Macht – Die dreifache Versuchung für christliche Leiter

Die Bibel berichtet, dass Jesus sich vor dem Beginn seines öffentlichen Dienstes einer besonderen Prüfung unterziehen musste. Nach einer 40-tägigen Fastenzeit in der Wüste wurde er dreifach vom Teufel versucht (Matthäus 4, 1-11; siehe auch Lukas 4, 1-13). Diese kurze Geschichte ist vor allem für christliche Leiter von enormer und grundlegender Bedeutung. Denn die Strategien des „Versuchers“ (in der Bibel eine andere Bezeichnung für den Teufel) sind bis heute die gleichen geblieben:

1. Missbrauch der eigenen Macht

Als Jesus nach der langen Fastenzeit überaus hungrig war, machte ihm der Teufel einen verführerischen Vorschlag: „Wenn du der Sohn Gottes bist, befiehl doch, dass die Steine hier zu Brot werden!“ Keine Frage: Jesus hätte das gekonnt! Wer Wasser in Wein verwandeln kann, kann auch Steine in Brot verwandeln. Aber er wusste, dass er seine Macht nicht beliebig für die eigene Bedürfnisbefriedigung missbrauchen durfte.

Missbrauch der eigenen Macht ist bis heute eines der größten Probleme in unseren Gemeinden. Kirchen- und Gemeindeleiter missbrauchen ihre Macht, um ihre eigene Position und die eigenen Kirchen- und Gemeindestrukturen abzusichern. Wie viele Aufbrüche wurden abgewürgt, weil sie nicht die bestehenden Strukturen gestützt haben, sondern weil der neue Wein neue Schläuche gebraucht hätte? Wie viele Aufbrüche wurden bekämpft, weil sie den Wünschen der Mächtigen in Kirchen und Gemeinden widersprachen? Wie viele Gottesdienste und Gemeinden sind routiniert und kraftlos, weil Kirchen- und Gemeindeleiter ihre Macht missbrauchen, um Veränderung zu unterdrücken? Wie viel kraftvolles Gotteswort ist verloren gegangen, weil die Mächtigen in Kirchen und Gemeinden das Kanzelrecht aufgrund von Ämtern und Ausbildung vergeben statt aufgrund von Gabe und Berufung?

Jesus antwortet mit einem Schriftwort: „In der Heiligen Schrift steht: Der Mensch lebt nicht nur von Brot. Nein, vielmehr lebt er von jedem Wort, das aus dem Mund Gottes kommt.“ Wo geistliche Leiter nur ihre eigenen Brötchen backen, verhungern Kirchen und Gemeinden. Geistliches Leben entsteht dort, wo wir dem kraftvollen Wirken von Gottes Wort Raum geben, auch wenn wir die Wirkungen dieses Wortes nicht kontrollieren können.

2. Missbrauch der Nähe zur Macht Gottes

Im zweiten Anlauf versucht der Teufel, Jesus mit seiner Nähe zur Macht Gottes zu verführen: „Wenn du der Sohn Gottes bist, spring hinunter! Denn in der Heiligen Schrift steht: ›Er wird seinen Engeln befehlen: Auf ihren Händen sollen sie dich tragen, damit dein Fuß nicht an einen Stein stößt.‹“ Jesus war sich der Macht Gottes sicher bewusst. Gott sandte ihm immer wieder Engel, so auch am Ende dieser Geschichte in der Wüste. Und was wäre das für eine Show gewesen! Ein Mann, der vom Dach des Tempels springt und von Engeln aufgefangen wird, bräuchte nicht mehr mühsam um Respekt und Aufmerksamkeit kämpfen.

Auch heute noch ist die (gefühlte oder angemaßte) Nähe zur Macht Gottes eine gewaltige Versuchung für christliche Leiter. Ich denke an manche charismatische Frontleute, die eine emotional aufgeladene Atmosphäre, Wunder und Geistesgaben nutzen, um Aufmerksamkeit und Spendenaufkommen zu generieren. Ich denke an manche Christen, die vorschnell persönliche Meinungsäußerungen mit „So spricht der Herr“ oder „Die Bibel sagt“ unterlegen, um Widerspruch von vornherein auszuschließen. Ich denke an manche Kirchen- und Gemeindeleiter, die ihr Amt missbrauchen, um Dinge und Handlungen zu segnen, die Gott niemals segnen würde. Ich denke an manche Pfarrer, Pastoren und Prediger, die ihr Amt missbrauchen, indem sie wahllos jedem das Heil, den Segen und die Vergebung Gottes zusprechen, ohne zugleich über die Realität der Sünde und die Notwendigkeit zur Umkehr zu sprechen. Und ich frage mich, wie oft ich selbst schon in solche Fallen getappt bin.

Die Antwort Jesu ist klar: „Es steht aber auch in der Heiligen Schrift: ›Du sollst den Herrn, deinen Gott, nicht auf die Probe stellen!“ Gott vor den eigenen Karren zu spannen, hat immer katastrophale Folgen.

3. Missbrauch der Nähe zur weltlichen Macht

Im dritten Anlauf lenkt der Teufel den Blick Jesu auf die weltliche Macht: „Er zeigte ihm alle Königreiche der Welt in ihrer ganzen Herrlichkeit. Er sagte zu ihm: »Das alles will ich dir geben, wenn du dich vor mir niederwirfst und mich anbetest!«“ Damit ließ der Teufel Jesus spüren: In diesem Augenblick bist Du mit der zentralen Schaltstelle der weltlichen Macht in Verbindung. Ein kurzes Gebet – und die Macht gehört Dir! Du könntest sie für großartige Dinge einsetzen: Kriege beenden. Für soziale Gerechtigkeit sorgen. Übeltäter stoppen…

Ich sehe das überall in der kirchlichen Welt: Die Nähe zur politischen Macht und zu den intellektuellen Eliten ist überaus verführerisch. Da lohnt es sich doch scheinbar, das Evangelium ein wenig zeitgeistiger zu formulieren, um von Steuertöpfen profitieren zu können, um in den Medien Beifall zu bekommen, um in der akademischen Welt Anerkennung zu finden. Und es lohnt sich doch scheinbar, sich nicht mit der Kirchenleitung anzulegen, ganz egal, wie sehr sie sich auch verirrt. Wenn ich mich mit der Kirchenleitung gut stelle, dann darf ich vielleicht ein wenig mitreden. Dann kann ich vielleicht eher die eigenen Interessen einbringen. Dann bekommt meine Organisation vielleicht ein paar mehr Stellen und ein wenig mehr Geld aus den Kirchensteuer- bzw. Spendentöpfen. Und damit könnte man doch so großartige Dinge bewegen…

Auf solche Spielchen ließ Jesus sich nicht ansatzweise ein: „Da sagte Jesus zu ihm: »Weg mit dir, Satan! Denn in der Heiligen Schrift steht: ›Du sollst den Herrn, deinen Gott, anbeten und ihn allein verehren!‹« Daraufhin verließ ihn der Teufel. Und es kamen Engel und sorgten für ihn.“ Die Grundlage für den Dienst Jesu lag darin, all diesen Versuchungen zur Macht gründlich zu widerstehen. Stattdessen behielt er den Fokus auf Gottes Macht und Souveränität. Seine feste Verwurzelung in der Heiligen Schrift war dafür von entscheidender Bedeutung.

Wir müssen uns bewusst machen, wie verführbar wir sind

Die Botschaft dieser biblischen Episode ist drastisch: Wehe uns, wenn wir selbst die Macht in den Gemeinden und Kirchen übernehmen, statt Christus das Haupt der Kirche sein zu lassen. Wehe uns, wenn wir Gott für unsere eigenen Ziele missbrauchen. Wehe uns, wenn wir das Evangelium beschneiden, um von weltlicher oder kirchlicher Macht profitieren zu wollen. Ja, natürlich sollen wir unsere Talente und unseren Einfluss weise nutzen. Natürlich sollen wir Gottes Macht endlos viel zutrauen. Natürlich sollen Christen auch die Welt mitgestalten und dafür gerne auch politische Macht anstreben. Aber wir müssen uns dabei jederzeit unserer enormen Verführbarkeit bewusst sein. Wir müssen uns immer wieder klar machen: Die Versuchung zum Machtmissbrauch ist gigantisch. Das gilt besonders dann, wenn wir persönlichen Mangel erleben und gerade durch eine Wüstenzeit gehen.

Es gibt für uns nur einen Schutz: Die Anbetung Gottes. Die feste Verwurzelung in dem Vertrauen, dass ER uns versorgt und sein Werk in der Kirche Jesu und in der Welt tut, so dass wir ihm nicht mit eigenen Machtmitteln vorgreifen müssen. Und die feste Verwurzelung in der Heiligen Schrift. Dieser Fokus, dieses Vertrauen und diese Verwurzelung war die unverzichtbare Grundlage für den Dienst Jesu. Wir sollten nicht glauben, dass wir diesen Versuchungen entgehen können, wenn wir diesen Fokus und diese Verwurzelung nicht haben.

Es sollte uns in eine gesunde Unruhe versetzen, wenn wir sehen, wie viele geistliche Leiter in eine oder mehrere dieser Fallen getappt sind und dadurch schlimmen Schaden für sich selbst und für die Kirche Jesu verursacht haben. Immer wieder will ich mir deshalb bewusst machen: Ich bin nicht besser als sie! Ich bin genauso verführbar! Die Versuchung klopft genauso auch an meine Tür! Und ich habe selbst oft genug versagt. Ich brauche Gottes Gnade, das Aufschauen zu Jesus und die feste Verwurzelung in seinem Wort, um so wie Jesus bestehen zu können und dadurch bereit zu werden für einen gesegneten Dienst.

Dieser Blog-Beitrag von Markus Till erschien zuerst auf aufatmen in Gottes Gegenwart . Lies hier den Original-Artikel "Macht – Die dreifache Versuchung für christliche Leiter".

Über Dr. Markus Till

Evangelisch landeskirchlicher Autor, Blogger und Lobpreismusiker mit pietistischen Wurzeln und charismatischer Prägung

3 thoughts on “Macht – Die dreifache Versuchung für christliche Leiter

  1. Macht, Geld und Sex, so hat mal ein Christ gesagt, seien die grössten Versuchungen eines Christen. Das stimmt und derjenige, der es gesagt hat, hat schliesslich selber nach und nach mindestens drei Frauen gehabt.
    Eine Bekehrung bekehrt eben noch lange nicht den ganzen Menschen. Das können wir Tag für Tag sehen auch an den Leitern und weitgehend an allen Christen, einschliesslich an uns selber.

    Ernsthafte Christen haben erkannt, woran das liegt, aber das interessiert keinen. Unser Herz hat wie mal ein Pfarrer sagte eben noch Räume, die nicht von Christus erfüllt sind. Er hätte auch sagen können, dass die meisten Christen das Fleisch noch nicht besiegt haben. Demnach sind die Leiter auch nicht weiter als ihre Untergebenen, auch wenn sie manchmal so tun. Sie wissen vielleicht mehr von und über die Bibel, aber praktizieren auch nicht mehr als ihre Zuhörer, die oft gänzlich ahnungslos sind. Da werden Seminare über geistliches Wachstum veranstaltet, aber das hilft auch nicht viel. Es gibt eben kein Wachstum in der Gottesliebe, aber vielleicht in kleineren Dingen, sodass einer die eine oder andere Untugend etwas abstelllen kann. Das Herz als solches bleibt aber dabei das alte. Die einen, die gerne reden, reden sich weiterhin den Mund fusslig, die ancren, die geizig sind, bleiben es weiterhin usw. usw. Inniger werden alle nicht. So ist das halt.

    1. @Walter Weber,
      Mir ist ein ähnliches oder vielleicht sogar das gleiche Geschehen eingefallen, was Du beschreibst. Bei dem meinen war es so, dass sehr viele geistliche Leiter im Umfeld waren, von denen mindestens einige etwas davon gewusst haben. Oder, wenn gesunde Verhältnisse gewesen wären die Frauen in die Seelsorge zu den anderen Leitern gegangen wären. Und nun kommen wir deshalb zu der Frage, die bei dem Beitrag von Markus fehlt. Wer korrigiert Leiter und Pfarrer, wenn sie den falschen Weg eingeschlagen haben? Wo sind die öffentlichen Stimmen, die die aktuelle EmK Entscheidung oder den Auftritt von Last Generation bei der EKD Synode aus dem Kreis der Evangelikalen massiv kritisieren? Ich habe in den letzten Jahren genug Gemeinden gesehen, die geistlich eingeschlafen sind oder durch Streit massiv geschrumpft sind. Und warum in der ersten Linie? Weil Kritik an unbiblischen Verhalten der Hauptleitung nicht geübt oder erlaubt wurde. Wenn die andere Verantwortlichen nicht zulassen und es auch nicht tun , einem irregeleiteten Leiter in den Arm zu fallen wird der geistliche Niedergang ungebremst weiter gehen. Es hilft eben nicht den Zustand nur zu beklagen und dazu Texte zu verfassen.

      1. In manchen Gemeinden gelten doch die Leiter als sakrosankt, wehe., wenn da einer einer Leiter kritisiert, mag das noch so berechtigt sein. „Taste ja die Gesalbten des Herrn nicht an“, heisst es da.
        Nicht einmal in der katholischen Kirche gilt das. Da kann auch der Papst kritisiert werden und der jetzige Papst wird gerade auch von Katholiken besonders kritisiert, von gläubigen auch, von ungläubigen ohnehin, denen ist er noch nicht liberal genug.

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