden die Gräben unüberbrückbar. Es ist eben doch ein grundsätzlicher Unterschied, ob ich bei allen fehlbaren Auslegungsversuchen von einer unfehlbaren Schrift ausgehe oder ob noch die Option dazu kommt, dass auch die biblischen Autoren mal Unfug geschrieben haben könnten (wie Dr. Breuer so schön formuliert hat). Bei Hossa Talk wurde kürzlich die These aufgestellt: Der Auferstandene soll die Mitte unserer Einheit sein. Aber wir sollen doch bitte nicht definieren, ob der Auferstandene leiblich auferstanden ist oder nicht. Das geht nicht aus meiner Sicht. Wenn Jesus nicht leiblich auferstanden ist, ist der Kern der Botschaft der Apostel außer Kraft gesetzt. Wenn das Grab voll war sollte man lieber von Erscheinungen sprechen statt von Auferstehung. Wenn aber jeder Begriff inhaltlich umgedeutet werden kann, dann zerbricht die Kirche. Genau das beobachte ich in meiner evangelischen Kirche.

          3. Antwort @Markus Till 16.7. 23:43

            Eine Unterscheidung zwischen irrtumsloser Schrift und irrtumsloser Interpretation ist nicht mein Punkt. Mein Punkt nochmals etwas zugespitzer formuliert:

            Auch wenn es blöd klingt:
            Die Feststellung, dass die Schrift keine Irrtümer/Fehler/Widersprüche enthält ist _nicht_ das Gleiche wie die Rede von der Irrtumslosigkeit der Schrift!

          4. Wenn man nur sagt, dass es einem der Geist nicht gestattet, von Fehlern/Irrtümern/echten Widersprüchen zu sprechen, dann ist das für mich gleichbedeutend mit dem Verständnis, dass Gott uns die Bibel genau in der Form als seinen autorisierten Text zur Verfügung stellen will, wie er es mit dem Kanon erreicht hat. Hiervon ist nichts wegzunehmen oder dazu zutun oder abzuändern (Sachkritik üben).

            Bereits diese Einschätzung kann man nur durch den Heiligen Geist bekommen. Bis hierher ist aber noch gar nichts zu richtigen Interpretation ausgesagt. Erst der Heilige Geist hilft uns dann bei der Interpretation, dass wir trotz der schwachen Knechtsgestalt der Schrift an sich nicht in die Irre gehen und mit seiner Hilfe (inkl. unserem Verstand) zu wahren Aussagen gelangen. Das möchte ich mal als die „kleine Irrtumslosigkeit“ bezeichnen. Um zu wahren Ausssagen zukommen wird in diesem Ansatz der Textgestalt eine geringe Bedeutung, dem Heiligen Geist als Interpret aber _die_ relevante Rolle zugemessen.

            Nun lässt die Chicago-Erklärung (hier: „die grosse Irrtumslosigkeit) die Rolle des Heiligen Geistes auch nicht ganz aussen vor, indem sie sagt, dass er unseren Verstand erleuchtet, um ihre Botschaft zu verstehen. Chicago verwirft jedoch die Ansicht, dass die Schrift an sich irrtümliche Aussagen mache (Artikel XI) und verknüpft so die von Gott erhaltene Textgrundlage bereits äusserst stark mit der unfehlbaren Interpretation derselben. Es entsteht der Eindruck, der Heilige Geist habe mit der Inspiration der Schreiber zur Niederschrift des Textes bereits auch 99% der Interpretationsarbeit für uns geleistet. Das führt dann logischerweise dazu, dass man dem Text/Schrift Eigenschaften zuschreibt, die eigentlich nur Gott selbst zustehen: Unfehlbarkeit, Irrtumslosigkeit.

            Nun, die Gemeindegeschichte belehrt uns, dass der Text und seine richtige und einstimmige Interpretation eben nicht immer nahe beieinderliegen, um es mal vorsichtig auszudrücken…

          5. Ich messe der Textgestalt UND dem Heiligen Geist eine unfassbar große Bedeutung zu. Und ich meine, genau das tut die Bibel auch selber. Ohne Heiliger Geist ist eine richtige Auslegung unmöglich. Irrtumslose Interpretation kann niemand für sich in Anspruch nehmen (Stückwerk). Aber ich kann dem Text selbst niemals Fehler, Widersprüche oder Irrtümer unterstellen. Salopp gesagt: Wenn mein Kopf gegen die Bibel knallt und es klingt hohl, dann verdächtige ich immer meinen Kopf, nicht die Bibel. Denn wenn die Bibel zwar ganz Menschenwort, aber gleichzeitig doch auch ganz Gotteswort ist, dann hat sie zwangsläufig auch die göttliche Eigenschaft der Unfehlbarkeit und der Irrtumslosigkeit – so wie Jesus ganz Mensch (Knechtsgestalt) und doch ganz Gott und ohne Sünde war.

          6. In dem von dir skizzierten Verständnis hat die Rede von der Irrtumslosigkeit der Schrift überhaupt keine praktische Relevanz/Sinn/Nutzen. Ob die Textgrundlage jetzt fehlerfrei ist oder nicht, kann in diesem Verständnis egal sein – denn: Man kommt ja eh nicht an die Irrtumslosigkeit heran, weil unsere Erkenntnis nur Stückwerk ist.

            Wenn man aber Gott selbst, den Heiligen Geist als Interpret der Textgrundlage auch sprachlich in Verbindung mit Irrtumslosigkeit/Wahrheit bringt, wird m. E. ein Schuh draus. Gott selbst lügt nicht. Erst in einem Reden Gottes würde ich auch den Begriff „Wort Gottes“ platziert sehen. Dass das Wort Gottes bereits im AT so hoch gehalten wird (Ps. 119) hat primär etwas damit zu tun, dass in ihm die Gegenwart Gottes erfahrbar war.

          7. Hallo,

            einen besseren Begriff für die Beschreibung der Qualität der Schrift möchte ich noch nachliefern. Oben hatte ich meine Position als die „kleine Irrtumslosigkeit“ bezeichnet. Um genauer zu sein, plädiere ich besser für eine

            „Vertrauenswürdigkeit der Schrift“

            und für eine „Irrtumslosigkeit des Geistes“.

            Gruss toblog

          8. Für meine persönliche Spiritualität, meine praktisch gelebte Beziehung mit Gott, ist die Geistesgegenwart unabdingbare Voraussetzung, damit Wort Gottes kraftvoll in mein Leben wirkt. Auch dafür ist die Irrtumslosigkeit des Textes für mich enorm wichtig, weil es mich erzieht, mich auch bei schwierigen Stellen voll und ganz dem Text auszusetzen und mich nicht hinter Irrtümern und vorschneller Annahme von Zeitbedingtheit zu verstecken. Erst recht ist die Irrtumslosigkeit in der theologischen Arbeit entscheidend wichtig. Ich habe in den letzten so viele theologische Texte gelesen, die mir in geradezu gruseliger Weise gezeigt haben, wohin es führt, wenn menschliche Kriterien, Methoden und Erkenntnisse zum Richter über richtig und falsch gemacht werden. Auch unter Bibeltreuen gibt es unterschiedliche Auslegungen und Ringen um die Wahrheit. Aber unter denen, die die Bibel für fehlerhaft halten, wird es ufer- und grenzenlos. Worthaus ist ein gutes Beispiel dafür. Hossa Talk leider ebenso. Und die universitäre Theologie sowieso.

  4. Für mich ist es wichtig: Wer unterscheidet dann zwischen Menschenwort und Gotteswort, zwischen Wahrheit und Irrtum…..
    Niemand der sich von der Irrtumslosigkeit der Schrift verabschiedet hat, konnte diese Frage jemals beantworten….
    daran sieht man ja ,die Bibel kann hinterfragt werden, und es bleibt doch absolute Wahrheitsanspruch bestehen, wer die Göttliche Wahrheit herabstuft (nach menschlicher Weisheit ) der will nur seinem eigenen Willen dienen.

  5. Lilli schrieb: „Für mich ist es wichtig: Wer unterscheidet dann zwischen Menschenwort und Gotteswort, zwischen Wahrheit und Irrtum…..“
    Nun, die Kirche (damit meine ich die katholische Kirche) hat nach ihrer Ansicht das Lehramt.
    Als dann Luther kam, meinte dieser die Bibel lege sich selber aus. Aber er hatte dann doch Streit über die richtige Auslegung der Schrift mit einigen seiner Mitreformatoren und auch mit den Wiedertäufern und wollte recht haben mit seiner eigenen Auslegung. Die aus der Reformation entstandenen Kirchen und Gemeinden sind sich zum Teil ja auch nicht einig. Da gibt es die Lutheraner, die Calvinisten usw. usw.
    Ergo: Offenbar sollte es doch eine Instanz geben, die die Bibel verbindlich auslegt.
    Heute aber kann jeder Theologe sagen: Ich habe recht. Diese oder jene Bibelaussage ist so zu verstehen wie ich sie sehe, weil usw. usw. Am Ende ist, wie wir heute sehen, die Verwirrung groß.
    Man könnte aber auch begründet zur Meinung gelangen, daß diejenigen, die zeitlich gesehen am nächsten den Aposteln waren, besser verstanden haben, was Jesus nun im Einzelnen gemeint und gesagt hat als jene, die erst nach hunderten oder noch mehr Jahren die Bibel gelesen haben.

    1. Heinz Weber, tragen sie nicht auch gerade zur Verwirrung bei? wenn sie sagen; die katholische Kirche hat das Lehramt, und damit recht? Luther war es doch ein großes Anliegen, das jeder Mensch sich auch selbst seinen Glauben aneignet, indem er selber die Bibel lesen kann.
      Und die Apostel; wir haben doch in der Schrift, die Evangelien und Briefe, wir sind genauso nahe dran, an Jesus Christus, wir können uns selber ein umfangreiches Bild machen.

  6. @Lilli
    Nun, ich habe gesagt, die katholische Kirche habe aus ihrer eigenen Sicht das gültige Lehramt. Daß die Protestanten das bestreiten, ist auch klar.

    Luther war es freilich ein Anliegen, jeder könne aus der Bibel die Wahrheit erkennen. Trotzdem hat er denen widersprochen, die manches anhand der Bibel anders gesehen haben wie z.B. die Wiedertäufer, die er sogar einen Kopf kürzer gemacht sehen wollte.
    Es geht doch hier um die Auslegung der Bibel und diese ist beileibe nicht einheitlich unter denen die sich ausschliesslich auf die berufen. Warum gibt es denn so viele unterschiedliche Richtungen unter den Protestanten. Katholiken haben einen!!! Papst, Protestanten so könnte man sagen, haben viele eigene Päpste, weil jeder Lehrer anhand der Bibel meint, es wisse dies und jenes besser. Wenn man sich mal mit den unterschiedlichen protestantischen Richtungen näher beschäftigt, wird man das bald erkennen. Die liberaleren Evangelikalen sehen doch manche Bibelstelle anders als die weniger liberalen. Es ist doch heute jedem sichtbar, daß unter dem Wort „bibeltreu“ unter denen, die allein die Bibel für richtig und wichtig halten, sich deutliche Unterschiede finden lassen. Das geht bis in die christliche Ethik hinein und ist somit nicht unbedeutend.

    1. @Heinz Weber
      Das alles ist nicht unbedeutend, da haben sie völlig recht, bei all den Streitereien und Rechthaberein, habe ich mal in der Bibel nachgeschaut, wie es wohl damals war, also die haben auch um eine reine Lehre gerungen.
      Petrus z.B.; in der Apostelgeschichte 11. als Gott das Leinentuch mit den vierfüßigen Tieren vom Himmel herabließ, und die Stimme sprach schlachte und iß, die erste Reaktion von Petrus: oh nein Herr….–Petrus ist nicht der einzige der so reagiert, es gibt noch einige, Mose; ne, kann ich nicht, such dir einen anderen aus, usw. ganz schön anmaßend. Petrus weigerte sich, es passte nicht in seine jüdische Lehre, Gott mußte ihn regelrecht zum Gehorsam anschieben, als sich dann die ersten Heiden bekehrt hatten, und Petrus kam wieder zurück zu seinen Brüdern …stritten sie mit ihm…hier ging es also um eine neue Lehre, die nicht einfach übernommen wurde, als er ihnen dann alles erzählte wie es sich zugetragen hat….schwiegen sie und lobten Gott….hierbei fällt mir auf, die Männer vertrauten Petrus, und konnten das gesagte als Wahrheit annehmen.
      Heute gibt es viele Stimmen, und die sind nicht immer vertrauenswürdig, es ist ein regelrechter Kampf um die Wahrheit entstanden.
      Wenn Dr. Markus Till sagt; wenn er in die Bibel schaut, öffnet sich ihm eine ganz andere Welt, dann würde ich darin sogar den Schlüssel fürden Erhalt der reinen Lehre sehen,…da steht nichts vom Papst und von Luther….. __da steht von Jesus__ wer von Wahrheit reden will, kann an Jesus nicht vorbei.

  7. @Lilli
    Um auf deinen letzten Satz einzugehen:
    Jesus ist das A und O der heiligen Schrift und ich sage es nochmals deutlicher: Es ist Jesus, der Gekreuzigte. Ohne das Kreuz , damit meine ich das richtige Verständnis des Kreuzesopfers Jesu, geht alles daneben. Bruder Konrad von Parzham hat einmal gesagt. Das Kreuz ist das Buch, aus dem ich alles lese.
    Ein anderer hat gesagt: Gott ist die Liebe, aber diese Liebe ist gekreuzigt, man findet sie nur am Kreuz.
    Die Streitigkeiten um die Bibel sind doch oft nur dadurch bedingt, daß Menschen den Gekreuzigten nicht kennen und daher auch nicht lieben und sich dann oft wegen Nebensächlichkeiten streiten, die nicht wichtig sind. Wer glaubt und weiß, daß Jesus Gottes Sohn ist, also Gott im Fleische, der hat auch keine Probleme mit Wundern, mit der Auferstehung und manch anderem mehr wie die modernen Theologen, die ein seichtes Christentum lehren. Und ein Wunder, das jeder Mensch selber erleben kann, ist doch das Wunder der Bekehrung, die den Menschen erneuert und ihm eine neue Gesinnung gibt. Kein Mensch kann das aus eigenem Bemühen erreichen. Auch wenn jemand nach der Bekehrung noch Unvollkommenheiten hat, so ist damit wenigstens ein Anfang einer Änderung gemacht, die freilich noch weiter gehen sollte.
    Wer Jesus , den Gekreuzigten mehr und mehr liebt, der wird auch mehr und mehr in IHN verwandelt.

  8. Lieber Herr Till

    Ich muss – zwar nicht in der Form aber in der Sache – Margita recht geben. Ich war wirklich enttäuscht, im Abschnitt „Was die Kirchenväter dachten“ lediglich ein Lutherzitat über Augustinus zu lesen. Das ist dem komplexen Thema Kirchenväter und Schriftverständnis wirklich nicht angemessen. Die Bibliothek der Kirchenväter steht Ihnen online zur freien Verfügung. Ich halte es für geboten, bei so einer Thematik sich eigenständig ein Bild von dem Denken und Glauben der Kirchenväter zu machen. Leider erweckt das wieder einmal den Eindruck, dass man in evangelikalen Kreisen den Anfang der Kirchengeschichte erst bei der Reformation ansetzt. Zudem scheint es einmal mehr so, dass das Denken und Argumentieren Luthers (oder auch anderer Reformatoren) Grundvoraussetzung für jede theologische Debatte sind. Ich behaupte, dass kein einziger Papst auf die Theologie der katholischen Kirche so viel und nachhaltig Einfluss gehabt hat, wie das Individuum Martin Luther auf den Protestantismus. Wieso ist da niemand, der das gründlich hinterfragt?

    So hätten Sie den Passus Ihres Artikels besser „Was Luther zitierte“ genannt. Selbstverständlich hatten die Kirchenväter an der Autorität und Verlässlichkeit der kanonischen Schriften keinen Zweifel. Wer hier mit Augustinus argumentiert muss jedoch auf einräumen, dass für Augustinus die alttestamentlichen Bücher Judit, Weisheit Salomos, Tobias, Jesus Sirach, Baruch und 1. und 2.Makkabäer ebenso kanonisch waren. Ich meine sogar irgendwo gelesen zu haben, dass Augustinus die Didache für autoritativ gehalten hat, kann es aber gerade nicht rezitieren.

    Ambrosius (+397) lehrt zum Beispiel das Folgende: „Reden wir also vom Herrn Jesus; denn er ist die Weisheit, er ist das Wort: Gottes Wort. Denn auch das steht geschrieben: „Öffne deinen Mund für das Wort Gottes!“ (vgl. Psalm 81,11 Lat.) Ihn atmet, wer seine Worte wiedergibt und seine Reden bedenkt. Ihn lasst uns immer aussprechen.“ (aus einer Auslegung zu Psalm 27)

    Es ist also klar, dass das Wort Gottes Jesus Christus selbst ist und nicht einfach die Heilige Schrift. Die Reduktion des Begriffes Wort Gottes auf die Heilige Schrift ist unzulässig, denn sie ist unbiblisch (vgl. Joh1,1.14; Joh21,25).

    Wer die Kirchenväter aufmerksam studiert, wird ebenso feststellen, dass der Glaube der Kirche auf der Apostolischen Überlieferung basiert und dass deren Glaubenstreue dieser Überlieferung galt. Und die Heilige Schrift ist ein Teil dieser Überlieferung, nicht der einzige Teil, wenn auch der mit Abstand wichtigste. Gegründet auf den Aposteln und Propheten (Eph2,20) bedeutet eben nicht einfach nur gegründet auf dem Neuen und Alten Testament. Aus der Didache lässt sich rekonstruieren, dass Apostel und Propheten eben jene Personen waren, die das Evangelium in die Welt getragen und die Gemeinden unterwiesen haben. Die Kirche ist erbaut auf dieser von den 12 Aposteln und der Urgemeinde ausgehenden Lehr- und Leitungsstruktur verwirklicht in realen Personen. Die Kirche ist eben nicht einfach auf einem Schriftstück erbaut, sondern auf Menschen, die als Werkzeuge des Heiligen Geistes die Lehren Jesu und der Apostel weitergeben. Alles in allem ist die Kirche das Fundament der Wahrheit (1.Tim3,15) und diese hat die Heilige Schrift in ihrer uns vorliegenden Form als höchst-autoritatives, endgültiges und zuverlässiges Zeugnis des Wortes Gottes erkannt.

    Ich finde es auch befremdlich, dass hier wieder gegen das Lehramt argumentiert wird. Das Lehramt (in der katholischen Version des Begriffes: „der Bischof zusammen mit allen Bischöfen und dem Papst“) hat die Aufgabe, die Auslegung der Schrift innerhalb des Rahmens apostolischer Überlieferung sicherzustellen. Es geht dabei um Objektivität bezüglich biblischer Lehre und nicht um ein Bibel plus X. Das Lehramt steht nicht über der Schrift, es dient der Schrift. Der Bischof ist Haushalter Gottes (Tit1,7). Damit ist seine Autorität als Hirte der Kirche und Aufseher über die rechte Lehre direkt auf die Apostel gegründet, denn der Begriff des Haushalters aus Tit1,7 ist angelehnt an den Haushalter Eljakim, der in Jesaja 22 von Gott die Schlüssel Davids bekommt, eben jene Schlüssel, die Jesus Petrus übergibt (Mt16,18-19). Und Petrus mit seinem Bekenntnis ist der Fels, auf dem Jesus eine unüberwindbare Kirche baut. Eljakim ist der Truchsess des Königs. Er ist herrschaftlich gekleidet und hat exekutive Gewalt. Er ist dem Volk Vater. Das alles als Stellvertreter des Königs. Darin begründet sich die Rolle des Bischofs als Patriarch, als oberster Lehrer, als Stellvertreter Christi (vgl. hierzu den Bischofsbegriff z.B. bei Ignatius von Antiochien und Cyprian von Karthago).

    Der Protestantismus führt sich durch seine bis ins unkenntliche gehende Zersplitterung selbst ad absurdum, insbesondere, da auch die meisten christlichen Sekten auf Basis des Protestantismus entstanden sind. Ohne die Unterordnung unter ein Lehramt, das die verschiedenen theologischen Denkrichtungen kritisch prüft und gegeneinander abwägt und das bei Disputen verbindliche Lehrentscheidungen trifft, ist Kirche im Sinne Jesu (Joh17,21) nicht möglich.

    Auf die Gefahr hin, mich zu widerholen, die evangelikale Welt krankt meines Erachtens an den Folgen des Dogmas von der Unfehlbarkeit einer verbalinspirierten Heiligen Schrift. Dieses Dogma spricht dem Bibelleser zu, dass sich ihm die Wahrheit in der Bibel ungefiltert und objektiv selbst offenbart.

    Während die alte Kirche glaubte, dass objektive Erkenntnis dann vorliegt, wenn eine Versammlung (Konzil) aller Kirchenleiter (Bischöfe) in Einmütigkeit über eine Sachfrage entscheidet (vgl. Apostelkonzil, Nicea, Calcedon…), während die Katholische Kirche in einem derartigen Prozess dem Bischof von Rom unter ganz bestimmten Umständen ein Sonderrecht einräumt (Unfehlbarkeit des Papstes), glaubt man in der evangelikalen Welt, man hätte mit der Bibel die objektive Wahrheit in der Hand und bräuchte sie nur aufzuschlagen.

    Dabei wird viel zu wenig reflektiert, dass die vorliegende Schrift selbst schon eine Verfälschung ist, denn jede Übersetzung muss notgedrungen Abstriche in der Genauigkeit der Wiedergabe von Sprachbildern machen. Jede Übersetzung ist selbst auch schon Exegese. Auch das Lesen eines Textes bringt eine weitere Verfälschung mit sich, denn ein Leser liest nie ohne Vorbedingungen. Und diese Vorbedingungen beeinflussen das Verstehen massiv.

    Wenn 50 Mitglieder einer kongregationalistisch geführten Freikirche aus west-europäischen gesitteten, gutbürgerlichen Verhältnissen zusammenkommen und in Lehrfragen „bibeltreu“ einmütig beschließen, dann kann das keine objektive Wahrheit sein. Dazu ist der kulturelle Einfluss von Humanismus, Rationalismus, Individualismus, Materialismus etc. auf Denken und Verstehen viel zu groß, ebenso wie der Einfluss des sozialen Milieus. Hinzu kommen die theologischen Prämissen je nach Denkrichtung: pietistisch, darbystisch, baptistisch, adventistisch, lutherisch, pfingstlerisch und wie sie alle heißen.

    Autorität liegt biblisch gesehen nie in Gegenständen, sondern immer in Personen. Was ich wirklich beunruhigend finde ist, dass Sie in ihrer gesamten Ausführung der Heiligen Schrift personale Charakteristika zuschreiben:

    – Sie fragen „Was sagt die Bibel selbst dazu?“ – Inwiefern kann die Bibel sprechen?

    – Sie fragen „Hält die Bibel sich selbst für unfehlbar?“ – Diese Frage impliziert Selbstbewusstsein.

    – Sie konstatieren „Die Bibel ist unfehlbar in dem, was sie aussagen will! Sie ist irrtumslos in Bezug auf ihre Aussageabsicht!“ – Diese Aussage bedingt freien Willen.

    – Sie konstatieren „Über all dem muss letztlich die Schrift regieren! Sie hat das letzte Wort! Sie muss sich selbst auslegen!“ – Ein Text regiert? Ein Text sagt, wie man ihn zu lesen hat? Ein Text hat das letzte Wort?

    – Sie zitieren die Bibel habe Anteil am Wesen Gottes – Grenzt das nicht schon an Götzendienst? Bietet sich da nicht jeder Karikatur a la Vierfaltigkeit Nährboden?

    Die Bibel ist keine Person! Sie hat keinen Willen, hat kein Selbstbewusstsein und hat keine Autorität. Sie kann nicht sprechen noch anderweitig handeln. Die Bibel ist für sich genommen ein totes, antiquiertes, beliebig zusammengestelltes Sammelsurium antiker religiöser Texte mit großer Heterogenität und sachlichen Widersprüchen. Niemand kann allein durch Lesen der Bibel zum Glauben an Christus und zur Fülle der uns heute bekannten geoffenbarten theologischen Wahrheit gelangen wie sie uns z.B. im Apostolikum komprimiert vorliegen. Dies gelingt NUR durch Wirken des Heiligen Geistes UND im gelebten Glauben der Kirche (konkret sogar in den allermeisten Fällen in einer Ortsgemeinde). Erst diese beiden Faktoren bewirken und begründen das Vertrauen in die Zuverlässigkeit der Schrift.

    Nur der Heilige Geist und die jeweiligen Verkündiger des Wortes als Personen im Dienste des Heiligen Geistes haben das Charakteristikum zu sprechen. Die Bibel spricht nicht.

    Nur der konkrete Gläubige kann aus der gelebten Beziehung zu Gott heraus durch Wirken des Heiligen Geistes die Heilige Schrift für unbedingt vertrauenswürdig halten, als ein Glaubensakt, der personales Selbstbewusstsein voraussetzt. Die Bibel ist sich ihrer selbst nicht bewusst.

    Der Heilige Geist hat als Person einen Willen, ebenso wie die Menschen, die er als Autoren der Heiligen Schrift gebraucht hat. Die Schrift selbst kann nichts aussagen WOLLEN, sie hat keine ABSICHT.

    Im Deutschunterricht eines jeden Gymnasiums wird mehr darüber gelehrt, wie man mit Texten umgeht, als sich in tausendfünfhundert Seiten Bibeltext an Information darüber finden lässt. Die Bibel sagt gar nichts darüber aus, wie man sie auszulegen hat. In der Bibel steht nicht, dass man Hld1,12 mit Joh12,3 auslegen kann. Dies ist eine Transferleistung des Auslegers.

    Die Schrift kann nicht regieren, denn sie ist nicht in der Lage zu handeln. Menschen regieren, denn Menschen sind personale Wesen. Und all Ihre Macht haben sie geliehen von dem einen, der über alles regiert: Jesus Christus, der mit dem Vater in der Einheit des Heiligen Geistes zusammen herrscht von Ewigkeit zu Ewigkeit. Die Ernennung der Bibel zur „Königin“ ist nicht weniger problematisch als eine Überbetonung der Mutter Jesu als Königin.

    All die personalen Eigenschaften, die Sie hier der Heiligen Schrift zugesprochen haben, fallen letztendlich auf den Leser der Schrift zurück, denn der Leser bzw. Ausleger bemächtigt sich des Textes der Heiligen Schrift, in dem er ihm eine bestimmte Bedeutung beimisst oder Schriftstellen in einen Sinnzusammenhang setzt. Letztlich hat durch das Dogma von der Unfehlbarkeit der Bibel der Leser die objektiv gültige Wahrheit in der Hand, die sich ihm unverfälscht offenbart und mit der der Leser dann letztlich regiert. Welch fatale Situation, wie die Geschichte des Protestantismus zweifelsfrei lehrt. Hier hilft leider nicht nur eine Hermeneutik der Demut, sondern es bedarf dringend auch des Gehorsams des Lesers unter ein Lehramt, das, wie oben gezeigt, hinreichend biblisch begründet ist.
    Ein Plädoyer für die Wiedereingliederung der evangelikalen Welt unter ein bischöfliches Lehramt in Apostolischer Sukzession!

    1. @ Katholikos,
      also, ich bin ja kein Gelehrter der Schrift, so wie sie, aber beim lesen ihres Kommentars, habe ich einen immer heftigeren Wiederstand in mir wahrgenommen, sie geben ja den Heiligen Geist, die Auslegung der Bibel und quasi alle gläubigen Menschen, in die Hand von bestimmten auserwählten Menschen. Ich möchte nicht um 7 Ecken, etwas aus der Bibel von Jesus erfahren, Gott spricht direkt aus der Heiligen Schrift zu mir, und das sehr lebendig.
      Steht doch in 1.Korinther1.18-30, daraus 2 Verse, Sondern was töricht ist vor der Welt, das hat Gott erwählt, damit er die Weisen zuschanden mache; und was schwach ist vor der Welt, das hat Gott erwählt, damit er zuschanden mache, was stark ist;
      und das Unedle vor der Welt und das Verachtete hat Gott erwählt, das da nichts ist, damit er zunichte mache, was etwas ist, 1.Kor.1. 27,28
      Heinz Weber hat oben gepostet, –Gott ist die Liebe, aber diese Liebe ist gekreuzigt, man findet sie nur am Kreuz– da habe ich mehr verstanden, als in ihrem langen Text, können sie sich vorstellen, das durch diesen einen Satz, der Heilige Geist mir die wunderbare tiefe Liebe Gottes ins Herz gegeben hat, ohne Umwege?
      Natürlich brauch es die Wachsamkeit über die reine Lehre, Lehramt und was da sonst noch wichtig ist, aber das alles steht doch nicht über die Erkenntnis der direkten Aussage der Bibel und schon gar nicht über Jesus Christus.
      Worauf hätte ich dann meinen Glauben gebaut? auf Luft?

      1. @Lilli

        ich argumentiere nicht dagegen, dass Jesus sich Ihnen persönlich in der Heiligen Schrift mitteilt. Selbstverständlich gehört die Heilige Schrift in die täglich gelebte Glaubenspraxis eines jeden Christen. Jedoch ist das, was ein jeder von uns in der Heiligen Schrift liest und was Gott uns offenbart subjektiv. Ich denke, Sie würden mir zustimmen, dass man als Christ das Korrektiv einer Gemeinde braucht, oder? Ich dehne dieses Prinzip auf die gesamte Christenheit aus indem ich behaupte, viele Gemeinden brauchen in ihrer subjektiven Sicht auf das, was sie für biblisch halten, das Korrektiv einer Autorität über der Ortsgemeinde. Eben genau das ist es, was bis zur Reformation Standard war. Der Bischof ist Aufseher über die rechte Lehre der Kirche und die Gesamtheit aller Bischöfe kann in Einmütigkeit zum Beispiel einen Glaubenssatz wie die Dreifaltigkeit dogmatisieren. Das spricht Ihnen in keinster Weise die Möglichkeit ab, dass sich ihnen persönlich Gott in der Schrift offenbart.

        1. @Katholikos,
          Wenn ich ihnen zustimme, dann stellen sie mich ja unter ihren Vorbehalt, das meine Erkenntnis, wie die Schrift sich mir offenbart, ungültig ist, weil sie ja nicht (auch die Gemeinde nicht) unter einem Lehramt steht, also alles reine Privatsache (keine gültige Wahrheit).
          Angenommen; ich hätte ein Buch über mich geschrieben, jemand, der mich nicht kennt, ließt es, versteht vieles nicht, der müßte mich also aufsuchen und fragen; wie hast du das gemeint?
          Muß man sich im Himmel anmelden, um mit Gott zu reden?
          Nein, wenn ich fragen zu Gottes Wort habe,bekomme ich Antworten, durch das Wort, also direkt von Gott, weil Gott selbst im Wort ist,ist es lebendig und kann reden.
          Joh.1, 14 und das Wort ward Fleisch…… wenn Gott für das Wort, Fleisch machen kann, dann kann ER auch aus Schrift und Text,–Leben– machen, od. wie kommt das Leben aus der Bibel? und wie kommt es da hinein?

          1. @Lilli

            warum stecken Sie in so einem Schwarz-Weiß-Denken fest? Warum glauben Sie unter einem Lehramt wäre ihre persönliche Gotteserkenntnis durch Bibellesen oder auch die einer Gemeinde „ungültig“. Ich habe Sie gefragt, ob Sie der Ansicht sind, dass man als einzelner Christ das Korrektiv einer Gemeinde braucht. Nehmen wir einfach nur an, dass Sie Teil eines kleinen Hauskreises sind, mit jungen und erfahrenen Christen. Warum sollte Ihre Erkenntnis grundsätzlich ungültig sein, bloß weil da ein erfahrenerer Christ die Bibel besser kennt als Sie? Das macht keinen Sinn? Und Sie werden sich ohnehin immer irgendeiner Autorität (Pastor, Hauskreisleiter, geistlicher Begleiter etc.) unterordnen, dessen Verständnis der Bibel sie letztlich Ihr Vertrauen entgegensetzen.

            Die Akzeptanz eines Lehramtes bedeutet anzuerkennen, dass alles persönliche Erkennen Stückwerk ist und man weder als Individuum noch als lokale oder auch nationale Gemeinschaft die objektive (!) Wahrheit besitzt.

            Wenn der Pastor Ihrer Gemeinde predigt, dass die Jungfrauengeburt lediglich symbolisch gemeint ist und ihnen das sogar biblisch begründet, wenn der Pastor in der Nachbargemeinde das Gegenteil lehrt und ebenso biblisch begründet? Wer hat dann recht? Man könnte noch viele andere Themen nennen, wo evangelikale Gemeinden größte Diversität in der Lehre aufweisen, die teilweise bis an die Frage reichen, ob man überhaupt als Christ oder Teil der Gemeinschaft angesehen wird. Jeder behauptet seine Sicht wäre biblisch.

            Das Problem ist einfach, dass von einem Text – und die Bibel ist ein Text – keine Autorität ausgeht, sondern Autorität von Menschen ausgeht (von Gott geliehen). Jemand, der die Bibel auslegt, bemächtigt sich des Textes zugunsten seiner Aussage. Sie entscheiden, ob Sie der Auslegung folgen und damit sich der Autorität des Auslegers unterordnen, oder Sie entscheiden sich gegen diese Interpretation und akzeptieren somit die Autorität des Auslegers in dieser Sache nicht. Die Autorität geht niemals vom Text aus.

          2. @ Lilli. Was Sie schreiben ist unlogisch. Wenn Sie ein Buch über sich geschrieben hätten, dann müsste alles über Sie im Buch stehen und es dürften keine weiteren Fragen über Sie aufkommen. Wäre jedoch DAS der Fall, müsste man tatsächlich mit Ihnen in persönlichen Kontakt kommen, um die Unklarheiten zu klären und das Fehlende zu ergänzen.
            In gleicher Weise muss man zu Gott kommen, um die Bibel zu verstehen, weil sie allein NICHT genügt, um zu klaren Verständnis zu kommen. Genau so ist es ja auch vorgesehen. Wer zu Gott geht, „bekommt“ Erkenntnisse. Diese geben das rechte Verständnis: „Ihr werdet die Wahrheit ERKENNEN“ (Joh. 8,32). Der Geist erforscht alles (2. Kor. 2,10). Leider aber sind Christen spirituell sehr genügsam, so dass sich kaum einer daran macht, in dieser Hinsicht zu handeln. Und die danach gehandelt haben, werden dann oft noch als Irrlehrer gebrandmarkt, da die einfachen Christen dem nicht folgen wollen oder können. Sie wollen nur immer die gleichen Worte hören.

    2. Sehr geehrter Katholikos,

      Ihre hier getroffenen Ausführungen finde ich durchweg schlüssig und begründet.

      Ich danke Ihnen für Ihre Mühe.

  9. ne, ne, ne, Manfred Reichelt, bitte jetzt nicht alles verdrehen!
    Das mit dem Buch habe ich ja geschrieben, weil jedes Buch und Text ein toter Gegenstand ist, man kann daraus nur das entnehmen was da auch steht. Anders, die Bibel, die Katholikos ja auch (Buch und Text) als toten Gegenstand bezeichnet, sie ist aber das einzige Buch, aus dessen Text sich Gott selbst offenbart, das Wort Gottes also.
    Jetzt; ihr werdet die Wahrheit erkennen: dazu muß ich mit Jesus leben, weil ER die einzige Wahrheit ist.
    Nun; Der Geist erforscht alles,—der Heilige Geist offenbart mir etwas von der Herrlichkeit Gottes, damit der Mensch zur Anbetung und zum Lobpreis Gottes findet.— danach handeln? nein das kann ich mir nicht zu eigen machen.
    Um zum klaren Verständnis zu kommen, muß sogar die Bibel allein ausreichen.

  10. @Katolikos,
    Warum glauben sie unter einem Lehramt wäre ihre persönliche Gotteserkenntnis durch Bibellesen oder auch die einer Gemeinde –ungültig–
    …nicht direkt, aber indirekt ist es schon so….,was im Rahmen des Hauskreises geschieht, steht doch auch unter dem Lehramt, od. gilt, und wird es als absolute Wahrheit angesehen, was der erfahrene Christ an Offenbarung die er empfangen hat weitergibt?
    Erkenntnis ist Stückwerk, dann auch für das Lehramt!
    Wenn Pastoren unterschiedlich predigen, wer hat dann Recht? die Bibel natürlich, sie muß Wahrheit bestätigen, das ist ja nicht einfach, darum gehen ja zur Zeit die vielen Streitigkeiten, aber deshalb kann man ja nicht einfach sagen, (vielleicht sogar mit ein bißchen(viel) Schadenfreude), seit der Reformation geht es bei den Protestanten… nur noch alles durcheinander und führt überall zu streitereien, was ja vor Luther alles wunderbar in ordnung war. Allerdings , die Katholische Kirche schweigt lieber , und lebt in ihren Traditionen, da kann man auch nicht so viel Falsch machen!?
    In ihrem letzten Abschnitt entmündigen sie Gott, da sie ja unterstellen, vom Text (Gottes Wort) geht keine Autorität aus.
    Meine Frage: wehr besitzt die Wahrheit?

  11. @Manfred Reichelt,
    also wenn mich Jemand in aller Öffentlichkeit, als Irrlehrer brandmarkt, würde ich aber sofort (unverblümt) ein klares Bekenntnis zu Jesus Christus abgeben, nicht um meine Ehre zu retten, sondern Christus zu ehren.
    Einem Christen ist das wohl das höchste Anliegen, allein Jesus die Ehre zu geben.

  12. Wenn hier alle so an die Unfehlbarkeit der Bibel glauben, warum handelt ihr dann nicht danach ? Einer der einfachsten Sätze, den jeder ohne viel pseudowissenschaftliches Bibel-Geschwurbel verstehen kann, dindet sich in Matthäus 19,21:
    „Jesus sprach zu ihm: Willst du vollkommen sein, so geh hin, verkaufe, was du hast, und gib’s den Armen, so wirst du einen Schatz im Himmel haben; und komm und folge mir nach!
    Da der Jüngling das Wort hörte, ging er betrübt davon; denn er hatte viele Güter.
    Jesus aber sprach zu seinen Jüngern: Wahrlich, ich sage euch: Ein Reicher wird schwer ins Himmelreich kommen.
    Und weiter sage ich euch: Es ist leichter, dass ein Kamel durch ein Nadelöhr gehe, als dass ein Reicher ins Reich Gottes komme. “

    Nun, das ist doch wohl sowas von eindeutig und einfach zu verstehen, warum handeln die ganzen Jesus-Gläubigen hier nicht danach ? Nein, lieber wird hier stundenlang, tagelang, wochenlang rumdiskutiert, was irgendjemand mal irgendwann gesagt und gemeint haben könnte, gefolgt von ständigen Bekenntnissen, die Bibel ist unfehlbar, Jesus steht über allem blabla usw.

    So, wer von euch hat nun bereits alles verkauft und hat’s den Armen geschenkt ? Weil als Reicher wird das mit dem Freifahrtsschein zum Paradies wohl offensichtlich nichts. Da hier ja alle unendlich viel Zeit haben zu scheinen über die Bibel und deren Auslegeung zu diskutieren, was einen funktionierenden Internet-Zugang, einen PC oder ähnlich teures Zeug voraussetzt, sprich geregeltes Einkommen sowie dadurch ein gewisses Maß an Reichtum, gehe ich davon aus, niemand der hier ach so bibeltreuen Mitdiskutanten und Blogbetreiber hat bereits alles verkauft oder das auch nur in Erwägung gezogen, der Bibel in diesem einfachen Satz zu folgen.
    Ist halt wie immer, alles nur Rosinenpicker-Christen wie 99,999% aller Christen, wo es einem gerade in den Kram passt, werden schlaue Bibelsprüche zitiert, und ansonsten diskutiert man hier lieber im warmen Zimmer vor dem PC noch jahrelang herum, wer nun der clerverste Bibelinterpret ist.
    Viel Spaß übrigens auch beim Diskutieren über die Unfehlbarkeit der Bibel, ich werfe noch mal Exodus 21 in den Raum, da findet sich eine genaue Handlungsanweisung wie Sklaven zu halten sind. Wohlgemerkt, wie Sklaven zu halten sind – und nicht, dass Sklaverei zu verbieten ist, wie man es von so einem schlauen Buch eigentlich erwarten könnte.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.